Mitten drin im Mainstreamdiskurs – Medienberichte zu Falschanschuldigungen

von Gastautor_in

[Inhalt: Im Text geht es um sexualisierte Gewalt und deren Verharmlosung durch Medien. V*rg*w*lt*g*ng wird wiederholt ausgeschrieben.]

Unsere Gastautorin Sarah Lempp ist Redakteurin bei „ak – analyse & kritik“.

„Vorgetäuschte Vergewaltigung“ – schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate prangte eine solche Schlagzeile auf der Süddeutschen Zeitung vom 22. Mai und warb damit für eine Reportage auf der prominenten Seite 3. Unter dem Titel „Geschichten aus dem Odenwald“ ging es dort um eine Lehrerin, die behauptete, von einem Kollegen vergewaltigt worden zu sein. Der Mann wurde verurteilt und saß seine Strafe ab, doch dann wurde das Verfahren nochmals aufgerollt und der Lehrer freigesprochen, weil ernsthafte Zweifel an der Geschichte der Frau aufkamen. Eine besondere Tragik bekam der Fall noch dadurch, dass der Beschuldigte ein Jahr nach dem Freispruch an einem Herzinfarkt starb – na, wenn das mal keine interessante Story ist!

Mir verdarb der Artikel allerdings schon beim Frühstück die Lust auf die Zeitungslektüre – zeichnete er doch mal wieder das klassische Bild der bösartigen Frau, die ihren männlichen Kollegen/Freunden/Verwandten schaden will, indem sie „einen auf Vergewaltigungsopfer macht“. Okay, die SZ ist kein ausgesprochen kritisches Blatt, aber doch eine der wenigen verbliebenen seriöseren Zeitungen in Deutschland, von denen ich mir einen anderen Umgang mit dem Thema erhoffen würde. Denn es mag solche Fälle immer mal wieder geben, aber sie sind eine verschwindend geringe Minderheit im Vergleich zu den tatsächlich stattgefundenen Vergewaltigungen. Indem die SZ Berichten über behauptete Vergewaltigungen so prominente Plätze einräumt, stimmt sie in den Mainstreamdiskurs ein, demzufolge Männer an jeder Ecke damit rechnen müssten, fälschlich als Vergewaltiger beschuldigt zu werden. Damit tritt sie gleichzeitig die vielen realen Betroffenen von Vergewaltigung mit Füßen – von denen sich sowieso nur eine Minderheit „traut“, die Tat anzuzeigen.

So werden in Deutschland laut einer repräsentativen Studie aus dem Jahr 2004 jedes Jahr zwischen 7.000 und 8.000 Vergewaltigungen polizeilich angezeigt, wobei davon ausgegangen wird, dass nur ca. fünf Prozent aller vergewaltigten Frauen dies auch anzeigen. Von den gemeldeten Vergewaltigungen werden nur ca. 13 Prozent gerichtlich verurteilt. Und auch jenseits solcher Statistiken gibt es zahllose Belege dafür, dass sexualisierte Gewalt in Deutschland viel weiter verbreitet ist als allgemein angenommen und dass Betroffene es sehr schwer haben, Gehör zu finden. Leser_innen der Mädchenmannschaft wird mensch dies kaum erklären müssen, aber das ist gemeint, wenn feministische Aktivist_innen von einer „rape culture“ sprechen – einer tief verankerten gesellschaftlichen Kultur, in der Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalt verharmlost werden, in der ein „Nein“ auch mal ein „Ja“ sein kann und in der den Tätern mehr Glauben geschenkt wird als den Betroffenen.

Die bekanntesten Beispiele aus dem letzten Jahr sind die Fälle Kachelmann, Strauss-Kahn und Assange, die von den Medien schnell zu Opfern geltungs- und rachsüchtiger Frauen stilisiert wurden. Mit ähnlich wenig Solidarität können Betroffene auch in weniger prominenten Fällen rechnen, wie es etwa die Kampagne „Ich hab’ nicht angezeigt“ im vergangenen Jahr deutlich machte. Diese sammelte Aussagen von Betroffenen sexualisierter Gewalt darüber, warum sie die Straftaten nicht angezeigt haben.

