Für jede Idee gibt es auch einen militanten Flügel. Fast alle Staaten sichern ihre Idee eines Staatskonstrukts mit einer Armee ab. Teilweise werden Ideen für ein Staatskonstrukt nicht nur auch militant gesichert, sondern auch eingefordert: Mal gegen, mal mit dem Willen der Bevölkerung.
Ist die Idee nicht Teil der staatstragenden Institutionen, wird der militante Flügel gerne als Gegenargument genutzt – als wäre Pazifismus allgemein anerkannt, was er bei weitem nicht ist.
Kritiker_innen der Militanz vernachlässigen oft, wie schwierig es eigentlich ist, Gewalt grundsätzlich abzulehnen oder zu rechtfertigen. Wenn Menschen unterdrückt werden, darf dann eine Armee geschickt werden, um sie zu befreien? Dürfen Menschen die sich als unterdrückt empfinden, zu Waffen greifen? Gilt Widerstand als solcher, wenn er nicht organisiert verläuft? Wie viele Menschen müssen in einem Staat der Meinung sein, dass es etwas institutionalisiert schlecht läuft, bevor sie sich mit Gewalt wehren dürfen? Müssen sie dafür in einer Diktatur leben oder kann es solche Fälle auch in einer Demokratie geben?
Bevor ein militanter Flügel einer Idee kritisiert wird, muss sich der oder die Kritiker_in sehr viele Fragen zu Gewalt im Allgemeinen stellen. Ist die eigene Position stringent, was Gewalt betrifft?
Kommt die Rede auf linke Ideen, wird ziemlich schnell der „schwarze Block“ genannt und beim Feminismus der „militante Feminismus“. Dabei ist zu bedenken, dass „der“ Feminismus und „die“ Linken nicht so organisiert sind, dass sie eine eigene Armee institutionalisiert haben. Es ist eigentlich offensichtlich, dass die Ideen der Linken und des Feminismus schlicht Befürworterinnen und Befürworter haben, die bereit sind, diese Ideen auch mit Gewalt durchzusetzen.
Wäre ich Diktatorin und hätte eine Armee, kann mir diese vorgeworfen werden, schließlich steht die Existenz dieser unter meiner Befehlsgewalt. Als Feministin kann ich jedoch für militante Feministinnen und Feministen überhaupt nichts bzw. genauso wenig wie für andere Gewalttaten. Daher ist der militante Feminismus kein Gegenargument gegen Feminismus. Es fehlt schlicht die Struktur, welche erlaubt über die Selbstbezeichnung Feminist_in auf eine Mitverantwortung für den militanten Feminismus zu schließen.
Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen dem schwarzen Block und dem militanten Feminismus. Während der schwarze Block eine – zumindest zeitweise – handelnde Gruppe ist, ist der militante Feminismus ein theoretisches Konstrukt.
Mit „militanter Feminismus“ sind meistens Theorien gemeint (mir ist bisher kein Bezug zu irgendeiner anderen Verwendung des Begriffs begegnet), die sich in irgendeiner Form aufgeschlossen gegenüber der systematischen Ermordung von Männern zeigen. Die wohl bekannteste Vertreterin ist Valerie Solanas, mit dem „Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“. Darin führt sie detailliert aus, warum und wie Männer ihrer Auffassung nach vom Erdball entfernt werden sollen.
Kleiner Exkurs: Bei der Lektüre des Manifests tun sich interessante Parallelen zu aktuell populären Beziehungsratgebern auf: So schreibt Sherry Argov in ihrem Buch „Warum die nettesten Männer die schrecklichsten Frauen haben… und die netten Frauen leer ausgehen“ (Goldmann Verlag, 2004) als 67. Erkenntnis:
„Wenn Sie ihn dauernd dazu drängen, über Gefühle zu sprechen, lässt Sie das nicht nur bedürftig wirken, sondern er verliert früher oder später auch allen Respekt vor Ihnen.(…)“.
Dagegen Valerie Solanas ( S. 49, MaroVerlag):
„Das er völlig selbstbezogen und unfähig ist, sich mit irgend etwas außerhalb seiner selbst zu identifizieren, ist die Unterhaltung des Mannes, soweit sie sich nicht um ihn selber dreht, ein unpersönliches Geleier, weit davon entfernt, menschlich interessante Themen zu berühren.“
Beide Autorinnen nehmen also Bezug auf die Kommunikation über Persönliches, beide sehen einen Schwerpunkt von Frauen auf Persönliches und beide unterstellen Männern ein Desinteresse demgegenüber. Was sich massiv unterscheidet, ist die Schlussfolgerung aus ihren gemeinsamen Beobachtungen. Ob diese Beobachtungen stimmen oder nicht, ist eine andere Frage.
Die meisten Theorien sind irgendeiner Form aufschlussreich, so auch der militante Feminismus. In allen feministischen Strömungen entdecke ich Inhalte, die mich zum Weiterdenken anregen, z.B. Beziehungsratgeber über Valerie Solanas angreifen oder besser noch: Rechtfertigen! „Sherry Argov hat schon Recht, Valerie Solanas schreibt ja ganz ähnliches.“ oder wahlweise „Die dem militanten Feminismus nahe Sherry Argov…“. Das nenn ich subversiv!

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