Wie können wir ein feministisches Leben leben?

von Charlott
Dieser Text ist Teil 126 von 130 der Serie Die Feministische Bibliothek

Alle Jahre (Monate) wieder geht ein Quiz um, was ungefähr wie folgt aufgebaut ist. Frage: Findest du, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sein sollten? Wenn du auf „Ja“ klickst, wird dir gratuliert. Toll, du bist Feminist_in! (Eine andere Variation gibt es auf Are you a feminist?) Menschen schicken sich diese Tests zu. „Siehst du, du bist doch auch Feminist!“ Der Test ist leichtverdaulich, für Menschen, die nah an der Norm sind. Der Test tut kaum weh – jedenfalls nicht den vorherrschenden Machtverhältnisse, denn in dieser einfachen Frage werden eine ganze Reihe von gefährlichen und gewaltvollen Annahmen und Normen reproduziert: Frauen werden in Bezug auf Männer gesetzt, Zweigeschlechtlichkeit bleibt unangetastet und „Gleichberechtigung“ übertüncht auch schnell wirkliche Macht- und Gewaltfragen. Was ist der Effekt dieses Tests? Mobilisiert er Menschen? Eher nicht, stattdessen können Leute zurück auf das Sofa fallen und sich auf die Schulter klopfen: Ich bin sogar voll feministisch (und im Hintergrund summen Annahmen wie „Ich bin sogar voll feministisch, dafür muss man(n) nämlich gar nicht so militant, männerhassend, humorlos, krass, etc. sein“). Ist es ein feministisches Leben, wenn einfach dieser Quiz-Prämisse zugestimmt wird und weitergelebt wird?

Sara Ahmeds neustes Buch Living a Feminist Life geht der Frage nach, wie denn ein feministisches Leben aussehen kann. Dankenswerterweise aber macht sie gleich zu Beginn deutlich: Ein feministisches Leben rüttelt an vielen Gesellschaftsnormen und greift unterschiedliche Machtverhältnisse und deren Verknüpfungen an. Mit einem einfachen „Ja ja, Männer und Frauen sollen voll gleiche Rechte haben.“ möchte sie sich gar nicht mehr auseinandersetzen. Sie wendet sich bewusst an die humorlosen (oder besser als humorlos verstandenen) Feminist Killjoys, einen Begriff den Ahmed vor Jahren prägte. Die Grundannahme des Buchs macht sie in der Einleitung deutlich: Der Feminismus, um den es ihr geht, setzt sich auseinander mit Heterosexismus, Cissexismus, Rassismus und anderen Diskriminierungsformen. Sie schreibt:

Eine Feminist_in bei der Arbeit zu sein handelt davon (oder sollte davon handeln), wie wir gewöhnlichen und alltäglichen Sexismus, inklusive akademischen Sexismus, anfechten. Das ist nicht optional: Das ist es, was Feminismus feministisch macht. Es ist ein feministisches Projekt Wege zu finden, in denen Frauen in Bezug auf Frauen existieren können; wie Frauen in Beziehung zu einander sein können. Es ist ein Projekt, weil wir noch nicht da sind. […] Wie können wir die Welt zerlegen, die so aufgebaut ist, dass sie nur manche Körper fasst? Sexismus ist ein solches Fassungs-System. Feminismus erfordert Frauen dabei zu unterstützen, in dieser Welt zu existieren. […] Teil der Schwierigkeit der Kategorie Frau ist, was daraus folgt sich in dieser Kategorie zu befinden, und ebenfalls was daraus folgt sich nicht in dieser Kategorie zu befinden aufgrund des Körpers, den du dir aneignest, dem Begehren, welches du hast, den Wegen, denen du folgst oder nicht folgst. Gewalt kann auf dem Spiel stehen, wenn man als Frau erkannt wird; Gewalt kann auf dem Spiel stehen, wenn man nicht als Frau erkennbar ist.

