Wie produktiv ist die aktuelle Debatte um Critical Whiteness?

Dieser Kommentar ist in der Februar-Ausgabe der an.schläge erschienen. Wir dürfen ihn hier mit freundlicher Genehmigung zweitveröffentlichen und haben das Original an einigen Stellen verändert.

Noch bevor Critical Whiteness Ansätze ihren Weg in die queer_feministische oder linke Praxis gefunden haben – von einer Kanonisierung in den kritischen Wissenschaften hierzulande ganz zu schweigen –, werden diese bereits auf ihre angeblich in die antirassistische Sackgasse führenden Annahmen hin überprüft. Bemerkenswert ist, dass dafür nicht etwa bereits diskutierte Punkte von Theoretiker_innen of Color die Grundlage bilden, sondern vornehmlich jene Kritiker_innen zitiert werden, die Critical Whiteness Ansätze von vornherein ablehnen.

Ein hier gern angeführtes Argument ist das „Übertragbarkeitsproblem“: Aus vermeintlich historischen Gründen würde weiß als kritisch zu betrachtende Norm und Folie, auf der die anderen rassifiziert und entwertet werden, nur in einem US-amerikanischen, nicht aber in einem deutschen bzw. europäischen Kontext Sinn machen. Dieses Argument sagt viel darüber aus, wie weit die Aufarbeitung eigener Kolonialgeschichte vorangeschritten ist (oder auch nicht). Dieses Argument zeigt auch, wie weiß und damit eklatant unzureichend und eindimensional das Verständnis von Rassismus ist: Rassismus als ausschließliches Problem der Institutionen Nationalstaat und EU und ihren Behördenapparaten, die über Zugehörigkeiten und Teilhabe von „Ausländern“ entscheiden und Rassismus dabei als Rechtfertigungsideologie für supra_nationalökonomische Verwertungsinteressen funktioniert. Rassismus als Problem von „Prügelbullen“, Nazis und populistisch argumentierenden Einzelpersonen wie Gauck, Sarrazin und Buschkowsky. Unberücksichtigt bleibt, wie diese Politiken, Ideologien, „Meinungen“ und „Argumente“ miteinander zusammenhängen, an welche kolonialrassistischen Praktiken und Diskurse sie anknüpfen, auf welchen Normsetzungen sie beruhen und wie fundamental Weißsein für die Konstituierung von „Deutsch“ und Nation nach wie vor ist.

Die Debatte um die Streichung rassistischer Begriffe aus Kinderbüchern zeigt: weißes Überlegenheitsdenken findet auch jenseits von Nazis und Polizeistaat statt. (Kolonial)Rassismus spielt auch heute noch eine Rolle. Die ihm zugrunde liegenden Normen und Konstruktionsprozesse sind nach wie vor diskursiv wirkmächtig und strukturbildend.

Um in rassistische Diskurse und Strukturen intervenieren zu können, ist sicherlich mehr als eine einzige Perspektive und ein Bezugspunkt nötig. Nur so können Rassismus, seine Argumentations- und Realisierungsformen überhaupt verstanden werden. Trotzdem ist Rassismus ein Machtverhältnis, das Hierarchien benötigt und soziale Positionen hervorbringt, die diskriminiert oder privilegiert sind. Und dass die privilegierte Position weiß zugleich die unhinterfragbare und permanent entnannte Norm dieses Machtverhältnisses bildet, mit der Individuen ständig konfrontiert sind und sich immer zu ihr verhalten.

Der Sinn von Critical Whiteness Ansätzen besteht unter anderem darin, diese Norm als solche an_zu_erkennen und ihre Auswirkungen als weißes Subjekt in der eigenen rassismuskritischen Praxis mitzudenken, sich als weißes Subjekt in Bezug zu Rassismus zu setzen und aufgrund rassistischer Privilegierungen den Fokus ebenfalls auf diese Aspekte von Rassismus zu richten. Sonst sind struktureller Rassismus und weiße Dominanz auch innerhalb feministischer Bewegungen weder kritisier- noch veränderbar.

Warum beobachte ich in letzter Zeit, dass in weiß dominierten feministischen und linken Kontexten eine kritische Besprechung von Critical Whiteness stattfindet, während Rassismus kein selbstverständliches Thema ist, selten interdependent zu Sexismus gedacht wird und weiß nie benannt wird? Was wären die Reaktionen, würde anstatt Critical Whiteness die Legitimität von Feminismus diskutiert? Was sagt das über die weiße Normsetzung innerhalb feministischer Ansätze aus?

