Bloggen nennt der Spiegel es zwar nicht, führt nun aber eine neue Reihe an Kolumnen ein, die „debatten- und meinungsfreudiger“ sein sollen. Mit dabei sind immerhin zwei Frauen (bei sechs Kolumnen). Aber während die Autoren über Politik und Feuilleton schreiben, gibt es einmal weibliche Lebenshilfe und ansonsten darf frau die wirklich wichtigen Fragen beantworten, etwa „Wie geht’s den Millionären in ihrem Florida-Refugium Palm Beach?“
Annina von Girls Can Blog hat inzwischen den ersten Ärger verdaut und Sascha Lobo einen offenen Brief geschrieben:
Lieber Sascha,
ich mag Dich. Du bist ein liberaler, fortschrittlicher Typ, dem man stundenlang zuhören kann. Du sagst zuvorkommend Bitte und Danke und gibst Dir größte Mühe, Dich an Leute, die Du irgendwann irgendwo kennenlernst, auch zu erinnern. Und bei dem Wort ‚Feminismus‘ verziehst Du keine Miene, nicht einmal ein Augenlid. Das unterscheidet Dich von vielen langweiligeren Männern Deines Alters und liegt daran, dass Du viele ultrakompetente Frauen in Deinem direkten Umfeld hast. Zum Beispiel Kathrin Passig, der so schnell niemand etwas vormachen kann, wenn es um das Verfassen hellsichtiger Texte geht.
Umso mehr wundert mich, dass Du Deine Intelligenz in den Dienst des patriarchalen Rückschritts stellst: In einer Sieben-Tage-Woche hätte ich die redaktionelle Schwierigkeit, ein Gleichgewicht der Geschlechter herzustellen, vielleicht gerade noch verstanden. (Wobei auch dieses Problem, zum Beispiel durch wechselnde GastkolumnistInnen, leicht lösbar gewesen wäre.) Da allerdings nur an sechs Tagen geschrieben wird, die sich ja – oh, wie gerne rechne ich das vor – ganz leicht auf drei Frauen und drei Männer aufteilen lassen, wundere ich mich darüber, dass Du Dich als einziger Nicht-Spiegel-Autor dazu hinreißen ließest, ein System zu bekräftigen, das Frauen auf ihren billigen Platz im Klatsch und Tratsch verweist. Diese Aufgabenverteilung ist lachhaft.
Hättest Du nicht Deine Hirnmuckis anspannen und den Martenstein-artigen Machern von SPON batschen müssen, dass das, was sie vorhaben, unklug ist? Hättest Du nicht in Deiner Funktion als Web 2.0-Berater darauf aufmerksam machen müssen, dass männlich dominierter, politisch-kultureller Dialog ewiggestrig, im Netz seit 2010 endgültig passé und deswegen uninteressant ist? Du kannst doch auch in fortschrittlichen Reihen publizieren. Eigentlich in allen Reihen, die Dir so gefallen. Muss es wirklich unter diesen Bedingungen bei Spiegel Online sein?
Liebe Grüße,
Annina

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