Einträge der Rubrik ‘Kultur’


Wie können wir ein feministisches Leben leben?

15. März 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 126 von 126 der Serie Die Feministische Bibliothek

Alle Jahre (Monate) wieder geht ein Quiz um, was ungefähr wie folgt aufgebaut ist. Frage: Findest du, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sein sollten? Wenn du auf „Ja“ klickst, wird dir gratuliert. Toll, du bist Feminist_in! (Eine andere Variation gibt es auf Are you a feminist?) Menschen schicken sich diese Tests zu. „Siehst du, du bist doch auch Feminist!“ Der Test ist leichtverdaulich, für Menschen, die nah an der Norm sind. Der Test tut kaum weh – jedenfalls nicht den vorherrschenden Machtverhältnisse, denn in dieser einfachen Frage werden eine ganze Reihe von gefährlichen und gewaltvollen Annahmen und Normen reproduziert: Frauen werden in Bezug auf Männer gesetzt, Zweigeschlechtlichkeit bleibt unangetastet und „Gleichberechtigung“ übertüncht auch schnell wirkliche Macht- und Gewaltfragen. Was ist der Effekt dieses Tests? Mobilisiert er Menschen? Eher nicht, stattdessen können Leute zurück auf das Sofa fallen und sich auf die Schulter klopfen: Ich bin sogar voll feministisch (und im Hintergrund summen Annahmen wie „Ich bin sogar voll feministisch, dafür muss man(n) nämlich gar nicht so militant, männerhassend, humorlos, krass, etc. sein“). Ist es ein feministisches Leben, wenn einfach dieser Quiz-Prämisse zugestimmt wird und weitergelebt wird?

Sara Ahmeds neustes Buch Living a Feminist Life geht der Frage nach, wie denn ein feministisches Leben aussehen kann. Dankenswerterweise aber macht sie gleich zu Beginn deutlich: Ein feministisches Leben rüttelt an vielen Gesellschaftsnormen und greift unterschiedliche Machtverhältnisse und deren Verknüpfungen an. Mit einem einfachen „Ja ja, Männer und Frauen sollen voll gleiche Rechte haben.“ möchte sie sich gar nicht mehr auseinandersetzen. Sie wendet sich bewusst an die humorlosen (oder besser als humorlos verstandenen) Feminist Killjoys, einen Begriff den Ahmed vor Jahren prägte. Die Grundannahme des Buchs macht sie in der Einleitung deutlich: Der Feminismus, um den es ihr geht, setzt sich auseinander mit Heterosexismus, Cissexismus, Rassismus und anderen Diskriminierungsformen. Sie schreibt:

Eine Feminist_in bei der Arbeit zu sein handelt davon (oder sollte davon handeln), wie wir gewöhnlichen und alltäglichen Sexismus, inklusive akademischen Sexismus, anfechten. Das ist nicht optional: Das ist es, was Feminismus feministisch macht. Es ist ein feministisches Projekt Wege zu finden, in denen Frauen in Bezug auf Frauen existieren können; wie Frauen in Beziehung zu einander sein können. Es ist ein Projekt, weil wir noch nicht da sind. […] Wie können wir die Welt zerlegen, die so aufgebaut ist, dass sie nur manche Körper fasst? Sexismus ist ein solches Fassungs-System. Feminismus erfordert Frauen dabei zu unterstützen, in dieser Welt zu existieren. […] Teil der Schwierigkeit der Kategorie Frau ist, was daraus folgt sich in dieser Kategorie zu befinden, und ebenfalls was daraus folgt sich nicht in dieser Kategorie zu befinden aufgrund des Körpers, den du dir aneignest, dem Begehren, welches du hast, den Wegen, denen du folgst oder nicht folgst. Gewalt kann auf dem Spiel stehen, wenn man als Frau erkannt wird; Gewalt kann auf dem Spiel stehen, wenn man nicht als Frau erkennbar ist.