Critical Whiteness und das Ende der Sektstimmung

Katrin Rönicke betreut beim FREITAG ihre Bildungskolumne. Dort hat sie just ein Buch vorgestellt, das sie einige Zeit beschäftigt hat: Noah Sows „Deutschland Schwarz Weiß“. Sows Buch entfaltet das Thema „Alltagsrassismus“ anhand vielzähliger und diverser Beispiele – es ist ein Buch, das keinen methodologischen Regeln im akademischen Sinne folgt. Und das muss es auch nicht. Das Werk bewegt sich außerhalb des Paradigmas, das institutionalisiertes Wissen nur mit dem exakten Stempel durchwinkt. Und das ist wahrscheinlich sehr gut so. Die Empirie ist stark, und es gelingt aufzuzeigen, wie sehr Rassismus und Alltagsrassismus sämtliche unserer Strukturen durchziehen: Mikromechanismen werden sichtbar. Es wird klar, dass Rassismus in unserem Land kein Problem irgendeines Zentralapparates ist, der sich mit einer bestimmten Intention für seine Ausübung entscheidet, sondern dass er in jeder Ecke unserer Gesellschaft heimisch ist. Ü-ber-all. In jeder Faser des Alltags.

Es gibt keine Rassismus-befreiten Zonen. Punkt.

Kulturell, sozial, politisch, ökonomisch: Es gibt keine Rassismus-befreiten Zonen in Deutschland. Das ist das Resümee des Buches, und es schmerzt vielleicht manchen (weißen) Leser_innen noch mehr, wenn ihm_ihr dann auch noch direkt mitgeteilt wird, dass auch er_sie ständig an den vielzähligen Mikromechanismen mitwirkt, ob er_sie es will oder nicht. Weil er_sie nicht anders kann. Nicht weil er_sie sich individuell dafür entschieden hätte, rassistisch zu sein, sondern weil jede_r (von uns) personale_r Mittler_in der strukturellen Widersprüchlichkeiten ist – auf welche Art, in welcher Ausprägung auch immer. Weiterlesen „Critical Whiteness und das Ende der Sektstimmung“

Ladyfest: Critical Whiteness Reload

Es ist zwar Sonntag, doch ich komme irgendwie nicht umhin, jetzt nochmal auf die Schnelle meine Impressionen von meinem Ladyfest-Mainz-Abstecher runter zu tippen – sowie meine Ergänzungen zum Thema „Feminismus & Critical Whiteness“, da gestern natürlich nicht die Zeit ausreichte, das alles nochmal en Detail auf die Kette zu kriegen. Impuls dafür ist übrigens das anregende Gespräch, dass ich gestern im Anschluss an unser Podium noch mit einer Zuschauerin hatte – leider viel zu kurz, da der Zug rief.

Heißt: Dieser Blogpost ist vielleicht nicht für jede_n interessant (wie mensch oben sieht falle ich ja ein bisschen mit der Tür ins Haus), hat aber vielleicht dennoch die ein oder andere diskussionswürdige Sache intus, und überhaupt, wer mag liest einfach weiter.

Gestern nachmittag also Podium mit Antje Schrupp, Imme Goldstein, Margot Müller, Laylah Naimi und mir. Geladen waren wir als Vertreterinnen verschiedener feministischer Strömungen, was irgendwie natürlich ganz viel Sinn machte – allein, um nochmal zu verdeutlichen wie viele unterschiedliche Strömungen es gibt, da die Pluralität des Feminismus vielleicht nicht immer für jede_n klar auf der Hand liegt. Von daher war diese Ausgangslage auf jeden Fall für die am Ende sehr fruchtbare Diskussion auch auf jeden Fall ganz zielführend, wobei natürlich auch Folgendes aufkam: Riesenfässer und weites Feld – aber so ist das wohl bei den meisten Podien. Weiterlesen „Ladyfest: Critical Whiteness Reload“

Hat jemand „Knutschverbot“ gesagt?! – Critical Hetness 101

Im folgenden Text wird viel von Hetero-Pärchen die Rede sein. Paar heißt in diesem Fall: zwei Menschen, die in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten mit einander austauschen.  Es geht um Menschen, die in der Regel jeweils als weiblich und männlich gelesen werden und sich selbst auch so verorten, und von denen widerum vor allem um jene, die keine Sanktionen und kein Othering erfahren, wenn sie sich außerhalb des eigenen Privatbereichs als Paar zeigen. Dass diese Menschen individuelle Geschichten haben können, in denen (nicht nur gegendertes, sondern z.B auch rassifiziertes) Gelesenwerden, Passing und Selbstverortung keine unhinterfragten Selbstverständlichkeiten darstellen, bleibt bei einer solchen Einordnung schwierigerweise außen vor. Der Widerspruch, dass für individuelle Personen angesichts eigener biografischer Erfahrungen das öffentliche Paar-Sein ein Akt des widerständigen Empowerments sein kann, nach außen aber trotzdem auch oder vor allem als normbestätigend wirkt, lässt sich wohl unter den gegebenen Bedingungen nicht auflösen.

