Bei der Präsidentschaftswahl in den USA zitterten nicht nur US-Amerikaner_innen. Die Welt schaute zu, wie ein von der KKK gefeierter frauen- und queerfeindlicher Rassist ins Weiße Haus gewählt wurde. Die New York Times veröffentlichte schon vor Monaten eine stets aktualisierte Liste von über 280 Menschen, Orten oder Dingen, die Donald Trump auf Twitter beleidigte und diskriminierte (während Melania Trump nun gegen Mobbing im Netz kämpfen möchte…).
Das Ergebnis
Die ernüchternden Fakten nach der Wahl am 8. November: Auf die Bevölkerung hochgerechnet hat 25,5% der US-Wähler_innen Trump gewählt, 25,6% Hillary Clinton, 46,9% der US-Amerikaner_innen wählte gar nicht, 1,7% für den unabhängigen Kandidaten Johnson (Quelle: United States Election Project). Obwohl Clinton insgesamt mehr Stimmen erhielt, gewinnt Trump. Warum? Weil US-Präsidenten (die männliche Form bleibt weiterhin Realität) indirekt gewählt werden, und zwar durch Wahlleute (meist „Wahlmänner“ genannt). Die Wahlergebnisse in den einzelnen US-Bundesstaaten bestimmen, für welche Kandidatin oder Kandidaten die Wahlleute des jeweiligen Staates stimmen müssen. Entscheidend sind meist die großen Staaten, da die Anzahl der Wahlleute von der Bevölkerungszahl des einzelnen Bundesstaates abhängt. Wer diese gewinnt, gewinnt die Mehrzahl der Wahlleute, auch wenn die absolute Anzahl der Stimmen – wie im Fall Clinton/Trump – ein anderes Ergebnis bedeuten würde.

Die Zahlen und Analysen
Realitätscheck: Welche Bevölkerungsgruppen haben für Trump gestimmt?
- 63% der weißen Männer und 53% der weißen Frauen.
- 13% der Schwarzen Männer und 4% der Schwarzen Frauen.
- 33% der Latinos und 26% der Latinas. (Quelle: exit polls CNN)
Die Wahl entschieden haben also Weiße, auch weiße Frauen. Hengameh Yaghoobifarah schreibt dazu in der taz:
„Die Aufrechterhaltung weißer Vorherrschaft war eben doch verlockender als körperliche und sexuelle Selbstbestimmung, reproduktive Rechte, Kinderbetreuung, ein soziales Auffangsystem oder ein freierer Zugang ins Gesundheitssystem.“
Dieses Phänomenen, dass die Mehrheit weißer Frauen antifeministisch und rassistisch wählt, erklärt L.V. Anderson auf slate.com so (meine Übersetzung):
Weiße Frauen haben andere Frauen, ihre Land und auch sich selbst verraten. Die meisten weißen Frauen wollen nicht Teil von intersektionaler feministischer Schwesternschaft sein. Die meisten weißen Frauen wollen einfach nur „einer der Jungs“ sein. Und wir werden darunter leiden.
Ein direkter Appell kommt vom Crunk Feminist Collective (meine Übersetzung):
Weiße Leute – so genannte Liberale, Progressive, Radikale, ich wage zu sagen: „coole“ Weiße – es wird Zeit, eure verdammte Arbeit zu machen. Organisiert und mobilisiert euch und baut an Strategien mit und für eure Leute. Arbeitet daran, weiße Vorherrschaft auf eurer Arbeit, am Ort eures Gebets und am Thanksgiving-Tisch abzubauen. Bekommt euren Scheiß geregelt!
Und es geht weiter, noch mehr Zahlen: Menschen, die in den USA bis 50.000$ Jahreseinkommen zur Verfügung haben, stimmten eher für Clinton. Die Mehrzahl der Menschen mit einem Einkommen über 50.000$ stimmte für Trump. Wer hat uns verraten? Korrekt: Die (weiße) Mittel- und Oberschicht. Der obligatorische Fingerzeig (auch vieler Linker) auf Arbeiter_innen kann also schön stecken bleiben.
So weit, so knapp die ersten Analysen und Zahlen (weitere gibt es auf CNN Politics).
Backlash / Whitelash
Eine innerhalb (weißer) linker Kontexte dominierende Perspektive vertritt zum Beispiel die Journalistin Liza Featherstone, die in diesem Jahr ein ganzes Sammelband mit linken Kritiken am liberalen Feminismus von Hillary Clinton rausbrachte. In einem Interview mit Neues Deutschland betont sie, dass die Konsequenzen der Wahl für Trump zwar katastrophal seien, Clinton aber weiterhin eine „schreckliche Kandidatin“ sei. Die Argumente sind in etwa: Beide KandidatInnen seien neoliberales Establishment, Clinton hat sich auch an rassistischen Kampagnen beteiligt und der Wunsch, Clinton möge die nächste Präsidentin werden, sei doch nur elitärer Feminismus.
Ich finde diese Perspektive aus linker und kapitalismuskritischer Sicht nachvollziehbar, aber zu kurz gedacht: Klar muss niemand glauben, dass Clinton eine feministische Revolution darstellt. Zu behaupten, beide würden sich „nichts nehmen“ ist allerdings eine krasse Verharmlosung der Person Trump und eine Ignoranz gegenüber den alltäglichen Rassismen und Hetero_Sexismen, die Menschen erleben und die aktuell einen enormen Aufschwung und Legitimation erfahren – und dies nicht nur in den USA. Weltweit gratulieren Rechte und Nazis Trump euphorisch. Die sozialen Netzwerke sind voll mit persönlichen Berichten von Hassverbrechen von Trump-WählerInnen gegen Muslime (insbesondere Hijab-tragende Frauen), Schwarze Menschen (darunter viele Kinder und Jugendliche) und Queers. (Sean O’Kane dokumentiert eine erste Zusammenstellung zu Day 1 in Trump’s America – sehr gewaltvoll).
Bereits wenige Minuten, nachdem am Dienstag klar war, dass Trump der nächste Präsident der USA sein wird, fasst der CNN-Kommentator Van Jones diese Wahl und die daraus entstandene Stimmung mit dem Wort „whitelash“ zusammen. Es ist ein Backlash, der von vielen Weißen gewählt und gefeiert wird.
#DumpTrump und #NotMyPresident
Bereits am Tag nach der Wahl gingen in verschiedenen Städten der USA Hunderttausende auf die Straßen: In San Francisco, in New York, in Minneapolis und Portland. In Louisville in Kentucky, in Austin in Texas oder in Baltimore in Maryland.
Bei einem republikanisch dominierten US-Kongress und einem rechten Präsidenten kann die Hoffnung nur auf der Zivilgesellschaft, in der gegenseitigen Unterstützung und sozialen Protesten liegen. Eine kleine gute Nachricht: Obama versucht die finanzielle Unterstützung für Planned Parenthood (die größe NGO für reproduktive Gesundheit in den USA) gerade gesetzlich so zu sichern, dass diese von einzelnen Bundesstaaten nicht einfach aus „politischen Gründen“ beschnitten werden kann.
Was bleibt, ist Protest. Und gegenseitige Unterstützung. Folgende englischsprachige Tipps sind da vielleicht hilfreich: Ten productive things Clinton supporters can do with their Trump-fueled anxieties.
Auch in Berlin gibt es Proteste:
- 12. November, 13 Uhr: Pussy Grabs Back (fb-Link)
- 12. November, 16 Uhr: Anti-Trump Protest (fb-Link)

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