Ich verorte mich als genderqueere Person und queer-feministische_r Trans*aktivist_in. Ich schreibe eigentlich keine Texte wie diese, habe keine theoretischen Auseinandersetzungen mit (Queer-)Feminismus, kann keine Theoretiker_innen lesen, habe nicht studiert, habe kein richtiges Abitur aber eine Konzentrationsschwäche. Also kann ich in folgendem Text nur mit meinen politischen Auseinandersetzungen und meinen Gefühlen argumentieren.
Liebe feministische Frauen(Lesben)-(Polit)gruppen,
ich fühle mich dem Feminismus stark verbunden, er begleitet mich seit ein paar Jahren und ich definiere mich sehr stark über ihn. Ich habe in den letzten Jahren einige offene Veranstaltungen von Frauen(Lesben)-Politgruppen besucht und unterstützt und finde viele Themen sehr, sehr wichtig. Manchmal weiß ich aber nicht so recht ob ich diesen Kampf überhaupt mitkämpfen darf, denn Identitäten_Verortungen außerhalb von Frau und Mann finden bei euch kaum_keine Erwähnung. Ich weiß, dass Anerkennung für feministische Themen oft sehr rar ist, was es nicht immer einfach macht dafür zu Kämpfen. Trotzdem ist mir wichtig, auch an euch meine Kritik herantragen zu dürfen:
Ich bin keine Frau, bin aber auch kein Mann. Mache jedoch tagtäglich Erfahrungen mit dieser Gesellschaft, die ihr wahrscheinlich „frauenspezifisch“ nennen würdet. Aber das sind meine Erfahrungen und die kann man mir nicht einfach so absprechen nur weil ich keine Frau bin. Denn nur ich weiß, welche Erfahrungen ich mache. Ich erlebe Sexismus, Cis-Sexismus und Hetero-Sexismus, weil ich meistens weiblich oder androgyn gelesen werde.
Und wenn ihr sagt, dass ihr auf geschlechtsspezifische Macht- und Unterdrückungsverhältnisse aufmerksam machen wollt und euch auf Feminismus beruft, fühle ich mich da mitgemeint. Jedoch passe ich nicht in das Konstrukt Frau bzw. FrauLesbe. Zu meinen Auseinandersetzungen mit Gender gehört es, mich bewusst keinem der offiziell anerkannten Geschlechter zuzuordnen. Und deshalb finde ich übrigens auch das generische Femininum ausschließend, wenn über Personen gesprochen wird die sich zum Beispiel als genderqueer verorten_identifizieren oder die Gender-Verortung_Identität nicht bekannt ist.
Ich werde von dieser Gesellschaft „frauisiert“ und somit als Frau und Lesbe diskriminiert. Meine Selbstbezeichnung ist aber eine andere. Die Raumfrage würde ich mir deshalb so beantworten: Es gibt diese Form der Machtausübung (Patriarchat), davon sind vor allem Frauen negativ betroffen, aber auch Personen, die sich selbst anders wahrnehmen, jedoch (z.B. auf Grund von weiblichkeits-Abwertung) sehr ähnliche Erfahrungen machen. Klar, Männer können auch unter dem Patriarchat leiden, sie profitieren aber eben auch wesentlich mehr als alle anderen Geschlechter.
Daraus ergibt sich, dass ich einen Raum eher über gemeinsame negative Erfahrungen mit Sexismen (und damit verschränkte Unterdrückungsmechanismen) definieren würde, anstatt negative Erfahrungen mit Sexismus nur an Frauen(Lesben) zu koppeln. Wenn Personen also feststellen, dass sie negativ von Sexismus betroffen sind und eher keine männlichen Privilegien haben, weil sie sich beispielsweise als genderqueer verorten_identifizieren, sollen sie sich für einen solchen Raum entscheiden können.
Was ich verstehe ist, dass wenn ihr ausschließlich von Frauen und Männern sprecht es euch wahrscheinlich darum geht Machtstrukturen zu benennen. Diese Gesellschaft also nur diese beiden Kategorien kennt und sie demnach auch für das Patriarchat die wichtigste Rolle spielen.