Die Perspektive, mit der ich selbst mich auskenne und von der aus dieser Text geschrieben ist, ist allerdings die einer Person, die es zeitlebens ganz überwiegend als selbstverständlich erlebt hat, ihr Begehren auch in die Öffentlichkeit tragen zu können, ohne dass darauf  über den üblichen Sexismus hinaus merkbar reagiert würde – weder mit spezieller Neugier, die sich in distanzlos-übergriffigem „Interesse“ äußert, noch mit Kommentaren (seien sie abwertend oder vermeintlich anerkennend), noch mit verbalen oder körperlichen Angriffen. Dieses default setting gilt hierzulande für viele Menschen. An diese, an euch, richtet sich dieser Text.

Nachdem ich begonnen hatte ihn zu schreiben, stieß ich auf diesen Blogeintrag und musste feststellen, dass der Titel, den ich für meinen Text spontan ersonnen hatte, quasi 1:1 schonmal da war und der  Begriff  „Critical Hetness“, eine augenzwinkernde Anspielung an Critical Whiteness, offensichtlich nicht erst in einer informellen Konversation zwischen Mädchenmannschafstsautorinnen das Licht der Welt erblickt hat. Ich lass das jetzt aber so, weil ich die Begrifflichkeiten einfach passend finde, und danke Sanczny für die uns beiden unbewusste Inspiration :)

Die eigene Praxis zu reflektieren und gar zu ändern ist immer schwieriger als abstrakt „gegen Sexismus“ oder „gegen Homophobie“ zu sein – geschenkt. Wie schwer es auch innerhalb von Zusammenhängen ist, die sich selbst als progressiv, „links“, als explizit anti*istisch verorten, wurde kürzlich wieder anhand der neu entflammten Online-Debatte um fiktive „Knutschverbote“ deutlich. (Ob und wie in anderen Zusammenhängen darüber gesprochen wird, ist mir erstmal egal, da diese Kontexte für mich keinen Bezugsrahmen darstellen.)

Was war los? In verschiedenen Blogposts und Twitterkommentaren hatten vor allem Menschen, die nicht hetero begehren und_oder leben  – nein, keine Knutschverbote verhängt. Wie könnten sie das auch tun, wie sollten sie ein solches Verbot gar durchsetzen [CW: rassistische Begriffe ausgeschrieben]? Nein, um Verbote ging es nie, und etwas nicht toll zu finden ist nicht das gleiche wie etwas zu verbieten: Sie haben sich darüber geäußert, dass das Unterlassen von Hetero-Pärchenperformances ein solidarischer Akt sein kann.  Zur Paar-Performance gehören jene Handlungen, die – auch unbewusst, ganz unbeabsichtigt und nebenbei – dafür sorgen, dass bei anderen der Eindruck „Aha, ein Pärchen“ entsteht, also Küssen, Händchenhalten u.ä., egal wie gut die Beteiligten einander kennen oder ob und wie sie eine Beziehung zwischen sich definieren.

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Sommerpause vorbei, Gesellschaft immer noch meh: Still loving Feminismus as if we’re getting paid!

Lass es Sommerpause sein
Lass es Sommerpause sein

„Hatten wir dazu nicht schon einmal einen Beitrag?“ – Eine Frage, die gar nicht so selten auftaucht, denn (leider) bleiben viele Debatten auch über Jahre ganz zeitlos aktuell oder branden ‚plötzlich‘ wieder auf. Statt immer einen neuen Text zu verfassen, juckt es manchmal in den Fingern einfach die älteren Werke vorzukramen und zu posten: „Hier, war schon vor drei Jahren kritikwürdig.“
Eigentlich ist dieser Reflex doch auch gar nicht schlimm, wenn Gedanken schon einmal gut ausformuliert wurden, müssen sie ja nicht in der digitalen Schublade verstauben. Aus diesem Grund haben wir die Sommerpause genutzt und posteten auf Facebook und Twitter Artikel aus den letzten Jahren. Diesen #SommerImArchiv könnt ihr nun auch hier noch einmal gesammelt nachverfolgen. Viel Spaß beim Stöbern! (Und falls ihr unsere Arbeit finanziell unterstützen wollt, freuen wir uns jederzeit über Spenden.)

Fett am Strand. Ist das nicht voll ungesund?!

