Heute wird Alice Schwarzer 70 Jahre alt und eigentlich wollte ich dazu nicht viel sagen. (Um genau zu sein hat Nadia das schon perfekt zusammengefasst.) Aber andere haben zu dem Anlass natürlich ganz viel zu erzählen. Zum Beispiel im Radio.
Gleich zwei Mal habe ich so heute erfahren, dass es mich nicht gibt. Das hat mich verwundert. Nicht, dass dies in den deutschen Medien verbreitet wird. Aber als ich so an mir herunterschaute, auf meinen Bauch, meine Beine, mich in den Oberarm kniff, da fühlte ich mich doch sehr existent.
Doch welchen besseren Anlass hätten die Medien finden können als den Geburtstag „der deutschen Feministin“, um alle anderen Feminist_innen wegzuschreiben und wegzureden. Eine Taktik, die ja sowieso nicht unbeliebt ist: Alice Schwarzer wird zu einem Thema interviewt und schon ist die feministische Perspektive da.
Wahrscheinlich gab es einige Jubelsprünge in den Redaktionen dieses Landes, dass ganz hilfreich für die Medien auch noch ein Buch herauskommt, in dem eine Autorin über Alice Schwarzer schreibt und das nichts mehr ist von „der Frauenbewegung“. Das Buch heißt „Alice im Niemandsland, Wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor“ und die Autorin Miriam Gebhardt. Deutschland Radio Kultur nahm dankend den hingeworfenen Köder an und rezensierte heute. Radio Eins hatte gleich Gebhardt zu Besuch.
In Deutschland, weiß Gebhardt, haben wir eine Monokultur, wo es nur Alice Schwarzer gibt. Eigentlich wiederspricht sie sich auch, wenn sie zugesteht, dass ab und an einmal „junge Frauen“ Bücher veröffentlichen würden (scheinbar auch die einzig legitime Form als Feminist_in), aber diese hätte keine Relevanz. Es gibt also keine Feminist_innen nach Schwarzer. Und die, die es gibt, haben keinen Einfluss. Vielleicht muss ich das nicht verstehen. Aber ich sehe genau, was hier passiert: Verschiedene Medien nehmen genau die Narrative auf, die gut ins Bild passt. Und da wird dann bei Deutschland Radio Kultur geschrieben:
Miriam Gebhardt fordert deshalb eine Abkehr vom „Schwarzer-Feminismus“ und plädiert dezidiert für eine echte Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Problemen.
Und wieder blicke ich mich um. Da sehe ich Blogs, huch ich tippe gerade sogar in einem, die sich täglich mit „zeitgenössischen Problemen“ beschäfftigen. Da sehe ich LaDIY-Feste und Zines. Ich höre feministische Bands. Alles sehr aktuell. Alles sehr real. Und alles sehr abkehrend von vielen von Schwarzers Thesen. Nur sehr anders, als was sich das Gebhardt vielleicht vorstellt.
Denn statt Radikalität wünscht sie sich bei Radio Eins lieber kleinere Forderungen zu stellen und schiebt da den Feminist_innen der 70iger Jahre in die Schuhe, dass wir bis heute die Abtreibungsregelungen haben, die wir haben. Sie haben eben damals zu viel gewollt. Und die heutigen Gegner_innen werden mal wieder erst gar nicht benannt. Außerdem solle doch auch den Männern gezeigt werden, dass Feminismus toll für sie ist. Denn Feminismus bringe ja für beide Geschlechter etwas. (Bzw. für alle. „Einige sprechen ja heute sogar von mehr Geschlechtern“. Danke für diese aktuelle Einsicht).
Ein bißchen „Was ist mit den Männern?“, ein wenig „Früher war eben auch alles so krass, kein Wunder, dass das heute keine_r mehr gut findet“. Eine gut verdauliche Dosis für die Mainstream-Medien. Gut kalkuliert von Gebhardt.
Aber mich gibt es trotzdem. Und ich weiß, dass es schon immer unterschiedliche feministische Gedankenströmungen in Deutschland gab. Weiß, dass das Wellenmodell, wie es ja auch von Gebhardt runtergebetet wird, unzureichend und ausschließend ist. Weiß um meine Existenz, meine Kämpfe. Und die vieler anderer Feminist_innen unterschiedlichster Hintergründe. Ideen und Kämpfe, die nicht immer zusammenpassen. Die sich mal ausschließen. Eben Vielfalt. Und wenn ich davon nichts in den Mainstream-Medien finde, dann auch deshalb, weil sie statt die These, dass es keine andere Feminismen gibt, zu überprüfen, lieber dazu beitragen, dass dieses Bild in der breiten Öffentlichkeit so bleibt.

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