Aber ich bin der Meinung: So einfach ist es nicht! Geschlechtsspezifische Unterdrückung ist komplexer (geworden). Eine Benennung und Sichtbarmachung von Frauen im Zusammenhang mit diesen Machtverhältnissen muss eine Benennung und Sichtbarkeit von anderen (marginalisierten) Gendern nicht ausschließen. Denn es existieren ja nicht nur geschlechtsspezifische Machtstrukturen entlang von Mann und Frau, sondern auch zwischen offiziell anerkannten Gendern_Geschlechtern und unsichtbar gemachten Gendern_Geschlechtern. Und ich denke auch nicht, dass damit Machtstrukturen verwischt werden, jedoch dass es eine authentischere Herangehensweise wäre, würden auch andere Identitäten_Verortungen benannt werden.
Aber ich frage mich, wieso das nicht zusammen gedacht werden kann. Wieso muss das Eine das Andere ausschließen? Und das, obwohl wir es doch gar nicht so klar voneinander trennen können – dafür sind die Erfahrungen von Frauen und beispielsweise genderqueeren Personen zu ähnlich und gehören zusammen gedacht.
Andere Menschen haben eben einen anderen Umgang mit Sexismus, Zuschreibungen und Identität_Verortung gefunden. Und der ist vielleicht manchmal „nur“ eine Überlebensstrategie, aber deshalb nicht weniger wichtig. Und ob dieser Umgang jetzt weniger radikal ist oder nicht, darüber kann man streiten. Aber definitiv sind Non-Binary Lebensweisen nicht weniger wichtig um Geschlechtergrenzen aufzulösen. Im Gegenteil: Ich halte sie für maßgeblich, wenn es um die Auflösung von Geschlechtergrenzen geht. Genauso maßgeblich wie Personen, die sich politisch als Frau verorten und daraus machen was auch immer sie wollen!
Aber leider reiht auch ihr euch mit dieser nicht-Thematisierung in die gesamtgesellschaftliche Unsichtbarmachung von Trans*-Identitäten (jenseits von Mann und Frau) ein und das ist für mich teilweise sehr schmerzhaft, denn eigentlich ist die feministische Szene sehr relevant für mich.
Was will ich mit meiner Kritik sagen?
Ich will nicht darauf bestehen, dass ihr unbedingt Politik für mich macht und schon gar nicht will ich unbedingt in eure Räume. Wenn ihr zum Beispiel der Meinung seid, dass es wichtig ist, Räume zu haben, in denen Frauen sich über ihre Gewalterfahrungen austauschen können, die sie mit dem Bewusstsein eine Frau zu sein gemacht haben, dann werde ich das akzeptieren. Auch wenn es, wie gesagt nicht meine Herangehensweise wäre.
Aber was ich will ist ein bisschen Sichtbarkeit. Sichtbarkeit, dass es mich gibt und ich ziemlich genau die gleichen Erfahrungen mache. Egal ob es der sexistische Alltag ist, die Probleme die ich mit Care-Arbeit in WG´s mit Typen erlebe, meine Betroffenheit von häuslicher und sexualisierter Gewalt, etc.
Als Minimum würde ich mir wünschen, dass ihr z.B. auch Bezug auf Transmänner und Transfrauen nehmt und ob diese eurer Ansicht nach die gleiche Rolle wie jeweils Männer und Frauen innerhalb des Patriarchats einnehmen. Und was ich mich auch frage: Wie definiert ihr die Grenze zwischen einer Butsch-Lesbe und bspw. einer Transmännlichkeit, einer Gernderqueeren oder Noitrois Person? Was ist überhaupt mit Reproduktionspolitik und nicht-Frauen bzw. Transfrauen?
Weitergehend würde ich mir mehr Solidarität mit Trans*-Anliegen allgemein wünschen.
Und ihr ein, wenn auch kleines Zeichen setzen würdet. Aber das kann und will ich natürlich nicht „erzwingen“. Sich mit den Lebensrealitäten und Bedürfnissen von Trans*-Personen auseinanderzusetzen, muss aus einem Eigeninteresse kommen. (Weitere Gedanken zu Solidarität s.u.)
