Der Hype um die „Twilight“-Saga ebbt allmählich ab – stark angesagt bei jungen Leserinnen ist dafür derzeit die „Tribute von Panem“-Trilogie. Und die hat endlich mal eine starke, selbstbewusste junge Heldin zu bieten. Oder?
So langsam ist es ja auch mal gut mit der schönen Bella und ihrem keuschen Vampir. Der letzte Band der „Twilight“-Reihe ist schon eine Weile auf dem Markt, der erste Teil seiner auf zwei Folgen angelegten Verfilmung kam im letzten Winter in die Kinos. Weil Bella darin ihrem schönen Blutsauger Edward das Ja-Wort gab, durfte sie auch endlich mit ihm Sex haben – musste sich dann aber ganz klassisch gleich wieder für ihr ungeborenes Vampirkind opfern. Denn eine Abtreibung kommt in der von einer Mormonin erdachten Geschichte natürlich auch bei Lebensgefahr für die Mutter nicht in Frage. Der zweite Teil soll nun im kommenden Winter die Leinwände erobern. Wer die Bücher gelesen hat, weiß, dass sich am Rollenbild – hier der starke, beherrschte und sich über seine Gefühle stets im Klaren befindliche Mann und dort die emotionale und unsichere, aber durch ihre Intuition alles richtende Frau – nichts mehr ändern wird.
Aber dafür gibt es ja jetzt eine neue Romanreihe für jugendliche Leserinnen. Und für „Die Tribute von Panem“ (im Original „The Hunger Games“) hat sich die Autorin Suzanne Collins wenigstens mal eine starke weibliche Heldin ausgedacht: Die 16-jährige Katniss lebt in einer nahen Zukunft in Panem, dem einstigen Nordamerika, das von Naturkatastrophen und Bürgerkriegen verwüstetet wurde.
Beherrscht wird Panem vom grausamen „Capitol“. Um das Volk gefügig zu halten, haben sich die Tyrannen ein besonders perfides Mittel ausgedacht: die Hungerspiele! Jedes Jahr werden aus allen Distrikten je ein Junge und ein Mädchen ausgelost, die in einer Arena gegeneinander antreten müssen – auf Leben und Tod. Dem Sieger winkt ein Leben in Saus und Braus, doch bis er die anderen zwangsrekrutierten Gladiatoren niedergemetzelt hat, sind alle Einwohner Panems verpflichtet, sich die Spiele live vor dem Fernseher anzuschauen.
Als das Los auf Katniss’ kleine Schwester Prim fällt, meldet stattdessen sie selbst sich freiwillig. Immerhin kann sie mit Pfeil und Bogen umgehen, ihre Chancen stünden also vielleicht gar nicht so schlecht. Nur mit einem hat die eigentlich so toughe Katniss nicht gerechnet: Dass der andere Kandidat aus ihrem Distrikt ausgerechnet ihr netter Klassenkamerad Peeta sein könnte. Und dass Peeta, der eigentlich doch ein tödlicher Konkurrent ist, sich im Verlaufe der Spiele auffallend um sie bemüht, ihr sogar das Leben rettet …
Soweit, so erfrischend wenig schwülstig ist die Handlung des ersten Bandes („Tödliche Spiele“), dessen Verfilmung am 22. März auch schon in die Kinos kommt. Mit Jungstar Jennifer Lawrence („Winter’s Bone“) wurde für die Hauptdarstellerin auch gleich eine Schauspielerin verpflichtet, die eher auf starke Figuren als auch süße Mädels abonniert ist. Und tatsächlich geht es im Roman auch wenig romantisch zu, dafür ist er für einen Jugendroman stellenweise ziemlich gewalttätig: In der Welt, in der Katniss um ihr Überleben kämpft, ist kein Platz für Mitgefühl oder gar Liebe.
Dass trotzdem Gefühle aufkeimen, gehört natürlich zum Wesen eines solchen Romans. Und dagegen ist auch gar nichts zu sagen. Was aber erstaunt: Einmal mehr ist es der Mann, der sich über seine Beziehung zur Protagonistin auf jeder Seite des Romas völlig im Klaren ist – was seinerseits in einem moralisch völlig unantastbaren, ganz auf das Wohl seiner Angebeteten ausgerichteten Verhalten resultiert.
Okay, der weiße Ritter ist natürlich ein altbekannter Geselle aus der Romantik, der in all seinen Erscheinungen stets ein gern gesehener Gast ist – sei er verkörpert vom wuschelhaarigen Robert Pattinson als „Twilight“-Vampir oder vor einigen Jahren (und bald noch mal in 3D) als blonder Leonardo DiCaprio in „Titanic“, der seine Oberschichten-Eroberung nicht nur aus dem eisigen Atlantik, sondern gleich aus ihrem emotional unterkühlten Upperclass-Leben hinanzieht. Und dass sich gerade junge Mädchen mitten in der komplizierten Pubertät auch gerne mal einfach retten lassen würden – geschenkt!
