In der heutigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt Bettina Weiguny: „Frauen, wir haben versagt!“ Sie sagt, dass Frauen nicht den Schneid wie die Männer mitbringen, um die ganz großen Karrieren zu machen:
… Denn es waren eben doch die Männer, die den Takt der globalen Wirtschaft verändert haben. Von der Industrialisierung im 19. Jahrhundert über die IT-Revolution bis zur New Economy und Zuckerbergs Milchbubis. Dabei hätten Frauen seit bestimmt zwanzig Jahren die Chance, sich unter die Goldgräber zu mischen. Dass wir das nicht tun, hat zuallererst mit uns zu tun. Mit unserem Naturell, unseren Wünschen, Neigungen und Prioritäten bei der Lebensplanung.“
Aber genau an dieser Stelle müsste die Autorin einen Schritt weiter gehen, damit der Text wirklich rund wird. Denn natürlich hat sie Recht in dem, was sie beschreibt. Aber all das hat ja eben mit „unserem Naturell“ und „unseren Prioritäten“ zu tun – die Mädchen nicht selten von Geburt an antrainiert werden und von der Gesellschaft eben auch erwartet. Zum Beispiel, dass eine „echte“ Frau Kinder haben soll und dass sie für die auch lieber rund um die Uhr als nur am Abend und am Wochenende da sein soll; dass eine „echte“ Frau sanftmütig, nachgiebig und kooperativ ist und deswegen eher nicht die Ellenbogen ausfährt, wenn es um Karrierefragen gibt; dass hinter jedem mächtigen Mann eine starke Frau steht, aber doch bitte nicht neben ihm.
Ja, all das sind Dinge, die wir ändern können und müssen, da gebe ich Bettina Weiguny Recht. Frauen müssen mutiger sein, lauter, zielstrebiger. Aber: Obwohl viele Frauen das schon heute sind, kommen sie trotzdem nicht ganz nach oben. Dieser Aspekt lässt sich nicht so einfach ignorieren. Die Autorin tut aber genau das. Nur: Ein „Ego-Feminismus“ (Frau „optimiert“ sich zuallererst mal selbst, andere Frauen sind wurscht) wird die Frauen nicht in die Vorstandsetagen bringen. Denn dieser würde bedeuten, die strukturellen Probleme einfach zu ignorieren und den Frauen allein den schwarzen Peter zuzuschieben. Diese Haltung führt ja auch dazu, dass Frauen, die es in höhere Positionen geschafft haben, keine anderen Frauen fördern. Weil sie sich denken: Wenn ich das schaffe, können es auch alle anderen schaffen. Dabei wäre Zusammenhalten besser. Weil das auch die Männer so machen.
Das „Frauen, wir haben versagt!“ kann nur bedingt gelten, nur im Zusammenhang und Bewusstsein sozialer Erwartungen, die unser gesamtes Leben und Handeln beeinflussen. Ansonsten gilt natürlich: Ruhig mal was bei den Männern abschauen. Öfter mal die weiblichen Beißreflexe abschalten. Bitte lauter und energischer sein.

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