„Truppenbild mit [sexuell belästigter] Dame“ – Gorch Fock Teil 3

von Gastautor_in

Vor etwa zwei Wochen beklagte sich die Stammbesetzung des Ausbildungsschiffes Gorch Fock in einem offenen Brief an Verteidigungsminister zu Guttenberg über den mangelnden Rückhalt, den sie angeblich in der Bundeswehr erfahre. Nach dem Tod von zwei Kadettinnen auf dem Schiff waren Vorwürfe von Misshandlung und sexueller Belästigung gegen die Ausbildungsoffiziere laut geworden. Als Reaktion hatte zu Guttenberg den Kommandanten der Gorch Fock suspendiert, das Schiff ist nach Deutschland zurück beordert worden. Laut Medienberichten will der Verteidigungsminister als Zeichen des guten Willens das Schiff demnächst besuchen.
Nele Moehlmann studiert an der Universität Mainz und arbeitet gerade an ihrer Magistra­arbeit zum Thema „Gender Aspekte von politischer Militär­dienst­ver­weigerung.“ Sie kommentiert den Brief der Besatzung.

Der Brief der Stammbesatzung der Gorch Fock befasst sich unter einer Zwischenüberschrift auch mit den Vorwürfen der sexuellen Belästigung von Soldatinnen an Bord – und weist diese entschieden zurück. Dieser Reflex entspricht zweier Bilder; dem der Gesellschaft „an sich“ und dem der Institution Militär. „Nur Sprüche“ seien es gewesen, dazu noch „lapidar geäußerte“ und selbstverständlich gab es hier auch sofort Maßregelungen, verspricht der Brief, „nämlich eine Musterung mit deutlichen Worten des Kommandanten an die Soldaten“, so der militärische Fachjargon, der den ganzen Brief durchzieht. Zu keiner Zeit hätte es im Übrigen verbale oder körperliche Übergriffe gegen Soldaten gegeben – und das ist nicht witzig, dass hier die nur die männliche Form benutzt wird, das ist tragisch (auch wenn es sicherlich auch Sinn machte, sich mehr mit Homophobie im Militär-Kontext zu beschäftigen, so ist das im Brief an dieser Stelle wohl nicht so gemeint…). Doch es passt so gut ins Bild eines Militärs, das sich eben auch in Deutschland erst vor elf Jahren – und auf Druck – für Frauen geöffnet hat (Kreil-Entscheidung des EuGH am 11.1.2000). So schnell ist nun mal kein gesellschaftlicher Prozess, dass das tradierte Bild des kämpfenden männlichen Soldaten einfach verschwindet. Eine maskulin geprägte Institution wie das Militär hatte (ihrer Meinung und auch der der sogenannten Mehrheitsgesellschaft nach) gute rationale Argumente, als Männerbund zu fungieren. Diesen Argumenten andere, bessere, vor allem aber faire gegenüber zu stellen, braucht leider Zeit. Aber auch Einsicht – an Land und auch an Bord, wie sich an diesem Fall wieder zeigt.

Übrigens:
Die Bundeswehr selbst hat 2008 eine Studie veröffentlicht zur Integration von Frauen, „Truppenbild mit Dame“, heißt der meines Erachtens an sich schon problematische Titel. Der Bericht kommt jedenfalls zu dem Ergebnis, dass die Integration noch längst nicht abgeschlossen sei, dass es z.B. vielen Männer schwerfiele, Soldatinnen überhaupt als gleichwertig zu akzeptieren. Und dann berichten auch prompt 58,2 % der befragten Frauen von sexistischen Bemerkungen (S.76), um nur ein Beispiel zu nennen. Was vor allem auffällt ist, dass es bei allen Fragen zu diesem Komplex einen hohen Anteil auch von Frauen, aber vor allem von Männern gibt, die nicht etwa „mir nicht bekannt“ ankreuzten, sondern das sehr viel entschiedenere „nein“, womit sie das Phänomen sexuelle Belästigung an sich per se ausschlossen. Wahrnehmung und Realität liegen hier – wie so oft in Fällen von Diskriminierung – weit voneinander entfernt.

