Mit schöner Regelmäßigkeit vermelden die deutschen Medien: In Deutschland werden zu wenig Kinder geboren. Und weil das so sei, sei die auch Rente künftig noch weniger sicher. Anschließend lassen sich beinahe schon Wetten darauf abschließen, ob nach dieser Meldung auch wieder folgende Idee diskutiert wird: Wenn es immer weniger Kinder gibt, die später mit ihrer Arbeit die RentnerInnen durchbringen, – warum sollen dann nicht diejenigen, die sich jetzt so egoistisch weigern, künftige Einzahler in die Rentenkassen zu zeugen, dafür zahlen?
Zuletzt waren es einige CDU-Abgeordnete, die diesen kalten Kaffee wieder aufgewärmt hat. Sie schlagen vor, dass Kinderlose über 25 Jahre eine „solidarische Demographie-Rücklage“ zahlen sollen. Klar, der Begriff „Solidarität“ darf natürlich nicht fehlen – ebenso wenig wie der Hinweis, dass auch das Bundesverfassungsgericht bereits im Jahre 2001 gefordert habe, die Belastung von Familien zu verringern. Ja, wenn das Bundesverfassungsgericht das richtig findet, wie könnte man als KinderloseR dann dagegen sein?
Die Abgabe soll den jüngsten Plänen zufolge übrigens ein Prozent des Einkommens betragen. Ach so: Mit einem Kind wären Väter und Mütter nicht aus dem Schneider, aber sie bekommen immerhin die Hälfte der Demographie-Rücklage erlassen. Laut einem Bericht in der Print-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung hat die Gruppe ausgerechnet, dass durch diese Abgabe zweistellige Milliardenbeträge in die Sozialversicherungen fließen könnten.
Davon abgesehen, dass Kinderlose, zumindest wenn sie berufstätig sind, ziemlich hohe Steuern zahlen (und zwar oftmals mehr als etwa Verheiratete, die vom Ehegattensplitting profitieren beziehungsweise wo ein Elternteil – meist die Mutter – maximal Teilzeit arbeitet) und dass Menschen ohne Kinder bei der Pflegeversicherung schon jetzt einen um 0,25 Prozentpunkte höheren Beitrag leisten – ist es denn nicht mal langsam gut mit dem andauernden gegeneinander Ausspielen von Lebensentwürfen?
Denn darauf läuft es doch immer wieder hinaus: Hier die opferbereiten Eltern, die zugunsten ihrer Kinder finanzielle Einbußen in Kauf nehmen und auch in Sachen Selbstverwirklichung zurückstecken müssen (Wie? Die Erfüllung eines Kinderwunsches hat nichts mit Selbstverwirklichung zu tun, sondern dient ausschließlich der Arterhaltung – und eben der sicheren Rente?). Dort die ach so hedonistischen Kinderlosen, denen ein Balg nur die Karriere und den dritten Kurzurlaub vermiesen würde.
Dass solche lächerlichen Klischees längst überholt sind, sollte sich eigentlich rumgesprochen haben. Die CDU-Abgeordneten haben es offenbar nicht mitbekommen – genauso wenig wie die Tradition ihrer Partei, sich etwa beim Thema „Betreuungsgeld“ stets vehement für die Gleichberechtigung aller Lebensentwürfe einzusetzen und es unmöglich zu finden, wenn der Staat den einen dem anderen gegenüber zu bevorzugen scheint.
Noch etwas scheint den CDUlern nicht klar zu sein: die Tatsache, dass längst nicht jeder Kinderlose dies freiwillig ist. Sollen also diejenigen, die aus gesundheitlichen Gründen keine Kinder bekommen können, dafür noch mit einer Sondersteuer zusätzlich bestraft werden – und die, bei denen es aus welchen Gründen auch immer nur zu einem Kind „gereicht“ hat, gleich mit? Was ist denn mit Paaren, die sich keine künstliche Befruchtung leisten können – erst recht nicht, seit die Krankenkassen die Kosten bei Ehepaaren nur noch anteilig übernehmen (unverheiratete Paare werden finanziell in dieser Hinsicht überhaupt nicht unterstützt)? Wie sollen sich gleichgeschlechtliche Paare fühlen, denen eine Adoption in Deutschland immer noch so gut wie unmöglich gemacht wird?