Ahmed offeriert keine einfachen Antworten, kein „du denkst a, also bist du b“. Vielmehr geht es um die Erfahrungen und Tätigkeiten (aus denen wieder neue Erfahrungen erwachsen), die Feminist_in-Sein immer wieder herstellen. Sie gibt also keine simple Gebrauchsanleitung an die Hand, sondern beschreibt, lässt Gedanken wandern, stößt Gedanken an. Das Buch ist nach der Einleitung in vier weitere Teile aufgeteilt. Zunächst schreibt Ahmed in „Becoming Feminist“ über die Wege, die dazu führen sich feministisch zu positionieren, feministisch zu handeln und die Welt durch eine feministische Analyse-Linse wahrzunehmen. Im nächsten Teil („Diversity Work“) geht es konkret um „Diversitäts-Arbeit“, zum einen von Personen, die beispielsweise in Universitäten dazu konkret beauftragt sind, zum anderen aber auch um die alltägliche „Diversitäts-Arbeit“, die Menschen verrichten, die sich in Räumen aufhalten, deren Normen sie nicht (ganz) erfüllen. Im dritten Teil („Living the Consequences“) dann geht es Ahmed um die Konsequenzen im weitesten Sinne, die es hat oder haben könnte ein feministisches Leben zu führen. Anstatt einer einfachen Schlussfolgerung bietet Ahmed gleich zwei Dinge in ihrem letzten Kapitel an: Ein Überlebenskit für Feminist Killjoys und ein Killjoy Manifesto.

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Samstagabendbeat: Die Neudefintion der tragischen Frauengestalt mit Laura Marling

11. März 2017 von Charlott

But I was wild once
And I can’t forget it
I was wild, chasing stones

Semper Femina heißt das neuste, gestern erschienene Album der britischen Musikerin Laura Marling. „Semper Femina“ ist das Ende des Zitats „Varium et mutabile semper femina“ (Eine Frau ist ein stets launenhaftes und wandelbares Wesen) aus der Aeneis. Die beiden Wörter trägt Marling als Tattoo und nun also ein Album gleichen Namens, in dem sich die 27-Jährige ganz und gar Frauen zuwendet: ihren Geschichten, Beziehungen untereinander und Bezügen aufeinander (wenn sich das leider auch nicht wirklich in für das Album engagierte Musikerinnen und Produzentinnen niederschlägt).

Doch die Grundprämisse klingt nicht nur nach einer guten Idee, sondern in Song-Form auch nach guter Musik. „Next Time“ ist der zweite Song zu dem ein Video veröffentlicht wurde (bei dem Marling zu dem Regie führte) und beinhaltet visuelle Echos von Charlotte Perkins Gilmans Klassiker The Yellow Wallpaper. Das passt dann auch bestens zu Marlings Ziel, welches sie mit der Platte verfolgt: die tragische Frauengestalt neu zu definieren. Nicht etwa als schlichtweg zartbesaitet, unterwürfig, sondern als komplex – so wie das Leben halt.


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Playlist: Musik für den Frauenkampftag!

8. März 2017 von Nadia


Kein Frauenkampftag ohne Musik! Unsere illustre Playlist-Reihe wächst und wächst, und wir blicken bisher zurück auf Charlott`s Sound zum Frauenkampftag, Magda`s Beyoncé-Style-Playlist, Sabine`s Top 20 – Weil Ihr GROSSARTIG seid!, Anna-Sarah´s „Ist es lachen, ist es weinen – Lass es ungehorsam sein“ und einen weiteren Frauenkampftag-Soundtrack.