Solchen Personen Raum auf Seite 3 zu geben, wäre so viel angemessener, als der gängigen Behauptung Munition zu liefern, Falschbeschuldigungen seien „ein Massenphänomen geworden“ (Kachelmann). Vielleicht helfen ja Leser_innen-Briefe der SZ-Redaktion ein wenig auf die Sprünge: forum@sueddeutsche.de.




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 30. Mai 2013 um 9:13 Uhr unter Medienkritik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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9 Kommentare

  1. Es ist dermaßen zum Kotzen.

  2. Inge Kleine sagt:

    Vielen Dank für diesen Artikel – und dringende Weiterempfehlung an alle: letzter Absatz. Briefe schon in Arbeit!

  3. Claudia sagt:

    super, vielen Dank für den Artikel, wir waren noch am Formulieren….
    Claudia

    (Inge:)
    die Situation des betroffenen Mannes ist selbstverständlich bedauernswert, so wie die jedes von einem Fehlurteil betroffenen Menschen. Dennoch wissen Sie vermutlich selber nur zu gut, dass nur 1-3 % aller Anklagen wegen Vergewaltigung Falschbeschuldigungen sind. Wir fragen uns also, warum Sie eine der wenigen Ausnahmen in solch Ausführlichkeit schon zum wiederholten Male in solch exponierter Stellung (auf S. 3) bringen.

    Feministinnen, JournalistInnen, JuristInnen, Fachkräfte aus ärztlichen und therapeutischen Berufen haben schon viel in der Sichtbarmachung und Enttabuisierung des Verbrechens Vergewaltigung erreicht. Dennoch ist es offenbar für die Gesellschaft nach wie vor zu verunsichernd, sich mit den Fakten der sexuellen Gewalt gegen Frauen konfrontiert zu sehen.
    Sobald das Thema durch gezielte Aufklärungskampagnen etwas Aufmerksamkeit erreicht hat, kommen Gegenstrategien wie Ihr Artikel, die die Chancen einer sinnvollen Auseinandersetzung wieder zerstören und die vom Thema ablenken, die die Tatsachen verzerren, Randphänomene privilegieren und das eigentliche Problem marginalisieren.
    Diese Ablenkungsstrategien griffen leider schon in der Art der Auseinandersetzung mit den prominenteren Fällen des letzten Jahres. Jetzt startet anscheinend der Backlash wie beim „Missbrauch mit dem Missbrauch“. Stellen Sie sich so die Arbeit der Mainstream-Medien vor?
    Es würde der SZ gut anstehen, über die vielen tatsächlich stattgefundenen Vergewaltigungen ausführlicher zu schreiben und sich nicht vor den Karren der Maskulisten spannen zu lassen.

    (Teil 2, Christine:)
    Ja, die Justiz kann ein Leben zerstören, aber ist das nur dann bedauernswert, wenn es – vermutlich selten – einen unschuldig Verurteilten trifft? Zerstört die Justiz nicht auch Leben, wenn ein Tatopfer bzw. dessen Angehörige mitansehen müssen, dass ein Täter mit einem so geringen Strafmaß bedacht wird, das die Tat nur verhöhnt? Dass ein Täter durch Alkohol- oder Drogenkonsum oder eine schwere Kindheit entlastet wird? Dass einer vergewaltigten Frau Alkoholkonsum, eine schwere Kindheit oder auch ein „lockerer Lebenswandel“, „falsche“ Kleidung usw. wiederum vorgeworfen und quasi als Beihilfe zur Tat ausgelegt werden? Diese Fälle, in denen die Justiz Leben zerstört, dürften sehr viel häufiger vorkommen, sind aber in der Regel anscheinend nicht so interessant für die Presse.

