Das Titelblatt, das uns letzte Woche (Ausgabe 39/2008) wieder einmal beglückte, machte schnell klar, dass der Spiegel sich erneut anschickte, uns zu erklären, warum die Frauen von der Venus und die Männer vom Mars kommen. Nur diesmal aber mit ganz viel Wissenschaft und Biologie, also mit richtigen Beweisen – ist ja Ehrensache. Okay, ich weiß, ich fange schon wieder ganz schön polemisch an, aber man musste bei der gesamten Aufmachung schon sehr den Eindruck gewinnen, dass es hier wahrscheinlich mehr darum ging, eine angeblich „unbeliebte Wahrheit“ unters Volk zu bringen – ja, gar einen kleinen Skandal! – als darum, differenziert die tatsächlichen Ergebnisse aus Biologie und Neurowissenschaften zu betrachten. Zwar fielen eine Menge Namen und eine Menge Studien, doch dass diese immer noch umstritten und mit Gegenstudien ausgestattet bleiben, das wurde leider nicht erwähnt. Aber wozu gibt es die Mädchenmannschaft? Genau, um die eine oder andere Erkenntnis aus der Neurobiologie, die uns der Spiegel nicht mitgeteilt hat, doch noch mit den werten LeserInnen zu teilen.

Die doofen Hormone sind schuld
Im Spiegel-Artikel wird ein starker Fokus auf die Stoffe gelegt, die uns angeblich so willenlos zu geschlechtsstereotypem Verhalten zwingen: Die Hormone. Die fiesen kleinen Dinger, die durch unseren Körper strömen und verhindern, dass Männer in einem sozialem Beruf glücklich werden können und Frauen in den Chefetagen der DAX-Unternehmen. Laut Spiegel werden die Hormone bereits in der Schwangerschaft ausgeschüttet, also wenn die kleinen Menschen noch nicht einmal das Licht dieser Welt erblickt haben. Östrogen und Progesteron bei den Mädchen; Testosteron bei den Jungen. Diese Hormonausschüttungen sorgten dafür, dass Jungen und Mädchen schon mit unterschiedlichen Gehirnen auf die Welt kommen. So weit, so richtig, zumindest nach dem aktuellen Wissensstand in der Neurobiologie. Doch dass die amerikanische Psychologin und Neurowissenschaftlerin Louann Brizendine, die auch großmundig vom Spiegel zitiert wurde, daraus die langersehnte Erklärung dafür, warum Männer besser einparken und Frauen besser sozial kommunizieren können, herleitete, das stieß zumindest in der weltweiten Zunft der NeurowissenschaftlerInnen auf großen Widerspruch. Was jedoch scheinbar für die Redaktion des Spiegels nicht erwähnenswert war. Zwar konstatieren die ForscherInnen weltweit, dass tatsächlich schon pränatal durch eine große Hormonaktivität unterschiedliche Gehirn-Strukturen angelegt würden, doch Brizendine und Co. lassen gerne Teil zwei der aktuellen Erkenntnisse weg: Auch wenn die Gehirne bei der Geburt unterschiedlich seien so ist die weitere Entwicklung des Gehirns nach der Geburt mehr von den Einflüssen der Umwelt abhängig, als von den Genen und Hormonen. Ein Vertreter dieser Sichtweise des Gehirns ist der Neurobiologe Gerald Hüther. In Ausgabe 2/2008 der Zeitschrift TPS erläuterte er, welche Auswirkungen die Unterschiede zwischen Jungen- und Mädchengehirnen bei der Geburt hätten und: welche nicht.
„Weder die genetischen Programme, noch die sich entwickelnden Gehirne von Männern und Frauen „wissen“, wie ein männliches bzw. weibliches Gehirn herauszubilden ist. In viel stärkerem Maß als bisher angenommen strukturieren sich das Gehirn von Männern und Frauen anhand der sich für beide Geschlechter ergebenden unterschiedlichen ‚Nutzungsbedingungen’“.
(Hüther in TPS 2/2008)
Das wahre schwache Geschlecht?
Dennoch: Männliche Gehirne seien von Anfang weniger stabil und konstitutionell schwächer, als die der Mädchen. Jungen kämen daher im Durchschnitt etwas empfindlicher zur Welt, als Mädchen. Zudem hätten sie größere Schwierigkeiten bei der Aneignung neuronal komplexer Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster. Doch im Gegensatz zu Brizendine oder Spiegel leitet Hüther hieraus nicht die Notwendigkeit einer größeren Neanderthaleritis bei Männern her, sondern vielmehr, dass Jungen in den ersten Lebensjahren im Vergleich zu Mädchen mehr Zuwendung, mehr Halt, Stabilität und Liebe bräuchten, um dieses kleine „Defizit“ auszugleichen. Dass die Erwartungshaltungen von Eltern an das angeblich „starke“ Geschlecht oft das Gegenteil sind, steht dabei auf einem anderen Blatt.
