Das Urheber-Paradoxon

von Susanne

Zufällig bin ich im Internet auf diese Anzeige des Klamotten-Herstellers Tally Weijl gestoßen:

tally_weijl

Wäre der Claim "Totally bescheuert!" nicht vielleicht der passendere?

Mein erster Gedanke war: Uärks. Schon wieder so eine hirnlose Werbung der Schweizer Billigschneiderei. „Liebe mich, ich bin doch so hübsch angezogen!“ ist die – vermutlich wie alles heute irgendwie ironisch gebrochene – Botschaft, die für Umsatz sorgen soll. Und diese Botschaft ist so jenseits von Gut und Böse, dass mich mein zweiter Gedanke richtig überraschte:

Würde man das Firmenlogo entfernen und das Bild zwischen Arbeiten von Cindy Sherman in einer Galerie hängen, gefiele es mir außerordentlich gut! Ich fände es witzig. Pointiert. Wahr.

So scheint Ironie die Ironie der Ironie zu ironisieren. Oder so.




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 12. August 2009 um 9:59 Uhr unter Körper, Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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13 Kommentare

  1. femi sagt:

    Diese Kleidermarke finde ich als Schweizerin und junge Frau eine Beleidung. Sie haben Grössen, in die nur Magersüchtige passen (eine 40 ist etwa eine normale 36). Werbung, die jeder anderen sexistischen Werbung den Rang abläuft. ABER: was man auch sagen muss ist, dass diese Kleiderkette über wahnsinnig viele Arbeitsplätze verfügt, die meistens von Frauen besetzt werden. Sie gibt schulisch schwachen jungen Frauen die Möglichkeit, in den Filialen zu Arbeiten (weil deren Noten für eine Ausbildung nicht reichen), unterstützt sie in der Ausbildung (falls sie sie doch in Angriff nehmen wollen) und ermöglicht auch mit nicht linearen Biografien Filialleiterin zu werden. So hat jede Medaille zwei Seiten!

  2. ping sagt:

    @femi
    Das können die sich noch so breit auf die Fahne schreiben, die Arbeitsbedingungen werden genauso bescheuert sein wie bei H&M, Colloseum, New Yorker, etc.

  3. femi sagt:

    Die Arbeitsbedingungen sind sicher nicht das tollste, aber besser als Arbeitslosengeld / Sozialhilfe beziehen und gar keine Perspektiven haben.

  4. Laura sagt:

    wenn das bild von einer feministischen künstlerin (?) ausgestellt würde, wäre ja die botschaft auch eine andere. da tally weijl bekannt ist (und weil wir die spielregeln der werbung kennen), wissen wir alle, dass diese werbung nicht wirklich ironisch gemeint ist – und deswegen ist es übel.
    wäre es keine werbung, sondern kunst, könnten wir sicher sein, dass mit diesem bild genau diese lebenshaltung in frage gestellt wird. und damit würden wir es mögen.

    ich denke, dass dieses ambivalente immer da ist – schliesslich können zwei gleiche sätze oder zwei gleiche bilder verschiedene botschaften aussenden, sie sind damit kontext bezogen – und was wir gut finden, ist eben eigentlich der kontext…

  5. Susanne sagt:

    @ Laura: Gut gesagt! „Wir finden den Kontext gut, nicht das Bild.“

  6. Gary sagt:

    @Femi

    genau weil Perspektiven gibt es nur durch Lohnarbeit und dann lieber täglich ausgebeutet werden als etwas Sinnvolles mit der zeit zu machen.

  7. teslanova sagt:

    f*ck m*ch-werbung eben…
    obszön und werbewirksam… die verdienen ihr geld, weil sie ihre zielgruppe erreichen, kapitalismus eben.

    sexistisch ?
    ach, ist es wohl nicht…

  8. ping sagt:

    Ich stimme Gary einfach mal zu, dann muss ichs nicht auch nochmal schreiben.

  9. illith sagt:

    wie reizend.
    ja, tally und ihre werbung…
    http://www.theedgeofreality.ch/Bilder/Tally.jpg

    igitt

  10. Peter sagt:

    Hmm, also die Firma bezeichnet sich selber wie folgt: „TALLY WEiJL ist ein international operierender Modekonzern. Die Kerntätigkeiten liegen in den Bereichen Design, Herstellung und Verkauf von sexy Mode für Girls.

    Entsprechend dieser Zielgruppe „Girls“ wird auch das Marketing abgestimmt sein. Es scheint eine Nachfrage nach „sexy Mode“ zu geben und die Werbung wird wohl ein Identifikationsbedürfnis bedienen. Sonst wäre sie ja rausgeworfenes Geld für das Unternehmen ;-)

    Das „Uärks“ kann sich ja eigentlich also nicht auf das Unternehmen beziehen (das letztlich einfach nur Gewinn machen möchte) sondern darauf, das es eine bedeutende Zielgruppe dafür gibt.

    Mit dem letzten Absatz löst sich dieser Widerspruch dann auf: das Motiv wird gutgefunden (Könnte sogar in einer Kunstaustellung hängen); schlecht erscheint anscheinend nur, dass ein Unternehmen aus der Eitelkeit und Selbstdarstellungssucht von Frauen Kapital schlägt.

    Fändet ihr es besser, wenn die „Girls“ sich ihre „sexy Klamotten“ selber nähen müssten, weil sowas nicht beworben und verkauft werden darf?

  11. ping sagt:

    Was ist denn hier in letzter Zeit los?
    Ständig wird hier versucht hinter jeder noch so plumpen Sexismuskacke einen ehrenwerter Ansatz zu labern und am Ende dann eine blöde Frage gestellt.

    Ja, ich fänds total gut wenn alle „Girls“ sich ihre Klamotten selber nähen müssen, ihre eigenen Schafe, Baumwollfelder bestellen, Beeren zum Färben sammeln, das wär echt dufte. /ironie

    Zusammenhang wo bist du?

  12. Laura sagt:

    @Peter
    Nein, wie gesagt, in der Kunstausstellung fänden wirs gut, weils dann ironisierend das Thema „Frauen werden nur geliebt wenn sie hübsch sind“ kommentieren würde.

    Negativ an dieser Werbung ist, dass sie nicht versucht jungen Mädchen so viel Selbstbewusstsein zu geben, dass sie danach tragen, was sie persönlich schön finden (und wenn sie dann sexy Kleidung schön finden, ists ja auch okay!), sondern dass sie diese Klamotten nur tragen, damit sie dadurch etwas Selbstbewusstsein bekommen, dass die Männerblicke an ihren Oberschenkeln hängen bleiben.

    Was soll übrigens dieses „try me“?! Ist ja eklig!

  13. Emily sagt:

    @Gary:

    Klar ist es besser, etwas Sinnvolles mit seiner Zeit anzufangen als ausgebeutet zu werden. Aber die Frage ist, ob du von diesem Sinnvollen auch leben kannst, egal ob du nun Geld verdienst oder dich mit einem autarken Bauernhof selbst versorgst. Ich will nur nicht mit meinen Steuern für die Selbstfindungstrips anderer Leute bezahlen.
    Also bevor das Mädel mit der abgebrochenen Hauptschule Geld vom Staat bezieht, weil sie lieber den ganzen Tag mit ihren Freundinnen von diesem Geld bei Tally W. shoppen geht, soll sie dort arbeiten.