Lauryn Hill – Doo-Wop (That Thing)

Hole – Miss World

Liz Phair – Fuck and Run

Organized Noise ft. Andrea Martin & Queen Latifah – Set It Off

Missy Elliott & Da Brat – Sock It 2 Me

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während sie streiken …

8. März 2017 von Hannah C.

Das feministische Netzwerk möchte den vom Womans March angeregten Generalstreik der Frauen* am Frauen*kampftag, mit einer Blogparade begleiten.
Alle Informationen findest du hier – meinen Beitrag gibt es hier:

Am Tag ohne Frauen stehe ich an der Straßenbahnhaltestelle und fühle den Wind mit den Raspelrüschen an meinem Rock spielen.
Heute hau ich auf die Kacke, denk ich mir. Heute zerschmettere ich die Idee von mir als Frau. Alles sollen es sehen. ICH BIN KEINE FRAU!

Als ich mir das kurz vorher in meiner Wohnung vornehme, zupfe ich mein Beanie auf dem Kopf zurecht, das meine Haare heute bedeckt.
Da stehe ich vor dem Spiegel und nicke dem Spiegelbild zu.
Heute ist der Tag ohne Frauen. Und alle, die keine Frauen sind, werden einander heute sehen.
Hoffentlich.

Oh bitte bitte hoffentlich.
Hoffentlich bin ich nicht die einzige als Frau misgenderte Person, die sich heute raustraut.

In meiner direkten Wohnumgebung kenne ich niemanden di_er queer, trans, non-binary … ist. So laufe ich allein wie immer los und denke, wie schade das ist.
Doch was weiß ich, welche Person mich gerade sieht, obwohl ich sie nicht sehe? Vielleicht tue ich hier etwas, das Mut fassen lässt?
Das rede ich mir ein, bis ich es mir fast glaube. Immerhin den Weg zur Bahn schaffe ich so.

Da stehe ich und warte.
“Aufgrund des Generalstreiks kommt es heute zu Verzögerungen auf allen Linien” schnarrt es aus dem Lautsprecher.

Ich zögere auch.
Um die Reaktionen der Menschen an der Haltestelle zu hören, müsste ich mir den Superpowersoundtrack aus den Ohren nehmen, der mir gerade mein ganzes Selbstvertrauen vermittelt.
Ach scheiß was drauf, denke ich. Irgendwie hört man es doch jeden Tag. Wie irgendwer irgendwas über “die Frauen” sagt.

“Was fürn Streik?”, fragt der eine und dreht sich eine Zigarette. “Frauenstreik”, antwortet der andere und setzt mit einem feinen Lächeln dazu: “Is meine auch mit dabei, ne.”.
Der eine guckt. Der andere nickt. “Ja ha.”.

Ich gucke weg. Stecke meine Köpfhörer zurück in die Ohren. Das lief jetzt zu okay, um noch irgendetwas mehr zu hören. Ich will mir einreden, dass der andere „seine“ Frau unterstützt, vielleicht sogar feiert, dass sie mitmacht. Vielleicht sogar ein tieferes Verständnis davon hat, warum es wichtig ist, dass es diesen Tag gibt.

Ich wende mein Gesicht der Sonne zu und richte mich aufs Warten ein.
Da dringt ein Geräusch an mich. Der eine spricht mich an. “Hey”, sagt er und schaut mich unter gerunzelten Augenbrauen an. “Und was is mit dir? Zu fein zum Streiken oder wat?”.

Was soll ich jetzt sagen? Ich habe mir keine Antwort auf diese Frage überlegt.
Klar – es hat so viel Kraft und Überwindung gekostet bis hier her zu kommen, dass noch gar kein Platz war darüber nachzudenken, wie ich meine Anwesenheit so erkläre, dass sie legitimiert wird. Und zwar sowohl vor den Frauen, die heute nicht da sind – aber morgen, als auch vor den Verbliebenen, die heute, wie morgen da sind.

”Nö.” antworte ich deshalb.
“Nö” ist so lang wie Ja, aber doch Widerspruch. Es ist mein Hosentaschenriot. Mein “Nö.”.

“Was “Nö”? Is doch hier Frauentag – macht ihr euch da man nen schönen Tach!”, sagt er und lächelt, als würde er mir ein Stück Torte gönnen.
“Ah lass man – passt schon.”, winke ich ab und drehe mich wieder in die Sonne. Diesmal um mich von ihr verbrutzeln zu lassen.

