Einträge von Charlott


21. März. Tag für die Beseitigung der rassistischen Diskriminierung.

21. März 2017 von Charlott

Am 21. März 1960 versammelten sich rund 20.000 Menschen in Sharpeville um gegen die Passgesetze des Apartheid-Regimes in Südafrika zu protestieren. Der Protestzug zieht Richtung Polizeistation und wird von Beginn an von der Polizei gegängelt. Mit dem Vorwand jemand hätte Steine geworfen, beginnt dann die Polizei in die Menge zu schießen. Panik bricht aus. Es werden 69 Menschen getötet, viele weitere (teils schwer) verletzt. Seit 1966 ist der 21. März als Gedenktag an das Massaker offiziell von den Vereinten Nationen zum Tag für die Beseitigung der rassistischen Diskriminierung* ernannt.

Dass Deutschland ein Rassismusproblem hat, ist nichts neues. Da wäre alles rund um den NSU, die Ermittlungen zu diesem und das noch laufende Gerichtsverfahren. Da wäre Racial Profiling (in unterschiedlichen Gewändern) und Polizeigewalt, bis hin zu Mord wie beispielsweise in den Fällen von Oury Jalloh und Christy Schwundeck. Natürlich auch insbesondere Polizeigewalt gegen trans Personen of Color. Das gescheiterte NPD-Verbot und die AfD. Eigentlich alle Debatten und Gesetzgebungen rund um Asyl und Flucht (und den Umgang mit protestierenden Geflüchteten) – sowie die regelmäßigen Angriffe auf Unterkünfte von Geflüchteten. Die bis heute nicht genügend aufgearbeitete Kolonialzeit – und die fehlenden handfesten Konsequenzen, die aus einer Aufarbeitung folgen müssten. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen mit Stichworten wie Blackface-Debatte zum Beispiel.

Selbst die Vereinten Nationen stellen regelmäßig in ihren Berichten fest, dass Rassismus in Deutschland fest strukturell verfestigt ist. Lesenswert sind dazu auch die zivilgesellschaftlichen Hintergrundpapiere: Die IniRromnja schreibt dort zu Rassismus gegen Rrom*nja und Sinti*zza, Damaris Uzoma (ISD e.V.) zu Rassismus gegen Schwarze Menschen, Dr. Bilgin Ayata „Zur rassistischen Mordserie des NSU und der Rolle des Staates“ und Bea Cobbinah zu Rassismus gegen LSBTQI of Color, um nur einige Beispiele zu nennen.

Eine Übersicht mit deutschlandweiten Veranstaltungen, die heute und in den nächsten Tagen stattfinden, gibt es bei Internationale Wochen gegen Rassismus. Auseinandersetzung mit Rassismus aber findet natürlich ganzjährlich statt. Aus diesem Grund hatte Sharon vor zwei Jahren ihre „ganz persönliche „top ten“ an Weiterbildungs- bzw. Empowerment-Empfehlungen (in Deutschland)“ zusammengestellt.

* Ich halte es bei der Bezeichnung wie Sharon, die dazu schrieb: „*Im Original „Rassendiskriminierung.“ Ich habe es geändert um deutlich zu machen, dass es keine biologischen Rassen gibt. Wirklich nicht.“


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Equal Pay Day: Feministische Ökonomiekritik für jeden Tag im Jahr

18. März 2017 von Charlott

Heute ist Equal Pay Day. Also jener Tag im Jahr, der den Verdienstausfall von Frauen in Deutschland symbolisiert. Vielerorts finden heute Aktionen statt, die alle auf einer Aktionslandkarte der Equal Pay Day-Seite zusammengestellt sind. Dort gibt es gleich auch noch Tipps für unterschiedliche Aktionsformen.

Eine Hand hält fünf 10€-Scheine vor einer roten Wand.

Money, money, money.

