Liebe Piratenpartei,
alles fing so gut an. Endlich eine Partei, die mich versteht. Ich habe die Petition gegen das Zugangserschwerungsgesetz unterschrieben, mit gegen die Vorratsdatenspeicherung geklagt und beim Schreiben dieser Zeilen frage ich mich, in welchen Datenbanken diese Informationen wohl landen. Doch schon vor der Bundestagswahl zeigte sich, dass wir in Sachen Feminismus nicht d’accord gehen.
Nun ist einige Zeit ins Land gegangen. Das Zugangserschwerungsgesetz ist da, soll aber nicht angewendet werden, die Vorratsdaten werden (erstmal) wieder gelöscht, die Datensammelwut überall anders geht weiter – und ihr kommt wieder nur mit dem „Gedöns” in die Medien. Wie oft musste ich lesen „wenn Feministinnen was ändern wollen, dann sollen sie doch in die Partei kommen und mitarbeiten.” Dann kommen sie in die Partei und wollen mitarbeiten, und da heißt es auf einmal „ihr dürft gerne mitarbeiten, aber bitte nicht so”. Die viel beschworene Offenheit war nicht zu sehen, statt dessen wurde versucht zu löschen was nicht gefiel und mit Parteiausschluß gedroht.
Was war passiert? Unter dem Motto „Klarmachen zum Gendern” hatte Piratin Lena Simon eine Mailingliste nur für Piratinnen gegründet und ohne weitere Absprachen schon mal eine Pressemitteilung rausgeschickt, allerdings auch nicht im Namen der Partei.
Wenn die #piraten mal in derselben Empfindlichkeit auf ihre Rechtsauslegr reagieren würde wie auf die Fraueninitiative
schrieb Jens Scholz und war mit diesem Gedanken nicht der einzige. Trotz wiederholter unautorisierter Klogriffe hatte es bei Stefan „Aaron” Koenig fast schon ewig gedauert, bis der Ausschluß drohte. Und erregte hier die Begrenzung auf Frauen noch Ärger, vergaßen viele, dass die AG Männer ihre Webseite bisher auch mit Passwort schützt.
Die sachliche Diskussion ging unter. Frauen wurden auf Menstruationsblut reduziert – allein dazu könnte man einen Aufsatz über das Maß an Erniedrigung, Ausschluß/othering und Biologismen schreiben. Die Piratinnen wurden als „Prinzesschen” in eine Schublade gesteckt und immer wieder betont, dass viele weibliche Piraten* keien Notwendigkeit spezifischer Frauenangebote sähen. Es ist schön, dass anscheinend viele Piraten von Sexismus in der Partei verschont geblieben sind. Aber leider erleben einige ihn doch und er wird nicht verschwinden, indem man einfach die Augen schließt und Wikis löscht. Das sollte die Piratenpartei doch am besten wissen!
Eine Partei, die sich als post-gender sieht, muss berücksichtigen, dass die Gesellschaft es noch nicht ist. Sie muss berücksichtigen, dass nicht jedes Mitglied automatisch mit dem Parteieintritt post-gender wird, sondern seine eigenen Erfahrungen, Einstellungen, Verhaltensweisen mitbringt. Die Piratinnen die (sich immerhin trauen zu) sagen, dass sie Hemmungen haben sich voll einzubringen, sollten respektiert und ihnen die Mitarbeit ermöglicht werden. Die Piratinnen, die sich über sexistische Übergriffe beklagen, müssen ernst genommen und die Vorfälle aufgeklärt werden. Denn sexistische Beschimpfungen, Aufrufe zu Übergriffen und sogar Morddrohungen sind Realität im Internet.
Im Moment, liebe Piratenpartei, wiederholst Du ein klassisches Muster linker Bewegungen: Du weißt, dass Sexismus ein Problem ist, aber statt es offen anzugehen, wird die Erkenntnis gleich als Lösung gesetzt. Statt Bedenken ernst zu nehmen, antwortest Du mit flapsig, anzüglichen Bemerkungen. Statt Kritik anzunehmen, werden Kritiker_innen bestenfalls ignoriert und schlimmstenfalls als Verräter an der Sache beschimpft.
Es hätt‘ so schön werden können. Aber so sitze ich weiter vor dem Rechner und warte auf die Partei, die mich versteht und respektiert.
Deine Helga.
PS: Die Opalkatze und das Piratenweib haben jeweils umfangreiche Linksammlungen zum Thema und mit dem Geek Feminism Blog ist auch die englischsprachige Blogsphäre aufmerksam geworden.
________________________
* Dass sich die Gegner_innen der Piratinnen genötigt sahen zu betonen, Piraten aller Geschlechter seien dagegen, zeigt doch deutlich, dass generische Maskulina in erster Linie maskulin verstanden werden.

Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.