In der Zeit stellte Susanne Mayer vergangenes Jahr die Frage, warum es unter deutschen Frauen eigentlich keine Intellektuellen gäbe. Anders als in den USA, wo seit Mitte der 60er Frauen wie Joan Didion oder Susan Sontag feuilletonistischen Debatten massentauglichen Glamour verliehen, fehle es hierzulande an weiblichem Intellekt mit Starpotential.
Ich finde zwar schon, dass es einige Frauen in Deutschland gibt, die sich mit intellektuellen Debatten gesellschaftlich einbringen, egal ob es ZEIT-Redakteurin Iris Radisch, Alice Schwarzer oder auch die Autorin Juli Zeh ist, die aktuell mit dem Buch „Corpus Deliciti“ Kritik an überzogenen Körper- und Gesundheitsnormen übt.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de
Trotzdem, Mayers Kritik erscheint nicht ganz unberechtigt und ich frage mich, was Frauen vom intellktuellen Olymp abhält, wenn doch eigentlich genügend geistiges Ambrosia für alle da ist. Wie unendlich nervt es mich, wenn ich im Park, Café oder auf der Straße nur die üblichen Frauengespräche um Diäten, Männer, Mode und eventuell noch Ärger im Job kreisen höre. Sind wir nicht verpflichtet, uns der allgemeinen Verblödung zur Wehr zu setzen? Dass wir es könnten, zeigen doch wohl die besseren Schul- und Uniabschlüsse von Frauen.
Klar, wir könnten wieder auf die Sperrzone Männerverein hinweisen, wo sich in dicken Sesseln gefläzt wird – Zutritt für Frauen verboten. Und tatsächlich, von Frauen werden intellektuelle Höchstleistungen nicht erwartet. Uns suggeriert man, es ist egal, was du im Kopf hast, solange dieser hübsch anzusehen ist. Auch Susanne Mayer verweist in diesem Zusammenhang auf die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun:
Bei uns, sagt Braun, traue die Öffentlichkeit dem Denken der Frauen nicht. Mehr noch – trauten sich Frauen etwas zu, werde das nicht gerne gesehen. So ist es: Frauen, die eine starke Meinung haben, werden vor allen Dingen als Frauen gesehen. Man schaut auf ihre Frisur, die Schuhe {…}.
Aber ich finde es gibt noch einen weiteren, wenn auch daraus resultierenden Grund, warum Frauen intellektuelle Herausforderungen so wenig verfolgen: Wir opfern sie der Organisation unseres Alltags. Es muss eingekauft und sauber gemacht werden, die Freundin noch schnell anrufen, Emails checken, Nachrichten gucken und dann hach, auf dem Sofa mit nem netten Film entspannen. Warum nicht mal die Priorität darauf legen, einen literarischen Klassiker oder ein Sachbuch zu lesen, eine Fremdsprache zu lernen oder einen Leserbrief an ein politisches Magazin zu verfassen?! Oder was auch immer unsere geistige Neugierde befriedigt. Und mit Neugierde meine ich nicht, das „typisch“ weibliche Interesse am Treppenhausklatsch, auch wenn er glamourös aufgemacht als gedruckte Gala zu kaufen ist.
Uns fehlt die Muße und der Wille, unser Bedürfnis nach geistiger Entwicklung gegenüber den üblichen an uns gestellten Ansprüchen zu verteidigen. Und verteidigen bedeutet auch, raus mit dem angeeigneten Wissen! Beteiligt euch an der Diskussionskultur – zuhause, im Freundeskreis, in aller Öffentlichkeit. Denn es kann nicht angehen, wenn mir – wie neulich passiert – der Vater einer Freundin gütlich die Wange tätschelt, nachdem ich meine Meinung kund getan habe, die er nicht teilte.
Auch Susan Sontag hat sich bewusst für ihr Leben als unabhängige Autorin und Intellektuelle entschieden. Sontag, die bereits als junge Frau verheiratet war, trennte sich von ihrem Ehemann und zog mit dem gemeinsamen Sohn als alleinerziehende Mutter nach New York. In der Biographie von Daniel Schreiber heißt es über Sontag, während ihr Mann ein Dasein als Hausfrau und Mutter für sie vorsah, erkannte sie ihre Lebenskonzept in ihrer Bibliothek. In ihrem Erzählband „Ich etc.“ schreibt Sontag:
Wir wissen mehr als wir brauchen können. All das Zeug, das mit im Hirn steckt; Raketen und venezianische Kirchen, David Bowie und Diderot, Nuoc mam und Big Macs, Sonnenbrillen und Orgasmen. {…} Und wir wissen nicht annähernd genug.
Genau – wir wissen nie genug! Schade also, wenn wir bereitwillig unseren Intellekt den Erwartungen anderer unterordnen und ihn vernachlässigen, um den stupiden Alltäglichkeiten gerecht zu werden. Lieber ein dreckiges Bad als ein ungebrauchtes Hirn!

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