Mädchenväter

von Melanie

es gibt immer mal wieder situationen in diesem kleinfamilienkosmos, die mich – gelinde gesagt – überfordern. neulich wieder: ich war bei einem befreundeten heteropärchen zu besuch. bei kaffee und kuchen erzählte sie mir, im 5. monat schwanger, dass es vermutlich ein mädchen würde.

einige sätze später sagte der vater in spe so was wie: „und wenn die kleine mir mal mit nem jungen nach hause kommt, DER kann was erleben!“ irgendwas mit baselballschläger, der für diese fälle angeschafft würde und kreuzverhören folgte. und: er war nicht der erste mädchenvater, den ich so reden hörte.

was soll das? ich höre aus solchen sätzen folgendes:

– der vater glaubt, dass mädchen wird definitiv (sexuelles) interesse an jungs haben

– der vater glaubt auch, dass der junge irgendeine gefahr darstellt. für das mädchen? für ihn?

–  der vater glaubt auch, dass das mädchen nicht mit jungs umgehen kann, bzw. dass das mädchen sich zu sachen überreden ließe, die es nicht tun sollte

ich frage mich:

– glaubt der vater, dass jungs böswillig und rücksichtslos handeln und mädchen zu dingen überreden, die sie nicht tun wollen? wenn ja: warum?

– glaubt der vater, dass ’sein mädchen‘ rein und unschuldig bleiben müsste und keine eigenen körperlichen bedürfnisse habe, die es artikulieren darf?

bitte, erklärt es mir, liebe mädchenväter! und

ich wünschte mir:

– dass menschen mit erziehungsauftrag, seien es väter oder sonst wer, mädchen in ihrem selbstbewusstsein stärken.

– dass sie ihnen erklären, dass sie nichts tun müssen, um irgendwem zu gefallen oder geliebt zu werden.

– dass sie ihnen vermitteln, dass ihre sexuellen bedürfnisse ok sind (sofern sie welche haben), egal ob sie sich auf andere mädchen oder jungen richten.

– dass jungenväter ihren söhnen klar machen, dass sie nichts gegen den willen ihrer flirt-/knutsch-/sexpart_ner_innen tun sollen!




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Eintrag geschrieben: Freitag, 12. Juli 2013 um 15:32 Uhr unter Familien_politik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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21 Kommentare

  1. supatyp sagt:

    Als überglücklicher Tochtervater kann ich nur ahnen, dass mein Kollege da die etwas falschen Worte für etwas gewählt hat, das ihm Probleme bereitet. Diese „Witze“ habe ich damals ähnlich gemacht – und als dann der erste Typ in unser Leben trat, da war auf einmal alles ganz anders. Echt jetzt. Alles 1/2 so wild. (Hoffe ich.)

  2. leelah sagt:

    oh yes, immer gerne genommen.

    zu den von dir genannten gründen kommt aber auch noch, dass diese(!) väter einen gruseligen besitzanspruch auf ihre töchter zu haben glauben. und das finde ich richtig beängstigend.

  3. Anna-Sarah sagt:

    Was leelah sagt. Dieser überkommene Besitzanspruch, der da tradiert/aufrecht erhalten wird (und sei es nur mit flapsig und ironisch gemeinten Sprüchen wie im oben berichteten Beispiel) ist echt gruselig. Kennt man ja auch aus zig „romantischen“ Filmszenen, wenn der Junge(tm) das Mädchen(tm) zum Date abholt und Vati dann noch die Abnahme macht und guckt, ob er dem Typen seine Tochter denn auch „mitgeben“ kann und sowas. Und natürlich der Klassiker, beim Schwiegervater in Spe „um die Hand anhalten“, die der dann großzügig gewährt und seine Tochter dann am Altar (oder wo genau das auch immer statt findet, so genau kenn ich mich da nicht aus) ihrem künftigen Ehemann übergibt. Ja, und die „Dein Mädchenleben ist gefährlich, du musst beschützt werden, zumindest so lange wie du das nicht selbst kannst“-Rhetorik, die so viele von uns ihr lebenlang begleitet, sie geht offenbar schon pränatal los. Gruselig.

  4. Florian L. sagt:

    Väter machen sich halt Sorgen um ihre Töchter – und auch um ihre Söhne. Beginnt bei der Geburt und hält ein Leben lang an. Markige Sprüche wie oben sind bei vielen – so ist mein Eindruck – nur ein unbeholfener, misslungener Versuch, mit der eigenen Angst umzugehen.

  5. a light sneeze sagt:

    danke. so wahr.
    gern genommen auch der scherzhafte tonfall und das augenzwinkern. dasselbe übrigens, das auch bei „…oder bist du etwa schwul/lesbisch?“ eingesetzt wird.

    mein vater lächelnd zu mir, als ich siebzehn war:
    „du kannst anschleppen, wen du willst, keiner wird gut genug sein für meine (sic!) tochter.“

  6. Melanie sagt:

    aber ich will ja wissen, WAS ihm probleme bereitet?

