„Feminismus? Vielleicht, wenn die Chemo um ist“

von Gastautor_in

Im Mädchenblog hat LisaCalisa einen Text über Queer, Feminismus, Pathologisierung und Behinderung geschrieben, den wir hier mit freundlicher Genehmigung gern noch einmal veröffentlichen. Für Austausch, Vernetzung und Stimme steht euch wie immer die Kommentarfunktion zur Verfügung.

Awareness-Handicap

Wir sind da. Wir sind mitten unter euch. Wenn es geht. Aber habt ihr uns schon gesehen? Wir sind nicht viele…

Wir sind die Subgruppe „Krank“. Queer und „krank“. Passt das? Es ist auf jeden Fall nicht das hot topic. Und wird auch nicht gern gesehen. Versteckt euch nicht mehr! Versteckt nicht mehr euer Anderssein. Versteckt nicht mehr eure Narben und Wunden, eure Glatzen, eure Mäkel, eure Ängste und Erfahrungen. Es kann so schnell gehen. Ein Unfall, eine Diagnose, ein Röntgenbild, ein Blutwert und Zack, du wirst in eine Welt aus Medizinern, Krankenhäusern, MRTs, Cts, OP- Tischen, Narkosen, Einwilligungen zum Risiko zu Sterben, Medikamenten, Nebenwirkungen, Reha und endlosen Wartezeiten katapultiert. Schwerbehindertenausweis. Ich? Vielleicht bist du schon immer hier. Gehörlos. Blind. Queer? Das spielt im Krankenhaus keine Rolle. Kämpfen für den Feminismus? Vielleicht, wenn die Chemo um ist. Demonstrieren gehen? Ja, wenn die Entzündungen weg sind. Hier wirst du nach deiner Konfession gefragt und ob dein Ehemann an deinem Bett sitzt.

Du wirst rausgezogen aus deiner queeren Welt, die du dir selbst gebastelt hast. Als Einsiedlerkrebs musst du gerade da weiterkämpfen, wo du dich sowieso schwach fühlst. Mit Glück findest du ein paar coolere Leute. Die dich so nehmen, wie du bist.

Wir reden über Mehrfachdiskrimnierung. Über Frauen, MigrantInnen, Alter, Klasse, Mütter, Queers… Wo sind die handicapped people? Wieso verstecken wir uns immer noch? Wieso werden regelmäßig Gehörlose, Blinde, körperbehinderte, geistig behinderte, psychisch vielfältige Personen ausgeschlossen? Wieso bedecken wir unsere Narben? Wieso verstecken wir unser Anderssein? Wieso müssen wir immer den nervigen Blicken stand halten…“Was hat DIE denn bloß?!“. Warum sprechen wir nicht über die Begegnung mit dem Tod? Weil es den anderen Angst macht? Was ist mit Diskriminierung und Ausschluss im „Schutzraum“?

Wir müssen öfter Nein sagen- das geht nicht, weil…, ich kann heute nicht, denn ich muss noch…, das schaffe ich nicht, weil….Ich muss aufpassen..Ich kann nicht kommen, es ist nicht barrierefrei,…Wir sagen es nicht gerne. Und schon gar nicht gerne den Grund.

Würde: Das ist etwas, das wir uns auf dem Gebiet der Homo/Trans*/Queerphobie erkämpfen. Aber wo ist die Würde, wenn dich auf einmal jeder Arzt anfassen darf, wenn dir jeder auf die Brust schauen darf, wenn deine Venen zerstochen werden, wenn du kotzt vor Beruhigungsmitteln oder dem ganzen anderen chemischen Scheiß. Wenn du nur noch eine Nummer bist, eine Akte oder noch besser: Kapital. Und vielleicht schon ein Leben lang.