    Dass die SZ hin und wieder auf spektakuläre Fälle hinweist, entschuldigt nicht das Versäumnis, über das „normale“ Verbrechen Vergewaltigung zu schreiben. Niklas Luhmann sagte: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ Das heißt, wenn die SZ den bedauerlichen Fall eines Justizirrtums ausführlich bespricht, bekommt dieser Fall eine hohe Aufmerksamkeit. Wenn gleichzeitig über „gewöhnliche“ Vergewaltigungen geschwiegen wird, müssen die LeserInnen den Eindruck bekommen, Vergewaltigungen kommen seltener vor als sie tatsächlich vorkommen, und dann passiert auch noch, dass jemand unschuldig verurteilt wird! Die Empathie wird also ganz eindeutig gelenkt. Die Presse ist nicht objektive Beobachterin, sondern „macht“ die Wirklichkeit bzw. das, was die LeserInnen dafür halten. Verkürzt lautet dann die unterschwellige Botschaft, Vergewaltigungen sind gar nicht so häufig, und wenn, dann liegt das auch irgendwie an der Frau, wenn, dann ist es weit weg (Kairo! Indien! Iran! Berlin!), und womöglich wird noch ein Unschuldiger beschuldigt (wie war das noch mit der Kachelmann-Geschichte?). Die Frau hat auf jeden Fall die schlechtere Presse.

    SZ Artikel:

    22..5.13 Hans Holzhaider
    Wieder derselbe Fall, Seite 3, eine ganze Seite groß, die Frau von hinten – mit langer roter (!) Perücke….„Geschichten aus dem Odenwald“

    25.4.13 Hans Holzhaider
    http://www.sueddeutsche.de/panorama/prozess-wegen-freiheitsberaubung-die-vergewaltigung-nur-eine-geschichte-1.1659137
    Prozess wegen Freiheitsberaubung Die Vergewaltigung, nur eine Geschichte
    Ein Lehrer kommt ins Gefängnis, weil er eine Kollegin vergewaltigt haben soll. Nach Ende seiner Haft findet er nicht zurück in sein Leben, er stirbt früh. Nun, zwölf Jahre danach, steht sein angebliches Opfer vor Gericht: Sie soll alles erfunden haben.

    5.10.12 „Die Zerstörung“ von Annette Ramelsberger
    Seite 3, eine ganze Seite groß

  4. Pupsi sagt:

    „…wobei davon ausgegangen wird, dass nur ca. fünf Prozent aller vergewaltigten Frauen dies auch anzeigen. Von den gemeldeten Vergewaltigungen werden nur ca. 13 Prozent gerichtlich verurteilt. “ Welche Studien zitierst Du da?

  5. hannah sagt:

    @pupsi: Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen“

  6. Claudia sagt:

    ich habe schon mal von Frau Ramelsberger von der SZ diese Antwort bekommen:

    From: Ramelsberger, Annette
    Sent: Friday, November 09, 2012 3:30 PM
    SZ Artikel „Die Zerstörung“ vom 5.10.12 von Annette Ramelsberger