Was ich denn für ne Pfeife bin, denke ich. Erst voll zu sich stehen und dann doch alles runterschlucken? Was geht?!
Andererseits: So eine fremde Person ist jetzt auch niemand, den es etwas angeht, zu welchem Gender ich mich zuordne. Ich kann nichts dafür, dass meine Identität nicht gleichermaßen normalisiert ist, wie die von Männern und Frauen, die sich auch als solche empfinden und einordnen.
Andererseits: Kann die Person denn was dafür? Vielleicht weiß sie gar nicht, dass es mehr gibt als “die Männer” und “die Frauen”?

Andererseits: Ich kann nur meine eigene Haut, mein eigenes Leben, mein eigenes Sein als Beweis dafür herzeigen, dass es Menschen wie mich gibt – was in einer Welt, in der der Einzelfall nicht zählt, ein hoher Preis ist.
Andererseits: Wenn es niemand sagt oder zeigt, dann wird es nicht gesagt oder gezeigt

Als die Bahn endlich einfährt und meine Hand es ist, die uns allen, die wir auf sie gewartet haben, die Tür öffnet, denke ich, dass ich ja da bin.
Ich bin präsent und sichtbar für die, die mich heute sehen können.

Und als ich mich hinsetze, werde ich erkannt.
Von Maria. Die – oder der? oder di_er? oder..? – drei Straßen weiter wohnt.


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Für die Glotze: Die besten Filme zum internationalen Frauenkampftag

7. März 2017 von Nadia
Dieser Text ist Teil 28 von 28 der Serie Die Feministische Videothek

Für heute, für morgen, für Stubenhocker_innen und Streikende und/oder für nach der Demo: Hier die Filmtipps für den internationalen Frauenkampftag!

1. Der Hexenclub (The Craft)

Kult-Klassiker aus dem Jahr 1996, der aber auch ordentlich auf die Mütze bekommen hat (und über den bis heute gestritten wird ob er nun feministisch ist oder nicht). Ich sage: Must see, love Nancy.

Verfügbar auf: Netflix

2. Kaffee. Milch und Zucker (Boys on the Side)

Roadmovie mit Whoopi Goldberg, Drew Barrymore und Mary-Louise Parker und einer der ersten wenigen Filme die ich als Teenie sah, in dem Freundinnenschaft höher bewertet wurde als Heten-Romanzenkram. Ein Evergreen für den internationalen Frauenkampftag. Taschentuchempfehlung.

3. Die unbarmherzigen Schwestern (The Magdalene Sisters)

Ein Film, der im Irland der 1960er Jahre spielt: Drei junge Frauen leben in einem so genannten „Magdalenenheim“ und ihre Geschichten geben Einblick in eine erzkatholische, restriktive Gesellschaft. Harter Tobak mit tollen Schauspielerinnen, nichts für schwache Nerven. (mehr …)


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Samstagabendbeat: Neues Joy Denalane Album!

4. März 2017 von Charlott

Sechs Jahre warten hat nun ein Ende: Gestern erschien endlich Joy Denalanes neustes Album Gleisdreieck! Gleisdreieck ist eine U-Bahnstation in Berlin. Im Interview mit der Berliner Morgenpost sagt Denalane:

Es ist die DNA von Joy Denalane, der Ort, der mich geprägt hat wie kein anderer. Davon habe ich viel mitgenommen. Das Gleisdreieck als Metapher finde ich außerdem poetisch. Bei dem Begriff denke ich an einen Umsteigebahnhof, eine Weggabelung, einen Ort des Abschieds und der Begegnung, und ein Bild für Bewegung.

Ab April geht Joy Denalane auf Tour. Alle Termine gibt es auf ihrer Webseite.