Ihr seid schön!
Ihr seid schön mit euren raspelkurzen Haaren, mit den abgeschnittenen Brüsten. Mit den Narben, die sich an jeder Stelle des Körpers befinden können. Mit den Prothesen, mit der Gebärdensprache, mit den Rollstühlen und dein Einstichnarben an den Armen, am Bauch. Mit dem Gehstock, mit eurer ICD 10 Diagnose und mit eurem Tablettendöschen. Mit all euren Erfahrungen. Und all euren Kämpfen.

Hinweis: Heute und kommende Woche finden Veranstaltungen gegen Trans*- Pathologisierungen in Berlin statt, wo u.a. zu Patient_innenverfügungen, ICD 10 und Psychatrie kritisch diskutiert wird.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 14. Oktober 2011 um 9:00 Uhr unter Gewalt. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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7 Kommentare

  1. Galumpine sagt:

    Toller Artikel, toller Link, strange Zusammenstellung.

  2. Magda sagt:

    @Galumpine

    Kannst du kurz erklären, was du mit „strange Zusammenstellung“ meinst?

  3. L sagt:

    Die strange Zusammenstellung drängt sich mir auch ein wenig auf. Der Text, den ich wirklich toll finde, dreht sich für mich um Krankheit und Behinderung oder / und das, was Gesellschaft darunter versteht und welche Ausschlüsse sich daraus auch in Queeren / Feministischen / Politischen Zusammenhängen und deren Schutzräumen ergeben.
    Der Artikel handelt aber bis ganz unten nicht von Trans* und auch nicht von Pathologisierung und Trans*.
    Deswegen ist das Enden mit dem Link zur Veranstaltung wirklich etwas „strange“ und die dadurch erstmal entstehende (mal vorsichtig formulierte) Gleichsetzung von Krankheit und Trans* problematisch.

    Wenn man die Veranstaltung hinter dem Link kennt, wird das alles denke ich etwas deutlicher, da auf dieser nicht ausschließlich zu Trans*, sondern auch zu Psychatriekritik, ICD 10 und Patient_innenverfügung u.a. diskutiert wird.
    Vielleicht würde eine kennzeichnung dessen die „strange Zusammensetzung“ nicht mehr so strange erscheinen lassen?

  4. Irene sagt:

    A propos Gesundheit: Für manche Allergikerin und Asthmatikerin ist eine Veranstaltung barrierefrei, wenn sie rauchfrei ist.

  5. Nadine sagt:

    @L

    Das „strange“ ergibt sich daraus, dass vieles im Text mitunter implizit thematisiert wird – also welche „Themen“ und welche „Gruppen“ angesprochen werden. Ich habe den Link noch einmal deutlicher gekennzeichnet, danke für das Feedback.

  6. GwenDragon sagt:

    Ich finde, wir sollte weniger über Barrierearmut reden als über Gewaltfreiheit in der Medizin und den Heilberufen.
    Eine Barriere gesund zu bleiben/zu werden ist die Ignoranz mancher Heilberufler wenn eine behindert, lesbisch und Frau ist.
    Es ist grauenhaft wie Inhalte des alten Buches „Geschlecht: Behindert. Besonderes Merkmal: Frau“ immer noch stimmen.

    Feminismus? Vielleicht? Ja, wenn ich Zeit und Geld habe und menschenwürdig leben kann.

  7. Etwas, was ich nun schon mehrmals beobachtet habe, ist, dass manche Menschen irgendwie für ihre eigene Anerkennung kämpfen, indem sie versuchen, sich von anderer Andersartigkeit abzugrenzen. In einem solchen Falle bekommt z.B. eine queere Person mit psychischen Problemen von anderen queeren Personen etwas in Richtung „Unsre Identitäten/Orientierungen sollen akzeptiert & nicht diskriminiert werden, aber sich die Arme aufzuschneiden – bitte!?“ vermittelt, & von anderen Personen mit psychischen Problemen etwas in Richtung „Wenigstens wissen wir, dass wir Mann oder Frau sind“. (Die Beispiele habe ich mir in der Form jetzt ausgedacht.)