Sommer, Badestrand oder Freibad – für viele eine unschlagbare Kombination. Doch die Freude wird auch häufig schnell getrübt, z.B. durch fatshamende Kommentare. Im letzten Jahr schrieb Magda zu Fatkinis und Gesundheitsdiskursen:

Ich höre Gefährdung und möchte schreien: Jaaa!! Stolze, glückliche fette Menschen sind gefährlich – weil sie hegemoniale Bilder von den traurigen™ und inaktiven™ Fatties in Frage stellen. Weil manche dicke Menschen einen lauten Furz darauf geben, ob andere es „ästhetisch“ oder „schön“ finden, wenn sie knappe Bikinis oder Neon-Badeanzüge tragen. Dicke Leute, die ihren Körper nicht verstecken, ihn sogar stolz präsentieren? Passt in keine gesell­schaftliche Erzählung über das Dicksein: Dicke Menschen sollen entweder abnehmen oder zumindest sagen, dass sie es tun wollen. Aber doch bitte nicht fett und glücklich im Badeanzug posieren.

Zum Freispruch für George Zimmerman

Im letzten Monat jährte sich bereits zum zweiten Mal der Freispruch für George Zimmerman. Im Juli 2013 schrieb accalmie über das Urteil und seinen Kontext:

Institutionalisierter Rassismus führt dazu, dass drei Mal mehr Schwar­ze US-Bür­ger_in­nen zur To­des­strafe verurteilt werden als weiße. Jener institutionalisierte Rassismus führte auch dazu, dass das Ver­fah­ren ge­gen Geor­ge Zim­mer­man auch zum Ver­fahren darüber wurde, wie Schwarz Tray­von Mar­tin war: wie sehr hood(ie), wie stereo­typi­sier­bar, wie entmenschlich- und entindividualisierbar genug, um eine „beiläufige“ Er­schiessung zu recht­fer­ti­gen.

Feminist Bore-Out

Eine Sommerpause tut aus so vielen Gründen Not – zum Beispiel? Feminist Bore-Out! Ein Phänomen, dessen Name Nadia im letzten Jahr prägte:

Es wird ja auch nicht besser wenn den Leuten™ das Ganze unter dem Deckmantel von “Es geht den Autorinnen ja eigentlich und tatsächlich um Gleichberechtigung!” untergejubelt wird. Und ich weiß auch nicht, womit wir diese ganzen Buchpupser_innen verdient haben. Ich meine, das Problem an all dem wirklich grenzwertigen und problematischen Herrschaftsgelaber der Mainstream-Unterhaltungsliteratur “mit Message”™ ist ja mittlerweile nicht mehr nur, dass in diesen Büchern stringent falsches und empirisch nicht haltbares Zeug behauptet wird – das Problem ist ja auch noch, dass dieses ganze Zeug furzlangweilig ist. Weil immer wieder der immer gleiche Scheiß erzählt wird.

 

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Kerngeschäft Feminismus: Nicki Minaj und weiße Solidarität

Ganz ehrlich: Ich persönlich bin kein großer Nicki-Minaj-Fan. Es gibt ein, zwei Lieder, die ich nicht schlecht finde, und ansonsten wundere ich mich (nicht) darüber, dass andere Rapperinnen – Rapsody, Jean Grae, Sa-Roc, Rah Digga, Dai Burger, um nur ein paar Namen zu nennen – nicht halb so viel Aufmerksamkeit genießen. Das hat mit Minajs besonderem Flow, genreübergreifenden Stil und Vermarktungsgeschick zu tun, aber auch mit Minajs konventioneller(er) Schönheit und der einfachen Reduzierung ihrer sex-positiven Self-Empowerment-Message auf „Sexbombe“ für einen male gaze. In jedem Fall ist Nicki Minaj eine der erfolgreichsten Rapperinnen aller Zeiten und versteht – im Gegensatz zu Iggy Azalea, zum Beispiel – nicht nur ihr Handwerk, sondern auch die Geschichte des Rap/Hip Hop.

Ihr letztjähriger Hit, „Anaconda“, war nicht nur ein Charterfolg, sondern Minaj brach mit dem Video Rekorde. Etwas über eine Woche nach der Veröffentlichung hatte „Anaconda“ bereits 100 Millionen Zuschauer_innen; es war eines der erfolgreichsten Videos des Jahres. Auch ihr und Beyoncés „Feeling Myself“, das zwei der aktuell bekanntesten und erfolgreichsten Hip Hop- und Pop- Künstler_innen vereinte, resultierte in einem sehr beliebten Video, dessen Regie beide maßgeblich führten. „Anaconda“ wurde in diesem Jahr für einen MTV „Video Music Award“ (VMA) in den Kategorien „Best Female Video“ und „Best Hip Hop Video“ nominiert. „Feeling Myself“ ging leer aus, und „Anaconda“ wurde ebenfalls nicht in der wichtigen „Video of the Year“-Kategorie nominiert (wenngleich Beyoncés „7/11“ eine Nominierung erhielt). Bei Twitter hat Nicki Minaj dies kritisiert.