Links:

Den Bericht „Truppenbild mit Dame“ findet ihr hier
Die taz zum Thema
Der offene Brief der Gorch Fock Stammbesatzung




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 15. Februar 2011 um 13:30 Uhr unter Gewalt. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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11 Kommentare

  1. Oliver sagt:

    Den Bericht „Truppenbild mit Dame“ findet ihr hier

    Der Link führt ins Nirvana …. http:// vergessen. :-)

  2. Helga sagt:

    @Oliver Ist korrigiert, danke.

  3. Marius sagt:

    »Diesen Argumenten andere, bessere, vor allem aber faire gegenüber zu stellen, braucht leider Zeit.«

    Materialistisch gefragt: Wieso sollte ein Militär kein Männerbund von »Kämpfern« sein? Was ist falsch an der Annahme, dass sich der harte »männliche« Kämpfertypus am besten für die gegebenen Zwecke (Töten, Gehorsam, Nationalismus usw.) eignet? Aus feministischer Sicht wäre anti-essentialistisch festzustellen, dass Frauen diesem Typus im gleichen Maße entsprechen können. Wie lauten die »besseren« Argumente denn?

  4. Robert sagt:

    Reine These: Vielleicht wäre die Welt insgesamt viel friedlicher, wenn es mehr Frauen beim Militär oder an den Schaltstellen der Macht gäbe. Dann bräuchte es vielleicht auch gar nicht so viele „männlichen Kämpfertypen“ zum Töten, weil die Konflikte fehlten. Aber das ist wie gesagt nichts Anderes als eine These.

  5. Kommentiert sagt:

    Die Ausbildung zum Soldaten dient der Vorbereitung auf den Kampfeinsatz. Gut möglich das die eine oder andere Feministin dies anders sieht, aber hier weicht die subjektive Wahrnehmung von der Realität, wie so oft, ab. Wenn sich eine Auszubildende dann in den Medien anonym darüber beschwert, das sie z.B. unter Schlafmangel leidet, dann kann man solche Kritik nicht mehr ernst nehmen. Aber vllt. ist manch Auszubildender ja auch nicht bewusst, das Krieg nicht im 8 h Schichtdienst geführt wird.

    Im übrigen gibt es keine staatliche Institution bei der Bewerbungen geschlechtlich so einseitig behandelt werden wie bei der Bundeswehr und zwar zu Gunsten der Bewerbungen von Frauen.

  6. etc. sagt:

    Und wie kommt man nun von sexueller Belästigung auf Schlafmangel?!

    Dass nur die männliche Form genutzt wurde, liegt einfach daran, dass es beim Bund keine weibliche Form gibt. Auch eine Frau kann da tatsächlich nur Offiziersanwärter, Unteroffizier, etd. werden

  7. Kommentiert sagt:

    das stimmt doch nicht, es heißt doch in Ansprachen stehts „Soldatinnen und Soldaten“. Das im Einsatz auf die lange und höfliche Form verzichtet werden kann, ist nun wirklich nicht kritikwürdig.

    Schlafmangel deswegen, weil nun in den Medien einige sich vom Schlafmangel bis es gibt gar keine Nutela auf dem Schiff losbricht. Das hier manches unberechtigt ist, sollte ersichtlich sein. Bisher sind es alles jedenfalls nur Vorwürfe, auch der der Belästigung. Erwiesen ist nichts, das sollte man sich noch einmal bewusst machen!