Dinge, über die wir am heutigen Equal Pay Day und allen anderen Tagen nachdenken und diskutieren könnten:

  • Gehaltsdiskriminierung findet nicht nur aufgrund von Sexismus statt, sondern auch Rassismus, Ableismus, Cissexismus etc.
  • Welche Arbeit wird als Arbeit gewertet und gesellschaftlich anerkannt?
  • Wenn diskutiert wird, was getan werden kann, damit Menschen in gleichen beruflichen Positionen gleich viel verdienen, sollte auch darüber gesprochen werden, wie der grundlegende Zugang zu unterschiedlichen Jobs überhaupt gestaltet ist.
  • Eine Forderung nach „Gleichem Lohn für gleiche Arbeit“ kann keine Diskussion darüber ersetzen, warum bestimmte Berufe sehr viel besser bezahlt sind als andere.
  • Wenn wir über Zugang zu Lohnarbeit sprechen, denken wir dann auch an Geflüchtete, denen dieser Zugang verwehrt wird oder Menschen mit Behinderungen, deren Möglichkeiten zum Verdienst auf unterschiedliche Weise beschränkt und verunmöglicht wird?
  • Wie können wir sinnvoll, kritisch über Lohnarbeit, Leistungsdruck und der Maxime von Produktivität sprechen?

Diese Themen und Fragen (und natürlich noch viel mehr) sind nicht neu. Feministische Ökonomiekritik (und andere kritische Ökonomiebetrachtungen) setzen sich damit aus einander. Für einen Leseeinstieg, habe ich hier unsere Equal Pay Day Leseliste von 2014 etwas überarbeitet:


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Wie können wir ein feministisches Leben leben?

15. März 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 126 von 126 der Serie Die Feministische Bibliothek

Alle Jahre (Monate) wieder geht ein Quiz um, was ungefähr wie folgt aufgebaut ist. Frage: Findest du, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sein sollten? Wenn du auf „Ja“ klickst, wird dir gratuliert. Toll, du bist Feminist_in! (Eine andere Variation gibt es auf Are you a feminist?) Menschen schicken sich diese Tests zu. „Siehst du, du bist doch auch Feminist!“ Der Test ist leichtverdaulich, für Menschen, die nah an der Norm sind. Der Test tut kaum weh – jedenfalls nicht den vorherrschenden Machtverhältnisse, denn in dieser einfachen Frage werden eine ganze Reihe von gefährlichen und gewaltvollen Annahmen und Normen reproduziert: Frauen werden in Bezug auf Männer gesetzt, Zweigeschlechtlichkeit bleibt unangetastet und „Gleichberechtigung“ übertüncht auch schnell wirkliche Macht- und Gewaltfragen. Was ist der Effekt dieses Tests? Mobilisiert er Menschen? Eher nicht, stattdessen können Leute zurück auf das Sofa fallen und sich auf die Schulter klopfen: Ich bin sogar voll feministisch (und im Hintergrund summen Annahmen wie „Ich bin sogar voll feministisch, dafür muss man(n) nämlich gar nicht so militant, männerhassend, humorlos, krass, etc. sein“). Ist es ein feministisches Leben, wenn einfach dieser Quiz-Prämisse zugestimmt wird und weitergelebt wird?

Sara Ahmeds neustes Buch Living a Feminist Life geht der Frage nach, wie denn ein feministisches Leben aussehen kann. Dankenswerterweise aber macht sie gleich zu Beginn deutlich: Ein feministisches Leben rüttelt an vielen Gesellschaftsnormen und greift unterschiedliche Machtverhältnisse und deren Verknüpfungen an. Mit einem einfachen „Ja ja, Männer und Frauen sollen voll gleiche Rechte haben.“ möchte sie sich gar nicht mehr auseinandersetzen. Sie wendet sich bewusst an die humorlosen (oder besser als humorlos verstandenen) Feminist Killjoys, einen Begriff den Ahmed vor Jahren prägte. Die Grundannahme des Buchs macht sie in der Einleitung deutlich: Der Feminismus, um den es ihr geht, setzt sich auseinander mit Heterosexismus, Cissexismus, Rassismus und anderen Diskriminierungsformen. Sie schreibt:

Eine Feminist_in bei der Arbeit zu sein handelt davon (oder sollte davon handeln), wie wir gewöhnlichen und alltäglichen Sexismus, inklusive akademischen Sexismus, anfechten. Das ist nicht optional: Das ist es, was Feminismus feministisch macht. Es ist ein feministisches Projekt Wege zu finden, in denen Frauen in Bezug auf Frauen existieren können; wie Frauen in Beziehung zu einander sein können. Es ist ein Projekt, weil wir noch nicht da sind. […] Wie können wir die Welt zerlegen, die so aufgebaut ist, dass sie nur manche Körper fasst? Sexismus ist ein solches Fassungs-System. Feminismus erfordert Frauen dabei zu unterstützen, in dieser Welt zu existieren. […] Teil der Schwierigkeit der Kategorie Frau ist, was daraus folgt sich in dieser Kategorie zu befinden, und ebenfalls was daraus folgt sich nicht in dieser Kategorie zu befinden aufgrund des Körpers, den du dir aneignest, dem Begehren, welches du hast, den Wegen, denen du folgst oder nicht folgst. Gewalt kann auf dem Spiel stehen, wenn man als Frau erkannt wird; Gewalt kann auf dem Spiel stehen, wenn man nicht als Frau erkennbar ist.

Ahmed offeriert keine einfachen Antworten, kein „du denkst a, also bist du b“. Vielmehr geht es um die Erfahrungen und Tätigkeiten (aus denen wieder neue Erfahrungen erwachsen), die Feminist_in-Sein immer wieder herstellen. Sie gibt also keine simple Gebrauchsanleitung an die Hand, sondern beschreibt, lässt Gedanken wandern, stößt Gedanken an. Das Buch ist nach der Einleitung in vier weitere Teile aufgeteilt. Zunächst schreibt Ahmed in „Becoming Feminist“ über die Wege, die dazu führen sich feministisch zu positionieren, feministisch zu handeln und die Welt durch eine feministische Analyse-Linse wahrzunehmen. Im nächsten Teil („Diversity Work“) geht es konkret um „Diversitäts-Arbeit“, zum einen von Personen, die beispielsweise in Universitäten dazu konkret beauftragt sind, zum anderen aber auch um die alltägliche „Diversitäts-Arbeit“, die Menschen verrichten, die sich in Räumen aufhalten, deren Normen sie nicht (ganz) erfüllen. Im dritten Teil („Living the Consequences“) dann geht es Ahmed um die Konsequenzen im weitesten Sinne, die es hat oder haben könnte ein feministisches Leben zu führen. Anstatt einer einfachen Schlussfolgerung bietet Ahmed gleich zwei Dinge in ihrem letzten Kapitel an: Ein Überlebenskit für Feminist Killjoys und ein Killjoy Manifesto.

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Kund_innenkontakt und die Firma kann das Kopftuchtragen verbieten?

14. März 2017 von Charlott

Unter Umständen, so hat der Europäische Gerichtshof nun entschieden, können Arbeitgeber_innen ihren Mitarbeiter_innen das Tragen eines Kopftuchs untersagen. Dazu braucht das Unternehmen eine interne Richtlinie, die untersagt sichtbare religiöse (und andere weltanschaulichen) Symbole zu tragen, und gute Gründe.

Gute Gründe? Beim Europäischen Gerichtshof wird dort von Kund_innenkontakt und dem Firmenwunsch nach der Ausstrahlung von Neutralität gesprochen. Doch was ist Neutralität? Neutralität umschreibt zu meist eigentlich nur eine gesellschaftliche Norm, etwas das nicht benannt werden muss und darum „neutral“ scheint. Abweichung von der Norm gefährden dann ganz schnell die Neutralität. Interessanterweise hat das Bundesverfassungsgericht bei seinem Urteil zu einer Lehrerin, die ein Kopftuch während des Unterrichts tragen wollte, festgestellt, dass Neutralität an staatlichen Schulen auch als „übergreifend, offen und respektierend“ verstanden werden kann. Das wäre zu mindestens mal eine interessante Umdeutung von Neutralität.