[Übersetzung: 1. „Wäre ich eine andere „Art“ von Künstlerin, wäre Anaconda nominiert für Beste Choreographie und auch für Video des Jahres.“ 2. „Wenn die „anderen“ Mädels Videos veröffentlichen, die Rekorde brechen und Auswirkungen auf Kultur haben, werden sie nominiert.“ 3. „Wenn dein Video Frauen mit sehr schlanken Körpern zelebriert, wirst du für „Video des Jahres“ nominiert.“ 4. „Ich bin nicht immer selbstbewusst. Nur müde. Schwarze Frauen beeinflussen Popkultur so sehr, aber werden selten dafür belohnt.“]

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Handlungs(spiel)räume – Eine Veranstaltungsreihe in Bielefeld

In diesem Sommer gibt es die Veranstaltungsreihe „Handlungs(spiel)räume“ zum Thema Queer Theory an der Universität Bielefeld. Die Macher_innen schreiben zu ihrem Anliegen und den Ansätzen:

Konkret ist es eine Kombination aus Vorträgen und Workshops, um queere Theorie und queere Praxis miteinander zu verbinden. Es geht uns darum, kritische Positionen des Widerstands sichtbar zu machen und allgemein für queere Themen zu sensibilisieren. Wir wollen aufzeigen, dass es mehr gibt, als weiß, heterosexuell, männlich und weiblich. Queer beinhaltet für uns auch mehr, als homo-, bi-, pan-, bzw. generell mehr als eine eine ‚andere‘ Sexualität. Weiter meint es für uns auch mehr als die Berücksichtigung von trans* oder inter* Personen. Queer bedeutet eine herrschafts-, norm- und institutionskritische, so wie auch eine identitätskritische Perspektive einzunehmen.

Der erste Vortrag zu „Doing Inter*. Über die Lebenssituation offen lebender inter* Kinder.“ von Anike Krämer fand bereits am 06. Mai statt. Die restlichen Veranstaltungen haben folgende Themen:

  • 20.05.2014, 18.00 Uhr, D2-136: Von der VerUneindeutigung zur Politik der Paradoxie Queere kulturelle Politiken im Neoliberalismus (Antke Engel)
  • 03.06.2014, 18.00 Uhr, D2-136: Das „A“ in Queer – ein sexpositiver Blick auf Asexualität* (Andrzej Profus)
  • 17.06.2014, 16.00 Uhr, X-E0-215: „Fürchte dich nicht, Bleichgesicht“ (May Ayim) – Workshop zu Critical Whiteness und Rassismuskritik (Alexandra Cato Schirmer und Miriam Friz Trzeciak) (Hinweis: Hier handelt es sich um einen Workshop mit begrenzter Teilnehmer_innen-Zahl. Anmeldung unter handlungsspiel(at)live.de)
  • 01.07.2014, 18.00 Uhr, D2-136: Heteronormative Hegemonie im Neoliberalismus – neue Freiheiten, alte Machtverhältnisse? (Gundula Ludwig)

Abtreibungsgegner, Male Gaze und Anti-Rape-Underwear – kurz verlinkt

Dieser Text ist Teil 218 von 395 der Serie Kurz notiert

Lampedusa in Hamburg haben eine Antwort an den Hamburger Senat und Vorschlag zur Lösung im Sinne von Menschenwürde und Menschenrecht veröffentlicht, nachzulesen hier.

In Saarbrücken fand erneut eine Kundgebung christlicher Abtreibungsgegner_innen statt. Einen Bericht über den Protest veröffentlichte der HPD.

Hebammen in Existenznot: Darüber schrieb Tanja Dückers in der letzten Woche für die ZEIT.

Die ISD hat eine kritische Stellungnahme zu den Aussagen von Polizeigewerkschaftschef Rainer Wendt online gestellt.

Es gibt eine neue feministische Gruppe in Mainz: „Die Gruppe ist noch in der Gründungsphase – Name, Beschreibung und Events werden in Zukunft noch weiter diskutiert und entwickelt.“ Alle Infos findet Ihr auf Facebook.

Fred hat uns ins Postfach folgenden Aufreger gesendet: „Ist euch schon aufgefallen, dass für die einslive-Krone nur eine einzige weiblich gelesene Person nominiert ist?“

Nicht in allen Punkten unproblematisch, aber dennoch ein interessanter Text: „Warum willst du denn kein Kind„.