    gerne antworte ich auf Ihren Leserbrief zu meinem Artikel über Horst Arnold, der zu Unrecht verurteilt wurde, eine Vergewaltigung begangen zu haben.
    Sie kritisieren, dass wir diesem Fall so breiten Raum geben und fragen nach den Gründen. Die will ich gerne erläutern:
    Es handelt sich um einen ganz krassen, außergewöhnlichen Fall, der noch dazu durch den Tod des Angeklagten ein tragisches Ende gefunden hat. Er ist ein Beispiel dafür, wie die Justiz ein Leben zerstören kann und sich der Staat in Form der hessischen Schulbehörden nicht einmal darum kümmert, die Folgen eines solchen Fehlurteils abzumildern. Diese Geschichte hat viele unserer Leser und Leserinnen sehr bewegt.
    Sie aber stellen einen Gegensatz her zwischen diesem außergewöhnlichen Fall und der Berichterstattung über Vergewaltigungsopfer. Und Sie werfen uns sogar vor, damit die Erfolge im Kampf gegen Vergewaltigung zu torpedieren. Das kann ich nicht nachvollziehen. Gerade die Süddeutsche Zeitung berichtet immer wieder über Gewalt gegen Frauen in Deutschland und in aller Welt. Egal, ob unsere Korrespondentin Sonja Zekri über sexistische Angriffe gegen eine Freiheitsdemonstrantin in Kairo schreibt, Karin Steinberger über von abgelehnten Liebhabern verätzte Frauen in Indien oder Constanze von Bullion über den Ehrenmord an einer jungen Berlinerin.
    Sie erwarten von der SZ offenbar, dass wir uns an die Seite von Aktivistinnen stellen und uns in eine Kampagne einreihen. Das werden wir nicht tun – nicht weil wir Ihren Einsatz nicht schätzen, sondern weil es unjournalistisch wäre. Schon Hanns Joachim Friedrichs, der große Fernsehjournalist, riet allen Berichterstattern: „Machen Sie sich nicht mit einer Sache gemein, auch nicht mit einer guten.“ So wollen wir es halten. Und das dürfen Sie von einer Qualitätszeitung auch erwarten.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Annette Ramelsberger
    Gerichtsreporterin

  7. Tonbandrolle sagt:

    Ich habe von dem Fall zuerst auf andere Art und Weise gehört: In einer TV-Dokumentation, (die ich erstaunlicherweise gesehen habe, kommt eher selten), von der ich leiser gerade nicht sagen kann, welcher Sender es war (falls ich es finde, verlinke ich es noch). Hier allerdings aus einem gänzlich anderen Blickwinkel, es gieng über Justizirrtümer. Diese sind, anders als weitläufig angenommen KEINE Seltenheit. Gerade in diesem Fall ist unmöglich schlampig gearbeitet worden.
    Ich war demnach zuerst überrascht, da ich den SZ-Artikel nicht kannte, kenne den jetzt und frage mich, wie der überhaupt publiziert werden konnte. Ungeheuerlich. Aber unsere Mediengesellschaft liegt ja schon lange in Trümmern, ein Land in dem der Stern eine Sexismusdebatte führen will, usw.

  8. Charlott sagt:

    @Claudia: Orrrr die Antwort ist ja auch ein großer Fail…

    Gerade die Süddeutsche Zeitung berichtet immer wieder über Gewalt gegen Frauen in Deutschland und in aller Welt. Egal, ob unsere Korrespondentin Sonja Zekri über sexistische Angriffe gegen eine Freiheitsdemonstrantin in Kairo schreibt, Karin Steinberger über von abgelehnten Liebhabern verätzte Frauen in Indien oder Constanze von Bullion über den Ehrenmord an einer jungen Berlinerin.

    Ja über sexualisierte Gewalt kann scheinbar super geschrieben, wenn es auch mit Zuschreibungen einhergeht, die nahelegen: Es trifft keine weiße deutsche Mehrheitsbevölkerung, weil entweder im Ausland (natürlich auch hier Ägypten und Indien), oder „Ehrenmord“ (Argh).

    Und das natürlich alles im Namen der Objektivität… Es ist schon traurig alles.

  9. accalmie sagt:

    …und das Absurde ist ja auch: die SZ ergreift dadurch ja eine Position im Gegensatz zu ihrer Darstellung. Wie Charlott schilderte, sind dieser und andere Fälle falscher Beschuldigungen (und vermeintlich falscher Beschuldigungen) eine ganze Seite wert; rape culture in deutschland aber nicht (sonst nur anderswo, wo entweder (noch) größere Gewaltexzesse stattfinden und/oder ein kulturelles Narrativ angewendet werden kann). Das verzerrt das Bild und ist eben kein „neutraler“ Journalismus „ohne Sache“ (was ja auch ein amüsanter Glaube ist, mal am Rande erwähnt), sondern die Berichterstattung verbindet sich hier mit „der Sache“ der „Normalzustände“ entweder verschweigenden oder verharmlosenden rape culture – auch, wenn Annette Ramelsberger das nicht „gut“ fände.