Auf so eine Umdeutung aber geht der Europäische Gerichtshof nicht ein. Aber natürlich hat er gesagt, dass die Unternehmen keine spezifischen Symbole verbieten dürfen, sondern die Richtlinie sich auf alle Symbole gleichermaßen beziehe muss. Das in der Praxis nachzuweisen wird sicher schwierig. Es ist davon auszugehen, dass besonders Musliminnen mit Kopftuch betroffen sind. (Es ist ja auch kein Zufall, dass zwei Musliminnen ihre Verfahren bis zum Europäischen Gerichtshof gebracht haben und nicht etwa Männer, denen gekündigt wurde, weil sie eine Kette mit einem Kreuz trugen.)

Die Human Rights Watch Untersuchung über die verschiedenen Ländergesetze zum Neutralitätsgebot für deutsche Lehrer_innen und Angestellte des öffentlichen Dienstes aus dem Jahr 2009 war auch passenderweise überschrieben: „Diskriminierung im Namen der Neutralität“ und zeigte, wie insbesondere Musliminnen, die ein Kopftuch tragen, betroffen sind. Neutralität ist kein neuer Vorwand. Der Europäische Gerichtshof hat nun Firmen eine Tür zur Diskriminierung geöffnet.


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Samstagabendbeat: Die Neudefintion der tragischen Frauengestalt mit Laura Marling

11. März 2017 von Charlott

But I was wild once
And I can’t forget it
I was wild, chasing stones

Semper Femina heißt das neuste, gestern erschienene Album der britischen Musikerin Laura Marling. „Semper Femina“ ist das Ende des Zitats „Varium et mutabile semper femina“ (Eine Frau ist ein stets launenhaftes und wandelbares Wesen) aus der Aeneis. Die beiden Wörter trägt Marling als Tattoo und nun also ein Album gleichen Namens, in dem sich die 27-Jährige ganz und gar Frauen zuwendet: ihren Geschichten, Beziehungen untereinander und Bezügen aufeinander (wenn sich das leider auch nicht wirklich in für das Album engagierte Musikerinnen und Produzentinnen niederschlägt).

Doch die Grundprämisse klingt nicht nur nach einer guten Idee, sondern in Song-Form auch nach guter Musik. „Next Time“ ist der zweite Song zu dem ein Video veröffentlicht wurde (bei dem Marling zu dem Regie führte) und beinhaltet visuelle Echos von Charlotte Perkins Gilmans Klassiker The Yellow Wallpaper. Das passt dann auch bestens zu Marlings Ziel, welches sie mit der Platte verfolgt: die tragische Frauengestalt neu zu definieren. Nicht etwa als schlichtweg zartbesaitet, unterwürfig, sondern als komplex – so wie das Leben halt.


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Samstagabendbeat: Neues Joy Denalane Album!

4. März 2017 von Charlott

Sechs Jahre warten hat nun ein Ende: Gestern erschien endlich Joy Denalanes neustes Album Gleisdreieck! Gleisdreieck ist eine U-Bahnstation in Berlin. Im Interview mit der Berliner Morgenpost sagt Denalane:

Es ist die DNA von Joy Denalane, der Ort, der mich geprägt hat wie kein anderer. Davon habe ich viel mitgenommen. Das Gleisdreieck als Metapher finde ich außerdem poetisch. Bei dem Begriff denke ich an einen Umsteigebahnhof, eine Weggabelung, einen Ort des Abschieds und der Begegnung, und ein Bild für Bewegung.

Ab April geht Joy Denalane auf Tour. Alle Termine gibt es auf ihrer Webseite.


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Samstagabendbeat mit Shea Diamond „I Am Her“

25. Februar 2017 von Charlott

there is an outcast in everybody’s life and i am her

Shea Diamond ist eine Singer/Songwriterin aus Little Rock, Arkansas. Im letzten Oktober erschien ihre großartige Single „I Am Her“ und im Januar veröffentlichte sie noch einmal eine a cappela Version dieses Songs. In dem Video steht sie vor einem riesigen Bild, welches Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera protestierend zeigt. Zu dem Video schreibt Diamond:

I’m thankful that my trans sisters sacrificed in this movement so women like me are able to be whomever we choose. Marsha P Johnson, our founding mother, made it possible for us to take advantage of rights we never knew someone had to fight for. Now, as a trans woman of color, I’m free to be the artist I never dreamed I’d get the chance to be. I’m able to finish where they left off and give our youth something to believe in!