Für mich fühlt sich diese feministische Sichtweise ein bisschen so an, als würde das was ich tue, das womit ich mich auseinandersetze und das, was ich in mein politisches Selbstverständnis einfließen lasse, also mein Feminismus keine Anerkennung finden. Keine Anerkennung weil ich mich vielleicht nicht aus Selbstermächtigung heraus als Frau wahrnehme_wahrnehmen kann, sondern mich aus Selbstermächtigung als Person sehe, die nicht in die Kategorien Frau/Mann passt_passen will.
Dann erinnert mich diese Denkweise auch oft an trans*feindliche FeministInnen der sogenannten zweiten Welle, die es selbst bis heute oft nicht schaffen zumindest Transweiblichkeiten willkommen zu heißen. Obwohl es zu Transfrauen/-weiblichkeiten doch eigentlich noch weniger bis gar nichts zu diskutieren geben dürfte als zu Genderqueers oder Transmännern/-männlichkeiten.
Denn: Transfrauen sind Frauen!
Ich würde mir eine stärkere Abgrenzung von dieser Denkweise wünschen. Denn zum Einen finde ich es ganz und gar nicht selbstverständlich zu wissen, dass Frauen(Lesben)-Gruppen Transweiblichkeiten in ihre Kämpfe mit einbeziehen. Und zum Anderen erinnert mich das Sprechen von genau 2 Cis-Gendern vor allem daran, wie unsichtbar ich in dieser Mehrheitsgesellschaft bin, dass ich sowohl rechtlich, als auch in den allermeisten Köpfen gar nicht existiere. Im Unterschied dazu existiert zwar offiziell die Kategorie Frau, jedoch erhalten die meisten Frauen Repressionen, wenn sie nicht so sind wie mann sie haben will und werden im besten Falle geduldet. Ich will nicht sagen, dass das Eine schlimmer ist als das Andere, aber es ist eben eine unterschiedliche Struktur.
Für mich sind das immer wieder beschissene Gewalterfahrungen, wenn ich und andere Genderqueers so wie wir sind ausgeschlossen werden. Ich würde mir wünschen, dass so emanzipatorische Gruppen, denen ich mich auf eine Art und Weise so verbunden fühle, das zumindest auf dem Schirm haben und sich mit den Parallelen und Unterschieden zwischen uns auseinandersetzt. Und: Ich will benannt zu werden!
Ich will Frauen(Lesben) nicht den Raum für deren Politik nehmen, und ich denke auch nicht, dass ich das mit meiner Forderung bewirke. Aber ich würde mir wünsche, dass ihr euer politisches Selbstverständnis ergänzt und meine soo ähnlichen Erfahrungen und meine Unsichtbarkeit in der Gesellschaft und damit eine weitere geschlechtliche Machtstruktur anerkennt.
Ihr wollt in der Gesellschaft, in der der Cis-Mann als Norm gilt gesehen werden – ich bitte euch auch meine Unsichtbarkeit nicht weiter zu reproduzieren und euch von Cis-Sexismus zu emanzipieren! Ich denke in meiner politischen Praxis auch Themen wie „Slut-Shaming“ und Interessen von Sexarbeiter_innen mit, auch wenn sie mich nicht direkt betreffen, aber dafür viele (Trans-)Frauen. Das gehört für mich zu meinem Selbstverständnis von (Queer-)Feminismus.
Ich kämpfe jeden Tag gegen die Gesamtscheiße; ich will, dass meine Sichtbarkeit auch irgendeine Rolle in eurer politischen Arbeit spielt und wir aufhören Geschlechtervariationen auszuschließen wo es eigentlich nicht notwendig ist. Denn auch wir wollen das Patriarchat zerlegen, uns vernetzen und austauschen!
Weiter bin ich der Meinung, dass sich Queer-Feminismus und die Sichtbarkeit von Machtverhältnissen und Präventionspolitik gegen Gewalt gegen Frauen, beides an mich gerichtete Ansichten, nicht ausschließt. Aber da will ich nicht weiter drauf eingehen.
