Schwarze Widerstandssymbole auf weißen Köpfen

von Viruletta

Weiße*, die Dreadlocks tragen, sind bei weitem kein ungewohntes Bild. Der Artikel der deutschsprachigen Wikipedia ist mit dem Foto eines weißen Mannes illustriert, erst bei den Hintergrundinformationen finden sich daneben einige Fotografien von Schwarzen. Die Suche mit Google ergibt ein etwas heterogeneres Bild, doch auch hier stehen nach wie vor Weiße im Vordergrund – vielfach handelt es sich bei ihren Frisuren um (Werbung für) Perücken. Es dürfte schwer sein, ein linkes Zentrum zu betreten, ohne blonde, bunte oder sonstwie farbene Dreadlocks auf weißen Köpfen zu sehen. Auch ich bin weiß – und trage Dreads.

Dreadlocks sind genau wie Irokesenschnitte, gedehnte Ohrläppchen und Tätowierungen inzwischen besonders in linken Kreisen weit verbreitet. Zum einen dienen sie als Szene-Code, zum anderen als Zeichen des Widerstandes gegen eine Kultur, in der die meisten der überwiegend weißen, jungen und gebildeten Aktivist*innen ein enorm privilegiertes Leben führen. Den Ursprung dieser Symboliken kennen die wenigsten. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es eine sehr anstrengende, schmerzhafte und langwierige Prozedur ist, aus glatten Haaren Dreadlocks herzustellen. Wer sich trotzdem dafür entscheidet, scheut weder Zeit noch Mühe, dem Wunsch dieser Frisur nachzukommen. In derselben Zeit hätte jede*r von uns ein komplettes Buch über den Ursprung und die eigentliche Bedeutung dieser verfilzten Haarsträhnen lesen können – oder aber einfach die zahllosen Blogbeiträge, die dazu geschrieben worden sind. Die meisten von uns haben es (wie ich) nicht getan. Und wenn doch, haben sie das gelesene anscheinend ignoriert.

Als Ausdruck tiefer Spiritualität und Abkehr von allem weltlichen (inklusive Kämmen und Bürsten) entstammen Dreadlocks sowohl dem afrikanischen (Rastafari) als auch dem indischen (Sage, Yogi) Raum. Erst zur Zeit der Sklaverei erhielten sie durch die unzähligen gefangenen und versklavten Personen aus Indien und Afrika Einzug in die USA, wo sie später von der Schwarzen Bürgerrechts- und Black Power-Bewegung der 1950er und 1960er Jahre aufgegriffen worden sind. Gemeinsam mit dem Afro-Look wurden sie zum Symbol des Widerstandes gegen Marginalisierung, Imperialismus und weiße Schönheitsnormen.

In diesem Kontext, der mir selbst erst seit kurzer Zeit bewusst ist, wirkt es geradezu absurd, dass Weiße sich heutzutage dieser Symboliken bedienen. Doch im Gegensatz zu den vielen Schwarzen Personen, die sich durch diese Aneignung wütend und verletzt fühlen, scheint das den meisten Weißen irgendwie nicht klar zu sein. Dabei gibt es diese Kritik auch im deutschsprachigen Raum. Noah Sow hat zum Thema Augenhöhe beispielsweise schon vor Jahren folgendes geschrieben:

Imitiere nicht Schwarzsein oder verleugne nicht Dein eigenes Weißsein.

Man wird nicht weniger weiß, wenn man aus einer sozial benachteiligten Familie kommt. Man ist auch nicht weniger weiß, wenn man versucht, sich Dreads wachsen zu lassen, oder Schwarze imitiert. Du meinst es ja gar nicht böse, verhälst Dich aber leider wie ein >>guter Kolonisator<<: Du bedienst Dich Schwarzer Symbole, sogar der Befreiungssymbole, eignest sie Dir an, spielst mit ihnen und bekommst dafür von den anderen Weißen Aufmerksamkeit und/oder Bewunderung für Deinen >>Mut<< und Deine Extravaganz. Die Schwarzen Symbole werden dadurch lächerlich gemacht, weil sie durch Weiße umgedeutet und besetzt werden.

Bisher wurden die meisten Schwarzen Kulturbeiträge durch Weiße vereinnahmt und verzerrt. (…) Dir sollte klar sein, dass Du Dich aufgrund Deines Weißseins aus jeder Kultur bedienen und trotzdem am Drücker sitzen kannst. Weil viele Schwarze Deutsche diese Kombination gar nicht witzig finden, haben wir auch keine Lust, Dir zu Deinen Dreadlocks zu gratulieren.

(Sow, Noah (2009): Deutschland Schwarz Weiß: Der alltägliche Rassismus. München: W. Goldmann, S. 251-252.)

Denn genau das ist der springende Punkt: sich Dreads wachsen oder die Ohrlöcher dehnen zu lassen bedeutet noch lange nicht, weiße Privilegien abzulegen. Weiße können problemlos Dreadlocks tragen, ohne dadurch rassistische Implikationen hervorzurufen. Schwarze nicht. Mit diesem Wissen im Hinterkopf, erscheinen Dreadlocks bei Weißen eher als eine Zurschaustellung von Privilegien, denn als antirassistische Praxis.

Wird das Thema in sich als emanzipativ verstehenden Kreisen angesprochen (was leider noch viel zu selten der Fall ist, ich aber in den letzten Tagen mehrfach versucht habe), wird meistens mit einem: „Ja, aber…“ entgegnet. Weiße Aktivist*innen möchten „ihre“ Widerstandssymboliken in der Regel nicht aufgeben. Aha? Dämmert da was? Oft folgt auch das Argument, dass im Grunde alle Widerstandssymbole anderen Kämpfen und Kulturen entlehnt sind. Und das stimmt. Es ist eben schwer, einen Körper, dessen Besitz mit unzähligen Privilegien verbunden ist, als Widerstandssymbol zu inszenieren, ohne sich aus anderen, marginalisierten Kulturen zu bedienen. Wenn Weiße ihre Körper belassen, wie sie sind, werden sie in der Regel keinerlei Sanktionen erfahren (Schönheitsnormen und ähnliches mal außen vorgelassen, denn davon sind Schwarze ja mindestens genauso stark betroffen). Weiße müssen sich keine Spekulationen darüber gefallen lassen, welche Farbe ihre Haut nun wirklich hat (denn mal ehrlich, wirklich weiß ist sie doch in den allerwenigsten Fällen), ganz zu Schweigen von Vergleichen mit Tieren (mir würden da zum Beispiel Schweine einfallen, die sind auch so schön rosa) oder Fragen darüber, ob ihre Haare unter eine Dampfwalze gekommen sind. Weißsein ist in unserer rassistischen und rassifizierten Welt die Norm. Das ist ein Fakt, von dem Weiße profitieren und Schwarze eben nicht. Weiße können es sich aussuchen, für einen gewissen Zeitraum ein bisschen aus der Reihe zu tanzen und vielleicht mal den ein oder anderen skeptischen Blick zu ernten. Für Schwarze ist das Alltag – und zwar ein Leben lang.

Es steht Weißen, und somit auch mir, schlichtweg nicht zu, darüber urteilen, ob bestimmte Praktiken nun rassistisch sind oder nicht. Weiße Privilegien zu reflektieren bedeutet schließlich auch, Deutungshoheit abzugeben und damit aufhören, Schwarze Befindlichkeiten zu relativieren und in Frage zu stellen. Es reicht aus, bei Google die Wörter „dreadlocks racism“ oder „dreadlocks cultural appropriation“ einzugeben, um eine Ahnung davon zu bekommen, wieviele Schwarze Menschen sich durch weiße Dreadlocksträger*innen verletzt fühlen. Und selbst wenn es einige andere gibt, die sich dadurch nicht gestört fühlen, sind da immer noch genug Personen, die es doch tun. Dreadlocks trotz der unzähligen Blogpost zu tragen, in denen Schwarzen an Weiße mit Dreads appellieren, doch bitte zur nächsten Schere zu greifen, bedeutet sich über all jene hinwegzusetzen, ihnen ihre Gefühle abzusprechen und ihre Positionierungen als irrelevant zu erklären. Und das kann einfach kein Bestandteil antirassistischer Praxis sein. Schwarze Widerstandssymbole haben auf weißen Köpfen nicht zu suchen. Punkt. Ich für meinen Teil schaue mich gerade nach Kurzhaarfrisuren um.