Aber: Beide Romanreihen, sowohl „Twilight“ als auch „Panem“, werden von den Verlagen als Romane, die zwar ursprünglich für Jugendliche geschrieben worden sind, aber reihenweise von Erwachsenen gelesen werden, vermarktet – so wie es „Harry Potter“ als „All age“-Reihe einst vorgemacht hat. Mal ehrlich: Brauchen erwachsene Frauen wirklich noch immer einen tapferen Ritter, der ihnen nicht nur im Ernstfall das Leben rettet, sondern sie auch über ihre Gefühle und über den richtigen Umgang mit ihnen belehrt?
Denn in dieser Hinsicht ist die Kämpferin Katniss der schmachtenden Bella gar nicht so unähnlich: Beide erzählen die Geschichte ja aus ihrer eigenen Perspektive. Und beide beschreiben ihre Handlungen oft als moralisch deutlich weniger einwandfrei als die der männlichen Helden. Auch über ihre eigenen Gefühle scheinen sie sich oft im Unklaren zu sein. Aber kein Problem: Früher oder später werden Edward und Peeta es den Mädels schon erklären und ihnen einen Tipp geben, welche Reaktion jetzt angemessen wäre.
So ist sich Vampirbraut Bella in den „Twilight“-Büchern zwar immerhin sicher, dass sie unsterblich in den untoten Edward verliebt ist. Doch ansonsten verurteilt sie ihr Verhalten, mit dem sie Edward angeblich in Gefahr bringt, andauernd und aufs Schärfste. Noch strenger geht sie mit sich ins Gericht, weil sie ihren ebenfalls dem Übernatürlichen entstammenden besten Freund, den Werwolf Jacob, an der kurzen Leine hält. Als Analogie für ihr Verhalten muss da oft die launische Catherine aus Brontes „Sturmhöhe“ herhalten – als wenn die jemals derart geschmachtet hätte, wie Bella es vier Romane lang tut!
Katniss, die Heldin aus „Die Tribute von Panem“, weiß dagegen noch nicht einmal, dass sie überhaupt Gefühle für ihren Kampfgenossen Peeta hat. Dennoch verbringt sie im Verlaufe des Romans ziemlich viel Zeit damit, genau über diese Frage zu grübeln. Schließlich gibt es ja zuhause noch Gale, den undurchschaubaren, coolen Jungen, mit dem sie auf die Jagd gegangen war.
Doch je mehr die Hungerspiele dem großen Showdown entgegensteuern, bei denen die bisher Verbündeten Peeta und Katniss eigentlich zu Todfeinden werden müssten, um so wichtiger erscheint auf einmal die Frage, was sie für ihn empfindet. Auch der Rest von Panem scheint lange vor ihr erkannt zu haben, dass diese Antwort deutlich spannender ist, als der Ausgang der diesjährigen Spiele – ihr Mentor und „Trainer“, der von außen ins Spielgeschehen eingreifen kann, belohnt sie sogar, wenn sie die Rolle der Verliebten spielt. Doch merkwürdigerweise scheint die Heldin das nicht einmal zu hinterfragen: So kommentiert sie etwa nach Abschluss der Spiele die TV-Zusammenfassung: „Gegen ihn wirke ich herzlos – ich weiche Feuerbällen aus, lasse Nester herunterfallen und sprenge Vorräte in die Luft“. Was zählen Tapferkeit und Klugheit, wenn die Zuschauer (und die Leserinnen) Emotion pur wollen?
Der Mann als standfester, in sich selbst ruhender Charakter, der treu zu seinen Überzeugungen und zu seiner Liebsten steht, und dagegen das wankelmütige, zwar emotional, aber völlig unreflektiert handelnde Weib – das ist nun wirklich 19. Jahrhundert, oder? Klar, das war ja auch die Hochphase der Romantik. Wer jedoch in den angesagten „All ager“-Romanen ein moderneres Rollenbild sucht, dem sei Harry Potters etwas blaustrümpfige Hermine empfohlen: Mit Schlauheit, emotionaler Intelligenz, Mut und Tatkraft hilft sie dem Zauberlehrling diverse Male aus der Patsche – und schnappt sich am Ende trotzdem noch Kumpel Ron!
Allerdings sei an dieser Stelle noch zugegeben, dass die – wirklich gelungene – Verfilmung „Die Tribute von Panem – The Hunger Games“ ihrer Protagonistin Katniss dann doch noch all die Toughness und emotionale Kraft zugesteht, die ihr in dem rein aus ihrer Perspektive erzählten Roman manchmal zu fehlen scheinen. Und in diesem Sinne freuen wir uns natürlich über eine starke Identifikationsfigur für Leserinnen und Kinofans jeden Alters!

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