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Samstagabendbeat mit Shea Diamond „I Am Her“

25. Februar 2017 von Charlott

there is an outcast in everybody’s life and i am her

Shea Diamond ist eine Singer/Songwriterin aus Little Rock, Arkansas. Im letzten Oktober erschien ihre großartige Single „I Am Her“ und im Januar veröffentlichte sie noch einmal eine a cappela Version dieses Songs. In dem Video steht sie vor einem riesigen Bild, welches Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera protestierend zeigt. Zu dem Video schreibt Diamond:

I’m thankful that my trans sisters sacrificed in this movement so women like me are able to be whomever we choose. Marsha P Johnson, our founding mother, made it possible for us to take advantage of rights we never knew someone had to fight for. Now, as a trans woman of color, I’m free to be the artist I never dreamed I’d get the chance to be. I’m able to finish where they left off and give our youth something to believe in!


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Autos: Wenn Frauen nicht mehr fahren wollen

22. Februar 2017 von Nadia

Die deutsche Rennfahrerin Clärenore Stinnes umrundete als erster Mensch von 1927 bis 1929 mit einem serienmäßigen Personenwagen die Erde. Vorher war sie u.a. die erfolgreichste Rennfahrerin Europas. Kein Lebensziel für mich, ich fuhr lieber jahrelang erstmal überhaupt nicht mehr Auto.

Meinen Führerschein machte ich Ende 1997, Anfang 1998 in einer ortsbekannten und nahezu legendären Fahrschule in der Kleinstadt, in der ich aufwuchs. 20.000 Einwohner_innen, einspurige Straßen die man in Jugend- und Teeniejahren schon millionenmal mit dem Fahrrad abgefahren hatte, weites Land mit weiten Straßen, auf denen manchmal keine Autoseele rumkurvte. Mein Fahrlehrer war ein brummiger Meckerfritze mit ganz eigenem Humor, der es bei den Fahrstunden sehr genau nahm mit dem BERG ANFAHREN und der angenehmerweise überraschend wenig frauenfeindlich war, jedoch den einen oder anderen „Fliegender Teppich“-Witze in meiner Gegenwart riss. Doch was juckte es mich? Bald sollte ich den Führerschein haben, und das hieß: Erwachsen sein!

Kaum den Lappen in der Tasche, cruiste ich wie wild mit dem roten VW Golf III der Eltern durch die Stadt, später, als ich mich vor Studienbeginn bei der Lokalzeitung verdingte, durch andere ostwestfälische Kleinstädte, ohne Navi, ohne Karte, dafür gerne mit aufgedrehter Musik. Unvergessliche Fahr-Soundtracks: „Picture me rollin`“ von Tupac, „Just crusin`“ von Will Smith und bei Abend- und Nachtfahrten durch die gewohnten Straßen der Kindheit auch gerne mal „My Hometown“ von Bruce Springsteen. Alles war gut, das Auto war mein Freund, nur schlichen sich schon dort wahrscheinlich die ersten Fehlerchen als Wegbereiter der Kopfbremsen ein: Kaum Autobahnfahrten, wenig weite Strecken – aber nun gut, man war halt auf dem Dorf, und auf dem Weg zu Minipreis um für Mutter eine Kiste Wasser zu kaufen kann man schließlich auch nicht alles haben.

Furchtlos fahren auf dem Dorf

Ich fuhr ansonsten furchtlos, bei Tag und Nacht, bei Schnee und Eis, brachte Leute von A nach B, fuhr auf Scheunenpartys, parkte auf Ackern in denen der Matsch knöchelhoch stand, fuhr auch mal kilometerlang rückwärts wenn auf irgendwelchen Feldwegen nix mehr ging, fuhr auf den letzten Drücker zu irgendwelchen Pressekonferenzen von irgendwelchen Landpomeranzen in Städten in denen ich zuvor noch nie gewesen war, fuhr einmal den Außenspiegel des Golfs ab und es juckte mich gar nicht. Ich hielt meine Auto-Beziehung für absolut zuverlässig. Dann zog ich in die „große“ Stadt in der ich studierte. Und noch war nichts schlecht bei mir und den Autos. (mehr …)