*Die Kategorien weiß und Schwarz beziehen sich hier auf die An- bzw. Abwesenheit von weißen Privilegien.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 31. Juli 2012 um 10:47 Uhr unter Körper. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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40 Kommentare

  1. DiehohleBäckerei sagt:

    Ein wirklich interessantes Thema, mit dem ich mich noch kaum beschäftigt habe (zumal ich auch keine Dreadlocks habe).
    Ich glaube aber nicht, dass die meisten weißen Menschen Dreadlocks tragen um sich irgendeiner Widerstandsbewegung anzuschließen, was aber dann wohl auch an der schon erwähnten mangelhaften Informationssuche liegt. Es wird eher aus ästethischen Gründen getragen. Was jetzt natürlich nicht die Kritik an weißen Menschen mit Dreadlocks mindern soll.
    Was ich auch interessant finde ist die Anmerkung über gedehnte Ohrlöcher. Ich habe noch nie gehört inwiefern dies als Widerstandssymbolik genutzt wurde, das würde mich noch interessieren. So weit ich weiß sind gedehnte Piercings und vor allem Ohrlöcher (oder Lobes) in allem möglichen Kulturkreisen verbreitet gewesen, genauso wie Tattoos und Scarification.

  2. b2m sagt:

    Dazu noch eine Frage: Du lebst ja laut Info hier in Deutschland, wie sind dir die Schwarzen hier bezüglich deiner Frisur begegnet? Ich habe entgegen deinem Artikel und den nach der google-Empfehlung gefundenen Artikel nicht die Erfahrung gemacht, dass das tragen von Dreadlocks negativ bewertet, sondern meist als Zeichen der Solidarität gewertet wird, auch wenn ich selbst selten das Gefühl hatte, dass es wirklich so gemeint war.

    Was allerdings bei den meisten (auf die Schnelle, also zuerst aufgeführten) ergoogelten Artikeln auffällt, ist, dass sie ebenfalls von Weißen geschrieben werden, wie dieser eben auch. Und was ich absurder finde, als das Annehmen von Widerstandssymbolen als Privilegierte*, ist doch, als solche* Forderungen gegenüber den Mitprivilegierten aufzustellen um diesen mitzuteilen, welche Verhaltensweisen sich für jene ziemen. Sich die Verletzung der nichtprivilegierten zu Eigen zu machen (die will ich nicht bestreiten, steht mir nicht zu) ist eine Form von empathischer Solidarität und hat möglicherweise die gleiche Motivation wie das Tragen von Dreadlocks. Und genauso wie du findest, dass Dreadlockz auf Weißen nichts zu suchen habe, finde ich, dass dir diese Kritik nicht zusteht, weil du dich damit zum Sprachrohr von Menschen machst, zu denen du nicht gehörst und das empfinde ich genauso als „gute Kolonialisierung“ wie das Tragen von Dreadlocks. Oder natürlich auch ich, wie ich dich dafür kritsieren, dass du andere kritisierst.
    Wenn Weiße mit Weißen über schwarze Probleme diskutieren, hat das immer etwas den Geruch von Offizierscasino in „Deutsch Ostafrika“, gerade wenn das Niveau – wie hier – für mein Empfinden gehoben ist.

  3. b2m sagt:

    kurz noch als Anhang. Die Kategorien Weiß und Schwarz möchte in gleicher Weise wie die Autorin verstanden haben und noch anmerken, dass ich selbst so ziemlich alle Privilegien habe (männlich, weiß, deutscher Bürger in .de etc.).

  4. danke für diese reflexionen.

  5. Jepp! Ganz richtig!

    Analoger Fall (soll keinesfalls derailing sein):
    Wenn dir als behindertem Menschen ein Weißes mittelklasse antifa-kid gegenübersteht dass sich „scheiß auf Normal“ auf den Am hat tätowieren lassen. Was weiß der schon von der Erfahrung „Unnormal“ zu sein, außer er entscheidet sich gerade mal aus Lust dazu (und kann leicht wieder in die „Normalität“ einsteigen. Pöh!

  6. john sagt:

    @b2m
    ich bin teilweise deiner Meinung, ziehe aber nicht den selben Schluss wie du.
    Dem Artikel fehlen links zu weiteren Beiträgen Schwarzer zu diesem Thema.
    Ausschließlich Noah Sow heranzuziehen finde ich zu wenig.
    So eine Kritik, von einer weißen kommend, sollte eben nur unterstützend wirken.

  7. Hans sagt:

    Harter Beitrag. Ich selbst stecke etwas in diesen Critical Whiteness Ansätzen, habe mich lange in sog. linken Zusammenhängen aufgehalten und mich zeitweise intensiv mit Rastafari auseinandergesetzt, die wohl bekannteste Dread-Lock-tragende Gruppe. Einige Punkte erscheinen mir äußerst kritisch.

    Wie im Artikel schon bemerkt wird, hat sich die Praktik des Haare-Verfilzens an mehreren Orten der Welt gezeigt. Rastafari selbst leiten das Tragen von Dreads aus der Bibel her, Teil des Nasiräer-Gelübdes ist das Nicht-Stutzen der Haare. Wahrscheinlich kursierten zudem im frühen Zwanzigsten Jahrhundert Abbildungen afrikanischer Freiheitskämpfer innerhalb Jamaikas, die Dreadlocks trugen. Verschiedene religiöse Strömungen verwendeten verfilzte Haare, so in Teilen des Hinduismus und Islam. Auch im mittelalterlichen Europa gab es bereis „Dreadlocks“: http://de.wikipedia.org/wiki/Weichselzopf

    Wer ist nun legitimeR BesitzerIn des kulturellen Artefaktes verfilzte Haare?

    Dass sich Haare verfilzen und dieses zur Schau gestellt wird, oder einfach so belassen wird, ist keine explizit „schwarze“ Praxis. Dies so zu labeln erscheint mir fragwürdig „rassifizierend“, es steht in engem Zusammenhang mit der Dichotomie von glattem und lockigem Haar, die als rassistisches Unterscheidungskriterium innerhalb der Gesellschaft auch Anwendung findet (Hier sei auch auf die Debatte um das Haare-Glätten in den USA verwiesen). Innerhalb des Artikels selbst findet sich diese Assoziation, indem das „Herstellen“ von Dreadlocks bei Weißen große Mühe und Qual auferlegen würde. Dies ist eine rassistische Stereotypisierung, definitiv haben nicht alle Weißen glatte Haare, dementsprechend changiert der nötige Arbeitsaufwand auch hier zwischen „enorm“ und „null“.

    Aber unabhängig von der Frage, welche Körper legitime Träger von Dreadlocks sein dürfen, wie sieht es mit der symbolischen Wirkmächtigkeit der Haartracht aus? Wofür steht sie für die TrägerInnen und für das Umfeld? Das lässt sich schlicht nicht festschreiben, die Bedeutung von Dreadlocks fluktuiert global, ob hier, in Jamaika, Japan oder Ghana, auf verschiedenen Ebenen. Einige weisen ihnen als Gläubige (Rastafari) einen sakralen Status zu, bedecken sie, damit sie von Fremden nicht gesehen oder gar berührt werden können. Unter Rastafari wird die Frage, ob Weiße Rastas sein können übrigens heiß diskutiert, häufig findet sich aber ein Verweis auf den Ausspruch Haile Selassies: „That until the color of a man’s skin is of no more significance than the color of his eyes [..] the dream of lasting peace and world citizenship and the rule of international morality will remain but a fleeting illusion“

    Dementsprechend halten es viele Rastafari für legitim, wenn Weiße praktizieren und Dreads tragen. Es bleibt aber auch hier kontrovers. Ebenso traucht durchaus die Frage auf, ob Nichtgläubige denn überhaupt Dreadlocks tragen dürften.

    Für andere sind Dreadlocks der Bezug, das Bekenntnis auf schwarze Befreiungsbewegungen, oder ein Bekenntnis zu Blackness, so wie es der Afro in den USA der 60er Jahre geworden ist.

    Verbreitet sind Dreads aber auch als blankes Modeaccessoire, weltweit. Gerade Rastafari hat sich durch Musik und Film global sicht- und hörbar gemacht, insbesondere durch Bob Marley, und dabei eine ordentliche Schippe Ästhetik vermittelt. Kids, ob in Jamaika, den USA, Deutschland oder Ghana, übernehmen die Dreads, weil es cool aussieht, oder gut zum Grasrauchen passt, weniger weil dort politische oder religiöse Kämpfe dahinterstehen.

    Was ich damit sagen möchte: Unterschiedliche Gruppen und Menschen schreiben Dreadlocks verschiedene Bedeutungen zu. Diese auf eine singuläre Bedeutungsebene zu reduzieren wird der Wirklichkeit und Geschichte nicht gerecht. Eher besteht die Gefahr, wiederrum in rassistische Zuschreibungen zu verfallen, die kulturellen Artefakten, zu denen auch Körperpraktiken gehören, essentialistische Qualitäten zuschreiben. Es wurde und wird unter anderem versucht, Dreadlocks als emanzipatorisches Symbol schwarzer Widerstandsbewegungen zu etablieren, dies ist jedoch nur eine und nicht die einzige Bedeutung dieser Haartracht, innerhalb schwarzer Widerstandsbewegungen. Wer definiert nun, wo der Rahmen des Legitimen anzusetzen ist?

