In der Grundschule wollte ich unbedingt beweisen, dass Mädchen sich auch prügeln können. Das führte zu mehreren grundschuladäquaten Schlägereien mit Klassenkameraden. Ich verlor immer, weil es mir schlicht nicht behagte, meinen Gegnern weh zu tun. Mein Ziel hatte ich ja dennoch erreicht: Prügeleien waren keine reine Jungssache. Mein persönliches Erfolgserlebnis wurde jedoch nicht von meiner Klasse geteilt, für sie hatte ich einfach nur im Kampf verloren.
Heute werde ich diese Geschichte als meinen ersten Kampf mit dem Patriarchat. Dieser Kampf war weder gegen noch um das Patriarchat, sondern ein Ringen um eine Argumentationsgrundlage.
Auch heute freut sich ein Teil von mir, dass Paris in den Gilmore Girls eine „asoziale, aufgeblasene, narzisstische Wichtigtuerin“ ist, über Frauen in der Bundeswehr oder beim Minenräumen, wenn Frauen, obwohl sie sich nicht geschlechtsstereotyp verhalten, die Heldinnen sind.
Doch ein anderer Teil von mir fragt, ob diese Heldinnen unabhängig von feministischen Zielen, auch an einer Gesellschaft arbeiten, die ich mir wünsche.
Angela Merkel ist hierfür ein perfektes Beispiel: Von der Durchsetzungsfähigkeit, über ihre Klamotten und ihren Humor, bis zu ihrem Diskussionsstil hat sie jedes Potential mein persönliches Vorbild oder meine beste Freundin zu werden. Trotzdem ist sie für mich unwählbar.
Die zweite Frauenbewegung hatte ein großes Ziel: Feministinnen wollten eine neue, eigene Welt aufbauen, fern vom Patriarchat. Sie legten beinahe alles auf den Prüfstein, um das Patriarchat aus den eigenen Räumen zu drängen.
Zeitgleich und bis heute sehe ich andere Frauen, die beweisen, dass sie „Patriarchat können“. Sie behaupten sich im Männerklüngel, zeigen dass sie das genauso gut machen wie Männer.
Dieses Durchsetzungsvermögen bewundere ich. Ebenso schaffen diese Frauen eine Argumentationsgrundlage nach dem Motto „Seht ihr, wir können das auch. Ich kritisiere patriarchale Strukturen nicht, weil Frauen das nicht können, sondern weil patriarchale Strukturen einfach bescheuert sind.“
Doch allein dieses „Zeig erstmal ob Du’s drauf hast, dann höre ich vielleicht auch zu.“ stellt eine patriarchale Struktur dar. In Frauenräumen erlebe ich das häufig umgekehrt: Mir gehört solange die Aufmerksamkeit, bis ich mich in den Augen und Ohren meiner Zuhörerinnen diskreditiert habe – ich muss nicht erst beweisen, dass ich was tauge, sondern dies ist die Vorannahme.
Die erste und zweite Frauenbewegung hat viel dafür getan, alle Wege freizuräumen, damit Frauen sie beschreiten können und heute gibt es viele Frauen, die all diese Wege mit einer gewissen Selbstverständlichkeit leben. Doch wir sind noch weit davon entfernt, die freigeräumten patriarchalen Wege nach unseren eigenen Kriterien zu messen, ohne sie selbst als Errungenschaft für Frauen feiern zu müssen.
Inwiefern müssen Frauen sich in gesellschaftlichen Bereichen, die von Männern dominiert werden, den Strukturen anpassen, um sich durchzusetzen? Was muss geleistet werden, dass es eine Selbstverständlichkeit wird, dass patriarchale Strukturen in einer gemeinsam Welt nicht gehen?
Ich würde gerne an den Punkt kommen, an dem ich mich für meine Grundschulprügeleien schäme, weil Gewalt ein dummer Weg ist. Aber solange das Patriarchat nicht abgeschafft ist, bin ich und sind andere gezwungen im Patriarchat, mit dem Patriarchat und gegen das Patriarchat zu arbeiten

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