  7. Melanie sagt:

    ich hab aber noch nie ein elternteil über den sohn sagen hören: wenn der mir mal mit nem mädchen nach hause kommt, die kann sich auf ein kreuzverhör gefasst machen?!?
    – sorgen, klar. patriarchale vorstellungen – nein, danke.

  8. Ronald sagt:

    Ist nich ganz so einfach. In der heutigen Gesellschaft wird dem Vater halt noch eine gewisse Beschützerfunktion zugeschrieben.
    Meiner Meinung nach (unter den herrschenden Rahmenbedingungen) auch zu Recht.
    Ich habe auch eine kleine Tochter (wird mit bald 12 nicht mehr ganz so klein sein) und ich bin mir hochgradig unsicher, in wie weit ich den schon signalisierten Kontaktwunsch der Tochter zu den Jungs/Männern limitieren bzw. kanalisieren soll kann.
    Im Endeffekt kann ich es ‚eh nicht kontrollieren und kann ihr nur die Freiheit geben ihre Erfahrungen selbst zu machen.

    Aber ehrlich, ich hätte gerne die Möglichkeit sie zu schützen.

  9. Lady Lukara sagt:

    So eine Einstellung klingt irgendwie nach dieser Keuschheitsring-Geschichte, wo „Daddy der einzige Mann in meinem Leben ist“, der dann vom heiratswilligen Traummann sozusagen abgelöst war… igitt.

  10. Paul sagt:

    Sohnmütter !
    Andersherum geht es auch. Für meine Mutter war auch kein Mädchen oder Später Frau die, die Für „Ihren“ Sohn wie eine Mutter wäre.

  11. supatyp sagt:

    Okay, Melanie (u.a.), es ist die Angst davor, dass vor dem Erreichen einer autonomen Lebenspraxis (einer autarken Alltagsgestaltung, eines selbstständigen Lebens) Ereignisse eintreffen, die dieses Erreichen verzögern oder – schlimmstenfalls – sogar verhindern. Und da gibt es u.a. Ereignisse, die – biologisch bedingt – nur die jungen Damen betreffen.

  12. Belinda sagt:

    Ich habe oft das Gefühl, dass manche Männer, die solche Kommentare abgeben nur auf sich selbst schließen. Sobald man(n) damit konfrontiert wird, dass da jetzt ein weibliches Wesen auf der Welt ist, um das es sich zu kümmern und zu sorgen gilt, wird einem wohl oft bewusst, wie schrecklich man(n) selbst mit Mädchen/Frauen umgegangen ist. Da kriegt man(n) plötzlich Panik, dass andere Jungs irgendwann genau so besch***en mit ihrer Tochter umgehen könnten, wie sie selber es früher mit den Töchtern anderer Väter getan haben.

    Ich würde gerne Bushido in 14 Jahren mal erleben. Der steht dann wohl immer mit der gezückten Knarre an der Bettkante seiner Tochter.

  13. Melanie sagt:

    @Ronald: Schützen – wovor? Und warum nicht ihr Vertrauen in ihre Bedürfnisse und Wünsche stärken? Und signalisieren: WENN da was ist, was Dir nicht gefällt – mach nicht mit und sag’s Deinen Eltern. Nur so ne Idee…

  14. Melanie sagt:

    @Paul: Genau – nicht gut genug. Aber nicht gefährlich oder bedrohlich. Ist ein großer Unterschied.

  15. Melanie sagt:

    @supatyp: welche sollen das sein? Schwangerschaft? Kann mensch da nicht über Verhütung reden? Gern auch mit den Söhnen

  16. Melanie sagt:

    @belinda: in die Richtung gingen auch meine Vermutungen – die eigenen Grenzüberschreitungen stehen plötzlich in einem ganz anderen Licht da, wenn sie an der eigenen Tochter begangen werden.

  17. illith sagt:

    @Melanie:
    ich kenn solche aussagen leider auch zur genüge und krieg da jedesmla nen massiven ekel-ausschlag.
    ich denke, es geht dabe einfach darum, dass in der gesellschaftlich vorherrschenden vorstellung von „sex“ es eben so ist, dass eine frau oder ein mädchen, dass das „mit sich machen lässt“, etwas von sich hergibt und ggf. beschmutzt/entwertet wird, außer das ganze findet in einer aufrichtig-romantischen „liebes“-konstellation statt. (anderfalls lässt sich „sich ausnutzen“, das gilt btw auch, wenn sie den sex initiiert hat). denn wir wissen: frauen/mädchen haben kein sex-sexuelles interesse an sich, sex ist etwas, das männer um jeden preis wollen und ‚gute‘ frauen sich entscheiden müssen, ob sie das risiko eingehen und es herausgeben – als zeichen ihrer zuneigung und liebe und auf die gefahr hin, dass ‚er‘ doch gar keine richtigen gefühle für sie und sie nur verarscht hat. (während ’schlechte‘ frauen es auch instrumentalisieren, um eigene interessen durchzusetzen oder materiellen profit daraus zu schlagen. wiederum aber nicht einfach aus reiner ‚triebbefriedigung‘).
    und verständlicherweise will kein vater, dass seine kleine prinzessin beschmutzt und ausgenutzt wird.