    Dass Dreadlocks Teil antirassistischer Praxis sind? Sicher nicht per se, interessanterweise sind viele mir bekannte weiße DreadlockträgerInnen tatsächlich in antirassistische und antikoloniale Kämpfe verwickelt. Wer in dieser Gesellschaft Wert auf weiße Seriösität legt, um entsprechend hoch dotierte Gesellschaftliche Bereiche besetzen zu können, wird sich hüten Dreadlocks zur Schau zu stellen. Das kann durchaus vorgeworfen werden, dass die Lebensphase des Rebellierens in dieser weißen Gesellschaft gerne mit devianten Symboliken ausgeschmückt wird und der Anteil der DreadlockträgerInnen unter SchülerInnen und Studierenden sicher am größten ist. Irgendwann werden sie abgeschnitten und landen als Andenken in einer Kommode, um bei Bedarf wieder betrachtet werden zu können. Das ist ein weißes Privileg, diese legitime Phase der Devianz.

    Daraus aber an sich ein Verbot des Tragens von Dreadlocks für Weiße abzuleiten? Das läuft auf nichts anderes hinaus, als die kulturelle Konstruktion rassistischer Unterschiede im Bereich der Körperlichkeit.

  8. hinz sagt:

    Und? Schneidest du deine jetzt ab?

  9. Saladin sagt:

    Die Argumentation ergibt Sinn.
    Jetzt frag ich mich allerdings wohin das führt. Sollten jetzt weiße Rap- und Jazzmusiker_Innen aufhören, weil diese Musik eigentlich DAS Ausdrucksmittel des schwarzen Subproletariats ist, das teilweise durchaus Widerstandscharakter birgt?

  10. […] der Anstoß für diesen Blogpost (und für die Wiederbelebung meines Blogs) war, war dieser Artikel auf http://maedchenmannschaft.net/ . Es ging darin darum, dass Dreadlocks eigentlich ein […]

  11. Vicky Amesti sagt:

    Hans hat hervorragend das herausgestellt, was bei mir während des Lesens des Artikels Stirnrunzeln verursacht hat.

    Klar, es ist unglaublich wichtig, sich bei dem, was man tut, mit den Hintergründen auseinander zu setzten. Und dem kann dann auch eine Überlegung darüber folgen, wie man nun damit umgehen will. Es ist wichtig, kritisch zu hinterfragen, was es nun bedeuten KANN, wenn man Merkmale anderer Gruppen, ob ethnischer, politischer, kultureller für sich übernimmt.

    Aber wie Hans sagte, den Praktiken eine ethnische Essenz einzuräumen, finde ich sehr schwierig, unglaublich einschränkend und eben auf so viele Beireiche ausbreitbar, dass es wirklich dazu führen könnte, dass man in der Konsequenz weiter gedacht nur bestimmte Praktiken ausüben kann, die der „eigenen“ Gruppe entsprechen. Da ist meiner Ansicht nach Vorsicht geboten.

    Andererseits ist es natürlich so, dass verschiedene Praktiken eben mit unterschiedlichen Konsequenzen für verschiedene Akteure oder Gruppen zusammenhängen. Diese Ungleichheiten können sich eben auf ethnischer, kultureller, geschlechtlicher, ökonomischer Ebene wiederfinden.

  12. henteaser sagt:

    Wie Maria schon amerkte: „bleibt noch die frage, welcher widerstandssymbolik sich weiße dann bedienen dürfen?“

    Denn wer die Aussage dieses Beitrags weiterspinnt wird feststellen: privilegierte (am Ende sogar männliche) Weiße können inneralb des hier präsentierten Denkschemas nichts tun, ohne dadurch weniger privilegiert zu sein.

    Wenn sie sich im ‚System‘ treiben lassen, sind die üble Nutznießer. Wenn sie sich abheben (oder sogar rebellieren) wollen, sind sie geschützt durch Hautfarbe, Einkommen und Geschlecht. Alles, was sie in jungen Jahren tun, wird als Phase interpretiert werden; bleiben sie der gewählten Subkultur darüber hinaus treu, werden sie schlechtestenfalls als „hängengeblieben“ bemitleidet.

    Was also ist der richtige Weg?

  13. Viruletta sagt:

    @ DiehohleBäckerei, gedehnte Ohrlöcher entstammen soweit ich weiß indigenen Kulturen und waren zwar kein Widerstandssymbol, wohl aber eines für Stammeszugehörigkeit. Viel findet sich dazu nicht im Netz, das stimmt, sie werden allerdings oftmals am Rande in den Beiträgen über Dreadlocks erwähnt.
    Was ich hierbei problematisch finde ist, dass dieser Körperschmuck Kulturen entlehnt wird, die hierzulande immer noch häufig als „primitiv“ abgewertet werden. Ich erinnere mich zum Beispiel noch an Videovorführungen zu Schulzeiten, wo meine jugendlichen Mitschüler*innen sich halb angewidert darüber lustig gemacht haben.
    An Mitgliedern der Kulturen, aus denen diese Symbole entlehnt sind, werden sie oftmals als Zeichen für Rückständigkeit, „Primitivität“, Unzivilisiertheit gewertet, an weißen Westeuropäer*innen gelten sie dann als hip und modern. Dieser Widerspruch verdeutlicht die Bedeutung der Privilegien, welche die*der Träger*in inne hat oder nicht, und welchen Einfluss sie auf die Deutung und Bewertung dieser Symboliken haben. Insofern würde ich gedehnte Ohrlöcher ebenfalls als eine Zurschaustellung weißer Privilegien ansehen.

  14. Viruletta sagt:

    @ b2m, du wirfst in deinem Beitrag Fragen auf, die ich mir selber schon oft gestellt habe und die sich jede*r immer mal wieder stellen sollte. Über statt mit Anderen reden ist immer schwierig, nimmt schnell paternalistische Züge an und sollte kritisch reflektiert werden. Deshalb gebe ich mir Mühe, in meinen Beiträgen nicht über Andere zu reden, sondern primär über mich selbst. Ich greife deshalb auf bereits bestehendes und veröffentliches Wissen Schwarzer Personen zurück und versuche daraus Schlüsse für mein eigenes Leben zu ziehen. Ich habe in meinem Beitrag versucht deutlich zu machen, dass ich es mir nicht anmaßen möchte, über Dinge zu urteilen, bei denen ich aufgrund meiner Lebensrealität nicht mitreden kann. Und nicht nur dass ich nicht urteilen möchte, ich möchte nichtmal diskutieren. Wenn mir eine von Rassismus betroffene Person sagt, dass etwas was ich getan oder gesagt habe rassistisch ist, dann versuche ich das genauso anzunehmen. Ohne eine „aber“.

    Gleichzeitig sehe ich es aber nicht als die Aufgaben der Betroffenen von Rassismus an, diese Welt von Rassismus zu befreien. Damit würde ich es mir viel zu einfach machen. Wenn es um Themen wie Critical Whiteness geht, bei denen ich nur aus privilegierter Perspektive mitreden/ zuhören kann, versuche ich mich immer in die Perspektive der Betroffenen hinein zu versetzen indem ich mir vorstelle, es würde bei dem Thema um Sexismus gehen. Ich würde nicht wollen, dass irgendein Mann* sich anmaßt, über weibliche Lebensrealitäten zu schreiben, es jedoch begrüßen, wenn er* sich mit männlichen Privilegien und Wegen, diese abzulegen, auseinandersetzen würde. Zuhören, lernen und andere an diesem Lernprozess teilhaben lassen, ist gerade meine Strategie. Vielleicht ist sie nicht perfekt, aber für den Moment ist es der beste Kompromiss, den ich finden konnte.

  15. Ruby sagt:

    Vielen Dank für den Beitrag! Ich habe mich vor einiger Zeit mal mit dem ganzen Themenkomplex „Cultural Appropriation“ beschäftigt, als ich zufällig gelesen habe, woher Iros eigentlich ‚abstammen‘ und welche Geschichte dahinter steckt (ich trage selbst einen, der kommt demnächst ab ;)
    In meiner Wahrnehmung gibt es wenig Auseinandersetzung mit dem Thema in Deutschland/Europa, was ich sehr schade finde – Diskurse in Amerika dazu sind kulturell bedingt dann oft doch anders bzw. Symbole haben in Deutschland eine andere Bedeutung oder geschichtlichen Hintergrund.
    Ich habe für mich selbst, was die Aneignung von Symbolen und Elementen aus anderen Kulturen angeht einige „Faustregeln“ aufgestellt: Nichts übernehmen was eine religiöse Bedeutung hat, Zugehörigkeit zu einer (marginalisierten) Gruppe signalisiert und nichts übernehmen, dessen kulturellen Hintergrund ich nicht überblicke. Das ist insbesondere bei Tattoos wichtig, leider fehlt in der Szene komplett die Auseinendersetzung mit dem Thema bzw. es herrschen Abwehrreflexe…

  16. distelfliege sagt:

    Danke für diesen Artikel, ich hatte bis vor nicht allzu langer Zeit auch als Weiße Dreadlocks. Mit dem Thema cultural appropriation hatte ich mich schon länger beschäftigt, bekam es aber lange nicht übers Herz, meine Locken abzuschneiden. Obwohl ich es eigentlich besser wusste inzwischen.
    Inzwischen hab ich mir sie abgeschnitten.. bin aber jetzt mit Iro unterwegs, was die Sache auch nicht besser macht. Der Grund dafür: Seitlich am Kopf Haarausfall bekommen, so kahle Stellen. Alles ausser Iro sieht furchtbar aus.
    Für mich ist das Thema so ein Beispiel dafür, dass es echt schön leicht ist, Sachen wegen des antirassistisch-sein-wollens aufzugeben, an denen man eh nicht hängt, und wenn es dann ans Eingemachtere geht, findet man Ausreden. Naja, für den Iro habe ich, finde ich, gerade eine ziemlich gute Ausrede, für die Dreads hatte ich keine und hatte sie trotzdem behalten. Hmpf.

