Rele…was? – Die Mär der objektiven Berichterstattung

von Charlott

Anlässlich der Flüchtlingsproteste und dem langen Schweigen der Mainstream-Medien hat Helga auf ihrem Blog drop the thought einen interessanten Eintrag verfasst. Als Antwort auf Dominik Rzepka vom ZDF, der etwas von bisher nicht erwiesener Relevanz geschrieben hatte, bemerkt sie:

Dafür [statt Berichten zu den tagesaktuellen Protesten] gab’s bis eben auf der Startseite unter „Netzkultur“ noch den Link auf eine „Ode an die E-Mail“. Relevanz, Betroffenheit oder Prominenz? Ich weiß es nicht. Am Ende wird klar: Wer nicht weiß, deutsch, männlich und cisgender ist, über den (oder die) wird nur bei besonders relevanten Dingen berichtet. Und das nicht mal kompetent. Von Journalisten, die bis heute im Vergleich zum Bevölkerungsschnitt erwiesenermaßen überdurchschnittlich weiß, deutsch und männlich sind. Ich nenne es die Relevanzblase.

An diese beschriebene Relevanzblase musste ich auch denken als ich das Buch „Ungleich mächtig. Das Gendering von Führungspersonen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in der Medienkommunikation“ (herausgegeben von Margreth Lünenborg und Jutta Röser) las. Hinter dem etwas sperrigen Titel verbirgt sich eine spannende Studie, in der die deutsche Berichterstattung mit unterschiedlichsten Methoden intensiv analysiert wurde.

Neben Analysen von Texten und Bildern wurden auch Journalist_innen zu ihrem Arbeiten befragt. Die meisten waren sich einig, dass sie eigentlich „nur“ versuchen die Gesellschaft adäquat zu spiegeln. So wurde beispielsweise die Schuld dafür, dass so wenig über Politikerinnen berichtet wird damit begründet, dass „die Politik“ es eben bis heute versäumt viele Politikerinnen hervor- und in wichtige Positionen zu bringen.

Nun ja. Wie erklärt sich dann aber folgendes Ergebniss der Studie: Die Wissenschaftlerinnen haben eine Aufstellung nach Häufigkeit der Nennung aller Minister_innen im Jahr 2008 (Untersuchungszeitraum waren 6 Monate) gemacht. Angela Merkel  führt diese Liste als Kanzlerin an. Und dann? Weiter nach Relevanz? Es scheint nicht wirklich so. Es folgen zu erst alle Minister und dann am Ende alle Ministerinnen. (Einzig der damalige Verteidigungsminister Jung rutschte hinter die Justizministerin Zypris.) Die Autorinnen schreiben:

[…] die klare Sortierung nach Geschlecht weckt Zweifel, dass die fachlichen Gründe diese Rangfolge verursachen. Es gibt zur Rechtfertigung solcher Hierarchien das Argument, es liegte am größeren Gewicht einzelner Fachressorts, die deshalb verstärkt in den Medien berücksichtigt würden, und es sei Zufall, wenn ein Mann davon profitiere. […] Dieses Argument kann angesichts der systematischen Sortierung – Männer oben, Frauen unten – nur schwerlich überzeugen. […] Zu bedenken ist sicherlich, dass einige der Minister zusätzlich herausgehobene Funktionen in ihren Parteien bekleiden, die für weitere Medienbeachtung sorgen. Wenn allerdings ein Verkehrsminister ohne derartige Funktionen vor sämtlichen Ministerinnen platziert ist, kann auch dieser Aspekt die Rangfolge nicht zufriedenstellend erklären.

Mit Helgas Worten ausgedrückt: Hier hat wohl auch die Relevanzblase „weiß, deutsch, männlich, cisgender“ zugeschlagen. Die Wissenschaftlerinnen sprechen in diesem konkreten Fall von einem „Nachrichtenfaktor ‚Geschlecht'“, welcher dazu führt, dass männliche Akteure bevorzugt werden.

Daran wird sich wohl auch nichts ändern, solange Journalist_innen glauben, sie würden objektiv Bericht erstatten (können) und dabei ganz außer Acht lassen aus welcher Position heraus sie Themen/ Wichtigkeit wahrnehmen und nach Relevanz bewerten, und so lange sie annehmen, dass es so etwas wie „objektive Relevanzkritierien“ überhaupt gibt. Wenn dann diese Entscheidungen noch in meist relativ homogenen Redaktionen (wie Helga ja auch schrieb) getroffen werden… Denn so stellte ein Redakteur der Zeit fest, dass es doch oftmals die Journalistinnen sind, denen häufiger auffällt, wenn bei der Themenplanung mal wieder keine Frau vorkommt. (Um andere Kategorien (wie beispielsweise race und Klasse, sowie deren Koppelungen) ist es in den deutschsprachigen Redaktionen mit Sicherheit noch schlechter gestellt.) Doch natürlich reicht es auch nicht ausschließlich Personen anderer Gesellschaftsgruppen in die Redaktionen zu bekommen, wenn sich an weiteren Strukturen und Debatten nichts ändert.




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Eintrag geschrieben: Montag, 5. November 2012 um 14:08 Uhr unter Medienkritik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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3 Kommentare

  1. Charlotte sagt:

    Sauber!! :)
    Und wiedermal in der Maedchenmannschaft mehr „relevantes“ gelernt als in den normalen Medien!
    Danke fuer den Artikel!

  2. Bettina sagt:

    hi, die Prof. heißt Lünenborg

  3. Charlott sagt:

    Huch, Vom Buchdeckel Abschreiben – da bin ich wohl etwas gescheitert. Danke für den Hinweis, hab ich korrigiert.