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Rache an den Jägern und bräsigen Männlichkeitsvorstellungen – Ein blutig-feministisches Märchen

14. Februar 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 27 von 28 der Serie Die Feministische Videothek

Immer wieder hallen Schüsse durch den Wald. Aufgescheuchtes Wild rennt zwischen Bäumen durch die hügelige Landschaft: Rehe, Dachse, Wildschweine, Füchse. Die Tiere – mal aufgeschreckt, mal unheimlich starrend, mal gequält, mal in sich ruhend, mal korpulierend – sind fast so wichtige Darsteller_innen wie die ihnen an die Seite gestellten Menschen in Agnieszka Hollands aktuellem Film Pokot (Spoor), der derzeitig auf der Berlinale im Wettbewerb läuft.

In diesem Film, der sich als eine Mischung aus Krimi, Thriller, Märchen und hintersinnige Komödie darstellt, lebt die eigensinnige Duszejko (herausragend gespielt von Agnieszka Mandat), pensionierte Brückenbauingenieurin, die nun Englischunterricht in einer Schule gibt, in einem kleinen Ort im polnisch-tschechischen Grenzgebiet. Die Kinder lieben sie, ansonsten eckt die passionierte Tierschützerin und Astrologie-Überzeugte in dem von Jagd und Kirche dominierten Ort an. Duszejko, die es hasst bei ihrem Vornamen genannt zu werden, scheint ihre engsten Vertrauten in ihren beiden Hündinnen zu haben und gerade diese sind plötzlich verschwunden und tauchen nie wieder auf. Einige Zeit später entdecken Duszejko und Matoga, einer der wenigen (menschlichen) Freund_innen, die Duszejko hat, dass ein Nachbar tot ist. Wiederholt hatte zuvor Duszejko versucht gerade diesen Nachbarn wegen Wilderei anzuzeigen. Sein Tod ist der erste in einer Reihe von gewaltvollen Toden. Die (ausschließlich männlichen) Toten eint, dass sie passionierte Jäger waren und dass sie herausragende Stellungen in der Gemeinschaft inne hatten. An den Tatorten finden sich Tierspuren. Duszejko stellt die These auf: Hier rächt sich endlich das Tierreich!

So leicht wäre es gewesen, einen Film zu drehen, in dem das Publikum über Duszejko lacht. Doch stattdessen stellt sich der Film ganz auf die Seite seiner Protagonistin. Nicht sie scheint seltsam, sondern ihr jagdbesessenes Umfeld, in dem der Kinderchor in der Kirche über erlegte Rehe singt. Die jagenden Männer sind häufig korrupt und auch in andere Gewaltformen verstrickt, vom Polizeichef, über den Bürgermeister hin zum Fuchsfarm-Besitzer, der in seinem Haus zu dem ein illegales Casino und Bordell führt. Wenn der Dorf-Pfarrer Duszejko einen Vortrag hält, dass Gott den Menschen eben über Tiere gestellt habe, geht die Kamera ganz nah heran bis nur noch sein Mund die Leinwand füllt.

Duszejko ist nicht die einzige Figur, die sich nicht einpasst in diese kleine Welt: Eine junge Frau, die sie nur „Gute Nachrichten“ nennt, arbeitet für den Pelz-Produzenten, dies aber nur notgedrungen. Sie kann den Ort nicht verlassen, da sie um das Sorgerecht für ihren kleinen Bruder kämpft, der aus dem gewaltvollen Elternhaus in Kinderheim gebracht wurde. Matoga, der gute Freund, der vielleicht auch mehr für Duszejko empfindet, muss mit einer ganzen Reihe von Verlusten und einer komplizierten Familiengeschichte umgehen. Auch im Gefängnis hat er mal gesessen. Und dann sind da noch der tschechische Insektenforscher, der eine Sommeraffaire mit Duszejko eingeht und ein junger Mann, Dyzio, der für die Stadt arbeitet, aber Angst hat seinen Job zu verlieren, wenn bekannt wird, dass er mit regelmäßigen Krampfanfällen lebt.

