In der aktuellen Ausgabe der Zeit kritisiert die Autorin Mely Kiyak die aktuelle Feminismusdebatte als realitätsfern. Die Frauen der weißen Mittelschicht Deutschlands gingen nur auf ihre eigenen, verhältnismäßig unproblematischen Probleme ein, schreibt Kiyak:
Die Frage, ob wir einen neuen Feminismus brauchen oder schon haben, scheint bereits beantwortet: Die Mitte der Gesellschaft redet doch schon lebhaft darüber!
Doch wo ist die Mitte der Gesellschaft? Nicht ein einziges Mal tauchte in der Debatte das Wort Migrantinnen auf. Immerhin hat inzwischen ein Fünftel der deutschen Gesellschaft eine nichtdeutsche Herkunft. Nicht ein einziges Mal tauchte der Hinweis auf, dass es Frauen in anderen sozialen Schichten gibt, die über die diskutierten Alternativen – zu Hause bleiben oder arbeiten, Kinder kriegen mit oder ohne Ehemann, allein erziehen oder doch noch einen Masterstudiengang dranhängen – gar nicht verfügen. Kein Wort davon, dass in unserer Gesellschaft Frauen leben, die über keine sexuelle Selbstbestimmung verfügen, die aufgrund ihrer Herkunft bei der Ausbildungs- und Arbeitsplatzsuche systematisch diskriminiert werden. Nichts über Frauen, die doppelt so häufig von häuslicher Gewalt betroffen sind wie diejenigen, über die die ganze Zeit gesprochen wird. Ganz zu schweigen von all jenen, die verheiratet sind und deren Ehemänner in befristeten Arbeitsverhältnissen stehen. Da können die Ehefrauen gar nicht auf die Idee kommen, zu Hause zu bleiben, weil sie finanziell gar keine andere Wahl haben.
Unsere Leserin SoE schreibt dazu:
Ein Vorwurf, der weder ganz neu, noch unbegründet aber meiner Meinung nach auch nicht 100% gerechtfertigt ist. Den meisten weißen, mehr oder minder christlichen Mittelstandsfrauen ist klar, dass es anderen Frauen noch viel schlechter geht als ihnen. Und auf Blogs werden diese Themen auch durchaus angesprochen. Aber wenn man sich so hinstellen und ein Buch schreiben oder bei irgendeiner Podiumsdiskussion darüber reden würde, wäre es im besten Fall nur unglaubwürdig, im schlechtesten würden sich die „Betroffenen“
bevormundet fühlen.
Ich persönlich sehe das genauso. Es ist meines Erachtens schon eine relativ große Herausforderung, die eigenen Umstände zu bestimmen und daraus Forderungen abzuleiten bzw. das für Menschen zu tun, von denen man meint, sie hätten in etwa dieselben Voraussetzungen. Tatsächlich ist es so, dass es mehr und lautere Stimmen von Frauen mit Migrationshintergrund in der Feminismusdebatte braucht. Gleichzeitig müssen dafür aber überhaupt Kanäle entstehen.
Deshalb ist die Grundsatzfrage von SoE sehr wichtig :
Wie schaffen wir es, dass der Feminismus tatsächlich als eine Bewegung für alle Frauen ins Bewusstsein rückt?
Wenn ihr Vorschläge für Grundsatzfragen habt, dann mailt sie an mannschaftspost(at)web.de.

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