Virginie Despentes könnte meine neue beste Freundin werden! Zwar habe ich weder ihr Buch Baise-Moi gelesen noch die Verfilmung gesehen, aber was sie in ihrem aktuellen Werk „King Kong Theorie“ schreibt, gefällt mir. Alternet veröffentlicht einen Auszug, in dem Despentes nach der Motivation öffentlicher Ächtung von Pornodarstellerinnen fragt. Im Grunde sind sie Schauspielerinnen wie alle anderen. Nur, dass sie eben statt der unsicher Verliebten mit den großen Augen die Sexwillige mit dem offenen Mund spielen. Ob Romantik oder Orgasmus – die Leinwand verkauft Fiktion.
Despentes wünscht sich unabhängige und selbstbewusste Pornoakteurinnen – nur leider verhindere das sowohl die Gesellschaft als auch die Industrie. Ein Porno ist nicht zwingend wie der andere. Es gibt sowohl die historische Entwicklung, als auch nationale Unterschiede – von den zig Sub-Kategorien mal abgesehen. Was Pornografie auf den gemeinsamen Nenner bringe sei die Zensur. Mit dem Totschlag-Argument „die Würde der Frau“ muss geachtet werden, werden sexuelle Handlungen, die Gewalt und Zwang beinhalten genauso in die Schmuddelecke verbannt wie gewisse Spielzeuge und Spielarten. Als ob wir nicht wüssten, dass das bloß gespielt ist. Und nein, wir wollen nicht, dass uns gegen unseren Willen Gewalt angetan wird und ja, wir können unterscheiden zwischen der unterwürfigen Haltung, die wir mal zugunsten unseres Liebesspiels einnehmen und unserer Position im Job. By the way: Wie Despentes ganz richtig bemerkt, so oder so brauchen wir nur den Fernseher anzuschalten, um Frauen in erniedrigenden Positionen zu finden.

Was die Zensoren vernachlässigen: Wie Frauen am Set behandelt werden. Die Bedingungen und Verträge, unter denen den Darstellerinnen kaum Rechte oder Selbstbestimmung eingeräumt werden, das interessiert den Staat nicht sonderlich. Lieber den Porno an sich als Teufelszeug verurteilen und die Frau, die damit ihren Lebensunterhalt bestreitet, am besten gleich mit. Denn als Pornodarstellerin hast du verschissen. Für Pornodarstellerinnen kommen kein anderen Rollen in Frage. Wenn sie einmal die willige Sklavin oder die unerbittliche Domina gegeben hat, wie bitte sollte sie dann die Rolle der fürsorglichen Mutter spielen? Erinnert sich noch jemand an den aufgeplusterten Skandal um Sibel Kekilli? Oder Michaela Schaffrath, die ihr Gina Wild Image einfach nicht los wird.
Aber genauso wie die Zensoren nur Augen für den vermeintlichen Objekt-Status der Frau im Porno haben, reduzieren auch die Männer, die das Porno-Biz kontrollieren, die Darstellerinnen auf dieses Niveau. Bitte, bitte mach mich geil, aber erwarte keine andere Belohnung als den Cumshot. Dass die Darstellerinnen außerhalb des „Drehbuchs“ eine Persönlichkeit haben, scheint hier niemandem in den Sinn zu kommen. Wer vor der Kamera das Sex-Objekt mimt, der kann in der Realität doch unmöglich ein handelndes Subjekt sein.
Dass Frauen, die mit Sex Geld verdienen, doppelt abgestraft werden, weil sie weder von dem Gewerbe noch von der Gesellschaft ernst genommen werden, ärgert Despentes. Zu Recht, denn nicht allein die Zensur beeinträchtigt die Selbstbestimmung von Pornoakteurinnen, die Doppelmoral schneidet noch schärfer.

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