  17. Maxine sagt:

    Liebe Viruletta,

    vielen Dank für diesen Beitrag, der mir aus dem Herzen spricht. Auch ich habe mich vor einiger Zeit mit Aneignungsmechanismen und meiner Teilhabe an solchen Mechanismen beschäftigt und habe dann Einiges an mir verändern müssen – was zum Teil für mich sehr schmerzhaft war (ich vermute, Dir geht es ebenso).

    Mensch kann allerdings meiner Ansicht nach nicht dabei stehenbleiben, nur das eigene Erscheinungsbild so einzurichten, dass Aneignung ausbleibt und die Selbstbestimmung von PoC geachtet wird. Es gibt noch zwei weitere Beiträge, die jede_r leisten kann, um dazu beizutragen, dass rassistische Strukturen aufgebrochen werden:

    Das eine betrifft die Stellung als Konsument_in: Solange ich kulturelle Artefakte konsumiere (und dafür bezahle), die auf der Aneignung Schwarzer Kultur beruhen, leiste ich einen Beitrag dazu, dass diese Aneignung sich lohnt und darum fortgesetzt wird. Ich habe für mich daraus den Schluss gezogen, dass ich es ablehne, solche Produkte zu konsumieren. Weißer Hip-Hop, weißer Jazz, weißer Rock’n’Roll sind aus meiner CD-Sammlung verschwunden.

    Das andere betrifft die Ermöglichung sicherer Räume der Kulturproduktion und -konsumtion für PoC. Ich habe während einer längeren Lebensphase, die ich in den USA verbracht habe, eine Zeitlang häufig Konzerte und Theatervorstellungen schwarzer Künstler_innen besucht, die an ein schwarzes Publikum gerichtet waren. Dabei habe ich einige Male sowohl von einigen Künstler_innen wie auch von einigen Zuschauer_innen vermittelt bekommen, nicht willkommen zu sein und das meine Anwesenheit als Anmaßung empfunden wird. Das habe ich erst als große Kränkung empfunden. Ich sehe aber inzwischen ein, dass selbst das Dabeisein schon auf eine Aneignung und ein Ausleben von Privilegien hinauslaufen kann, weil ich mich als Weiße erst einmal frei bewegen kann, ohne schon wegen meiner Anwesenheit in bestimmten Räumen in Gefahr zu geraten. Ich habe daraus für mich den Schluss gezogen, dass ich Veranstaltungen schwarzer Künstler_innen nur noch besuche, wenn sie ausdrücklich auch für weißes Publikum geöffnet sind oder wenn ich persönlich eingeladen worden bin.

    Dies nur als Versuch eines Gedankenaustauschs. Nochmal vielen Dank für Deinen Beitrag und liebe Grüße

    Maxine

  18. sorim sagt:

    Ich bin als angebliche PoC sehr besorgt über den Critical Whiteness Ansatz. Kulturelle Appropriation ist in meinen Augen ein Ansatz, der an genetischen Kriterien festmacht, wer etwas tun darf und wer nicht. Das ist gefährlich.
    Ich dürfte als genetisch mit Koreanern verwandte Person nämlich legitim koreanische Trachten tragen, mein Freund aber nicht. Das leuchtet mir nicht ein. So wurde mir mal von deutschen Eltern erklärt, warum ich Wagner nicht hören sollte. Dabei finde ich Wagner viel interessanter als koreanische Trachten und mein Freund vielleicht umgekehrt.
    Ich stimme Hans zu, Kultur verändert sich und wir haben keinen Grund uns davor zu fürchten. Kultur ist KEIN Besitz und wird auch nicht entwertet, nur weil andere es auch machen. Das ist ein Gedanke, in dem Angst vor vermeintlicher Überfremdung steckt. Meine koreanische Tracht wird nicht von ihrem weißen Träger entwertet, das ist eine kulturelle Identitätsvorstellung, die rassistisch ist und ein genetisches Reinheitsprinzip verfolgt.
    Kritikwürdig sind Machtverhältnisse, die zu Ausbeutung führen, doch diese verlaufen nur zum Teil zwischen Schwarz und Weiß. Ich habe mich nie als Schwarze oder PoC selbstdefiniert, genausowenig, wie ich mich von anderen als „Frau“ labeln lassen will. Im Heimatland meiner Eltern geht Rassismus durchaus von anderen Machtgruppen als Weißen aus. Nämlich verschieden „PoC“, die sich als sehr distinkt wahrnehmen und geizig ihre kulturellen Besitztümer gegeneinander verteidigen wollen.
    Als Fremddefinierte PoC sage ich deutlich: Critical Whiteness: Nicht in meinem Namen!

  19. Judith sagt:

    Hallo Viruletta,

    Was ist mit „dem indischen (Sage/Yogi) Raum“ gemeint?
    Meinst Du Sadhus?

  20. b2m sagt:

    @Viruletta Gut erklärt. Du hast recht, dass man nicht einfach seine politische Arbeit mit dem Verweis auf eigene Privilegien niederlegen kann, weil man selbst keine Probleme hat. Und gerade das Aufmerksammachen auf Feinheiten wie die genannte halte ich durchaus auch für wertvoll, nicht unbedingt, weil ich das Tragen von Dreadlocks als vordringliches Problem in der Rassismusdebatte erachte, sondern eher, weil – zumindest bei mir – ein Aufzeigen von Feinheiten der Diskriminierung dazu verleitet, weitere Alltäglichkeiten zu hinterfragen, deren Problematik für mich vielleicht noch im verborgenen schlummert.
    Deine Entscheidung, dir die Dreadlocks abzuschneiden, finde ich beachtenswert, geschieht das nur aus der theoretischen Reflektion heraus oder bist du tatsächlich im Alltag schonmal deswegen konfrontiert worden? Nicht, dass es das als Begründung bräuchte, aber wie ich bereits weiter oben angemerkt habe, waren die Reaktionen von Schwarzen bisher zumeist positiv. Das ist natürlich wenig wissenschaftlich, da eine negative Konfrontation gewöhnlich eine höhere Hürde hat als eine positive, trotzdem fände ich die Antwort interessant.

  21. Viruletta sagt:

    Ich denke nicht, dass es allgemeingültige Antworten zum Thema kulturelle Aneignung geben kann, die dann auf jeden einzelnen Bereich gleichermaßen passen.

    Kulturen sind nicht statisch und auch nicht in sich geschlossen, das ist für mich gar keine Frage. Die Frage für mich ist eher: wer nutzt was in welchem Kontext? Welche Intention steckt dahinter und wie werden die verwendeten Symboliken in den einzelnen Fällen bewertet?

    Wenn bestimmte Gruppen Symbole verwenden können ohne rassistische Implikationen hervorzurufen und andere nicht, hat das etwas mit Privilegien zu tun. Wenn es sich hierbei um Symbole handelt, die marginalisierten Kulturen entlehnt sind, hat das eine besondere Brisanz, denn es verdeutlicht, dass es nicht um das Symbol an sich geht, sondern um die Person, die es verwendet. Von Rassismus Betroffene Personen haben Dreadlocks auf weißen Köpfen immer wieder als eine Zurschaustellung weißer Privilegien kritisiert. Das ist eine Sichtweise, die ich ihnen nicht absprechen möchte.

    Ich denke aber auch, dass bei dem Dreadlockthema zwei Ebenen vermischt werden; eine ist die kulturelle, die andere die politische. Dreadlocks waren ein Widerstandssymbol in Schwarzen Kämpfen und dienten dazu, sich von der weißen Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen. Wenn diese Symbole nun vereinahmt werden (was ja schon geschehen ist), verlieren sie ganz klar ihre Bedeutung.

    Darüber hinaus: Es macht einen großen Unterschied, ob ich eine Kultur schätze/ genieße oder vereinahme. Dieses Problem sehe ich beispielsweise bei Musik wie Jazz oder auch Hip Hop. Sich CDs Schwarzer Künstler*innen zu kaufen ist Wertschätzung, diese Musik selber zu produzieren aber heikel. Denn Weiße können auch hiermit viel schneller erfolgreich werden als Schwarze – wieder mal eine Frage der Privilegien und des unterschiedlichen Zugangs zu gesellschaftlichen Ressourcen.