    der von Belinda erwähnte aspekt kommt noch hinzu, ich hab in dem zusammenhang auch schon den satz von männern gehört „ich weiß, wie jungs/männer sind!“.

    ergänzen würde ich da außerdem noch so eine daddy’s-girl-eifersuchts-kiste, wo platzhirschartig sofort ein konkurrenzverhältnis zwischen vater und freund/anwärter/interessent aufgemacht wird.

    wegen dem heterozentrismus: ich irgendeiner comedy-serie hab ich neulich erst einen vater die hoffnung oder den wunsch äußern gehört, seine tochter möge doch lesbisch sein.
    (lesben => kein richtiger sex => keine besudelung => keine männer-konkurrenz)

  18. Sina sagt:

    Besonders übel ist es bei einer Folge von „How I met your Mother“. Einer der Charaktere, Marshall, möchte keine Tochter, weil jeder Mädchenname für ihn nach einer Stripperin klingt- und dann wird er immer daran errinnert, dass seine hypothetische Tochter ein sexuelles Wesen werden könnte. Einsperren und tyrannisieren ist nicht genug, um dies zu unterdrücken. Nein, am besten gar keine Tochter, denn bei einem Sohn ist dies ja kein Problem.

  19. […] sein im Kleinfamilienkosmos? Kommt mir bekannt vor. Melanie von glücklichscheitern hat für die Mädchenmannschaft eine der Situationen beschrieben, die sie im Kleinfamilienkosmos überfordern. In ihrem Text […]

  20. Alex_a sagt:

    Wichtiges Thema! Hätte mir fast noch einen ein wenig längeren Artikel gewünscht, denn in diesen Sprüchen steckt wirklich fast alles, was es an patriarchalen Strukturen so gibt drin – vom erwähnten Besitzanspruch über das Absprechen jeder Fähigkeit zur Selbstbestimmung in einem Alter, in dem das gerade erlernt und ausgelebt werden sollte (oder gehen diese Väter ernsthaft davon aus, dass eine junge Frau* in der Pubertät nur deshalb einen Mann* mit nach Hause bringen könnte, weil sie sich dazu genötigt/unter Druck gesetzt fühlt?) bis hin zu der Annahme, die eigene Tochter könne weder ihre eigenen Grenzen und Bedürfnisse klar sehen, noch diese durchsetzen und erfüllen. Wenn dem so sein sollte, dürfte das zum Großteil daran liegen, dass es ihr ihre Eltern nicht beigebracht haben.

    Auch von mir (offen gesagt etwas verärgert) nochmal an supatyp: Wie wär’s denn damit, den eigenen Kindern (in der Tat gerne auch den männlichen*!!) beizubringen, wie Verhütung funktioniert und wie sie Verantwortung für sich und ihre Handlungen übernehmen, anstatt sie der Verantwortung durch Kontrolle, Fremdbestimmung und Verbote zu entheben?! Es ist nicht soo viel besser, wenn junge Menschen zwar keine Kinder zeugen, solange sie bei den Eltern leben und von diesen halbwegs kontrolliert werden (was im Übrigen beim Schwangerwerden so ziemlich unmöglich ist, es sei denn, das Kind wird 24 Std/d überwacht…sonst genügen ja 5 unbeaufsichtigte Minuten), dafür aber dann (ungewollt) sobald sie von zuhause geflüchtet sind, weil sie davor nicht für sich selbst überlegt haben, was SIE wollen, wenn es ihnen niemensch vorschreibt und dass sie dann auch verantwortungsbewusst mit Sex umgehen müssen. Einsperren und unter Zwänge setzen hat doch gerade im „Teenageralter“ (das mit 20 nicht vorbei sein muss) den Effekt, dass Verbote entweder heimlich unterlaufen werden oder aber, dass mensch, wenn die Verbote nicht mehr wirken, kein „Wertegerüst“ iSv innerer Sicherheit und Selbstwertgefühl besitzt, das eigenverantwortliche Entscheidungen unterstützt/erleichtert/ermöglicht.

  21. Jane sagt:

    schön auch, wie sich Supatyp hier im Kommentar, wenn es mal um konkrete Argumente und die Analyse von Rollenverhalten und männlichen Besitzansprüchen geht, mal wieder auf Biologismen zurückziehen (Frauen = werden ja schwanger, sic!), anstatt ihre Motivation für diese Impulse, ihre Töchter dominieren zu wollen, mal ernsthaft selbstkritisch zu hinterfragen.