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Rache an den Jägern und bräsigen Männlichkeitsvorstellungen – Ein blutig-feministisches Märchen

14. Februar 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 27 von 28 der Serie Die Feministische Videothek

Immer wieder hallen Schüsse durch den Wald. Aufgescheuchtes Wild rennt zwischen Bäumen durch die hügelige Landschaft: Rehe, Dachse, Wildschweine, Füchse. Die Tiere – mal aufgeschreckt, mal unheimlich starrend, mal gequält, mal in sich ruhend, mal korpulierend – sind fast so wichtige Darsteller_innen wie die ihnen an die Seite gestellten Menschen in Agnieszka Hollands aktuellem Film Pokot (Spoor), der derzeitig auf der Berlinale im Wettbewerb läuft.

In diesem Film, der sich als eine Mischung aus Krimi, Thriller, Märchen und hintersinnige Komödie darstellt, lebt die eigensinnige Duszejko (herausragend gespielt von Agnieszka Mandat), pensionierte Brückenbauingenieurin, die nun Englischunterricht in einer Schule gibt, in einem kleinen Ort im polnisch-tschechischen Grenzgebiet. Die Kinder lieben sie, ansonsten eckt die passionierte Tierschützerin und Astrologie-Überzeugte in dem von Jagd und Kirche dominierten Ort an. Duszejko, die es hasst bei ihrem Vornamen genannt zu werden, scheint ihre engsten Vertrauten in ihren beiden Hündinnen zu haben und gerade diese sind plötzlich verschwunden und tauchen nie wieder auf. Einige Zeit später entdecken Duszejko und Matoga, einer der wenigen (menschlichen) Freund_innen, die Duszejko hat, dass ein Nachbar tot ist. Wiederholt hatte zuvor Duszejko versucht gerade diesen Nachbarn wegen Wilderei anzuzeigen. Sein Tod ist der erste in einer Reihe von gewaltvollen Toden. Die (ausschließlich männlichen) Toten eint, dass sie passionierte Jäger waren und dass sie herausragende Stellungen in der Gemeinschaft inne hatten. An den Tatorten finden sich Tierspuren. Duszejko stellt die These auf: Hier rächt sich endlich das Tierreich!

So leicht wäre es gewesen, einen Film zu drehen, in dem das Publikum über Duszejko lacht. Doch stattdessen stellt sich der Film ganz auf die Seite seiner Protagonistin. Nicht sie scheint seltsam, sondern ihr jagdbesessenes Umfeld, in dem der Kinderchor in der Kirche über erlegte Rehe singt. Die jagenden Männer sind häufig korrupt und auch in andere Gewaltformen verstrickt, vom Polizeichef, über den Bürgermeister hin zum Fuchsfarm-Besitzer, der in seinem Haus zu dem ein illegales Casino und Bordell führt. Wenn der Dorf-Pfarrer Duszejko einen Vortrag hält, dass Gott den Menschen eben über Tiere gestellt habe, geht die Kamera ganz nah heran bis nur noch sein Mund die Leinwand füllt.

Duszejko ist nicht die einzige Figur, die sich nicht einpasst in diese kleine Welt: Eine junge Frau, die sie nur „Gute Nachrichten“ nennt, arbeitet für den Pelz-Produzenten, dies aber nur notgedrungen. Sie kann den Ort nicht verlassen, da sie um das Sorgerecht für ihren kleinen Bruder kämpft, der aus dem gewaltvollen Elternhaus in Kinderheim gebracht wurde. Matoga, der gute Freund, der vielleicht auch mehr für Duszejko empfindet, muss mit einer ganzen Reihe von Verlusten und einer komplizierten Familiengeschichte umgehen. Auch im Gefängnis hat er mal gesessen. Und dann sind da noch der tschechische Insektenforscher, der eine Sommeraffaire mit Duszejko eingeht und ein junger Mann, Dyzio, der für die Stadt arbeitet, aber Angst hat seinen Job zu verlieren, wenn bekannt wird, dass er mit regelmäßigen Krampfanfällen lebt.

