Unsägliche Wahrheiten

von Hengameh
Dieser Text ist Teil 85 von 118 der Serie Die Feministische Bibliothek

Heng ist freie Autorin, bloggt auf Tea-Riffic und twittert unter @sassyheng. Und wird künftig öfter für uns schreiben! Juchhu! Zuletzt erschien hier ein Crosspost ihres Beitrags zu #schauhin.

Weg von den Alphamädchen, hin zu den Unsichtbargemachten: Die britische Journalistin und Autorin Laurie Penny distanziert sich in ihrem neuen Buch „Unspeakable Things“ von ausgelutschten Feminismus-Diskursen, die vornehmlich weiße, heterosexuelle Cis-Frauen aus der Mittelschicht betreffen.

„This is a feminist book. It is not a cheery instruction manual for how to negotiate modern patriarchy, with a sassy wink and a thumbs-up. It is not a charming, comforting book about sex and shopping and shoes. I am unable to write any such thing. I cannot force a smile for you. As a handbook for happiness in a fucked-up world, this book cannot be trusted.“

(Freie Übersetzung: „Dies ist ein feministisches Buch. Es ist keine aufmunternde Anleitung zur Verhandlung des modernen Patriarchats, mit einem frechen Zwinkern und erhobenem Daumen. Es ist kein entzückendes, beruhigendes Buch über Sex und Shopping und Schuhe. Ich bin nicht in der Lage ein solches Buch zu schreiben. Ich kann für euch kein Lächeln erzwingen. Als ein Leitfaden für Glück in einer abgefuckten Welt kann sich dieses Buch nicht bewähren.“)

Bereits in der Einleitung macht Penny klar, dass sie sich vom neoliberalen Feminismus distanziert, zumal er von Klassismus betroffene Frauen*, Schwarze Frauen* und Women* of Color, Sexarbeiterinnen* und alleinerziehende Mütter* nicht nur ausschließt, sondern auch weiterhin unterdrückt.

Ihr Buch ist keine Anleitung für weiße Karrierefrauen, die Ehe, Job und Kinder unter einen Hut bekommen und für ihre Leistungen als Gute Frau(tm) belohnt werden wollen. Von vermeintlich feministischen Positionen gegen Pornographie und Sexarbeit distanziert sie sich auch. Vielmehr geht es um Wut. Wut auf die verbreitete Lüge, die besagt, dass Frauen* mittlerweile alles im Leben haben können. Gemeint sind damit natürlich nur jene privilegierte Frauen. All diejenigen, die nicht in das Bild passen, werden zum Schweigen gebracht, sollen ihre Wut schlucken und an ihr ersticken.

„This is for the unspeakable ones, the unnatural ones, the ones who upset people.“
(„Dies ist für die Unsäglichen, die Unnatürlichen, diejenigen, die die Leute verärgern.“)

Penny plädiert für die Unnatürlichkeit als Gegenpol zu allem, was als natürlich(tm) und gegeben verkauft wird: Sexuelle Gewalt, Heterosexismus, Armut, all diese unschönen Dinge. Warum sollte eins also natürlich(tm) sein wollen?

Die fünf großen Kapitel kreisen um aktuelle Debatten. Wie auch schon in ihrem Debüt Fleischmarkt schreibt Penny über den sexistischen Diskurs von Anorexie. Ihrer Position als Überlebenden gibt sie mehr Hintergrund: Sie wollte nie dünn sein, um schön zu sein und Männern zu gefallen. Sie wollte dünn sein, damit ihr Körper nicht mehr sexualisierbar ist.

What about teh menz??? Selbst dieser höchst essenziellen und für Feminismus äußerst relevanten Frage widmet Penny sich, sogar direkt in Kapitel 2. Aber eben nicht so, wie teh menz es sich wünschen. Sattgehört von Silencing-Strategien à la „Es ist sexistisch, allen Männern Sexismus zu unterstellen!!!11“ nimmt sie sich die Zeit und die Geduld, Erklärbärin zu spielen. Maskulinität ist Krise. Männer*, die diese nicht bedienen können_wollen, werden sanktioniert – zwar bewegt es sich in anderen Dimensionen als Rassismus oder Sexismus, doch feminine Männer* bekommen auch Teile der unterdrückten Seite von Misogynie mit.

Weniger gut weg kommen Typen in Sachen Aktivismus. Denn Sexismen und sexuelle Gewalt innerhalb linker Kontexte ist nicht nur möglich, sondern auch sehr üblich. Vergewaltigungskultur wird innerhalb vermeintlich emanzipatorischer Bewegungen nicht selten reproduziert und verfestigt. Auch Rassismen sind hier keine Ausnahme.

