Kicken gegen Korruption und Missbrauch: Frauenfußball in Nigeria

von Nicole


Fußballfrauen aus Nigeria in Deutschland: Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der Heinrich-Böll-Stiftung zur WM 2011 in verschiedenen deutschen Städten waren Diana Ajaine Asak, ehemalige Spielerin und heutige Trainerin, und Aisha Falode, Sportmoderatorin bei African Independent Television (AIT), im Mai unterwegs, um von ihren Erfahrungen im nigerianischen (Frauen-)Fußball zu berichten. Das Nationalteam des Landes bestreitet am 26. Juni das erste Spiel der WM gegen Frankreich, dann folgen die Auftritte gegen Deutschland und Kanada.

Rein sportlich betrachtet ist der Frauenfußball in Nigeria erfolgreicher als der der Männer. Die „Super Falcons“ sind das beste Frauenfußballteam des Kontinents, sie waren bei jeder WM dabei und können acht Titel bei Afrika-Meisterschaften vorweisen. Die Nachwuchskickerinnen, von denen einige auch im aktuellen A-Kader stehen, zogen vergangenes Jahr bei der U20-WM in Deutschland ins Finale gegen den (dann siegreichen) Gastgeber ein. Das war wenige Wochen, nachdem die Männer bei der WM in Südafrika sang- und klanglos ausschieden. „Die U20-WM war ein großer Erfolg, die Spiele wurden live gezeigt und als die Mannschaft ins Finale einzog, gab es viel Aufmerksamkeit“, sagt Sportjournalistin Aisha Falode.

Kein Geld für Frauenfußball
Diese Aufmerksamkeit, so berichtet sie aus ihrer Berufserfahrung, gibt es ansonsten jedoch zuallererst nur für den Fußball der Männer. Als sie über die WM 1999 in den USA (bei der Nigeria das Viertelfinale erreichte) Sonderberichte machen wollte, war ihr Programmchef nicht begeistert. „‘Wer soll das denn gucken?‘ hat er gefragt. Aber ich konnte mich schließlich durchsetzen. Ich habe mehrere Beiträge gemacht und die Leute haben es angeschaut.“ Aishas Falodes Lektion ist einfach: Dranbleiben. „Es ist ein harter Kampf, man muss immer wieder anklopfen, immer wieder die Leute nerven.“ Das gilt auch für den Verband, dort fehlen bisher Frauen (oder auch Männer), die sich stärker für Frauenfußball einsetzen. Aisha Falode selbst ist seit 2002 Mitglied im Medienkomitee der Confederation of African Football und hat Anfang des Jahres vergeblich für einen Posten in der Frauenfußball-Abteilung kandidiert.

Die Misswirtschaft und Korruption im Verband lässt auch den Frauenfußball nicht unberührt. Seit 1999 gibt die FIFA ihren Mitglieder vor, dass ein gewisser Prozentsatz der durch WM-Teilnahmen an die Landesverbände verteilten Gelder dort für Frauenfußball ausgegeben werden muss. 1999 waren dies noch bescheidene 5 Prozent, inzwischen liegt der Satz bei 15 Prozent. „Aber es ist egal, wie viel es ist, solange nichts davon ankommt, sondern in den Taschen der Funktionäre landet“, sagt Aisha Falode und berichtet von einer weiteren Ungerechtigkeit: Die Fußballer des Landes hingegen, die Super Eagles, erhielten bei der WM in Südafrika sogar für ihr verlorenes Spiel gegen Argentinien eine Siegprämie.

Nigeria ist nach den Maßstäben der FIFA kein Frauenfußball-Entwicklungsland, es hat nicht nur ein erfolgreiches Nationalteam, sondern auch eine Liga mit 20 Klubs und Auswahlverfahren für die „Super Falcons“ und den Nachwuchs der „Falconets“. Dennoch sind die Trainings- und Spielbedingungen weit entfernt von europäischen Verhältnissen. Auch für die Nationalmannschaft fallen Trainingslager wegen mangelnder Finanzierung aus, werden einfach mal Anreisen für Spielerinnen, die in Europa spielen, nicht gezahlt. Neben dem Verband und dem mangelnden Interesse der Medien sind die fehlenden Sponsoren ein großes finanzielles Problem.

Frauenrolle vs. Fußball
Aufbauarbeit an der Basis leistet Diana Ajaine Asak. Sie ist selbst ehemalige Fußballerin, stand vor dem Sprung in die nigerianische Nationalauswahl, als sie einen schweren Autounfall hatte. Jetzt promoviert sie in Lagos in Sportpsychologie und arbeitet als Trainerin von Mädchenteams. Sie beschreibt das Engagement der Mädchen und deren Hoffnungen, die sie selbst auch kennt: „Sie wollen einfach spielen, aus Liebe zum Fußball.“ Es ist schon einiges besser geworden in den letzten Jahren, seit der Zeit, als Diana selbst gespielt hat. Dennoch bleibt es auch heute schwierig als Trainerin. „Viele Eltern haben Angst und wollen ihre Töchter nicht zum Fußball lassen. Sie sorgen sich, dass die Mädchen dann nicht mehr die traditionelle Frauenrolle erfüllen könnten – heiraten, Kinder kriegen, sich um den Haushalt kümmern.“ Das sind Sorgen, die in allen Landesteilen da sind und die Teilnahme von Mädchen am Fußball erschweren. Im islamischen Norden des Landes kommt hinzu, dass das Fußballspielen für die Mädchen nur mit dem Hijab möglich ist.

