Anmerkung: Es geht im Folgenden um ein Bild, das ich als ziemlich gewaltvoll, sexistisch und erniedrigend beurteile. Es ist zu sehen, wenn man die blau markierten Links in den ersten beiden Absätzen anklickt. Eine Beschreibung folgt im dritten Absatz.
Die Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES (TDF) hat letzte Woche eine Kampagne zur Verbesserung des Aufenthaltrechtes für Opfer von Zwangsprostitution gestartet. Gefordert wird, „dass Opfern von Zwangsprostitution ein unbefristeter Aufenthaltstitel erteilt wird, der unabhängig von ihrer Bereitschaft, vor Gericht auszusagen, gelten muss“. Zusätzlich soll Betroffenen eine geeignete Betreuung und Entschädigung garantiert werden. Mal abgesehen von (der bei weitem nicht erschöpfenden) Kritik, dass auch bei TDF Prostitution und Menschenhandel gerne in einem Atemzug diskutiert werden: so weit, so für sich genommen richtig – Abschiebung gehört abgeschafft, zumal wenn es um traumatisierte, stigmatisierte, von Gewalt betroffene Menschen geht. Frauen, denen Gewalt angetan wurde, gehören geschützt und unterstützt, ohne wenn und aber.
Flankiert wird die Aktion allerdings von einem Postkartenmotiv, derzeit auch das Titelbild der TDF–Facebookseite, das mich vorsichtig formuliert schlucken lässt – wer keine Lust hat, es sich anzugucken, kann es sich in etwa folgendermaßen vorstellen:
Abgebildet ist eine handelsübliche SB-Fleischverpackung, so à la Styroporschale mit Frischhaltefolie drüber und aufgeklebtem Preisetikett, nur dass diese statt Hähnchenflügeln oder Koteletts zehn Frauen* (drei verschiedene Personen, mehrfach reproduziert) enthält, die unbekleidet und in Seitenlage zusammengekauert dort „verpackt“ sind; die Gesichter werden mit den Händen abgeschirmt und sind nicht zu erkennen, die Körperhaltung ist bei allen nahezu identisch. Die Botschaft dürfte klar sein.
Ich fühlte mich sofort [Warnung für die beiden nachfolgenden Links: gewaltvolle Inszenierungen] unangenehm an die oftmals kritisierte Herangehensweise der Tierrechtsorganisation PeTA erinnert und formulierte entsprechende Kritik und Nachfragen auf der Facebookseite von TERRE DES FEMMES. Die vorhersehbaren Einwände ließen nicht auf sich warten: Einige Kommentator_innen fanden, die „drastische Darstellung“ sei dem Thema angemessen, man wolle doch das Erniedrigtwerden, das Zur-Ware-Gemachtwerden von Frauen* herausstellen – da wurde dann auch nicht mehr so wirklich zwischen Zwangsprostitution und Sexarbeit generell unterschieden. Außerdem sei Aufmerksamkeit schließlich die Hauptsache und man wolle Betroffenen von Zwangsprostitution „eine Stimme geben“. Doch auch hier gilt: Intent isn’t magic, gute Absichten und nachvollziehbare Begründungen sind kein Zaubermittel gegen die schmerzhafte Wirkung kulturell aufgeladener, brutaler Symbole. Das scheinen auch TERRE DES FEMMES grundsätzlich zu verstehen, denn im besagten Facebook-Thread äußerten sie sich dann folgendermaßen:
Liebe Frauen, wir haben lange überlegt, ob wir ein solches Motiv wirklich nehmen wollen. Eigentlich nutzt TERRE DES FEMMES keine gewaltvollen Motive. Wir haben uns dann für dieses Motiv entschieden, weil es die Reduzierung der Betroffenen zu einer Ware klar verdeutlicht und gleichzeitig doch so künstlich ist, dass es nicht voyeuristisch wirkt.
Erfreulich: TDF erkennt an, dass das Motiv gewaltvoll ist. Aber künstlich, nicht voyeuristisch, und deshalb ok? Puh.