Was wäre ein modernes Feminismus-Buch ohne den Slut-Begriff? Auch der wird ausführlich diskutiert – allerdings ohne Rassismus-Bewusstsein. Das Kapitel über Sex und Vergewaltigungskultur schneidet Kink/BDSM, Aufklärung, Pornographie, Sexarbeit, alleinerziehende Mütter, Reproduktion und die Prävention sowie den Abbruch derer an. Die Perspektive ist überwiegend hetero, aber nicht heteronormativ. Und ziemlich weiß.

Wichtig ist auch die Breite, in der Penny Cybersexismus bespricht. Das Internet und seine Sonnenseiten – von der Vernetzung aller, die immer die Ausnahmen sein müssen, bis hin zum Online-Dating und Community-Building – aber auch die schwierigen Aspekte wie Cybermobbing und Drohungen werden thematisiert. Insbesondere die Ernsthaftigkeit von Machtgefällen im Netz wird in einigen Diskursen vernachlässigt. Angeknüpft wird hier an ihr Essay Cybersexism: Sex, Gender and Power on the Internet, der letzten Sommer als kurzes E-Book erschienen ist.

Zuletzt geht es auch um die Liebe(tm), ihrer Konstruiertheit, Zweisamkeitsnormen und über ihre Erfahrung als ehemaliges Manic Pixie Dream Girl. Zu letzterem hat Penny bereits eine tolle Kolumne verfasst, die ich euch nicht vorenthalten möchte.

Mit einer für so populäre Literatur unüblichen Radikalität und Unverfrorenheit, kombiniert mit ihrem von Popkultur geprägten, scharfen Schreibstil, ist Laurie Pennys „Unspeakable Things“ sehr relevant für aktuelle Diskurse – zumindest so relevant, wie sie von einer weißen, laut eigenen Eingaben „überwiegend heterosexuellen“ Cis-Frau mit akademischem Hintergrund sein können. Vor akademischer Sprache trieft das Buch allerdings nicht, was das Lesen stark vereinfacht.

Popfeminist_innen und Neueinsteiger_innen werden bequem abgeholt, da Penny einiges erklärt, aber ein gewisses Grundwissen an feministischen_linken Diskursen hilft beim Verstehen sehr. Ein paar der unsäglichen Personen kommen im Buch zu Wort, aber es könnten bei weitem noch mehr sein.

Auf Englisch ist das Buch bereits erschienen, auf die deutsche Übersetzung muss noch bis Ende Februar gewartet werden – dann gibt es sie beim Nautilius Verlag.




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 17. September 2014 um 9:00 Uhr unter Aktivismus. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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2 Kommentare

  1. MaebhX sagt:

    Hey! Verzeih mein Deutsch – Danke für die Buchkritik. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass Laurie Penny als Feminist_in/Journalist_in in Briten ihre Karriere nach vorne bring in einer Art und Weise was leider in manche Hinsichten richtig problematisch ist. M. Meinung nach eignet sie ganz viel von den Überlebenskämpfe marginalisierter Gruppe an, und profitiert davon als professionelle Journalist_in Autor_in. Das ist zwar was passiert ganz oft bei professionalisierung. Aber es führt trotzdem dazu, dass marginalisierte Gruppen unsichtbar gemacht wird, auch wenn deren Arbeit ihre Karriere dient.

    Hier sind ein paar Hinweise (alle leider nur auf Englisch):

    Laurie Penny excludes woman of colour from debate about representation of women of colour:
    http://madammiaow.blogspot.co.uk/2014/04/laurie-penny-defriends-woman-of-colour.html

    Laurie Penny schreibst hauptsächlich für New Statesmen, wo ganz viele Transphobie (u.a.) Reproduziert wird:
    Inhalt Warnung für Links: transphobie / transmisogyny:
    https://storify.com/stavvers/suzanne-moore-s-transphobic-meltdown
    https://mobile.twitter.com/thekateblack/status/474172311147675648
    http://www.shakesville.com/2014/02/its-hard-being-white-etc.html

    Von Flavia Dzodan (redlightpolitics) eine Storify im Bezug auf ihr Gespräch auf Twitter als Reaktion zu einem Artikel über kurzes Haar, Laurie Pennys Reaktion dazu und die Harassment von Flavia Dzodan von weiße Feminist_innen:
    https://storify.com/redlightvoices/pulling-my-hair-a-media-strategy
    Und eine daraus folgendes Blogpost:
    http://www.redlightpolitics.info/post/77475031929/i-hate-you-all-media-vultures

  2. Heng sagt:

    Hej! Oh, danke für den Hinweis, das wusste ich alles nicht. Das passt natürlich sehr in ihre Arbeitsweise im Buch. :(