Hartz-IV-Schikane: „15-jährige Schüler werden trotz andauerndem Schulbesuch vom Jobcenter zur Stellensuche aufgefordert und bei Weigerung sanktioniert“. Nachlesbar hier.

„Als Tochter beim NSU-Prozess die Stimme erheben“: Ein wichtiger Text auf DW.

Hier ein Hinweis auf die aktuelle Ausgabe der an.schläge mit dem vollständig online nachzulesendem Schwerpunkt „Critical Whiteness“ (in Zusammenarbeit mit migrazine): Hier der Link.

Im Prager Frühling erschien ein Artikel über die erste radikalfeministische Wochenzeitung der Weimarer Republik.

Bei Barneys in New York werden Schwarze Kund_innen pauschal als potentielle Diebe betrachtet. The Hairpin berichtet. Außerdem geht es um das komplizierte Verhältnis von Armut und Statussymbolen.

Text von 2009, aber leider immer noch brandaktuell: Wenn Ärzt_innen die Beschwerden von dicken Patient_innen nicht ernst nehmen und erst einmal dazu raten, Gewicht zu verlieren, kann das lebensgefährlich sein.

Prominente Armenier_innen setzen sich für die Rechte von LGBT in Armenien ein.

Juhu! Beim Bitchmagazine gibt es feministische Mucke für den Herbst!

„So your friend dressed up as an Indian. Now what?“ Jopp. Das ist hier die Frage. Und auch auf Black Girl Dangerous gab es einen Text zu Cultural Appropriation.

Auf The Crimson wurde die „Sex Week“ in Harvard rezensiert.

What happens when women take the mic?„: Beverly Bond, Daphne Brooks and Joan Morgan über Hip-Hop-Feministinnen.

Der totalste Stuss der letzten Woche: „Anti-Rape-Underwear“. Feministing nahm’s auseinander.

Essen ohne Stress: Ein Video.

Auf The Atlantic erschien ein Artikel über Gewalt in gleichgeschlechtlichen Beziehungen.

Male Gaze in „Blue is the warmest Color“: Autostraddle fasst zusammen.

Susan Austin veröffentlicht auf ihrer Webseite ganz tolle Bilder.

Termine nach dem Klick…

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Wir haben die Definitionsmacht!

Sharon Dodua Otoo ist Schwarze Britin – Mutter, Aktivistin, Autorin und Herausgeberin der englischsprachigen Buchreihe „Witnessed“ in der edition assemblage. Sie ist aktives Mitglied in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) e.V. Unter dem Namen Ms.Represented bloggt und twittert Sharon ebenfalls. Wir freuen uns über diesen Gastbeitrag zur Veränderung von Realitäten durch Wörter, der kürzlich ebenfalls bei Analyse & Kritik in der Sonderbeilage zu Critical Whiteness erschien.

Natürlich haben wir alle die Möglichkeit unsere Umwelt mit Sprache zum Positiven zu verändern – wie denn sonst? Sprache inspiriert! Dr. Martin Luther King sagte damals: „I Have a Dream!“ und nicht etwa „Ich habe da so eine vage Idee…“ Mit seiner Rede hat er Milliarden von Menschen weltweit erreicht und zum Teil erstmalig glauben lassen, ein Leben ohne Rassismus sei nicht nur erstrebenswert, sondern auch wirklich erreichbar. Und warum sonst achten wir auf Tonfall und Wortwahl, wenn wir uns für eine Arbeitsstelle bewerben? Warum genau freuen wir uns, wenn wir eine Person kennenlernen, die sich bemüht hat, ein paar Sätze in unserer Muttersprache zu lernen, wenn diese für sie sehr schwierig ist? Wie wir mit unseren Mitmenschen kommunizieren, hat auf jeden Fall einen großen Einfluss auf das, was um uns herum geschieht.

Sprache ist ohnehin lediglich ein Mittel zum Zweck. Eigentlich ist es unmöglich, unsere diversen Realitäten durch Sprache zu erfassen. Diejenigen von uns, die mehr als eine Sprache können, wissen, dass wir manchmal ein Gefühl, einen Gedanken oder ein Erlebnis besser in einer Sprache ausdrucken können als in der anderen. Manchmal existiert das Wort, das wir brauchen, auch ganz einfach nicht. Vermutlich sind wir ständig dabei haarscharf aneinander vorbeizureden bzw. zu kommunizieren. Unsere eigentliche Aufgabe wäre dann, nicht klare Absolute zu verhandeln, sondern geschickt(er) mit den Gegensätzen und Widersprüchen, die zum Alltag gehören, umzugehen – und uns so einer besseren Verständigung anzunähern.

Lässt sich Bewusstsein durch Wörter verändern?