Dickes Daumen-Areal
Zurück zu Hüthers Neurobiologie, die einen weiteren sehr gut nachvollziehbaren Beweis für die große Flexibilität unseres Denkorgans ist: Vor einigen Jahren entdeckten die Forscher, die dank MRT und Co. einfach mal in unser Gehirn gucken können, dass ein ganz bestimmter Bereich plötzlich überdurchschnittlich groß erschien, der früher kaum in Erscheinung getreten war: Der Bereich im Gehirn, der für den rechten Daumen zuständig ist. Nun, SMS-Schreiben ist eben ein evolutionär noch relativ neuer Zustand, aber das Gehirn hat sich natürlich sofort angepasst. Die Jugendlichen von heute haben ein sehr großes Rechter-Daumen-Areal in ihrem Hirn, größer, als meins und noch viel größer, als das von meiner Omi!
Die Größe bestimmter Gehirn-Areale ist auch Thema das Spiegel-Artikels und wieder soll dabei bewiesen werden, dass Männer und Frauen von Natur aus – was in der Sprache der Wissenschaft soviel heißt wie: genetisch bedingt – ganz verschieden sind. Geht man mit Hüthers Erklärung für Größe mit, dann wird schnell klar, dass Größe vor allem ein Ergebnis von Lernen und Benutzen ist, womit ein lange bekannter Grundsatz der Neurobiologie wieder einmal bestätigt wurde: „Use it, or lose it!“ Dass die Verschiedenheit der Geschlechter also genetisch bedingt sein muss, das wurde mitnichten bewiesen, im Gegenteil: Die Vermutung liegt nahe, dass diese erlernt wurde: „Use it, or lose it.“
„Männliche“ und „weibliche“ Spielregeln
Mit diesen unterschiedlich sozialisierten Gehirnen kommen nun also Männer und Frauen auf den Markt und konkurrieren um bestimmte Arbeitsplätze. Wie der Spiegel sehr richtig feststellte, tun sich Frauen immer noch mit den vorherrschenden, weil „männlich“ geprägten Spielregeln in den Führungsetagen schwer. Das von uns schon besprochene Interview mit Marion Knaths legt dies ja auch noch einmal nahe. Was mir in solchen Berichten aber immer wieder zu kurz kommt, ist das Nachdenken darüber, wie man die Spielregeln denn ändern könnte. Denn komischerweise – sei es nun die Schuld der bösen 68er oder des bösen Feminismus – finden auch immer mehr Männer diese Spielregeln abturnend und hätten lieber ein paar „female rules“ mehr. Doch die Regeln können sich schlecht ändern, wenn immer noch weniger als 30 Prozent Frauen in den Führungsetagen unserer größten Wirtschaftsunternehmen sitzen – es besteht ja gar nicht die Notwendigkeit. Solange sich aber diese miesen Spielregeln halten, ist es auch schwierig für Frauen, nach Oben zu kommen. Ein Teufelskreis und ich wage einmal mehr die verpönte Forderung nach einer Quote zu stellen! Und komme damit auch schon zu meinem
Fazit:
Es wäre wirklich schön gewesen, wenn der Spiegel das Thema etwas differenzierter angepackt hätte. Viele wahre und aktuelle Ansätze, die geliefert werden, können und sollen die Debatte weiterbringen und im Umgang miteinander und auch mit den nachwachsenden Generationen helfen, Ungerechtigkeiten und gläserne Decken abzubauen. Viele Ideen und Erkenntnisse aus der Biologie öffnen Tore und Chancen, die zu mehr Freiheit beider Geschlechter und weniger Fixiertheit auf ebendiese Kategorie: Geschlecht, führen können. Doch leider war hier der Schocker, der vermeintliche Skandal wichtiger, als diese Chance zu nutzen. Im Erwerbswelt-Teil des Artikels stehen jedoch viele gute und wichtige Erkenntnisse drin. Die Feststellung, dass „männliche“ Spielregeln es den Frauen schwer machen ist schon einmal fortschrittlich. Natürlich wagt der Spiegel nicht, eine Quote zu fordern. Er käme ja nicht auf die Idee. Aber – wie oben schon geschrieben – wozu gibt es schließlich: Uns!

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