(Ab hier Spoiler)

Prokot ist nicht nur in beeindruckenden Bildern gefilmt, sondern zeigt Außenseiter, die die Normen patriarchaler, *istischer Ordnungen in Frage stellen. Duszejko ist nicht nur Vegetarierin und eine ältere Frau mit Agency, sie wird auch als begehrenswert dargestellt, hat Sex hat und weiß es durchaus für sich auszunutzen, dass sie als die alte, schrullige Frau wegkategorisiert wird. Matoga passt auf der Oberfläche sehr viel besser in dieses Dorf, doch wenn er zwischen all den anderen Jägern in seiner bunten Kochschürze steht und später Duszejko auf einen Kostümball begleitet – er als Rotkäppchen, sie als Wolf, wird die starre, toxische Maskulinität der meisten anderen anwesenden Männer im Kontrast noch deutlicher. Das – häufig vollkommen sinnlose – Töten der Tiere und die Zerstörung der Umwelt inszeniert Holland nicht ausschließlich als eine Kritik an diesen konkreten Phänomenen, sondern lässt es darüberhinaus metonymisch einstehen für einen gesellschaftlichen Umgang mit dem vermeintlich Schwächeren und Anderen. Immer wieder wird deutlich, dass die im Ort von den Männern glorifizierte Jagd nur ein Teil der erdrückenden Gewalt ist.

Wenn Duszejko im Wolfskostüm zur Party fährt – ihr Wagen voller verdächtiger Dinge, bestätigt sich ein Verdacht, der sich nach und nach im Film einschleicht: Die Mörderin ist im Wolfspelz unterwegs, aber ganz und gar menschlich. Zu dieser Erkenntnis kommen nicht nur die Zuschauer_innen, sondern auch Matoga, „Gute Nachrichten“ und Dyzio. Die drei konfrontieren Duszejko just in dem Moment, in dem der (feministisch-traditionell auch als phallisch gelesen) Kirchturm brennt und die Polizei auf dem Weg zu ihrem Haus ist.

Und warum wird der Film auch als Märchen beschrieben? Sicher wegen der Stimmung, doch auch das Ende ist märchenhaft, denn weder lassen ihre Freund_innen Duszejko hängen noch wird sie von der Polizei überführt. Stattdessen gelingt ihr Dank die abenteuerliche Flucht aus dem Dorf und am Ende, da steht die Utopie. Im Haus des Insektenforschers (der den Ort vor allen anderen verlassen hatte, da seine Forschungen beendet waren) kommen sie alle am Mittagstisch im sonnendurchfluteten Esszimmer zusammen: Duszejko, der Forscher, Magota, „Gute Nachrichten“, ihr kleiner Bruder und Dyzio. Aufgetischt wird vegetarisch. Magota dekoriert den Tisch mit Kräutern und Blüten. Denn auch wenn Duszejko immer wieder im Film vorgeworfen wird, dass sie Tiere über die Menschen stelle, so ist es doch diese Wahlfamilie, die sich um ihren vielschichten Widerstand herum gebildet hat.

Agnieszka Hollands Film ist nicht ohne seine Schwächen, so werden Dyzios Anfälle voyeuristisch, dramatisch inszeniert. Doch Holland erzählt, auf Grundlage des Romans „Der Gesang der Fledermäuse“ von Olga Tokarczuk, eine Revanche-Geschichte mit romantischem Happy-End. Und manchmal braucht es vielleicht genau das.


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Samstagabendbeat mit Mpho Sebina

11. Februar 2017 von Charlott

Mpho Sebina ist eine botswanische Musikerin. Mit Mash-Up-Cover-Versionen hat sie sich bereits ins Herz vieler gesungen. „Loves Light“ ist ihr bisher einziger orginaler Song. An einem Album wird gearbeitet.


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Ein Buch nach dem anderen: Schwierige Frauen

31. Januar 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 125 von 126 der Serie Die Feministische Bibliothek

Kurzrezensionen

Der Januar hat einige großartige neue Bücher toller Autor_innen mit sich gebracht. Ich möchte heute vier besprechen, die mich zum Denken angeregt und unterhalten haben, und die ich euch gern ans Herz legen möchte. Alle vier Bücher sind auf Englisch publiziert und da sie erst innerhalb der letzten Wochen herauskamen noch nicht in Übersetzung erhältlich. Ich hoffe aber, dass sich das noch ändern wird.