Bitte nicht falsch verstehen: Die Leistung, die Familien selbstverständlich für diese Gesellschaft erbringen, dankt diese ihnen hierzulande nicht einmal ansatzweise genug. Doch anstatt Eltern stärker zu unterstützen oder einmal die über 150 Leistungen, die sie eigentlich fördern sollen (dazu gehört unter anderem auch das Ehegattensplitting) mit Blick auf ihre Wirkung auf den Prüfstand zu stellen, wie sich eine Expertengruppe des Familienministeriums vor wenigen Jahren mühte, wird immer mal diese Neiddebatte vom Zaun gebrochen. Die kostet ja nichts.
Und selbst wenn die Abgabe für Kinderlose niemals kommt, weil die PolitikerInnen genau wissen, dass auch Menschen ohne Kinder wählen gehen (Bundeskanzlerin Angela Merkel und Familienministerin Kristina Schröder haben die Vorschläge auch prompt zurückgewiesen), lenkt ein solcher Vorschlag doch schön von den bestehenden Mängeln in Rentensystem und Familienförderung ab.
Bleibt die Frage, warum die Medien stets so gerne auf das Thema anspringen. Und warum es ihnen nicht gelingt, dieses anders als anhand von Stereotypen zu vermitteln. Beispiel „Tagesthemen“, Dienstagabend (hier der Bericht): Die Pläne der CDU-HinterbänklerInnen sind immerhin der zweite Aufmacher. Erläutern darf sie der Abgeordnete Marco Wanderwitz (36 Jahre), der so wenigstens auch mal ins Fernsehen darf. Und das „Tagesthemen“-Team vergisst natürlich nicht, seine dreifache Vaterschaft zu erwähnen. Mag schließlich ein weiterer Grund für seine Überlegungen gewesen sein, dass er es doof fand, den kinderlosen Fraktionskollegen immer mit dem schicken neuen Cabrio wegfahren zu sehen, während es bei ihm nur für eine gebrauchte Familienkutsche reicht.
Ihm folgt die unvermeidliche Straßenumfrage. Die Befürworterin der Abgabe wird direkt vor einer Kita interviewt, sodass sofort klar ist: Hier erklärt eine Mutter, dass Menschen ohne Kinder es so viel besser haben und sie deshalb unbedingt zur Kasse gebeten werden sollten. Die Gegenstimme kommt dann – auch von einer Frau. Dem TV-Team scheint es also überhaupt nicht in den Sinn gekommen zu sein, dass man auch einmal einen Mann fragen könnte. Die haben ja auch längst nicht alle Kinder, aber vielleicht auch eine Meinung zum Thema.
Oder dachte die „Tagesthemen“-Redaktion an eine schon etwas ältere Studie, derzufolge sich Männer heute der Familiengründung noch viel stärker verweigern, so dass die Frauen ihren Kinderwunsch einfach nicht realisieren können, weil ihnen der Partner dazu fehlt (was ja, konsequent zu Ende gedacht, bedeuten würde, dass kinderlose Männer eigentlich eine höhere Abgabe zahlen müssen. Oder dass bei Paaren, bei denen nachweislich Er keine Kinder wollte, eine Umschichtung nötig wäre – eine Art „Kinderlosen-Splitting“ vielleicht)?
Aber klar: Frauen passen doch auch viel besser zu einem solch emotionalen Thema, oder? Vielleicht wollte ja sich ja tatsächlich kein Mann vor der Kamera dazu äußern – bis auf Marco Wanderwitz…

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