Naekubi bloggt bei Danger! Bananas über das Leben von Asiat_innen in Deutschland, Kultur und Alltag, Rassismus und Feminismus, Selbstbewusstsein und Selbstverständnis. Wir freuen uns sehr, dass sie nun auch eine Kolumne bei der Mädchenmannschaft schreibt.
Ich liebe Vorher-Nachher. Ob persönliches Umstyling, die Wohnung umdekorieren, Depressionen überwinden oder aber sich endlich selbst akzeptieren: Von positiven Veränderungsprozessen kann ich nicht genug bekommen. Aus diesem Grund liebe ich Social Media, denn gerade auf Twitter und Tumblr kann man wie bei wenigen anderen Plattformen Leuten beim Denken zusehen. Und unter Umständen beobachten, wie sich Denkprozesse langsam wandeln. Aber von vorn.
Neulich schrieb jemand auf Twitter über ihre Unzufriedenheit mit ihrer eigenen Unzulänglichkeit und mangelnden Toleranz. Obwohl sie als Deutsche mit türkischen Wurzeln selbst von Rassismus betroffen ist, stellte sie fest, dass sie selbst hin und wieder noch in rassistischen Kategorien denkt. Die Machtverhältnisse und die Verteilung von Privilegien, die um uns herum existieren, reproduzieren wir bisweilen in unseren Köpfen – internalisierte -*ismen ist hier das Stichwort. Es ist ziemlich zerknirschend, wenn man offenbar keinen Deut offener oder respektvoller ist als die Leute, die man kritisiert.
Das Gefühl, eine Hochstaplerin oder Heuchlerin zu sein, kenne ich von mir selbst: Natürlich bin ich selbst Opfer von sexistischen oder rassistischen Gesellschaftsstrukturen, doch ich bin gleichzeitig in vielen anderen Aspekten Täterin, durch mir gewährte Privilegien in dieser Welt: Körperlich nicht behindert, cis, noch nicht alt, heterosexuell, im „Westen“ aufgewachsen. Gehe ich wirklich immer respektvoll mit anderen um, etwa wenn sie eine Behinderung haben, nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, queer sind oder trans oder alt? Gucke ich nicht manchmal von oben herab auf Leute, die keinen Zugang zu Bildung haben/hatten? Und was denke ich tatsächlich über die Menschen, die nicht das Glück hatten, im „Westen“ aufzuwachsen, und gnadenlos ausgebeutet werden?
Wir als aktivistische Menschen wollen, dass die Zukunft besser wird als die Gegenwart. Wir verlangen nicht weniger als eine Evolution des kollektiven Bewusstseins zu einer inklusiveren, offeneren Gesellschaft. Doch das geht im Schneckentempo vonstatten. Jede noch so winzige Veränderung geht mit Scharmützeln und massiven Grabenkämpfen einher – ob es sich nun um Freigabe der Pille danach oder den Doppelpass geht. Kein Wunder, wenn wir ungeduldig und genervt sind. Fortschritte passieren zwar, aber sie kommen verdammt langsam, und wir haben es allmählich satt, auf andere zu warten, dass sie endlich auch dazulernen. Gerade diejenigen, die als PolitikerInnen an den Hebeln der Macht sitzen, brauchen für unseren Geschmack viel zu lange. Diese Ansprüche an unsere Umgebung haben wir auch an uns: Das, was wir propagieren, versuchen wir auch selbst zu befolgen. Dabei stoßen wir oft genug auf unsere eigenen Grenzen. Seine eigenen privilegierten Gedankengänge infrage stellen, kritisch mit ihnen umzugehen ist dann doch nicht so einfach. Wie können wir von unserer Umgebung verlangen, ihre Privilegien zu hinterfragen, wenn wir selbst es nicht einmal schaffen, diese Strukturen in unserem Kopf zu eliminieren?
Vielleicht überfordern wir uns mit diesem hehren Anspruch an uns selbst. Wir konzentrieren uns auf das große Ganze und übersehen die kleinen Erfolge. So frustrierend und überwältigend schwierig aktivistische Arbeit erscheinen mag: Ich bin zuversichtlich, dass es besser wird und sich die Mühe auszahlt. Warum? Wegen der Veränderungen im ganz Kleinen. Ich erinnerte mich kürzlich an ein Gespräch mit einem Bekannten – wir redeten über Tumblr. „Glaubst du,“ fragte ich ihn, „glaubst du, dass es möglich ist, auf Tumblr zu sein und nicht irgendwann FeministIn zu werden?“ „Ausgeschlossen“ war seine Antwort.
Durch die Vernetzung mit anderen Menschen werden wir vielen Ansichten ausgesetzt, die uns als Gesellschaft weiterbringen können. Sie lesen die Posts über Ungerechtigkeiten, über Benachteiligungen, über all die Dinge, die falsch laufen. Ihre Dashboards und Newsfeeds enthalten nicht mehr nur Gifsets von den Superheldenfilmen* oder Benedict Cumberbatch, sondern plötzlich Zitate von Maya Angelou oder Malala Yousafzai. Die Filterblase ist dann doch nicht so hermetisch abgeriegelt, wie wir meinen. Progressive Gedanken dringen durch und bewirken winzige Veränderungen. Als Einzelhandlungen sind sie leicht zu übersehen, nachgerade lachhaft winzig. Aber ich habe die Zuversicht, dass sich das kollektive Bewusstsein verändert. Tweet für Tweet, Post für Post, Bild für Bild, Gespräch für Gespräch. Dieses Vorher-Nachher mit zu verfolgen, ist für mich die beste und erfüllendste Unterhaltung, die ich mir wünschen kann. Ich hoffe, dass wir die Ausdauer besitzen, nicht nachzulassen und auch die kleinen Erfolge zu feiern. Denn der Weg ist noch lang.
Natürlich ist das sehr idealistisches Denken, dessen bin ich mir bewusst. Nicht alle Probleme lassen sich durch mehr Information aus der Welt schaffen. Und letztendlich muss das Wissen auch bei denen ankommen, denen die Macht in dieser Welt gegeben ist, damit die angestrebten Veränderungen wirklich kommen können. Aber je mehr und je intensiver gesprochen, diskutiert, protestiert, gekämpft wird, desto weniger können die Privilegierten einen ignorieren. Wenn ein Wandel schon nicht deswegen kommt, weil sie die Argumente verstehen, dann wenigstens deshalb, weil wir ihnen auf die Nerven gehen.
*Bewusst im Maskulinum gehalten, weil es derzeit keinen einzigen Film mit einer Superheldin als Hauptprotagonistin gibt. Marvel sollte sich darum kümmern.

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