Heute ist Internationaler Tag gegen Homophobie. Weltweit finden dazu Veranstaltungen, Aktionen und Demonstrationen statt, um auf die noch immer währende Ungleichbehandlung von LGBT hinzuweisen und Gleichberechtigung einzufordern. 2010 steht der IDAHO (International Day against Homophobia) unter dem Motto „Religionen, Homophobie, Transphobie“ und thematisiert damit die Stigmatisierung von LBGT-Lebensweisen sowie die Rechtfertigung von Gewalt, Zwangssterilisationen und Diskriminierung durch religiöse Vertreter_innen.
In den deutschen Medien und in der Mehrheitsgesellschaft findet der Tag so gut wie keine Aufmerksamkeit, lediglich in lesbischwulen und Trans* Kontexten können sich Interessierte informieren und an entsprechenden Veranstaltungen teilnehmen. Das ist schade, denn es ist gerade mal 20 Jahre her, dass Homosexualität weltweit nicht mehr zu den psychischen Störungen zählt. Im Kampf gegen Diskriminierung und Intoleranz ist allerdings ein breites öffentliches Interesse gefragt. Hierzu muss ein Weg gefunden werden, die Mehrheitsgesellschaft von der Wichtigkeit der LGBT-Problematiken zu überzeugen und damit eine Breitenwirkung zu erzielen, die politisches Handeln notwendig macht. Von der tatsächlichen Gleichberechtigung kann nämlich auch in Deutschland keine Rede sein: Mehr als die Hälfte aller Deutschen lehnt die Gleichstellung von homo- und heterosexuellen Lebensweisen ab.

Da überrascht es, dass eine der rar gesäten Aktionen zum IDAHO erneut der flashmob-artige Kuss-Marathon „Protect every Kiss“ in Berlin ist. Hauptorganisator ist Maneo, das schwule Anti-Gewalt-Projekt der Hauptstadt. Jedes Jahr sind Städte weltweit dazu aufgerufen, solch einen Kuss-Marathon zu veranstalten. Diese Protestform soll die Ungleichbehandlung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans* weltweit sichtbar machen. Wahrscheinlich soll sich die heteronormative Mehrheitsgesellschaft davon irgendwie angesprochen fühlen. Irgendwie ja, nämlich mit denselben abschätzigen, abwertenden und belustigten Reaktionen, die LGBT sonst so begegnen, wenn Intimitäten in der Öffentlichkeit ausgetauscht werden. Von wachsender Akzeptanz und Verständnis für die besondere Gefährdungslage von LGBT kann bei solch einer relativ inhaltsleeren Demonstration von Andersartigkeit keine Rede sein. Das bewusste Betonen des Anderen ist nichts, was diesen Kuss-Marathon von Marginalisierungstaktiken der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft unterscheidet, außer dass sich die sonst zu einer abweichenden Gruppe Konstruierten selbst als abweichend und anders konstruieren.
In diesem Jahr findet das Berliner Kiss-In vor der ugandischen Botschaft statt, um Solidarität mit den in afrikanischen Ländern bedrohten und verfolgten LGBT zu zeigen und gegen das geplante Anti-Homosexuellen-Gesetz in Uganda zu protestieren. Statt politische Forderungen zu stellen, Heteronormativität und seine katastrophalen Folgen für queere Lebensweisen anzuprangern, und die Unterstützung gesamtgesellschaftlich zu ermöglichen, wird Uganda als einziges zu beackenders „Homophobie-Feld“ inszeniert, während die breite homophobe Mitte der Gesellschaft ausgespart bleibt. Nicht einmal das Motto des diesjährigen IDAHO wird ersichtlich. Sonst hätte Maneo das Kiss-In nämlich direkt vor Kirchen und fundamentalen christlichen Organisationen organisieren können, die maßgeblichen Einfluss auf homophobe Tendenzen in Afrika haben.
So wird Homophobie auch in diesem Jahr eher als Randproblem dargestellt. Schade um die vertane Chance.

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