Vor ein paar Tagen ist mir das aufgegangen, nachdem ich immer wieder von “gesunden Körperbildern” und “gesundem Selbstbewusstsein” gelesen habe, als es um das Berufsverbot für Models mit einem BMI unter 18,5 ging (nicht etwa um ein Ausstellungsverbot von Mode für die Massen, in die ausschließlich Menschen mit Maßen, die von Designer_innen/Modemacher_innen als mit einem BMI von unter 18,5 einhergehend erwartet werden, hineinpassen).
Wann ist denn jemand oder etwas “gesund”?
In der Regel dann, wenn es jemand sagt, dem man das glaubt. Glauben soll (und kann), weil diese Person eine (vermutete bzw. evtl. auch an einen Titel wie “Dr.” oder “Prof.” oder “Dipl. psych.” gekoppelte) Überlegenheit durch Wissen vor einem selbst hat.
Ich weiß zum Beispiel, dass die DIS (meine Behinderung) mich nicht zu einem “kranken Menschen” macht.
Ich muss mich aber mit dem Krankheitsbegriff auf mir abfinden, weil ich sonst nicht die Möglichkeiten auf Hilfe, Unterstützung, Begleitung nutzen kann, die sich bewährt haben, wenn man die Dinge, mit denen ich so lebe und umgehe, verändern bzw. lindern möchte.
Ich muss als „krank“ definiert werden, damit das „Gesundheitssystem“, weiß, dass es etwas für mich tun kann. Ich wäre nicht „krank“, wenn Psychotherapie keine Leistung der Krankenkasse, sondern der „Kasse zur Linderung subjektiven Leidens“ wäre.
Mediziner_innen sind aber spezialisiert auf die Erkennung, Klassifizierung, Ergründung und Heilung des „Kranken“. Die Erkennung, Klassifizierung, Ergründung und Förderung des Gesunden hingegen ist etwas, das ihnen nebenbei – und unbezahlt passiert.
Hinzu kommt: Mediziner_innen haben in aller Regel keine Zeit dafür, mit Patient_innen ein Verhältnis aufzubauen, das über den Kontext der Behandlung hinaus geht – also etwas, das erst dann beginnt, wenn die Unterwerfung schon passiert ist – nämlich das Labeling als “krank”. Sie erleben ihre Patient_innen in der Folge nie „gesund“.
Abgesehen davon, sollen sie gerade diesen Blick auf ihre Patient_innen oft auch nicht entwickeln, um “objektiv” bleiben zu können. Also, um eine Person bleiben zu können, die Personen, die sie um Hilfe, Leidenslinderung, Begleitung bitten, zu Objekten ihrer Arbeit machen zu können.
Also um mächtig zu bleiben.
Es ist nicht krank, defizitär oder dumm oder falsch oder lebensmüde, wenn man mehr als einen Titel oder einen besonders eindrucksvollen Beweis der Macht [der Überlegenheit] braucht (will / einfordert), bevor man sein Leben, seine Lebensqualität – sich selbst – einem anderen Menschen anvertraut.
Wer unterworfen ist, trifft nie – niemals – eine freie, selbstbestimmte, vollkommen bewusste Entscheidung über das, was mit ihm/ihr/* passiert.
Für mich persönlich ist „Gesundheit“ ein Spektrum, das konvertierbar ist und ergo alle Parameter, die es derzeit gibt, um “Krankes” zu markieren, absurd und nicht vertrauenswürdig macht.
Um zurück zum Anfang des Artikels zu kommen zum Beispiel, ist der BMI ein willkürliches Instrument (Magda hat das in ihrem Artikel zur Berufsverbotdebatte auch aufgezeigt), das versucht eine Norm für “Gesundheit” zu produzieren, um wiederum eine “Krankhaftigkeit” zu kreieren, die oft gar nicht mit einem Leiden in Verbindung steht, das damit gelindert werden kann.
Mit jeder Forderung nach “gesunden Körperbildern” werden die existierenden Körperbilder pathologisiert und das Spektrum, das “Gesundheit” haben kann, enger gesteckt. Wieder geht eine Kluft auf zwischen “okay” (weil sogenannte, so definierte, “Gesundheit” mit Selbstbestimmung und Unversehrtheit belohnt wird) und “nicht okay” (weil sogenannte – so definierte “Krankheit” mit Stigmatisierungen, die wiederum zu Diskriminierung im Recht auf Selbstbestimmung und Unversehrtheit einhergehen).
Ganz klar befürworte ich keine körperliche Auszehrung um bestimmte Maße zu halten – aber ich sehe, dass es Menschen gibt, die Geld zum Leben verdienen möchten und dies auf diese Art und zu diesem Preis bereit sind zu tun und das akzeptiere ich, weil ich die Selbstbestimmung anderer Personen akzeptieren möchte.
Ich würde es daneben genauso befürworten, wenn Designer_innen/Modemacher_innen in die Lage versetzt werden, für viele verschiedene Körperformen zu entwerfen und zu verkaufen, statt einem Ideal zu folgen, das es nur deshalb gibt, weil ein Ideal einen sehr kleinen Teil eines Spektrums darstellt und deshalb in Massen produziert werden kann, ohne große Kosten zu verursachen.
Menschen sind nicht ideal. Kein Mensch hat nur ein Teil eines Spektrums in sich oder berührt nur einen kleinen Teil davon.
Ich denke, dass der Umgang mit Labeln wie “gesund” und “krank” sehr dringend mit mehr Bewusstsein für die Machtdynamiken dahinter passieren muss, gerade auch, wenn ein Wunsch für die Gesellschaft ist, sich gleichberechtigt miteinander im Leben zu bewegen.

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