Die letzten Kolumnen drehten sich vor allem um das Bild der „guten Mutter“, das durch viele Köpfe geistert und Mütter mit Erwartungen überfrachtet. Aber ein noch viel subtileres und gemeineres ist das der „schönen Mutter“.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de
In meinem Rückbildungsgymnastikkurs waren etwa sechs Frauen. Gefragt, was sie sich von der Rückbildung erhofften, sagten die meisten: „Einen strafferen Bauch“. Dass es hierbei vor allem um einen straffen Beckenboden geht – das interessiert erst einmal keine. Nein: Viel wichtiger ist es, dass dieses „derangierte“ Körpergefühl wieder weg geht. Denn die meisten Frauen haben nach Schwangerschaft und Geburt leider keinen Körper, mit dem sie gleich wieder eine Victoria-Secrets-Fashion-Show laufen könnten.
Manche Frauen – und zu ihnen zähle ich – haben so einen Körper leider auch nach etlichen Monaten oder Jahren nicht wieder. Uns kann aber zum Glück heute geholfen werden, wie mir eine Werbung für plastische Chirurgie in der S-Bahn offerierte: „Straffer Bauch – auch nach der Geburt!“ und entsprechende Klinik – hier in Berlin. Vielleicht sollte ich meine Familie einmal fragen, ob sie mir diesen Wunsch nicht auch einmal erfüllen können – so wie es diese Familie für ihre Mutter tat:
„Es ist unglaublich schlecht für das Körpergefühl einer Frau, so einen Bauch zu haben. Es kann sie psychisch beeinträchtigen.“ – Das sind die Mantras, die uns über Fernsehen, Werbung in der S-Bahn und in Zeitschriften immer wieder vermittelt werden. Und wir denken dann: „Na gut – wenn es sie psychisch beeinträchtigt, dann sollte sie es besser machen.“ – ohne aber zu fragen: Warum beeinträchtigt es sie denn psychisch? Die Mädchenmannschaft hat dieses Thema hier schon oft behandelt. Das Wort „Winkfleisch“ und die damit einhergehende negative Bewertung einer bestimmten Art von Oberarmen ist eine Schöpfung der Plastischen Chirurgie, die keine Mühe scheut, uns noch mehr „Problemzonen“ unserer Körper zu erfinden. Eine erschreckend große Prozentzahl von Frauen hat eine negative Beziehung zu ihrem Körper: 92 Prozent aller Frauen – hingegen nur 17 Prozent der Männer (vgl. die Standard). Und davon haben viele keinen schlaff herunterhängenden Bauch, keine vom Stillen ausgelutschten Brüste.
Ergo: Ich sollte dringend etwas an meiner Körperwahrnehmung tun – denn so bin ich definitiv nicht normal!
Dabei war diese Wahrnehmung wirklich harte Arbeit: Ich habe sehr lange mit meinem Bauch, mit meinen Brüsten, mit den Schwangerschaftsstreifen und auch den kleinen Dellen an den Oberschenkeln gehadert. Einen Bikini anzuziehen habe ich mich überhaupt nicht mehr getraut. Und habe auf diese Weise dazu beigetragen, dass etwas im Grunde ganz Normales: Schwaches Bindegewebe ist bei Frauen alles andere als eine Seltenheit und führt eben oft zu „Entstellungen“ nach der Geburt! – dass diese Normalität aus der Gesellschaft verschwindet. Wer von ihr „gezeichnet“ wurde, muss sie verhüllen. Wie Susanne bereits einmal vorstellte hat die amerikanische Psychoanalytikerin Susie Orbach solche Phänomene in ihrem Buch „Bodies“ untersucht. Tatsächlich macht die ständige Arbeit am Körper auch vor einer Mutter nicht Halt – nein: Kann sie noch viel härter Treffen. Und die Schönheitschirurgie schafft es damit, aus einem „freudigen Ereignis“ für die Mutter schlimmstenfalls eine – eigentlich völlig unnötige – Depressionsfalle zu schaffen. Zu verstehen, dass ich als Mutter vor allem eines dagegen tun kann – nämlich selbstbewusst meinen „hässlichen“ Bauch im Bikini zur Schau zu stellen – hat mir geholfen, meine Körperwahrnehmung wieder ins Lot zu bringen und über solcherlei Werbung nicht auf dumme Gedanken zu kommen.

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