03. Januar: Roxane Gay: Difficult Women
Schnell werden Frauen als „schwierig“ abgestempelt, sobald sie etwas lauter sind, Meinungen haben und vertreten, als zu kühl gelten, als Menschen mit zu vielen Problemen, einfach zu viel. Gay wertschätzt genau diese Frauen und gibt ihren „schwierigen“ Protagonistinnen Geschichten, die sie als komplexe Persönlichkeiten auftreten lassen. Ihre Charaktere versuchen in einer rassistischen patriarchalen Welt zu Recht zu kommen und werden dabei häufig verletzt, Themen wie sexualisierte Gewalt und der Tod von Kindern sowie Fehlgeburten tauchen wiederholt auf, aber Gays Frauen erkunden auch unterschiedlichste Umgangsmechanismen (einige davon sicher nicht unschuldig an ihrem Label als „schwierig“), Solidarität und Liebe. Und obwohl viele der Geschichten erst einmal trostlos scheinen, so gibt es doch immer einen Hoffnungsschimmer. Gays distinkte Erzählstimme verbindet die unterschiedlichen Kurzgeschichten – die zwischen realistisch und phantastisch chargieren.
Die einzelnen Geschichten sind jeweils sehr gut, wenn eine die Sammlung allerdings direkt hintereinander liest fallen einige Wiederholungen auf (vor allem bei den – häufigen – Beschreibungen von (vor allem hetero) Sex.

05. Januar: Chibundu Onuzo: Welcome to Lagos
Chibundu Onuzo wurde 1991 geboren und „Welcome to Lagos“ ist bereits ihr zweiter Roman. Nicht nur hat das Buch eines der schönsten Cover des Jahres (ja, ich lege mich da gern schon jetzt fest), sondern auch ein Roman geschrieben mit überbordener Erzählfreude voller Spaß und wundervoller Charaktere. Die Geschichte beginnt im Niger Delta, wo der Armee-Offizier Chike Ameobi gemeinsam mit dem Gefreiten Yemi desertiert. Auf ihrer Flucht treffen sie zunächst auf Fineboy, der den Rebellen angehört aber eigentlich nur davon träumt ein berühmter Radiomoderator zu werden und dann auf Isokan, eine junge Frau, die bei einer Attacke von ihren Eltern getrennt wurde. Auf ihrer gemeinsamen Reise gen Lagos begegnen sie noch Oma, die aus einer wohlhabenderen Familie kommt, aber vor ihrem gewalttätigen Ehemann flieht.
Mit der Ankunft in Lagos werden aber nicht alle Probleme der Charaktere gelöst, eher im Gegenteil, denn die Stadt ist groß und auf die Füße zu kommen ist nicht einfach. Die fünf einander Fremden aber halten zusammen, unterstützen sich und lernen mit ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen umzugehen. Und dann gibt es da ja noch Chief Sandayo, Bildungsminister, der mit 10 Millionen durch gebrannt ist und Ahmed Bakare, dem Gründer einer Tageszeitung, die zwar kritisch berichtet aber täglich Abonennt_innen verliert. In dem Roman werden Themen wie sexualisierte Gewalt, Gewalt in Beziehungen, Gewalt durch Militär, Korruption, koloniale Geschichte, Armut aufgegriffen, doch unterscheidet sich Onuzos Ton und die Art der Geschichte, die sie erzählen möchte, von vielen Büchern, die ähnliche Themen abdecken. Welcome to Lagos ist kein Buch, was schwer im Magen liegt, durchgehend bleibt die Hoffnung, dass es für unsere Protagonist_innen gut ausgehen wird – und sie vielleicht auf dem Weg sogar noch schaffen etwas Gutes zu tun.

