Stinkefinger für Edeka: Euer Dickenhass ist scheiße

von Magda
Dieser Text ist Teil 42 von 42 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Mit dem Satz „Mein Fett ist politisch“ zitiere ich die US-amerikanische Autorin Virgie Tovar oft und werde dann gefragt, was das genau bedeuten soll: Körperfett, politisch, hä?

Für mich bedeutet dieses Zitat, dass Körperfett heutzutage oft politisch instrumentalisiert wird, um Menschen zu beschämen und ihrem Gewicht Bedeutungen zuzuschreiben, die in der Regel negativ und verletzend sind. Somit werden dicke Menschen als faul(er), unattraktiv(er) oder ungesünder als schlanke Menschen dargestellt. Und weil die neoliberale Idee der Selbstoptimierung und des sich stets normgerechten Veränderns von Körper und Geist heute Teil unseres Lebens ist, aber eben nicht als Ideologie erkannt wird, spreche ich von Körpern als politische Orte: Auch an Körpern werden gesellschaftliche Ideen verhandelt. Mein Fett darf nicht einfach sein, mein Fett wird politisch aufgeladen.

Zwei Minuten pure Diskriminierung

Aktuelles Beispiel dafür ist der Edeka Werbespot, der von traurigen, grauen, vielessenden Dicken handelt. Und dann ist da ein Kind, das aus dieser traurigen, grauen, vielessenden Dickenwelt aussteigen möchte, um sich seinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen: Anstatt undefinierbaren Brei zu essen, wie das alle traurigen, grauen, vielessenden Dicken machen, möchte er fliegen. Und auf einer grünen Wiese Beeren naschen. Weil er Beeren und nicht mehr Brei isst, nimmt er ab und kann schließlich federleicht über Wiesen gleiten und glücklich in der Natur rumliegen. Am Ende des Werbespots lesen wir den Spruch „Iss wie der, der du sein willst“. Mein erster Impuls:

Dieser Spot ist nicht nur die schlechteste (und peinlichste) Geschichte, die die Werbewelt je gesehen hat, es ist auch eine zutiefst diskriminierende Werbung, die es schafft, viele abwertende und schlichtweg falsche Annahmen über das Dicksein, dicke Menschen, über Ernährung und ihren Einfluss auf Körper(gewicht) in ein bisschen mehr als zwei Minuten zu packen. Dazu kommt, dass – ich nehme an: schlanke Menschen – mit so genannten Fatsuits ausgestattet werden, um Dicke zu spielen. Es ist ein ekelhafter Mix aus Dickenfeindlichkeit sowie klassistischen und rassistischen Ideen vom „guten Essen“.

Natalie von Gemischtwahnlädchen beschreibt die Botschaften, die in dem Spot transportiert werden, so:

Von Dicken wird ständig verlangt, dass sie sich ändern. Sprich, abnehmen.
Von Dicken wird ständig erwartet, dass sie unsichtbar, also ja nicht bunt sind.
Von Dicken wird ständig angenommen, dass sie sich nicht nur schlecht ernähren, sondern auch dauernd essen.
Von Dicken wird ständig erhofft, dass sie ihr Gewicht durch irgendeine besondere Fähigkeit wiedergutmachen.
Dicke dürfen nicht inspirierend sein, beziehungsweise nur dadurch, dass sie nicht mehr dick sein wollen.
Selbsthass ist super. Selbsthass ist der Status Quo.

Einfach mal beschweren…

Auf ihrer Facebook-Seite reagiert Edeka auf Kritik mit dem bekannten Spruch „Wir wollen ja niemanden diskriminieren“. Um nicht gähnen zu müssen, suche ich mal fix ein paar Adressen raus, wo ihr euch beschweren könnt: Bitte twittert, schreibt oder ruft doch mal an und sagt, was ihr davon haltet. Der Hashtag ist #issso.




Tags: , , , ,

Eintrag geschrieben: Donnerstag, 16. Februar 2017 um 17:39 Uhr unter Körper, Medienkritik. RSS 2.0. Kommentieren. Trackback.



Anzeige



4 Kommentare

  1. A sagt:

    Habe Beschwerde eingereicht, hoffentlich bringt es etwas
    Tut schon weh immer und immer wieder so dargestellt zu werden

  2. AnjaFrieda sagt:

    Ich lach gerade so. Ich arbeite seit kurzem als Freie Lektorin und habe vor ein paar Tagen eine Anfrage bekommen. Er schreibe über Ernährung und hätte einen Ratgeber verfasst, allerdings ginge es ihm vorerst um seine Website, die sich mit dem Thema Abnehmen befasst – ob ich da mal drüberschauen könnte. Klar. Die Website kam mir unprofessionell und unseriös vor, proklamierte 2 Kilo weniger pro Woche und außerdem hatte ich auf den ersten Blick schon einen Haufen Fehler gefunden. Von sowas halte ich grundsätzlich nichts. Ich schreib ihm also, was mir so aufgefallen ist, gehe aber nicht in Detail. Heute kam eine Antwort. Er bedankte sich extrem höflich für die Tipps … und ob ich nicht Interesse an Low Carb hätte. Jap, sowas hab ich mir schon gedacht. Nö. Hab ich nicht. Ich bin nicht auf der Suche nach einer Diät und bin mit meinem Gewicht zufrieden – dabei aß ich Nippons, eine ganze Schachtel. Jawoll. Ich bin zufrieden. Ich hege den nahe liegenden Verdacht, dass der mich nur angeschrieben hat, um seine unseriöse Diät zu promoten.
    Frechheit! Einfach mal davon ausgehen, dass jeder, der eine Speckrolle hat, unglücklich und ungeliebt ist und unbedingt abnehmen will. Schäm dich, Werbeindustrie!

  3. Lupo sagt:

    Hallo Magda.
    Super Text! Hat mich sehr gefreut den noch vor der schlechten werbung in meiner chronik zu entdecken. Allerdings habe ich eine verständnisfrage. Kurz vor Ende des zweiten Abschnitts, sprichst du von der „klassistischen und rassistischen Idee vom ‚guten essen‘ „. Hierbei verstehe ich den zusammenahng nicht, inwiefern „gutes essen/schlechtes essen“ rassisitsch ist.

    Wenn du dazu eine kurze erläuterung oder einen weiterführenden Text hast, würde ich mich freuen. Danke im voraus!
    Lupo

  4. Magda sagt:

    Hallöchen Lupo,
    ja, das ist in dem Text echt ein bisschen kurz gekommen, deshalb finde ich deine Verständnisfrage sehr gut.
    Hier ist ein (leider nur englischsprachiger) Text: Aaron Vansintjan (2013): „The racism in healthy food“. mcgilldaily.com.
    Ich hoffe, dass der Link hilft!
    Liebe Grüße, Magda

Kommentar schreiben

Wir achten in diesem Weblog auf einen vernünftigen Umgangston. Du bist dir unsicher, welche Regeln fürs Kommentieren gelten? Dann lies unsere Netiquette. Mit deinem Kommentar willigst du in die Speicherung deiner Mail- und IP-Adresse ein. Diese verwenden wir für keinerlei Marketingzwecke und geben sie nicht an Dritte weiter.

Du kannst deinen Kommentar mit HTML aufhübschen.
Zitieren kannst du per blockquote-Befehl.