  8. Marius sagt:

    @Robert: Diese These steht unausgesprochen hinter manchem feministischen Eintreten für mehr Frauen im Militär. Es gälte sie belegen. Die Annahme dahinter ist, dass nicht polit-ökonomische Verhältnisse (Kapitalismus, Nationalstaaten und deren Machtinteressen, Ideologien, weitere Herrschaftsstrukturen, Ungleichheit) für die gewalttätige Welt verantwortlich, sondern Geschlechter sie prägen und somit nennenswert umwenden können. Dagegen spricht vieles. Zum einen ist die Genese der Geschlechter parallel zu den Gesamtverhältnissen verlaufen. »Mann« und »Frau« sind somit konform zur gegenwärtigen Herrschaft, nicht ihr entgegengesetzt. Zum anderen ist es essentialistisch, Frauen als genuin friedlich und somit als bessere HerrscherInnen zu bezeichnen – als würde sich der Inhalt der Herrschaft plötzlich ändern (können). So etwas spielt eher denen in die Hände, die meinen, Frauen hätten beim Militär nichts zu suchen, weil sie qua Frausein nicht zum Krieg geeignet seien. Das ist so falsch, dass nichtmal das Gegenteil richtig ist.

    Das Militär, zumal das deutsche, verfolgt gewisse objektive Zwecke, diese kann man analysieren (bspw. http://jungle-world.com/artikel/2011/06/42579.html). Wenn Guttenberg nun eine Frau wäre, würde sich an diesen Zwecken wenig ändern. Die »Friedensmacht« Deutschland würde sich weiterhin militarisieren, zunehmend global Kriege führen, Europa bliebe eine Festung. Ist Deutschland friedlicher mit einer Frau an der Spitze? Vielmehr wird die Bundeswehr zur Berufsarmee umgebaut, damit sie »schlagkräftiger ist. Sind die USA friedlich wegen Condoleezza Rice und Hillary Clinton? Der Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser beiden liegen in ihrer Politik begründet, nicht in ihrem Geschlecht.

  9. Robert sagt:

    Jajajaja, aber die wirtschaftlichen und politischen Zirkel sind doch trotz der ein oder anderen Frau, die mitmischen darf, immer noch sehr stark männlich geprägt. Sehr viele Prämissen, die unsere heutige Welt ausmachen, stammen von Männern (Marktwirtschaft, Nationalstaaten, …). Daraus ergibt sich dann die Frage, wie man zur Veränderung ansetzt: revolutionär oder aus dem Status Quo heraus?

  10. Marius sagt:

    Das letzte Mal, als ich geschaut habe, haben Frauen bei Marktwirtschaft und Nationalstaaten (im Durchschnitt) genauso freudig und affirmativ mitgemacht wie Männer. Klar, diese Prämissen wurden vielleicht nicht von Frauen gemacht, aber getragen werden sie es schon. Es gibt zunehmend aufstrebende Frauen in Machtpositionen, die politisch nicht gerade als Kritikerinnen der herrschender Verhältnisse bekannt sind.

    Ich wüsste auch nicht, dass sich die objektiven Gesetzmäßigkeiten der Marktwirtschaft (›objektiv‹ meint von den Subjekten zwar geschaffen, aber ihnen als gesellschaftliche Zwänge gegenüber tretend) auf die Geschlechter unterschiedlich auswirken, sobald sie sich darin bewegen. Eine Unternehmerin bspw. unterliegt erst einmal den gleichen ökonomischen Regeln – und hat zudem mit Sexismus zu kämpfen. Nur weil sie eine Frau ist, geht sie nicht automatisch anders an die Sache heran. Selbst wenn sie bspw. ihre ArbeiterInnen besser bezahlen will, auf Diversity achtet sowie nachhaltiger und ökologischer produzieren will, dann sind das alles hehre Ziele, nur wird der Markt darauf mit gewohnt gleicher Kälte und Härte reagieren. Es sei denn, sie findet eine Nische von BiobürgerInnen, die sich den LOHAS leisten können. ;)

  11. Christoph sagt:

    Die männliche Form wurde gewählt, weil es sich bei den angeblichen Opfern um Männer handelte. -> Zwei Rekruten in der Dusche mit zwei Ausbildern -> Ausbilder zu Rekrut -> „blabla… Seife aufheben usw…“

    By the way: Die weibliche Form der Anrede schleicht sich übrigens, wo dies möglich ist, immer mehr ein.