Wie stehe ich eigentlich zu der Farbe pink (oder rosa)? Und zu Barbie? Und überhaupt so „Mädchenkram“? Vor einigen Jahren hätte ich das noch ganz klar beantworten können („Bleib mir nur weg damit!“), aber heute hat sich mein Blick und damit auch meine Antwort verkompliziert.
Und seitdem Aktionen wie „Pink Stinks“ und der Protest gegen das Barbie-Haus in Berlin sehr präsent sind, versuche ich mein Unbehagen zu worten. In meinem Kopf höre ich vor allem ein lautes „Ja, aber…“.
Ja, ich finde es furchtbar, dass es nun Lego gibt, welches ausschließlich für Mädchen beworben wird, in welchem die Welt rosa-pastellfarbend ist und die Figuren Taille haben. Aber: Ich finde es eigentlich auch vollkommen okay, wenn nicht sogar begrüßenswert, dass rosa Bausteine ihren Weg in die Legowelt finden.
Ja, ich finde es schwierig, wenn Barbie der einzige Fixpunkt für einige Mädchen ist und sie dazu angehalten werden, deren Aussehen und Leben (inklusive den immer wieder vorhandenen Bezug auf Ken als Lebenspartner) nachzueifern. Aber: Ich bekomme auch Bauchschmerzen, wenn ich sehe, wie freudig vor allem auch Typen auf diesen Protest aufspringen und voller Enthusiasmus Barbie bashen und Mädchen ihre eigenen Vorlieben absprechen.
Ja, mir tut es weh, wenn junge Mädchen in Spitzenkleider gesteckt werden und ihnen gesagt wird, wie sie sich zu benehmen haben („Nicht schmutzig machen!“), was erwartet wird („Immer lächeln und freundlich sein!“). Aber: Kindern einzureden, dass Kleider und Röcke unnütz sind und mensch in diesen ja auch nichts machen könne, halte ich für ebenfalls schwierig. (Ich habe in den letzten Jahren die Fähigkeit des Wanderns in schwierigem Gelände im langen Kleid perfektioniert. Kann sehr praktisch sein bei einer Fluss-Überquerung einfach das Kleid hochzunehmen und durchzulaufen und auf der anderen Seite zu warten, während andere mühsam die Hosenbeine hochkrempeln und dann doch nass werden, weil nicht hoch genug.)
Es werden durchweg Symbole und Dinge, die als „typisch weiblich“ gelabelt sind, herabgesetzt. Damit wird eine lange Geschichte der Abwertung weiblicher Vorlieben, Ideen und Praxen weitergeschrieben. (Hierbei geht es nicht um essentialistisch weibliches, sondern um Dinge, die als solche eingeordnet werden.) Angegriffen wird also immerzu die Abweichung von der Norm, in diesem Fall der „Mädchenkram“. Die Norm selbst bleibt weiterhin unbenannt und somit auch unverändert. Es werden bestimmte Dinge abgelehnt, aber nicht gleichzeitig aufgezeigt, wie die implizierten Alternativen ebenfalls gegendert sind. Eine der Folgen könnte dann sein, dass Sachen, die eher Mädchen zugeschrieben werden, verschwinden.
Dies ist sogar eine ziemlich realistische Annahme: In der Schulbuchreihe Mathestarts 4 gab es zum Beispiel eine stereotype Aufgabenstellung. Zwei Kinder, eins als Junge, das andere als Mädchen markiert, kauften Spielzeug. In der Auflage 2005 möchte Thomas ein Fußballtor und einen Gameboy, Tanja hingegen wünscht sich eine Puppe und ein (Spiel)Pferd. In einer neueren Auflage möchte Thomas weiterhin das Fußballtor und dazu eine Kamera, Tanja aber will nun ein Badminton-Set und eine Spielesammlung. Nicht etwa wurde Thomas der Wunsch nach einer Puppe ermöglicht, stattdessen wurden wurden alle weiblich konnotierten Spielzeuge aus der Aufgabe entfernt.
Und die Frage ist wer_welche profitiert davon? Wenn weiterhin allein bisher männlich-konnotierte Eigenschaften, Ideen und Gegenstände als positiv dargestellt werden, ensteht keineswegs eine gerechtere Gesellschaft. Viel eher zeigt sich, dass auch diese Kampagnen in ihrem Kern androzentrisch sind. Und auch Feminitätsfeindlichkeit stützt ein Patriarchat.
Aber (jetzt in die andere Richtung), ich verstehe auch, warum sich Menschen gegen den pinken Overkill zu wehrsetzen. Ein Feminitätshype, der nur auf eine eindimensionale Interpretation von Feminität setzt, ist ebenso nicht wünschenswert. Zu sehr ausgerichtet ist dies auf bestimmte Rollen, zu klar passt dieses Modell allein in eine heterosexuelle Matrix und zu viele Ausschlüsse werden produziert. Es sollte um Optionen gehen, darum auswählen zu können. Und in der Art und Weise, wie derzeitig eine rein pinke Welt für Mädchen geschaffen wird, ist ein Sichtbarmachen von anderen Möglichkeiten wichtig. Das Aufmachen von Optionen ist auch entscheidend, um eine zwanghafte Zweigenderung, wie sie auch mit den bisher genannten Zuschreibungen einhergeht, aufzubrechen. Diese Debatte sollte aber auch nicht allein an Kinderspielzeugen und Werbungen, die Kinder sehen könnten, ausgerichtet sein.

Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.