Ich hab mir lange und viele Gedanken darüber gemacht, wie ich das mit der ‘geschlechtsneutralen’ Erziehung meines Kindes halten will. Was das für mich überhaupt – bei einem Säugling, bzw. Kleinkind (er ist jetzt knapp 2 Jahre) – bedeutet.
Ich bin an einen Punkt gekommen, wo ich nicht mehr an die Möglichkeit ‚geschlechtsneutraler’ Erziehung glaube. Einfach, weil es in meinem Umfeld scheinbar nicht möglich ist. Auch wenn einige schwedische Kindergärten Konzepte für geschlechtsneutrale Erziehung haben – ich finde den Begriff schon problematisch. ‚Neutral’ ist nämlich in einer Welt, in der alle ziemlich kategorisch in zwei Geschlechter eingeteilt werden keine Option. Kinder werden immer als Mädchen oder Junge „angerufen“. Abgesehen davon sehe ich meinen Einfluss auf die Erziehung meines Kindes zwar keineswegs als unwichtig, aber doch bescheiden an, wenn man überlegt, mit wem Kinder täglich zu tun haben: Erzieher_innen, andere Kinder und deren Eltern/Bezugspersonen, weitere Verwandte und Bekannte…
Unabhängig von Klamotten, die immer wieder ein brennendes Thema sind (siehe fuckermothers, stilhaeschen, oder zum cross-dressing laufmoos) und Spielzeug (siehe dasnuf) drängen sich mir ein paar Beobachtungen auf, die ich an konkreten Beispielen schildern möchte:
– Geschenke: Wir haben von Bekannten und Verwandten viele gebrauchte und neue Spielsachen bekommen. Schon zur Geburt befanden sich darunter Fahrzeuge in allen Variationen. Autos, LKWs, Flugzeuge, Tieflader, Autotransporter und Züge. Sogar Wimmelbücher über Flughäfen, Bahnhöfe und Co. Als Minime 9 Monate alt war, waren wir bei einer Freundin, die eine Kiste mit Spielsachen holte, damit das Kind beschäftigt ist. Erst drückte sie ihm ein Stofftier in die Hand. Als Minime es einmal von allen Seiten in den Mund genommen hatte, war sein Interesse verloschen. „Vermutlich interessiert Dich hier sowas mehr, was?“ sagte sie und stellte ihm dann eine Spielzeugautowaschanlage vor die Nase. Auch hier erlosch das Interesse nach einer ersten Erkundung mit Mund und Händen. In einer anderen Runde war eines der ersten Worte eines neun Monate alten Knirps „Auto“. Die Mutter eines Mädchen sagte daraufhin: „Meine Tochter spielt gar nicht mit Autos“ und nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Aber wenn ich jetzt so überlege, wir haben auch gar keine Spielzeugautos…“ Und später fühlen sich dann Journalisten bemüßigt zu schreiben, dass ihr Sohn ja schon früh „das testosterongetriebene Standardprogramm“ aufführte… Während es scheinbar ein Ritual zu sein scheint, Mädchen zum ersten Geburtstag eine Puppe mit dazu passendem Buggy zu schenken. Minime fand diese Buggies auch super. Besonders als er laufen lernte klaute er auf dem Spielplatz gerne anderen Kindern ihre Buggies und fuhr sie durch die Gegend. Ich äußerte gegenüber einigen Verwandten, dass sich Minime also zum Geburtstag einen wünscht. Mit sehr viel vorangehender Überzeugungsarbeit bekam er dann einen Holzwagen, der, wenn man den (natürlich rosanen!) Bezug abnimmt, aussieht wie ein Bollerwagen. Ein Buggy für einen Jungen geht halt nicht. (Und diesen Holzwagen kann man leider auch nicht zusammen klappen und mit auf den Spielplatz nehmen…)
– Aussehen: Ich habe Eltern erlebt, die sehr empört reagieren, wenn man fragt, ob ihr Kind ein Junge oder Mädchen ist (ich habe selber die Frage nie gestellt, „das/ihr/dein Kind“ hat bis jetzt meist gereicht, wenn ich den Namen nicht kannte). Minime wird auch oft für ein Mädchen gehalten. Selten sehe ich die Notwendigkeit, das aufzuklären. Als mich neulich jemand fragte, wie die Kleine denn heiße, nannte ich den Namen und stellte verwundert fest, dass man den Namen offensichtlich auch für einen Mädchennamen halten kann (das war allerdings nicht meine Absicht bei der Namenswahl…). Insbesondere hält man ihn für ein Mädchen, wenn er Anziehsachen mit Lila- oder Rottönen sowie pastelliges (selbst wenn es nicht rosa ist) trägt. Blau dagegen scheint nicht immer als „eindeutig“ zuordnend zu fungieren. Auch ich schließe mich Jokes Ansicht an, meine Bedürfnis, mein Kind nicht schon den geschlechtlichen Stereotypen anhand der Kleidung zuzuordnen, nicht auf dem Rücken des Kindes auszutragen.
– Verhalten: Viel spannender finde ich eine andere Beobachtung, nämlich, dass das gleiche Verhalten zweier Kinder unterschiedlich interpretiert oder bewertet wird, je nachdem, ob es ein Mädchen oder ein Junge zu sein scheint. Auch das fing schon sehr früh an: Wenn ein Mädchen viel weinte, hieß es oft: „Ach, die ist heut sehr weinerlich/anhänglich/unausgeglichen“. Das gleiche Verhalten bei einem Jungen wird kommentiert mit „Er hat schlecht geschlafen/ist müde/überdreht“ – dem Verhalten geht im letzteren Fall also ein „echter“ Grund voraus, während es beim Mädchen scheinbar willkürliches Verhalten ist.
Situationen werden ebenfalls unterschiedlich kommentiert. Fällt ein Junge hin, heißt es „Och, war nicht so schlimm, steh wieder auf“. Fällt ein Mädchen hin, heißt es zwar oft auch: „Och, war nicht so schlimm“ es wird aber ergänzt mit „komm her, ich tröste Dich“.
– Heteronormativität: Ich find es total süß, wenn kleine Kinder einander umarmen oder küssen. Was mich jedoch erstaunt, ist, dass da schon romantische Gefühle hinein interpretiert werden. Küsst ein Junge ein Mädchen oder ein Mädchen einen Jungen scheinen manche Eltern schon die Hochzeitsglocken läuten zu hören. „Ach guck mal, die Beiden, was ein süßes Paar…“.
Bis jetzt sind das eine Reihe von Beobachtungen, die im Einzelnen vielleicht wenig ausmachen, in ihrer Gesamtheit aber doch alle Versuche, dem was entgegen zu setzen, relativieren. Deshalb bin ich neugierig: Wie ist Eure Wahrnehmung? Sind das Einzelfälle, die ich zufällig in meinem Umfeld* erlebe und was erlebt ihr? Versucht ihr eure Kinder möglichst unabhängig von geschlechtsstereotypen Einordnungen zu erziehen oder haltet ihr das für unmöglich? Welche „Probleme“ begegnen Euch? Welche Positivbeispiele habt ihr erlebt?
*: Mein Umfeld heißt in der Regel – Heterokleinfamilien, in denen Geschlechterstereotype wenig hinterfragt werden…

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