    In meinen Augen muss eine Wertschätzung immer zuerst kommen, erst im Anschluss daran kann (und darüber maße ich es mir als Weiße nicht an, zu urteilen) eine Aneignung legitim werden. Und diese Wertschätzung sollte im besten Fall gesamtgesellschaftlich erfolgen, denn anderenfalls wird die Aneignung schnell wieder zur Zurschaustellung von Privilegien. Ich denke übrigens nicht, dass diese Wertschätzung dadurch herbeigeführt werden kann, dass Weiße Symbole/ Praktiken marginalisierter Kulturen für sich vereinahmen; ansonsten würde ein und dieselbe Sache ja nicht bei manchen Menschen weiterhin rassistische Implikationen hervorrufen, bei anderen aber nicht.

    Ein schwieriges Thema, ja. Pauschalantworten habe auch ich nicht. Ich weiß aber, dass es Schwarze gibt, die sich zu diesem Thema sehr wohl klar positioniert haben. Diese Positionen versuche ich nun in meinem Handeln zu berücksichtigen.

  22. Viruletta sagt:

    @ Maxine, ich stimme deinem Beitrag absolut zu. Das Problem bei Weißen, die in Schwarze Räume eindringen ist leider auch, dass diese Räume dadurch ihre Schutzfunktion verlieren. Je mehr Weiße sich in diesen Räumen bewegen, desto größer ist die Gefahr, dass es auch hier zu Rassismen kommt und sich dieselben Hierarchien etablieren wie in der restlichen Gesellschaft.

    @ Sorim, da von Rassismus Betroffen im Grunde nur zwei Dinge miteinander teilen (und zwar die Betroffenheit von Rassismus und die Abwesenheit weißer Privilegien) und ansonsten heterogen in ihren Ansichten, Einstellungen, Lebensweisen usw. sind, ist es nachvollziehbar, dass nicht alle dieselben Ansätze vertreten und Theorien gutheißen. Nicht zuletzt sind die Schmerzgrenzen auch einfach unterschiedlich gesteckt. Mir ist bewusst, dass es von Rassismus Betroffene gibt, die Dreads auf weißen Köpfen ablehnen und widerum anderen, die es befürworten oder denen es schlichtweg egal ist. Allerdings mag ich mich zugunsten Letzterer nicht über die Köpfe ersterer hinwegsetzen. Deshalb ist es für mich momentan der bestmögliche Kompromiss, mir meine Dreads abzuschneiden.

    @ Judith, die Informationen habe ich dem verlinkten Text entnommen und aus dem englischen übersetzt. Es kann gut sein, dass es im deutschen Sprachraum eine andere Bezeichnung dafür gibt.

    @ b2m, ehrlich gesagt bin ich in meinem Alltag noch überhaupt nicht damit konfrontiert worden, weil es in meinem näheren Umfeld keine Schwarzen Personen (und generell sehr wenig von Rassismus Betroffene) gibt. Genau diesen Umstand finde ich aber bedenkenswert, denn ich bin seit vielen Jahren in linken Zusammenhängen aktiv, viele davon mit antirassistischem Fokus oder zumindest vermeintlich antirassistischem Konsens. Und obwohl es in diesem Kämpfen um Probleme geht, von denen von Rassimus Betroffene Personen viel stärker beeinträchtigt werden als weiße Antifas/ Antiras, scheint es berechtigte Gründe zu geben, weshalb die Betroffenen sich trotzdem nicht in diesen Zusammenhängen engagieren. Und ich möchte nicht mehr in Gruppen aktiv sein, in denen ich Stellvertreter*innenpolitik mache, deshalb beschäftige ich mich stattdessen mit meinem Status und meinen Privilegien und frage mich, wodurch ich dazu beitrage, dass von Rassismus Betroffene sich in den bestehenden Strukturen nicht wohl fühlen können. Karano haben zu diesem Thema Anfang des Jahres übrigens einen Beitrag veröffentlicht: http://karano.wordpress.com/2012/03/24/dresden-nazifrei/ – ich habe allerdings nicht mitbekommen, dass innerhalb der Linken großartig darüber diskutiert bzw. das Geschriebene überhaupt zu Herzen genommen worden ist.

  23. Nat sagt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag und die Kommentare. Ich glaube, das Lesen hat bei mir einen kleinen Klick gemacht, der so ähnlich ist, wie damals, als ich Feministin geworden bin.
    Ich habe mich beim ersten Lesen dabei ertappt, zu denken „Mein Gott, sind doch nur Haare, was stellt die sich so an“ und dann gemerkt, wie Privilegien-lastig eigentlich dieser Gedanke ist und wie sehr er der Aussage, dass diskriminierende Witze oder rape-jokes ja nicht so gemeint seien, ähnelt.

    Ich habe als Jugendliche viel mit PoC zu tun gehabt, aber damals habe ich meine Privilegien nicht hinterfragt, sondern immer gedacht, dass ich „logischerweise“ „Farbenblind“ sei. Das würde ich jetzt wohl anders sehen…
    Als ich zum ersten Mal in Harlem war und mich als Weiße (habe einen Migrationshintergrund, aber werde wohl eindeutig als weiß gesehen) total beobachtet gefühlt habe, habe ich gemerkt, dass, so irritierend es auch für mich war, eine Minderheit dort zu sein und aufzufallen, so wenig ist meine Erfahrung dort vergleichbar mit den Erfahrungen, die PoC machen. Diese Erfahrungen und Beiträge (inkl. Kommentare) wie dieser hier helfen mir ein bisschen, meine Privilegien zu hinterfragen. Sorry, falls das als Derailing hin zu meinen Privilegien rüberkommt. Wenn ja, einfach ignorieren und nicht füttern…

  24. sorim sagt:

    @ viruletta: das finde ich gut, dass Du das transparent machst, dass es hier um eine persönliche Entscheidung geht und dass es eben nicht alle PoC sind, die fordern, dass Du Dir Deine Dreads abschneidest. Ich finde, dass kommt in der Debatte oft zu kurz.
    Ich finde, das es sich schon ganz anders anfühlt, sich zu entscheiden, ob man für die Teilgruppe der PoC, die „weißen“ Menschen (die Kriterien stehen ja dafür nicht fest) keine Dreads zugestehen möchten, einen persönlichen Verzicht macht. Oder ob man sich der Symbole eben doch bedient, die meiner Meinung nach niemandem gehören.

    Deine Entscheidung hat, wie Du ja feststellst, keine Allgemeingültigkeit, den die Lesarten von Dreads auf weißen Köpfen sind eben vielfältig. Und zwar nicht nur durch weiße, sondern auch PoC. Anderen „weißen“ im Namen von PoC Vorwürfe zu machen steht weder Dir, noch mir, noch anderen PoC zu. Das wird aber alle Nase lang gemacht.

    Verlieren Dreads ihre Bedeutung? Ein analoges Beispiel: die vermeintliche Entwertung der Grrrl-Idee durch Girlies. Girlies sind etwas anderes als Grrrls, aber ich profitiere als zwangsläufig Außenstehende enorm von beidem. Grrrls bedeuten für mich mehr als Girlies, daran ändert auch MTViva nichts. Auch HundM verkauft Bandshirts, die für Subkulturen viel bedeuten. Es verändert sich nichts an der Musik, nur weil sie ihre Exklusivität in EINIGEN Bereichen der Kultur verliert. Dreads in Deiner Lesart richten sich gegen eine bestimmte Gruppe, die sicher nicht erfreut ist, wenn ihre eigenen weißen Kinder sie tragen. In so fern ist nicht alles verloren.

    Ich würde mich hüten, Dreadtragenden pauschal Rassismus zu unterstellen. Ich würde auch weißen Jazzmusizierenden nicht pauschal Rassismus unterstellen. Ich finde auch, dass die Anerkennung, die vorher geschehen soll, reine Fassade ist. Wem soll ich denn danken? Einer Person? Selbstgewähle kulturelle Zugehörigkeiten empfinde ich als Luxus, der erstrebenswert ist. Wir kommen der Sache aber nicht näher, wenn wir pauschal eine Gruppe kreieren („Weiße“), die irgendetwas erst dann dürfen, wenn alle anderen zuerst mit dem Luxus versorgt sind.

    Wir sind uns, glaube ich, einig, dass es auf die Abschaffung struktureller Benachteiligungen ankommt. Anderen im Zuge dessen ihre Frisuren und Musik madig zu machen finde ich in der Sache irrelevant und wenig hilfreich. Ich glaube, dass die Leute, die sich mit der Herkunft ihrer kulturellen Praxen beschäftigen, danach wertschätzender damit sind. Oder es nicht mehr wollen (siehe Homophobie und Rastafari). Aber das ist eine Sache, die parallel zu Antirassismusarbeit geschehen kann, mit offenem Ausgang. Es ist mitnichten eine Voraussetzung für „echte“ Antirassismusarbeit, sich jedem Wunsch einer PoC zu fügen, ihre kulturelle Identität zu bewahren.