Ahmed offeriert keine einfachen Antworten, kein „du denkst a, also bist du b“. Vielmehr geht es um die Erfahrungen und Tätigkeiten (aus denen wieder neue Erfahrungen erwachsen), die Feminist_in-Sein immer wieder herstellen. Sie gibt also keine simple Gebrauchsanleitung an die Hand, sondern beschreibt, lässt Gedanken wandern, stößt Gedanken an. Das Buch ist nach der Einleitung in vier weitere Teile aufgeteilt. Zunächst schreibt Ahmed in „Becoming Feminist“ über die Wege, die dazu führen sich feministisch zu positionieren, feministisch zu handeln und die Welt durch eine feministische Analyse-Linse wahrzunehmen. Im nächsten Teil („Diversity Work“) geht es konkret um „Diversitäts-Arbeit“, zum einen von Personen, die beispielsweise in Universitäten dazu konkret beauftragt sind, zum anderen aber auch um die alltägliche „Diversitäts-Arbeit“, die Menschen verrichten, die sich in Räumen aufhalten, deren Normen sie nicht (ganz) erfüllen. Im dritten Teil („Living the Consequences“) dann geht es Ahmed um die Konsequenzen im weitesten Sinne, die es hat oder haben könnte ein feministisches Leben zu führen. Anstatt einer einfachen Schlussfolgerung bietet Ahmed gleich zwei Dinge in ihrem letzten Kapitel an: Ein Überlebenskit für Feminist Killjoys und ein Killjoy Manifesto.

Eine ganze Reihe von unterschiedlichen Ideen ziehen sich durch „Living a Feminist Life“: Ahmed beschreibt anschaulich, wie das Verhältnis einer Feministin zur Welt aussehen kann und wie es sich anfühlen kann; das Gefühl eine Bremse zu sein, das Gefühl gegen Wände zu laufen („Die Wand als Job-Beschreibung“, wie sie so schön formuliert). Sie analysiert wie „Diversitäts-Arbeit“ (nicht) funktioniert, welche Strategien sich Menschen zurecht legen. Besonders spannend an dieser Stelle fand ich die Vorstellung davon, wie durch den Versuch eine Institution zu ändern fortwährend neues Wissen über die Insitution generiert wird. In dem wir versuchen sie zu verändern, lernen wir erst wie sie wirklich funktioniert. Diese Theorien sind „messy“ und werden fortwährend erweitert. Als Feminist Killjoy aufzutreten, ob nun beim Essen am Familientisch bestimmte Aussagen nicht unkommentiert zu lassen, in einer Institution gegen Diskriminierung einzutreten, als Feminist_in of Colour in feministischen Räumen Rassismus zu benennen oder ständig Augenrollen zu müssen („Augenrollen als feministische Pädagogik“), bedeutet auch daran gewöhnt zu sein/ zu werden von anderen als das Problem wahrgenommen zu werden. Diese Erfahrung aber, so macht Ahmed auch deutlich, darf nicht dazu führen vollkommen abzustreiten in bestimmten Momenten auch tatsächlich problematisch zu sein. Oftmals die Feminist Killjoy zu sein, darf nicht das Ohr für andere Feminist Killjoys (die beispielsweise auf Ableismus hinweisen, oder auf Rassismus, oder auf Transmisogynie, oder auf Dinge, die an spezifischen Intersektionen auftreten etc.) schließen. Feminist_in sein ist ein Prozess und zu dem Prozess gehört es eigene Positionierungen in den Blick zu nehmen und andere Positionen sehen zu lernen. „Es ist ein feministisches Projekt Wege zu finden, in denen Frauen in Bezug auf Frauen existieren können.“, schreibt Ahmed und zeigt über das ganze Buch verstreut Wege auf, angefangen von der Frage, wen wir wann zitieren („Zitierung ist feministisches Gedächtnis. Zitate ist wie wir unsere Schuld denjenigen gegenüber, die vor uns kamen, anerkennen; jenen, die uns geholfen haben unseren Weg zu finden, wenn der Weg verdeckt war, weil wir von den Wegen abweichen, denen wir folgen sollten. […] Zitate können Ziegel sein: Sie sind das Material durch welches, aus welchem, wir unsere Behausungen errichten.“) bis hin zu ihrem Plädoyer für einen explizit lesbischen Feminismus.