Dieses Bild bedient genau die gleiche Marketing-Optik, die so viele Feminist_innen zu Recht kritisieren – offensichtlich junge, weiße konventionellen Schönheitsstandards entsprechende Frauen* als Werbe- bzw. Botschaftsträgerinnen, unbekleidet, sexualisiert, zum Objekt degradiert. Die Opferposition wird auch hier ästhetisiert und erotisiert, man sieht langes Haar und Brüste, makellose Haut, alles ganz hübsch anzusehen. Ich kann da beim besten Willen nichts“aufrüttelndes“ oder „verdeutlichendes“ sehen, im Gegenteil: Genau diese Bildsprache wird Frauen* tagtäglich in sexismusreproduzierenden Settings zugemutet, da kann mensch noch so sehr darauf hinweisen, dass es ja in diesem Fall aber doch kritisch gemeint sei. Ändert aber wenig: Die Reproduktion von Sexismus vermeintlich zugunsten eines feministischen Anliegens geht nicht auf. Die „Reduzierung der Betroffenen zu einer Ware“ wird in dem TDF-Bild nicht aufgedeckt und dekonstruiert, sondern fortgeführt – letztlich konsequent, wenn man wie TDF die Gleichsetzung von Menschen mit Waren, wenn natürlich auch als Kritik an Ausbeutung gerahmt, legitim findet.
Auch bleibt in der TDF-Begründung der Kontext außen vor, für den diese Kampagne gemacht ist: Sie richtet sich an die allgemeine Öffentlichkeit, also ein „breites Publikum“, bedient dessen Sehgewohnheiten, bedient den male gaze. Betroffene werden in diesem Bild erneut viktimisiert, also zum Opfer gemacht: Der Erniedrigung werden keine empowernden Bilder entgegen gesetzt, die Menschen, um die es hier gehen soll, werden ausgeliefert und im Opferstatus belassen. Subjektstatus und Agency (Handlungsfähigkeit, Selbstwirksamkeit) für diejenigen, die durch diese Kampagne unterstützt werden sollen? Fehlanzeige, selbst von TDF, deren Motto lautet: „Menschenrechte für die Frau!“, wird ihnen diese symbolisch abgesprochen.
Einem Anliegen, einer Position Gehör verschaffen und für jemanden sprechen, sich zu jemandes Retter_in erheben sind nicht dasselbe. Ich weiß nicht, ob eine Kampagne, an der (potentiell) von Zwangsprostitution Betroffene beteiligt wären, in diesem Kontext mit so einem Bildmotiv aufwarten würde. Weiterhin würde mich interessieren, wie viele von denen, die dieses Motiv als „aufrüttelnd“ empfinden, nähere Erfahrungen mit Zwangsprostitution oder auch mit sebst gewählter Sexarbeit haben. Ich persönlich habe diese nicht. Die Perspektiven von Sexarbeiterinnen zur Kenntnis zu nehmen, ist daher umso wichtiger. So tritt beispielsweise der Verein Hydra e.V. unter anderem dafür ein,
- … dass Sexarbeit einerseits und sexuelle Gewalt, Ausbeutung und Frauenhandel andererseits nicht in einen Topf geworfen werden. Prostitution ist ein Job – Frauenhandel und sexuelle Gewalt sind Verbrechen. […] Dass diese Verknüpfung in der öffentlichen Debatte immer hergestellt wird (unter dem Begriff „Zwangsprostitution“), ist Teil des Problems, nicht Teil der Lösung: So wird verhindert, dass Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter als eigenständige Akteure wahrgenommen werden und die ihnen zustehenden Rechte bekommen.
- … dass die Debatte über Prostitution nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg geführt wird. Was im Interesse von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern ist, was ihre Würde verletzt und was nicht, wissen sie selbst am besten. Prostituierte sind keine „Opfer“, sondern mündige Personen. In der Debatte über Prostitution darf nicht nur über die Prostituierten, es muss auch mit den Prostituierten diskutiert werden.
Nochmal ganz klar: Es geht nicht darum, hier Verbrechen vor allem gegen Mädchen* und Frauen* zu relativieren oder kleinzureden, im Gegenteil. Gewalt und Zwang ächten und sanktionieren, Solidarität mit Betroffenen: bitter nötig. Menschen zu bevormunden, die aus anderen Gründen als unmittelbarem Zwang der Sexarbeit nachgehen: not my feminism. Gewalt reproduzieren, um gegen Gewalt vorzugehen: not my feminism.

Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.