    Viele machen sich Sorgen, dass sie mit Dreads auf dem Kopf als „weiße“ für Antira-Arbeit disqualifiziert sind. Das stimmt nicht.

  25. Viruletta sagt:

    Wir kreieren keine Gruppen, diese Gruppen sind ja bereits kreiert und Bestandteil unserer gesellschaftlichen Realitäten. Nur weil etwas konstruiert ist, verliert es ja nicht an Wirkungsmacht und diese Tatsache auszublenden stärkt im Endeffekt leider die bestehenden Hierarchien. Wenn Weiße in der Gesamtgesellschaft alles dürfen, dann können diese Verhältnisse nur umgekehrt bzw. ins Wanken gebracht werden, indem auf Privilegien verzichtet wird.

    Und ich möchte nochmal auf die unterschiedlichen Schmerzgrenzen verweisen. Es ist natürlich viel leichter, sich auf Meinungen von Betroffenen zu berufen, die mit bestimmten Praktiken keine Probleme haben. Auf den Bereich Sexismus übertragen kann ich vielleicht deutlicher machen was ich meine, weil ich hier selbst betroffen bin: Nur weil es Frauen* gibt, welche die Band KIZ ertragbar oder sogar gut finden, heißt das noch lange nicht, dass diese Band nicht sexistisch ist. Es gibt unsagbar viele Frauen*, die sich durch die Texte der Band verletzt fühlen und es kann kein Bestandteil antisexistischer Praxis sein, sich über diese Gefühle hinweg zu setzen. Und genauso sehe ich die Dreadlock-Thematik auch: Nur weil es für manche okay ist, ist noch lange kein generelles Okay.

  26. sorim sagt:

    @ Viruletta: Ja, KIZ ist ein sehr gutes Beispiel! Viele Menschen werden von dieser explizit sexistischen Musik verletzt. Diese Band brüstet sich sogar offen mit Sexismus! Was ist die Konsequenz?Menschen fordern sie dazu auf, das Verletzen zu unterlassen und spielen die Musik in bestimmten Kontexten nicht mehr.

    Aber was ist mit Musik, die etwas weniger eindeutig sexistisch gelesen werden kann? Madonna zum Beispiel: hypersexualisierte Performance, Posen der Selbstbestimmung, die sich aber am Markt orientieren, Jugendwahn, Schönheitsdiktat. Kann ich hier im Namen des Sexismus Madonna aus dem AZ verbannen? Nicht so leicht, weil in der Musik auch noch mehr als Sexismus steckt, sondern auch Emanzipation, Empowerment und Wertschätzung von Homosexuellen und Bi(oder deren Ausbeutung?). Ich sehe vieles, was im Rahmen von Critical Whiteness passiert eher vergleichbar mit Madonna als mit KIZ (anderes ist natürlich auch eindeutig rassistisch). Kritik ist oft angebracht, aber als feministisch denkende Person finde ich viele kulturelle Praxen uneindeutig (Sex and the city, Lady Gaga, Schminken, Sport, Schlampen). Das heißt nicht, dass man nicht sagen kann, welche Anteile rassistisch der sexistisch gelesen werden können.

    Ich sehe ein, meine Schmerzgrenze verläuft woanders. Das Derailing anderer Leute Erfahrungen tut mir leid. Ich finde es fast unmöglich, ambivalente und verschieden lesbare kulturelle Praktiken zu diskutieren, ohne eine der Lesarten zu kritisieren.

    Ich sehe ein, die Verletzung von Menschen verdient respektvolle Behandlung.

    Mein Problem ist, dass über das Konstrukt „Weiße“ eindeutige Täter_in/Opfer-Konstruktionen aufgebaut werden, die (wie Du selbst sagtest) oft genug situativ variieren. Um im Sexismus-Vergleich zu bleiben: auch KIZ können sexistisch beleidigt werden und sexuell belästigt werden. Wenn so etwas in Frage gestellt wird, dann hat das Züge von Sippenhaft und Infrahumanisierung. Ja, es gibt Menschen, die sich als Männer und Frauen sehen. Ja, es gibt Menschen, die im Namen von Rasse diskriminiert oder privilegiert werden. Ich halte aber nichts davon, diese Kategorien durch Pauschalfremddefinition zu reproduzieren und zur Ausgangsposition für kulturelle Besitzansprüche zu machen.

    Ich habe aber einen großen Respekt vor Deinen Intentionen und danke Dir für die sachliche Diskussion!

  27. karokaro sagt:

    @alle Beteiligten:

    Ich möchte nichts Neues zur Diskussion hinzufügen, sondern nur einmal sagen, wie angenehm ich es finde, dass hier über das Thema so sachlich und mit Respekt gegenüber Menschen, die anderer Meinung sind als man/frau selbst.
    Denn ehrlich gesagt habe ich als Afro-Deutsche bei Internet-Artikeln, die sich mit Rassismus (oder auch Sexismus) beschäftigen, sehr oft ein ungutes Gefühl, wenn ich mir die Kommentarspalte anschaue….. und diese Vorahnung (nämlich, dass die Diskussion in eine Richtung ausarten wird, in der andere persönlich angegriffen und beleidigt wird und nur Scheinargumente auf „Stammtischniveau“ hin- und hergeworfen werden – meist solche, die nur so vor Rassismus/Sexismus triefen) wird leider häufig genug bestätigt, weshalb ich meistens keine Lust habe, mir die Kommentare anderer LeserInnen anzusehen.

    Danke, dass es hier einmal anders verläuft!
    Es ist schön zu sehen, dass man offensichtlich doch über Rassismus diskutieren kann… yeah! =)

  28. GoaGoaZwerg sagt:

    „Es steht Weißen, und somit auch mir, schlichtweg nicht zu, darüber urteilen, ob bestimmte Praktiken nun rassistisch sind oder nicht.“

    Ein so gefasstes Verständnis führt meiner Meinung nach zu enormen Komplikationen für weiße Menschen, gegen rassistische Praktiken anzukämpfen und beispielsweise in akuten Situationen selbst Initiative zu ergreifen. Denn sind Personen, die sich als PoC verstehen in einer bestimmten Situation gerade abwesend oder wird ihre Äußerungsfähigkeit z.b. von Polizei, Behörden etc. unterbunden (was ja von uns ausgerechnet so festgestellt und kritisiert wird!), hätte ich nach eurem Verständnis gar kein Beurteilungsmaßstab und damit auch keine Interventionsgrundlage, gegen Rassismus vorzugehen.

    Hab ich hier einfach nur ein Verständnisproblem bzw. kann mir jemand erklären, warum ich falsch liegen könnte?

  29. distelfliege sagt:

    @GoaGoaZwerg: Ich würde das relativ sehen. Wenn keine PoC da sind die man fragen kann, dann sollten Weiße durchaus schon beurteilen was rassistisch ist um dagegen vorzugehen. Ich verstehe die von dir zitierte Aussage in dem Kontext so, dass es schlecht rüberkommt, es als Weiße besser wissen zu wollen, ob es nun rassistisch ist – angesichts der Tatsache, dass viele PoC davon verärgert sind, dass Weiße ihre Symbole zu Lifestyle-Looks reduzieren.

    Zu der Diskussion allgemein: Wenn nun noch Musik dazukommt, z.B. ob Weiße Jazzmusiker_in sein können sollten, finde ich gibt es einen Unterschied zum Frisurenthema. Eine Frisur oder bestimmte Symbole kann man als weiße Person einfach „nehmen“, es steckt nicht viel Arbeit drin, der Extremfall wäre, wenn man etwas einfach nur zu kaufen braucht. Oder sich einfach eine Frisur machen lassen kann. Anders gelagert wäre z.b. wenn Weiße zur Rastafari-Religion konvertieren, die Rituale usw. ernsthaft praktizieren und das respektvoll lernen und dann Dreadlocks tragen. Das, finde ich, ist keine übergriffige Aneignung. Genauso wäre das, wenn man Jazzmusik zu machen lernt, etwas anderes, wie etwas, was ich mir einfach so „nehmen“ kann. Dafür muss schon Arbeit und Üben investiert werden. Man lernt quasi eine musikalische Sprache und das finde ich an sich toll, wenn ich z.B. andere Musiktraditionen lerne als die, die ich in der Schule gelernt habe. Wenn ich eine andere Sprache lerne, dann ist das ähnlich, das ist eigentlich das Gegenteil von der kritisierten „Aneignung“. Aneignung würde ich so sehen, dass man bequem da stehen bleibt wo man ist und sich Rosinen rauspickt und diese für sich benutzt, und „von anderen etwas lernen“ ist eben genau nicht so. Denn um zu lernen, muss ich doch erst mal davon ausgehen, dass ich nicht alles besser kann und besser weiss, sondern dass ich eben weniger weiß und kann und daher eben lernen will.