Ein gravierendes Problem ist der sexuelle Missbrauch von jungen Spielerinnen durch Trainer, männliche Trainer wohlgemerkt, denn Frauen in diesem Amt gibt es nicht in der Liga. Auch die Nationaltrainerin Eucharia Uche ist erst seit Kurzem im Amt „Die Spielerinnen wagen es nicht, über den Missbrauch zu sprechen, aus Angst, dann aus dem Team zu fliegen“, sagt Sportjournalistin Aisha Falode. „Es wäre die Verantwortung der Medien, das zu thematisieren, aber es ist sehr schwierig, wenn die Betroffenen nicht darüber sprechen wollen oder können.“ Immerhin hat die nigerianische NGO „Search and Groom“ dieses Thema in einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Böll-Stiftung zur Geschlechterungleichheit auf die Tagesordnung gesetzt. Erstes Resultat war die Gründung einer Interessen­gruppe aus Medien- und Gesellschaftsvertretern und Fußballspielerinnen. Ein gutes Abschneiden bei der WM – das heißt womöglich der Einzug ins Viertelfinale – würde ihre Position sicher stärken. Zu sehen sind die Spiele der nigerianischen Frauen auf jeden Fall, sie gehörten zum TV-Rechte-Paket des Turniers der Männer im vergangenen Jahr.

Zum Thema Geschlechter(un)gerechtigkeit im nigerianischen Fußball hielt Aisha Falode im März diesen Jahres einen Vortrag in Lagos. Eine Übersetzung findet sich hier.




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Eintrag geschrieben: Montag, 30. Mai 2011 um 13:00 Uhr unter Inspiration. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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3 Kommentare

  1. thinkpunk sagt:

    Was hier und überall anders auch, fehlt, ist ein Hinweis darauf, dass die Trainerin der Nationalmannschaft erst vor kurzem zu Protokoll gegeben hat, dass es in ihrem Team keine Lesben gibt und auch nicht geben wird. Ich hab Unterschiedliches darüber gelesen, ob tatsächlich Spielerinnen ausgeschlossen wurden oder „nur“ so ne Art Don’t Ask Don’t Tell verhängt wurde, aber egal wie ist das starker homophober Tobak. Also bei allem Anfeuern, dass sich in Sachen Gleichberechtigung von Männer- und Frauenfußball in Nigeria (worum es in dem Vortrag von Falode geht, der bei Böll dokumentiert ist) demnächst was tut, darf doch nicht untergehen, dass an der Spitze des Frauennationalteams Homophobie zum offiziellen Programm gehört. Sexismus und Homophobie im Frauensport sind 2 Seiten einer Medaille, das eine kann nicht bekämpft werden, indem man_frau_sonstige das andere propagiert.

    Der beste Lesestoff zum Thema: http://fromaleftwing.blogspot.com/2011/05/depression-of-super-falcons-fan.html (Wie das ganze Blog überhaupt.)

  2. Nicole sagt:

    Danke für den Hinweis auf die Artikel. Ich gehe mal davon aus, du wolltest nicht sagen, dass der Text oben Homophobie propagiert.

  3. thinkpunk sagt:

    Nein, natürlich nicht. Hab mich gefreut das Thema hier zu sehen. Ich finde es nur insgesamt ziemlich krass, wie wenig Homophobie im Frauenfußball im Vorfeld dieser WM thematisiert wird. Und speziell der Fall von Nigeria ist so eindeutig und vorsätzlich homophob, dass es mich wundert, dass da nichtmal auf den politischen oder feministischen Blogs davon die Rede ist. Deswegen wollte ich es einschieben.
    Das ist halt genau der Punkt mit Sexismus und Homophobie im Frauensport. Wir Anhänger_innen (böse pauschalisiert) sind immer noch so dankbar, dass unserer Sparte überhaupt Aufmerksamkeit geschenkt wird, dass wir uns über jede Gleichberechtigungsbestrebung von heterosexuellen Frauen und Männern freuen und nicht hinterfragen, mit welchen Mitteln und auf wessen Kosten das möglicherweise geht. Ich hoffe natürlich, dass sich der Frauenfußball in Nigeria weiterentwickelt, größer, besser und lukrativer wird, aber bei diesem Turnier mit dieser Trainerin bin ich sicher kein Cheerleader.