In ihrem Artikel „Nur für Eingeweihte“ bezweifelt Wettig, dass es möglich ist, unser Bewusstsein durch unseren Sprachgebrauch zu ändern. Sie schreibt: „Welches Wort ich benutzte, ändert nichts, solange sich die Verhältnisse nicht ändern.“ Eine solche Behauptung kann nur von einer Person gemacht werden, die sich über ihre Privilegien nicht bewusst ist und der durch die vermeintlich „neutrale“ deutsche Sprache nicht täglich Gewalt angetan wird. Ich rede nicht für andere, doch meine Vermutung ist, dass die Eltern eines neugeboren Babys mit „uneindeutigen“ Geschlechtsmerkmalen sich sehr freuen würden, wenn sie auf die begeisterte Frage: „ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ noch (mindestens) eine weitere Antwort geben könnten, die nicht sofort mit einem Defizit ihres Kindes in Verbindung gebracht werden würde. Und ich wünsche mir, als Cis-Frau, dass ich überhaupt das Wort „Cis“ bereits in meiner Kindheit kennengelernt hätte. Mir ist erst seit wenigen Jahren bewusst, dass es Menschen gibt, die sich weder als weiblich noch männlich definieren können_möchten oder die das ihnen bei der Geburt zugeschriebene Geschlecht nicht als passend empfinden. Durch die Verwendung der dominierenden Sprache habe ich gelernt, diesen Menschen ihre Existenz abzusprechen – eine gewaltvoller Akt. Intersex Babys werden zwangsoperiert, Transpersonen werden gemobbt, gehetzt, gefoltert und getötet. Ich tue anderen Menschen nicht gern Gewalt an und ich werde nicht gern dazu manipuliert, mich in eine solche Tradition einzureihen. Sprache macht es mir möglich, die Existenz von Inter- und Transpersonen anzuerkennen und durch die Verwendung des Gender Gaps habe ich die Möglichkeit zu signalisieren, dass ich mich im Kampf gegen diese Formen von Gewalt solidarisch zeigen möchte.

Das Leben für Menschen, die Diskriminierungserfahrungen ausgesetzt sind, ist ein Minenfeld. Wir machen viel zu oft schmerzhafte, negative Erfahrungen und noch dazu, wird unser Leid von der dominanten Gesellschaft nicht anerkannt. Darum entwickeln wir Strategien um zu erkennen, ob wir uns in bestimmten Kontexten sicher(er) fühlen können, oder nicht. Die verwendete Sprache unserer Gesprächspartner_innen – oder vielmehr die Wortwahl – ist ein relativ eindeutiger Hinweis dafür. Wer zum Beispiel 2013 in Deutschland nicht Schwarz ist und noch immer herkömmliche rassistische Bezeichnungen verwendet um Schwarze Menschen zu beschreiben, in der Überzeugung, dass diese einfach neutral sind, misst dem respektvollen Umgang mit den Belangen von Schwarzen Menschen in Deutschland offenbar keine große Priorität bei. Das muss natürlich nicht heißen, diese Person sei rechtsradikal. Es ist aber ziemlich wahrscheinlich, dass diese Person sich nicht sonderlich gründlich mit ihrer Positionierung in einer rassistischen Gesellschaft auseinandergesetzt hat. Somit haben diese Person und ich eine gänzlich andere Wahrnehmung von den Machtstrukturen innerhalb Deutschlands und wenige (um nicht zu sagen keine) gemeinsamen Anknüpfungspunkte um gegen diese anzukämpfen.

Kommunikation ist das was bei der anderen Person ankommt.

Es gilt anzuerkennen, dass bestimmte Wörter verbrannt sind. Das Wort „Endlösung“ können wir nicht mehr verwenden, um zum Beispiel über das Ergebnis einer Rechenaufgabe im Matheunterricht zu sprechen, denn es hat eine grausame Konnotation. Klar ist auch, dass die Intention der sprechenden Person hierbei nicht maßgeblich ist. Andere Wörter, die mit Gewalt, Hass und Verbrechen konnotiert sind, gehören ebenfalls auch nicht in unserem Wortschatz. Als Amadeu Antonio 1990 in Eberswalde von Rechtsradikalen zu Tode getreten wurde, und als ich im gleichen Jahr an einer Bushaltestelle in Hannover von einem Nazi angeschrien und bedroht wurde, sind dieselben rassistische Bezeichnungen gefallen, über die in Deutschland 2013 immer noch hitzig diskutiert wird, ob sie wirklich aus Kinderbüchern gestrichen werden sollten. Weil das Leid, das durch die dominante Sprache erzeugt wird (oder woran erinnert wird) nicht an weißen hetero cis-männlichen Körpern erfahren wurde, stößt die Idee von einer „politisch korrekten“ Sprache für die deutsche Mainstream anscheinend auf Unverständnis. Es wird argumentiert, dass dieses „unkorrekte“ Kommunizieren Diskriminierende schafft, wo es gar keine gibt und dass „Political Correctness“ die eigentliche Arbeit gegen Diskriminierung unnötig erschwert. Und dennoch: anscheinend lässt sich über ungleiche Machtverhältnisse selten so kontrovers in den Mainstream Medien diskutieren wie über die vielen Versuche durch sprachliche Veränderungen eben diese Machtverhältnisse aufzubrechen. Die Verwendung des generischen Femininums in der Grundordnung an der Universität Leipzig ist ein weiteres sehr schönes Beispiel dafür.