    Wenn der Punkt kommt, wo Weiße mit Jazz z.B. mehr verdienen und berühmter werden als Schwarze – oder wo z.b. Schüler_innen mehr zugehört wird und sie erfolgreicher werden als ihre Lehrer_innen, nur weil sie Weiße sind, dann hört der Spass allerdings auf. Deshalb kann ich allerdings Weißen noch keine kulturelle Aneignung vorwerfen, wenn sie die Dinge, die sie machen, legitim gelernt haben.

    Also z.b., um mal eine Analogie zu bringen, wäre es in meinen Augen Aneignung, wenn jemand sich Doktor nennt, aber keinen Doktortitel erworben hat, und damit durchkommt aufgrund seiner privilegierten Position – wenn die Person aber ehrlich den Doktortitel erworben hat, den sie sich aufgrund von Privilegien auch einfach ohne schlechte Konsequenzen hätte aneignen können, finde ich das okay, wenn sie sich auch Doktor nennt.

    Das mit dem Jazz fiel mir so auf, weil ich ein Saxophon geschenkt bekam und das nun lerne, und ich komme mit diesem Instrument an dem Musikstil Jazz eigentlich nicht vorbei. Ich mochte Jazz nie sonderlich, aber durch dieses Instrument bin ich „gezwungen“ etwas darüber zu lernen, und inzwischen habe ich diesen Musikstil sehr hoch schätzen gelernt, habe haufenweise geniale schwarze Musiker_innen kennengelernt und auf mich persönlich hat sich das, finde ich, sehr positiv ausgewirkt. In dem Sinne, als dass ich es gut finde, wenn ich als Weiße erfahre, dass es sehr viele andere Dinge zu lernen gibt, als dass, was in einer weiß normierten Gesellschaft als „Leitkultur-Content“ gilt und daß ich eben erfahre, dass andere Sprachen/Traditionen/Musikstile usw. nicht einfach ein Selbstbedienungsladen sind wo ich mir alles kaufen/klauen/aneignen kann sondern komplexe Systeme die sorgfältig studiert werden wollen. Das hatte jemand (ich glaube, sorim) weiter oben schon mal angesprochen und gemeint, dass gerade das zu mehr Wertschätzung führen kann und das würde ich auch so bestätigen. Achja, genau, sorim schrieb: “ Ich glaube, dass die Leute, die sich mit der Herkunft ihrer kulturellen Praxen beschäftigen, danach wertschätzender damit sind. “

    Das Problem, dass Weiße mit dem Gelernten dann überproportional Gehör und Anerkennung finden aufgrund ihrer Privilegien bleibt allerdings bestehen. Ich würde nicht so weit gehen, weiße Jazzmusiker_innen zu boykottieren, aber die Werke von Schwarzen Künstler_innen mehr als die von Weißen zu kaufen und zu unterstützen, finde ich richtig. Die Urgesteine des Jazz und diejenigen die die wichtigen Entwicklungen und Stile rausgearbeitet haben, sind nun mal Schwarz, und wenn sich das im Musikkonsum nicht auch niederschlägt, kann ich darin nur eine Bevorzugung Weißer sehen.

    Und dass bei der dt. Wikipedia ausgerechnet ein Weißer mit Dreads als Hauptfoto im Dreadlocksartikel gezeigt wird, finde ich z.B. auch ätzend.

  30. Anna-Sarah sagt:

    @GoaGoaZwerg: Der Punkt ist, dass es Weißen nicht zusteht, in Frage zu stellen, dass etwas rassistisch ist, wenn es Betroffene bereits als rassistisch identifiziert haben. Das wäre für mich der Beurteilungsmaßstab, nach dem du fragst. Um zu wissen, dass letzteres der Fall ist, muss ich nicht in jeder Situation immer eine von Rassismus betroffene Person an meiner Seite haben, die mir bestätigt, „ja, das hier ist wirklich rassistisch“ – abgesehen davon haben, wie auch in dieser Diskussion schon gesagt wurde, nicht alle Menschen dieselbe „Schmerzgrenze“, weswegen ja auch dieses „Meine Schwarze Freundin findet den Witz aber lustig“-Argument nichts taugt. Ob etwas rassistisch ist, ist ja keine Frage der subjektiven Meinung oder des persönlichen Geschmacks. Als Verbündete eigne ich mir Wissen an, das von Betroffenen des jeweiligen Diskriminierungszusammenhangs produziert wurde, um es für die eigene solidarische Praxis zu nutzen (dazu gehört natürlich auch, rassistische Praktiken nicht nur bei anderen zu identifizieren und dagegen zu intervenieren, sondern vor allem auch zu reflektieren, was das Vorhandensein von strukturellem Rassismus für meine eigenen soziale Position bedeutet). Wenn dann zum Beispiel in meiner Anwesenheit eine andere weiße Person das N-Wort benutzt, kann ich vor dem Hintergrund dessen, was ich darüber gelernt habe, durchaus dagegen Stellung beziehen, und das sehr klar. Angenommen, in dieser Situation ist auch eine Schwarze Person anwesend und die sagt dann zu mir „Was willst du denn?! Mich stört das Wort nicht, halt du dich da mal raus!“, steht es mir widerum nicht zu, diese darüber zu belehren, was in meinen Augen der „richtige“ Umgang mit Rassismus sei.

  31. Mel sagt:

    Wow. Sowohl der Artikel als auch alle Kommentare haben beim Lesen meinen Horizont noch einmal (gefühlt) katapultiert. Bin sprachlos, höre fast schon meine Synapsen aufblitzen, weil sich so viele neue Gedankenzusammenhänge da tummeln. Jetzt gerade bin ich an einem Punkt, wo ich allen hier Recht geben kann – pro und contra. Bin gespannt, wohin mich das führt (iSv Handlungen, die ich daraus ableiten werde). Danke an alle!

  32. trippmadam sagt:

    Vergleichsweise marginal, aber für mich als mit dem Thema Befasste doch bedeutsam: die Aneignung von Punkten („lunares“ ) und Streifen („vargas“) durch Flamencotänzer_innen.

    Als ich vor 20 Jahren mit dem Tanzen begonnen habe, war die unter (kritischeren) deutschen Flamenc@s vorherrschende Meinung, dass gepunktete Kleider historisch unmittelbar mit den spanischen Roma verknüpft seien und deshalb nur von diesen getragen werden sollten. Gewisse Tänze und Tanzstile wurden ebenfalls als typisch für Roma angesehen und deshalb eher vermieden. Ich kann mich erinnern, dass meine erste Lehrerin lange darüber nachgedacht hat, ob sie bei einem öffentlichen Auftritt, bei dem sie einen sehr schlichte, altmodische Choreographie als Hommage an den Roma-Tänzer „Farruco“ tanzte, ein gepunktetes Halstuch tragen sollte oder nicht. Das gepunktete Halstuch ist nicht nur typisch für männliche spanische Roma bestimmter Geburtsjahrgänge, sondern wird von Männern u n d Frauen der Farruco-Familie auf der Bühne, aber auch sonst mit Hingabe getragen, wobei der Anblick einer Frau mit gepunktetem Halstuch auch heute noch etwas Gewagtes zu haben scheint. (Hier meine ich das einfache kleine Halstuch, das um den Hals geknotet wird, nicht das mit einer Brosche festgesteckte Schultertuch mit Fransen oder Rüschen).

    In Flamencokreisen wurde jahrzehntelang kontrovers diskutiert, wer den Flamenco erfunden habe und wer ihn wie singen, tanzen oder spielen dürfe. Im Moment heißt die Devise anscheinend: Leben und leben lassen, also jede_r darf, so lange die Essenz des Flamenco und die an seiner Entstehung beteiligten, aber heute in der spanischen bzw. europäischen Gesellschaft marginalisierten Gruppen respektiert werden.

    Das bedeutet für mich, dass ich, wenn ich öffentlich einen Tango Canastero („Korbflechter-Tango“) tanze, wissen muss, warum der Tango so heißt und unter welchen Bedingungen die Roma lebten, die ihren Lebensunterhalt mit der Herstellung und dem Verkauf von Körben bestritten. Oder dass ich, wenn ich bestimmte, als typisch für Roma angesehene Bewegungen übernehme, sehr genau wissen muss, woher sie kommen und warum ich sie in der betreffenden Choreographie verwenden muss/will.

    Vielleicht kommen andere Musiker_innen oder Tänzer_innen zu anderen Auffassungen. Ich bin nicht unbedingt der Meinung, dass ich das Problem für mich schon befriedigend gelöst habe.

    Anmerkung: Ich verwende hier die Bezeichnung „Roma“, obwohl sie in meinen Augen in diesem Zusammenhang weder eindeutig noch ausreichend präzise ist. Da einige Roma und Sinti strikt gegen eine Veröffentlichung ihrer Sprache(n) sind, dekliniere ich den Begriff „Roma“ nicht. Deshalb kommt es hier leider zu solch schlampigen Formulierungen wie „Roma-Tänzer“.