Es tut mir leid, falls ihr euch dadurch angegriffen/überfordert fühlt oder euren Aktionismus durch die Umsetzung meines Wunsches stark eingeschränkt seht, das ist nicht was ich möchte.
Ich weiß, dass es wahrscheinlich nie eine vollständige Antwort auf alle Fragen geben wird und es immer Widersprüche und Punkte geben wird, die neu ausgehandelt werden müssen.
Trotzdem hoffe ich sehr auf die Bereitschaft Manches zu überdenken, auf einen wertschätzenden_sensiblen Umgang und dass ihr euch ein Stück weit in meine Lage versetzen könnt.
Queerfeministische, solidarische Grüße!
—
(Gender-)identität und (Gender-)verortung:
wenn ich von (Gender-)verortung schreibe, meine ich damit eine (politische) Positionierung.
Mit (Gender-)identität meine ich ein inneres Gefühl. Wobei ich nicht weiß ob es so etwas wie ein „objektives“ Gefühl zu Gender geben kann, wenn wir von einer Konstruiertheit von Gender ausgehen. Ich beziehe mich deshalb auf die Selbstbezeichnung von Personen, wenn ich von Identität schreibe.
Gedanken zu Solidarität:
Für mich und ich denke auch für einige andere Trans*-Personen spielt Solidarität eine große Rolle. Die Bedürfnisse von Trans* werden nur an sehr wenigen Stellen mitgedacht und das eben auch, weil Trans*-Personen allein aus quantitativen Gründen nicht überall repräsentiert werden können.
Ich vermute, dass überproportional viele Trans*-Personen politisch interessiert sind, aber trotzdem werden wir alleine nie diese Strukturen aufbauen können, die wir bräuchten. Dazu kommt noch, dass von den Trans*-Personen, die politisch Interessiert sind, viele gar nicht öffentlich tätig werden können, da sie sich nicht outen können_wollen. Es gibt so viele Strukturen, die so trans*feindlich sind – das zu verändern, kann nicht ausschließlich die Aufgabe von Trans*-Personen sein.
Die Frauenbewegung ist da teilweise schon besser aufgestellt (Frauenbeauftragte, Frauennotruf, Selbstverteidigung_Selbstbehauptung für Frauen, Frauen-Verlage, …), auch weil es eher akzeptiert ist unter dem Label „Frau“ zu handeln. Angesichts dessen würde ich mir wünschen, dass um dem etwas entgegen zu setzen, eher Gemeinsamkeiten statt Unterschiede zwischen Trans*-Personen und Frauen gesehen werden.
Ich will nicht, dass Stellvertreter_innen-Politik gemacht wird und ich will nicht auf alle Initiativen_Strukturen zugehen und um Teilhabe bitten. Ich will, dass Trans*-Personen nach ihren Bedürfnissen gefragt werden. Denn ich finde es keine schöne Vorstellung, auf Personen_Initiativen zuzugehen, etwas einzufordern und dann zurückgewiesen zu werden. Das fühlt sich wirklich nicht gut an und ist sehr ernüchternd und zeitintensiv.
Deshalb: Wenn euch das Thema wichtig ist, ihr die Problematik versteht und meine Ansicht(en) teilt, wäre mein Vorschlag, dass ihr einfach auf Trans*-Personen/Gruppen zukommt und sie fragt wie ihr sie unterstützen könnt.
Zum weiterlesen/anhören:
https://queerfeministischbiertrinken.wordpress.com/2015/03/07/qfb-rede-zum-8-marz-2015/
http://transgenialefantifa.blogsport.de/selbstverstaendnis/
http://trans.blogsport.de/2014/01/23/kritik-am-aufruf-zum-8-maerz-in-berlin/
http://trans.blogsport.de/2012/01/04/same-discussions-as-every-year-intervention-gegen-die-bewusste-oder-unbewusste-ausgrenzung-von-transfrauen/
https://maedchenmannschaft.net/queer-feministische-caring-communities/

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