Wettig behauptet außerdem: „Ob jemand nun »Kanaken« sagt oder »Menschen mit Migrationshintergrund«: Bei dem/der ZuhörerIn entsteht das Bild eines Menschen, der weniger gebildet und weniger erfolgreich ist, im schlimmeren Fall wird auch noch Kriminalität, Frauenfeindlichkeit oder religiöser Fanatismus assoziiert. Keines dieser Vorurteile wird korrigiert, wenn man stattdessen von »People of Color« spricht.“ Es klingt so, als würde sie voraussetzen, dass anti-rassistische Sprache allein dem Zweck dienen soll, weiße Menschen zu sensibilisieren. Das Recht auf Selbstbezeichnung wird dabei völlig außer Acht gelassen. Fremdbezeichnungen sind in der Tat meist negativ konnotiert. Die Verwendung politischer Eigenbezeichnungen hingegen stärkt. Sie zeigen Wege aus der Isolation und Demütigung und sie weisen auf Verbündete.

Ganz abgesehen davon, dass „Menschen mit Migrationshintergrund“ und „People of Color“ weder die gleiche Konnotation noch die gleiche Bedeutung haben. „Menschen mit Migrationshintergrund“ ist ein Euphemismus, der auf der falschen Annahme basiert, es könne einer Person angesehen werden, ob sie „fremd“ wäre und darum weiterhin den Glauben stützt „richtige“ Deutsche sind weiß. „People of Color“ hingegen ist eine politische Selbstbezeichnung, ebenso wie „Schwarz“ mit großem „S“. Sie beschreiben eine Positionierung innerhalb einer mehrheitlich weißen Gesellschaft und keine körperlichen Merkmale . Beides sind Versuche Alltagsrassismus wahrnehmbarer zu machen. Mit der Betonung auf dem Wort: Versuch. Keine_r behauptet, dass allein durch die Verwendung einer „korrekten“ Sprache Machtstrukturen von selbst aufgelöst werden. Der Vorschlag ist stattdessen Sprache wie einen Post-it Note zu verwenden: als ständige Erinnerung daran, dass wir alle die Aufgabe haben gegen Diskriminierung anzugehen, und zwar damit, dass wir bei uns selbst anfangen müssen.

Es ist also dir überlassen, welches Vokabular du benutzen möchtest. Wenn es um diskriminierende Sprache gegen marginalisierte Menschen geht, gibt es – trotz des Zensurvorwurfs – keinerlei wirksame Sanktionen. Dennoch musst auch du akzeptieren, dass du nicht in der Lage bist zu bestimmen, wie ich mich zu fühlen oder zu reagieren habe, wenn du diskriminierende Sprache verwendest. Wie Noah Sow einst treffend sagte, wenn eine Person auf deinem Fuß ein Klavier abstellt, ist es für deinen Schmerz erst mal nicht so entscheidend, dass dies versehentlich passiert ist. Nur du hast das Sagen darüber ob du Schmerzen hast, wie stark sie sind und wie du dies zum Ausdruck bringst.

Der Weg ist das Ziel

Eine wertschätzende, respektvolle Kommunikation erfordert vielleicht Geduld und Durchhaltevermögen, denn Sprache ist dynamisch und hat sich einer stetig wechselnden Realität anzupassen. Dennoch sind wir alle erst wirklich handlungsfähig, wenn wir diese Tatsache akzeptieren und in unserer Kommunikation berücksichtigen. Unsere Wörter haben das Potential für uns alle befreiend und stärkend zu sein, sofern sie nicht darauf bauen, Normen herzustellen bzw. aufrechtzuerhalten, indem andere Identitäten negiert oder erniedrigt werden. Lasst uns also aufhören am Duden zu klammern! Die Definitionsmacht liegt bei uns. Wir können entscheiden, ob wir uns gegenseitig inspirieren wollen oder nicht.

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