(Ab hier Spoiler)

Prokot ist nicht nur in beeindruckenden Bildern gefilmt, sondern zeigt Außenseiter, die die Normen patriarchaler, *istischer Ordnungen in Frage stellen. Duszejko ist nicht nur Vegetarierin und eine ältere Frau mit Agency, sie wird auch als begehrenswert dargestellt, hat Sex hat und weiß es durchaus für sich auszunutzen, dass sie als die alte, schrullige Frau wegkategorisiert wird. Matoga passt auf der Oberfläche sehr viel besser in dieses Dorf, doch wenn er zwischen all den anderen Jägern in seiner bunten Kochschürze steht und später Duszejko auf einen Kostümball begleitet – er als Rotkäppchen, sie als Wolf, wird die starre, toxische Maskulinität der meisten anderen anwesenden Männer im Kontrast noch deutlicher. Das – häufig vollkommen sinnlose – Töten der Tiere und die Zerstörung der Umwelt inszeniert Holland nicht ausschließlich als eine Kritik an diesen konkreten Phänomenen, sondern lässt es darüberhinaus metonymisch einstehen für einen gesellschaftlichen Umgang mit dem vermeintlich Schwächeren und Anderen. Immer wieder wird deutlich, dass die im Ort von den Männern glorifizierte Jagd nur ein Teil der erdrückenden Gewalt ist.

Wenn Duszejko im Wolfskostüm zur Party fährt – ihr Wagen voller verdächtiger Dinge, bestätigt sich ein Verdacht, der sich nach und nach im Film einschleicht: Die Mörderin ist im Wolfspelz unterwegs, aber ganz und gar menschlich. Zu dieser Erkenntnis kommen nicht nur die Zuschauer_innen, sondern auch Matoga, „Gute Nachrichten“ und Dyzio. Die drei konfrontieren Duszejko just in dem Moment, in dem der (feministisch-traditionell auch als phallisch gelesen) Kirchturm brennt und die Polizei auf dem Weg zu ihrem Haus ist.

Und warum wird der Film auch als Märchen beschrieben? Sicher wegen der Stimmung, doch auch das Ende ist märchenhaft, denn weder lassen ihre Freund_innen Duszejko hängen noch wird sie von der Polizei überführt. Stattdessen gelingt ihr Dank die abenteuerliche Flucht aus dem Dorf und am Ende, da steht die Utopie. Im Haus des Insektenforschers (der den Ort vor allen anderen verlassen hatte, da seine Forschungen beendet waren) kommen sie alle am Mittagstisch im sonnendurchfluteten Esszimmer zusammen: Duszejko, der Forscher, Magota, „Gute Nachrichten“, ihr kleiner Bruder und Dyzio. Aufgetischt wird vegetarisch. Magota dekoriert den Tisch mit Kräutern und Blüten. Denn auch wenn Duszejko immer wieder im Film vorgeworfen wird, dass sie Tiere über die Menschen stelle, so ist es doch diese Wahlfamilie, die sich um ihren vielschichten Widerstand herum gebildet hat.

Agnieszka Hollands Film ist nicht ohne seine Schwächen, so werden Dyzios Anfälle voyeuristisch, dramatisch inszeniert. Doch Holland erzählt, auf Grundlage des Romans „Der Gesang der Fledermäuse“ von Olga Tokarczuk, eine Revanche-Geschichte mit romantischem Happy-End. Und manchmal braucht es vielleicht genau das.


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Samstagabendbeat mit Mpho Sebina

11. Februar 2017 von Charlott

Mpho Sebina ist eine botswanische Musikerin. Mit Mash-Up-Cover-Versionen hat sie sich bereits ins Herz vieler gesungen. „Loves Light“ ist ihr bisher einziger orginaler Song. An einem Album wird gearbeitet.


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