Susanne Schäfer studiert an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster im Master Politikwissenschaft. Im Rahmen ihres Studiums hat sie sich mit den Genderaspekten im fairen Handel beschäftigt.
Der Konsum von fair gehandelten Produkten ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen. Rund 270 Millionen Euro (PDF) gaben die Deutschen 2009 für Kaffee, Bananen, Schokolade oder Kleidung mit dem blau-grünen Siegel aus; das sind 26 Prozent mehr als im Vorjahr, wie der Verein TransFair e.V. Ende April in Bonn bekannt gab. Wem nützt der faire Handel – nur unserem Gewissen oder auch den Frauen in Entwicklungsländern?
Durch die Globalisierung wurden zahlreiche Arbeitsschritte in Entwicklungsländern verlagert. Positiv daran ist, dass dort viele Frauen in den vergangenen Jahren eine Arbeit erhalten haben. In der Bekleidungsindustrie in Honduras arbeiten 65 Prozent Frauen, in Kambodscha sind es sogar 90 Prozent (PDF). Diese Jobs sind jedoch oft prekär, denn die Frauen müssen Überstunden leisten und es gibt weder Mutterschutz noch andere soziale Absicherung. So leiden sie eher unter ihrer Arbeit, als dass sie davon profitieren.
Frauen in Entwicklungsländern haben die unsichersten Jobs, sie sind die ersten, die entlassen werden, ihre Arbeitnehmerrechte und ihre Ausbildung sind schlecht, wie Bethan Emmett 2009 für die Nichtregierungsorganisation Oxfam untersucht hat. Wenn der Arbeitsplatz unsicher ist, sind Frauen ein leichtes Opfer: Viele berichten von sexueller Belästigung (PDF). Der Kostendruck den die Supermarktketten und Konsument_innen in den Industriestaaten auf die Zulieferer_innen ausüben, wird von diesen auf die Produzent_innen und Arbeiter_innen verlagert. „Workers in every country studied reported extreme pressure to work harder, faster and longer“, schreibt Kate Raworth (PDF) für Oxfam.
Wer als Europäer_in Produkte mit dem Fairtrade-Siegel kauft, der kauft auch ein Gefühl von „Ich rette die Welt“ und will die gerade beschriebenen, schlechten Bedingungen verbessern. Wie sieht es tatsächlich auf den Kakao- oder Bananenplantagen aus, wo für Gepa, El Puente und Co. produziert wird? Geht es den Frauen dort besser als anderswo? Aus zwei Gründen lässt sich diese Frage mit einem Ja beantworten.
Die Fairtrade-Bewegung ist sehr eng mit der Genossenschafts-Bewegung (PDF) verbunden. Viele Firmen, die für den fairen Handel produzieren sind Genossenschaften und orientieren sich an den Prinzipien der International Cooperative Alliance. Diese schrieben schon 1844, als die erste Genossenschaft in der Nähe von Manchester gegründet wurde, zumindest theoretisch die Gleichberechtigung von Frauen und Männern vor. Genossenschaften sind demokratisch organisiert und Frauen und Männer haben das gleiche Stimmrecht. Dass die Frauen gleichberechtigt sind, spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der Angestellten wider. In der Kaffeekooperative Soppexcca sind beispielsweise 40% der Mitglieder weiblich. Generell gilt in den Firmen der Fairtrade-Handelskette der Mutterschutz (PDF): Keine Frau darf entlassen werden, weil sie schwanger ist.
Das zweite Argument, warum es Frauen durch den fairen Handel besser geht, ist die Fairtrade-Prämie, die den Produzenten zusätzlich gezahlt wird. Die Kleinbauer_innen und Arbeiter_innen entscheiden selbstständig und demokratisch, wie sie die Prämie einsetzen. Einzige Vorgabe: Die Projekte müssen der Gemeinschaft zu Gute kommen und dürfen nicht nur für das Unternehmen eingesetzt werden. Die Kooperative Soppexcca ermöglicht mit der Fairtrade-Prämie beispielsweise Schulbesuche für Jungen und Mädchen. Die Schulbildung der Kinder reduziert Geschlechterungerechtigkeiten auf lange Sicht. Eine Investition in Schulen, Krankenhäuser und andere soziale Infrastruktur trägt dazu bei, den Müttern mehr Beteiligungsmöglichkeiten zu gewähren, weil der Zeitkonflikt zwischen Arbeit und Familie reduziert wird.
Doch je mehr Studien und Artikel über die Auswirkungen des fairen Handels man liest, desto mehr wird das Ja zu einem Jein, denn auch bei diesem Thema gilt: Es ist nicht alles schwarz und weiß.
Wenn man positive Beispiele, wie das der Genossenschaft Soppexcca nennt, muss man auch auf die Kooperative Alto Sajama aus Bolivien hinweisen. Unter deren 71 Mitgliedern sind nur drei Frauen. Denn durch fairen Handel alleine ändert sich die Situation der Frauen nicht. Anne-Brit Nippierd schreibt (PDF), dass auch in Genossenschaften “gender imbalances” existieren, da sie schließlich Teil der gesamten Gesellschaft seien. Und in vielen Gesellschaften ist die Frau nun nach wie vor verantwortlich für Haushalt und Kindererziehung – egal ob sie einen Beruf ausübt oder nicht. Die Frauen kommen dadurch in Zeitkonflikte: Wenn sich die Mitglieder der Genossenschaft treffen, auf denen auch die Frauen ihre Stimme nutzen könnte, müssen sie sich daheim um Kinder und Haushalt kümmern. Außerdem darf man trotz der Erfolgsmeldungen das Gesamtbild nicht ignorieren. Der Umsatz ist zwar gestiegen, aber Fairtrade-Produkte fristen in Deutschland noch immer ein Nischendasein, wie die Deutsche Welle berichtet.
Von den positiven Auswirkungen des fairen Handels profitieren Frauen zwar theoretisch, in der Praxis müsste man dies eher für jeden Betrieb einzeln analysieren. Bisher gibt es aber nur wenig Forschung in diesem Bereich.

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