  33. illith sagt:

    re unterschiedliche schmerzensgrenzen:

    den punkt, dass die nicht-privilegierte/diskriminierte gruppe ja nunmal kein monolithischer block mit *einer* meinung ist, finde ich so schwierig – auf wen bezieht man sich da also, wenn es um das ziehen eigener konsequenzen geht? auf den standpunkt mit der niedrigsten schmerzensgrenze, um auf nummer sicher zu gehen?
    ich versuche ebenfalls immer, mir analoge beispiele aus dem anti-sexismus/feminismus-diskurs überlegen zum vergleich, weil ich da, anders als in der rassismus-debatte, am ‚unteren ende‘ der privilegien-leiter stehe.
    und da seh ich: es gibt viele feministinnen, die in meinen augen total untragbare definitionen und maßstäbe haben, was frauenfeindliches verhalten angeht (zb felatio/bdsm/anal = erniedrigung per se etc) und ich es schlimm fände, wenn deren maßstäbe als standard so übernommen würden von wohlmeinenden nicht-betroffenen. und das wird im PoC-bereich dann ja vermutlich ähnlich sein?
    (kann man mir folgen?^^°)

    ein beispiel fällt mir noch ein: auf fitocracy.com (eine art facebook für sportlerInnen) war eine der quests dort als mr-miyagi-reminiszenz in „engrish“ verfasst. das wurde von einem user im forum kritisiert und neben den leider zu erwartenden zahlreichen unappetitlichen reaktionen darauf äußerte sich dann auch einer der beiden betreiber (beide asia-amerikaner) und merkte an, dass die fragliche quest bisher von 4 personen problematisiert wurde und 3 dieser 4 waren selber keine asiatInnen, also nicht selber betroffen.
    hier liegt dann doch ein relativ unüberwindbarer(?) konflikt vor – zum einen der vielfach formulierte standpunkt von PoC, die sich scharf gegen solche stereotypisierung aussprechen (der asiate, der die westliche aussprache nicht hinkriegt usw. usf.) und den PoC, die für sich auf das recht pochen, in solchen zusammenhängen scherzhaft (nicht boshaft) verarscht zu werden oder sich selber zu verarschen ‚wie jedeR andere auch‘.

    *argh* das ist alles SO ein kompliziertes themenfeld, ich hab immer das gefühl, knoten in die gehirnwiindungen zu kriegen, wenn ich anfang, mir darüber gedanken zu machen >.<

  34. distelfliege sagt:

    Viruletta, jetzt fällt mir nachträglich auch ein, was mich doch an dem Artikel gestört hat: Du schriebst, dass du es wichtig findest, nicht beurteilen zu wollen, was rassistisch ist und was nicht, und dass du bewusst die „Befindlichkeiten“ Schwarzer Menschen achten möchtest. Ich stimme dem nicht zu. Denn genau das, was ilith schrieb, ist die Folge davon – man will’s dann einer Fülle heterogener Befindlichkeiten Recht machen. Wie soll das gehen?
    Es ist doch gar nicht nötig, auf die „Befindlichkeiten“ Schwarzer Menschen zu hören – diese äussern nicht nur Befindlichkeiten, sondern bringen Argumente und machen transparent, was Rassismus ist und wie das System arbeitet. (Noah Sow in deinem Beispiel ja auch). Anstatt auf „Befindlichkeiten“ zu hören, braucht man nur der Argumentation folgen und dieser zuzuhören. Wenn man inhaltlich, sachlich, mit Argumenten aufgeklärt ist, was Schwarze falsch finden an z.b. Dreadlocks als linker Lifestyle-Frisur, ist es auch kein Problem, wenn verschiedene Schwarze da verschiedene Meinungen haben, und Unterschiede darin bestehen, wieviel Priorität das Thema für sie nun hat.

    Also, ich versuche halt die Argumente zu verstehen und offen für Lernerfahrungen zu sein und wenn mich etwas überzeugt, dann übernehme ich das…. das steht mir als Weißer sehr wohl zu, finde ich, nicht einfach was zu übernehmen, sondern erst mal mit Argumenten überzeugt werden zu wollen. Und diese Argumente werden mir ja genannt, ist ja nicht so, als würde irgendwer von mir verlangen, unhinterfragt auf Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen ohne zu wissen, wieso und warum.
    *grübel* ich hoffe, das kam halbwegs rüber, was ich meinte.

  35. Viruletta sagt:

    distelfliege, ich verstehe was du meinst, sehe das aber trotzdem als problematisch an. Natürlich gibt es genug Argumente gegen Alltagsrassismen und diese sollten dann selbstverständlich auch ernst genommen werden. Allerdings können diese nicht von allen Personen in jeder Situation hervorgebracht werden. Du selbst hast geschrieben: „jetzt fällt mir nachträglich auch ein, was mich doch an dem Artikel gestört hat“ – kannst also im nachhinein ein Gefühl artikulieren, was du vermutlich schon in der Situation des lesens empfunden hast. Ich kenne das auch aus eigener Erfahrung; ich fühle mich unwohl oder mir stößt etwas sauer auf, ohne dass ich genau sagen kann, warum. Vielleicht findet dann irgendwer anders die Worte und ich kann im nachhinein sagen: Danke, jetzt weiß ich, was mich gestört hat. Aber in dem Moment selbst war es mehr ein diffuses Gefühl des Unwohlsein. Auch das möchte ich dann jedoch artikulieren können und ernst genommen werden, ohne notgedrungen argumentativ überzeugen zu müssen.

  36. distelfliege sagt:

    Viruletta: Ich denke, dass das, was du sagst, ein Argument ist um z.b. in einer Gesprächssituation – oder in anderen flüchtigen Situationen – gegen z.b. rassistischen Sprachgebrauch zu intervenieren. Daß z.b. PoC sagen: „Das fühlt sich jetzt scheisse an für mich“ und in der Situaition selbst fällts einem wirklich noch nicht ein warum, und wenn dann was darauf hin interveniert wird, ohne dass man erstmal ne fertig ausgefeilte Argumentation hören will, warum das jetzt – toll, okay.
    Aber ich würde das nicht auf alle Situationen ausdehnen und vor allem nicht auf diejenigen, wo genug Zeit und Muße ist, um sich alles in Ruhe zu überlegen. Wo keine Notintervention ansteht. Wenn man die Zeit und Muße hat sich Argumente anzuhören oder sie zu lesen und sich zu informieren, dann halte ich das aus o.g. Gründen einfach für angebracht.
    Btw für diejenigen die sich wundern: Aufgrund von diesem Artikel ziert den deutschsprachigen Wikipedia Artikel über Dreadlocks jetzt das Bild von Whoopi Goldberg.

  37. digger_in sagt:

    Kultur ist flüssig und bedient sich der Menschen als Träger_innen ebensonötig wie andersrum. Wenn die Legitimation zum Verwenden von Kulturelementen etwas mit Hautfarbe zu tun hätte, hätte es dann nicht folglich etwas mit Geburt und nichts mit Erlernen zu tun? Nein, PoC sind ebenso wie reiche Asiat_innen legitimiert, sich Klassik, Techno, Kuffiyeh, Capoeira anzueignen und haben sich nicht nur auf den ihnen zugeschriebenen Kulturkreis zu begnügen. Ebenso haben sich priviligierte ODER subalterne „weiss“-Markierte nicht auf für sie zugeschnittene oder von ihnen selbst entwickelte Kulturelemente zu beschränken.

    Kulturelemente in der Linken sollten zudem als das verstanden werden, als das sie wohl gemeint sind (oder sein sollten): als Solidarisierung mit Aufständischen und als Bruch mit fixen Zuschreibungen.

  38. digger_in sagt:

    (danke aber für den artikel und die denkanstösse)

  39. Nadine sagt:

    @digger_in

    Ich verstehe nicht, woher der andauernde Impuls kommt, bei weiß und Schwarz an Hautfarben zu denken und nicht an politisch_soziale Positioniertheiten innerhalb eines asymmetrischen Machtverhältnisses, das sich Rassismus nennt. Es geht also ganz und gar nicht um Geburt, sondern um Aneignung von Widerstandssymboliken, wer sich diese aneignet, warum und wie diese Symboliken dann weiterhin gelesen werden. Dafür gibt es keine Regel à la „Kultur ist dies und jenes“, „Kulturelemente in der Linken sollten abcdefg“, sondern in welchen kulturellen Bedeutungsrahmen, der u.a. von Rassismus durchzogen, sich diese Aneignungen einbetten.

    Warum setzt du weiß in Anführungszeichen und nicht „Asiat_innen“? Ist letzteres keine Konstruktion für dich? Warum setzt du Subalterne mit weiß gleich?

  40. […] Ich habe gelernt, dass weiße Menschen mit Dreadlocks nicht nur Bürgerliche in disguise, sondern auch nicht so richtig anti-rassistisch sind. Kurz vor dem Weinen bin ich auch bei diesen ~edgy Überlebenskünstler_innen, die denken, sie […]