In dem Buch verbindet Ahmed Anekdoten aus ihrem eigenen Leben, philosophische Überlegungen, Bezüge und Analysen von literarischen Texten und Filmen und Interviews, die sie geführt hat (teils formal, teils eher informelle Gespräche). Das Buch strotzt nur vor Ideen und spannenden Analysen und Gedanken. Es lädt dazu ein langsam gelesen zu werden. Es ist kein Buch, welches sich schnell an einem Nachmittag weglesen lässt, stattdessen habe ich mich dabei wiedergefunden, wie ich viele Minuten mit einzelnen Seiten verbracht habe. Sätze wieder und wieder gelesen habe – auch weil sie so schön formuliert sind. Da Ahmed ihr Leben als Ausgangspunkt nimmt, bringt sie ihre vielfältigen Erfahrungen und sich daraus ergebenden Analysen und Praxen als lesbische, migratisierte Feministin of Colour in den Text. Es heißt aber auch, dass viele der Beispiele (gerade zu „Diversitäts-Arbeit“) aus einem Universitätskontext kommen. Das kann für einige auf den ersten Blick weniger interessant sein. Die Mechanismen, die Ahmed in diesem spezifischen Kontext beschreibt, können aber auch auf viele andere Institutionen und Räume übertragen werden und in jedem Fall mit viel Gewinn gelesen werden. Ahmeds Schreibstil ist sicher nicht für jeden gleichermaßen zugänglich. Wer aber schon immer mal etwas von ihr lesen wollte, findet hier einen sehr guten Einstieg und da sie sich auch auf viele ihrer vorherigen Werke bezieht, gute Ansatzpunkte, welche ihrer früheren Werke am spannendsten für eine_n wären.

In ihrem Survival Kit führt Ahmed jene Dinge auf, die sie für hilfreich hält um ein feministisches Leben zu führen, einige Dinge eher konkret andere abstrakter (andere Killjoys, Werkzeuge, Gefühle, Humor). Als ersten Punkt führt sie Bücher an („Wörter können dich aufbauen, wenn du dich schlecht fühlst. Beachte: es sind oft Bücher, die das Problem benennen, die uns helfen mit dem Problem umzugehen.“) – unter anderem Werke von Audre Lorde, bell hooks, Judith Butler, Virgina Woolf und Rita Mae Brown. In meinem persönlichen Survival Kit spielen Bücher auch eine große Rolle und Sara Ahmeds „Living a Feminist Life“ hat in der imaginären feministischen Literatur-Notfall-Box nun einen ganz besonderen Platz.

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Zitate im Orginal:

„To be a feminist at work is or should be about how we challenge ordinary and everyday sexism, including academic sexism. This is not optional: it is what makes feminism feminist. A feminist project is to find ways in which women can exist in relation to women; how women can be in relation to each other. It is a project because we are not there yet. […] How to dismantle the world that is built to accomodate only some bodies? Sexism is one such accomodating system. Feminism requires supporting women in a struggle to exist in this world. [….] Part of the difficulty of the category of women is what follows residing in that category, as well as what follows not residing in that category because of the body you acquire, the desires you have, the paths you follow or do not follow. There can be violence at stake in being recognizable as women; there can be violence at stake in not being recognizable as women.“

„Citation is feminist memory. Citation is how we acknowledge our debt to those who came before; those who helped us find our way when the way was obscured because we deviated from the paths we were told to follow. […] Citations can be feminist bricks: they are the materials through which, from which, we create our dwellings.“

Words can pick you up when you are down. And note: it is often books that name the problem that help us handle the problem.




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 15. März 2017 um 15:00 Uhr unter Aktivismus, Ideen - Theorien, Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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3 Kommentare

  1. Susa sagt:

    Vielen Dank, Charlott, für diese Review! Ich war sehr neugierig, was es mit dem Buch auf sich hat und freue mich sehr, das von Dir so detailliert bequem zusammengefasst zu bekommen. <3

  2. ka sagt:

    super, danke! Gleih bestellt, das Buch! Hättet ihr einen Amazon Partner link oder andere book stores, würd ich euch gern vom Kaufpreis etwas abtreten

  3. JEG sagt:

    hej charlott, danke für die ganz gute zusammenfassung. wollte nur erwähnen, dass wir gerade die deutsche überetzung machen, die (hoffentlich) ende mai unter dem Titel „Feministisch leben!“ als buch zu haben sein wird – hier mal ein link zur vorschau: https://www.unrast-verlag.de/vorankuendigungen/feministisch-leben-detail