26. Januar: Malika Booker, Sharon Olds, Warsan Shire: Your Family, Your Body (Penguin Modern Poets)
Die Penguin Modern Poets Reihe wurde im letzten Jahr neu belebt. Alle drei Monate erscheint ein neues Buch in der Reihe, welches Einblick gibt in die Werke von drei zeitgenössischen Dichter_innen. Das nun dritte Buch in der Reihe bringt die Autor_innen Malika Booker, Sharon Olds und Warsan Shire zusammen und präsentiert Gedichte aus verschiedenen bereits veröffentlichten Sammlungen, aber auch bisher unveröffentlichtes zusammen. Ich bin großer Fan von Warsan Shires Gedichtband Teaching My Mother How to Give Birth und Malika Bookers wunderbarem Band Pepper Seeds. Dieses kleine Penguin-Buch ermöglicht ein Kennenlernen des Schaffens aller drei Dichterinnen. Gleichzeitig ist es aber auch einfach nur ein sehr guter Gedichtband, in dem Themenkomplexe um Familie, Körper, Sexualität, Zugehörigkeit poetisch verarbeitet werden.

26. Januar: Xiaolu Guo: Once Upon A Time in the East: A Story of Growing Up
Xiaolu Guo ist eine chinesische Filmemacherin und Schriftstellerin, die mittlerweile in England lebt. Ihr Roman A Concise Chinese-English Dictionary For Lovers war 2007 für Orange Prize for Fiction nominiert. Nun hat sie ihre Memoiren vorgelegt.
Guo wurde Anfang der 1970er als zweites Kind im ländlichen China geboren und von ihren Eltern an ein kinderloses Bauernpaar gegeben. Als sie fast zwei Jahre alt war brachte dieses Paar sie zu ihren Großeltern väterlichseits, weil sie sich die Ernährung des Kinds nicht mehr leisten konnten. Sie lebte fortan in einem kleinen Fischerdorf in armen Verhältnissen, ihr Großvater ist gewalttätig, ihre Großmutter, die mit dreizehn Jahren verheiratet worden war, weint sehr häufig. Trotzdem ist Guo schockiert als plötzlich ihre Eltern wieder auftauchen und sie am nächsten Tag mitnehmen in eine andere Stadt. Da ist sie gerade einmal sechs Jahre alt.
In ihrem Buch verbindet Guo Beschreibungen ihres Werdegangs (der sie dann noch nach Peking in die Filmschule und dann nach Großbritannien bringt) mit Nacherzählungen von Mythen und sozialen Analysen. Sie schreibt über den erlebten und beobachteten Sexismus und patriarchale Gewalt in unterschiedlichsten Formen und zeigt wie die chinesischen Politiken tief in ihre Familienstrukturen einbrennen. Dabei versucht Guo in einer Annäherung verschiedene Motive zu verstehen und komplexe Lebenssituationen zu beschreiben. Sie fragt, wie Menschen zu dem werden, was sie sind – oder ob sie überhaupt immer so sind, wie sie auf der Oberfläche wirken.

Buchnews und -debatten

Milo Yiannopoulous wurde im letzten Jahr von der FAZ als „Zeremonienmeister des Hasses“ beschrieben. Mit dem Verlag Simon&Schuster hat er einen 250.000$ Buchdeal ausgehandelt. Roxane Gay hat als Reaktion eines ihrer Bücher, welches bei einem Imprint von Simon&Schuster erscheinen sollte, zurückgezogen.

Bücher, auf die man sich 2017 freuen kann? Bei Buzzfeed stellt Jarry Lee 32 Bücher vor und freut sich zum Beispiel auf Neuerscheinungen von Jesmyn Ward und Scaachi Koul. Besonders gut auch die Liste auf WOCreads, die Bücher von Autorinnen of Colour und indigenen Autorinnen aufgelistet hat, angefangen von Sara Ahmeds neusten Werk „Living a Feminist Life“ hinzu Roxane Gays „Hunger: A Memoir of (My) Body“.

Size Acceptance in YA hat eine Zusammenstellung mit 2017-erscheinende Jugendbüchern, die dicke_fette Charaktere haben, veröffentlicht.

Alisha Acquaye beschreibt auf Elle ihre Erfahrung damit gezielt ausschließlich Bücher von Schwarzen Autorinnen zu lesen.

Bustle feiert neun aktuelle Sci-Fi-Autorinnen.

fembooks hat eine Reihe von Rezensionen zu Kinder- und Jugendbüchern versammelt.


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