Wanted: Assata Shakur

von Charlott

Vor einer Woche verkündete das FBI, dass die Aktivistin Assata Shakur auf die FBI Most Wanted Terrorist Liste aufgenommen wird. Für ihre Erfassung bietet das FBI nun 1 Million Dollar und die New Jersey State Police legt noch einmal 1 Million dazu. Die Verkündung dieser Fakten fand nicht an irgendeinem zufälligen Datum statt, sondern am 2. Mai. An eben diesem Tag vor 40 Jahren wurde ein Auto, in dem Assata Shakur saß, angehalten. Es entwickelte sich eine Schießerei, in welcher zwei Personen starben und Shakur angeschossen wurde (unter anderem in den Rücken). Sie wurde schließlich für den Mord am Polizisten Werner Forester von einer vollständig weißen Jury zu lebenslanger Haft verurteilt. Zwei Jahre später gelang ihr die Flucht aus dem Gefängnis und einige Jahre nach dieser tauchte sie in Kuba auf, wo sie bis heute lebt und Asyl bewilligt bekommen hat.

Jamilah King schreibt bei Colorlines [Anmerkung: Alle zitierten Texte in diesem Blogpost sind englischsprachig. Alle Übersetzungen sind von mir]:

Shakur betont weiterhin ihre Unschuld und merkt an, dass selbst die Ermittlungen der bundesstaatlichen Polizei feststellten, dass sie keine Schießpulver-Rückstände an ihren Händen bei der Verhaftung gehabt habe. Sie bleibt weiterhin eine offene Kritikerin an Rassismus in den USA und ist ein ikonisches Symbol für viele in der racial justice community geworden. Ihr Buch „Assata: An Autobiography“ ist nur ein Teil des immensen kulturellen Einfluss, den sie hatte.

King zeigt in ihrem Artikel auch die Geschichte der FBI Most Wanted Listen auf und in welchen Zusammenhängen diese mit Schwarzen Protestbewegungen stehen. Die ursprüngliche Most Wanted Liste wurde 1950 veröffentlicht. In den 1970igern fanden sich dann immer mehr und mehr Schwarze Aktivist_innen auf der Liste wieder. King schreibt:

Shakur ist die letzte auf einer langen Liste Schwarzer Revolutionäre, die für das FBI zu denen am meisten gesuchten kriminiellen Verdächtigen gehörten. Angela Davis schaffte es bekannterweise 1970 auf die Liste, H. Rap Brown kam ein Jahr später 1971 drauf; Twymon Myers von der Black Liberation Army kam 1973 auf die Liste, bevor er von der Polizei erschossen wurde; und Mutulu Shakur von der BLA wurde 1982 hinzugefügt bis er 1986 gefasst wurde. […] „Die Black Panther Partei ist ohne Frage die größte Gefahr für die interne Sicherheit des Landes“, sagte FBI Direktor J. Edgar Hoover 1969 seine Verachtung für radikale Schwarze Aktivist_innen unterstreichend.

Shakur aber ist nicht auf der gleichen Liste zu finden, wie die bisher genannten. Sie ist die erste Frau, die Eingang fand auf die nach dem 11. September eingerichtete „Most Wanted Terrorist„-Liste. Eine Liste, auf der nach King neben Shakur nur eine andere Person steht, die in den USA geboren ist und wo auffälliger Weise keine der etwa 1000 weißen „hate groups“ aufgeführt wird, welche in den gesammten USA agieren. Am letzten Freitag sprach Angela Davis zu dem spezifischen Terrorismus-Aspekt und was dieser auch mit race zu tun hat:

Und ich finde es wirklich interessant, dass das FBI entschieden hat sich besonders auf Schwarze Frauen zu konzentrieren, weil sie irgendwie befürchteten, so scheint es mir, dass die Bewegung weiterhin wachsen und sich entwickeln würde, insbesondere unter der Führung und mit dem Involviertsein von Schwarzen Frauen. Ich wurde zu einem Ziel, einem ideologischen Ziel, gemacht, auf die gleiche Art und Weise wie Assata Shakur die „Mutter Henne“ der Black Liberation Army genannt wurde. Die Art, wie sie dargestellt wurde, wurde eine Einladung für alle Rassist_innen und jede_n, der dem unterdrückenden Verhalten der U.S.-Regierung zustimmte, sich fast ausschließlich auf sie zu konzentrierten, ihren Hass, ihre Vendetten auf sie zu konzentrieren. Und ich finde es wirklich befremdlich, dass nun wo sich die Enkelkinder jener, die in den späten 60igern und frühen 70igern aktiv waren, an ähnlichen Bewegungen beteiligen, dass es nun dieses Bestreben gibt wieder junge Menschen zu „terrorisieren“, in dem so eine wichtige Figur wie Assata Shakur als Terroristin repräsentiert wird.

Und lass mich auch sagen, dass es mich ziemlich befremded, wie in der Zeit nach dem Anschlag beim Boston Marathon, bevor die Tsarnaev Brüder als vermeintliche Täter aufgedeckt wurden, es den Versuch gab, die Person, die die Bomben gelegt hat, als Schwarzer Mann oder Mann mit dunklerer Hautfarbe und Hoodie darzustellen. Ich glaube diese racialization von dem, was als Terrorismus dargestellt wird, ist ein Versuch den old-school Rassismus ins Gespräch zu bringen mit den Unterdrückungs-Methoden des 21. Jahrhunderts zu verbinden.

Ähnlich schreibt auch Jordannah Elizbath beim Bitch Magazine, wo sie außerdem noch argumentiert, dass gerade auch Feminist_innen sich für das Thema interessieren sollten. Sie stellt heraus:

Das Thema hier ist nicht, ob Shakur schuldig ist oder nicht. Das ist unmöglich zu wissen, vor allem den Rassismus des Justizsystems und des FBIs in dieser Zeit eingerechnet.  […] Was wir aber mit Sicherheit wissen ist, dass ihre Platzierung auf die Most Wanted Liste des FBIs in diesem Monat zeigt, dass auch wenn wir die 1970iger hinter uns gelassen haben, die rassistischen Politiken dieser Zeiten weiterhin Effekte haben.

[…]

Assata Shakur, eine mächtige Unterstützerin des Civil Rights Movements, eine inländische Terroristin zu nennen ist eine Abschreckungstaktik. Sie lehnt sich auf gegen eine Regierung, welche scheinbar darauf abzielt weiterhin amerikanische Minderheiten und Frauen zu unterdrücken.

Weiter schauen, hören und lesen:

Das gesamte Gespräch von Angela Davis mit Lennox Hinds, dem langjährigen Anwalt Shakurs, sowie Amy Goodman und Juan González  findet sich auf der Seite von Democracy Now. Dort gibt es auch ein Transkript auf Englisch.

Ebenfalls bei Democracy Now findet sich eine seltene Ton-Aufnahme von Shakur selbst.

Mychael Denzel Smith argumentiert bei The Nation, dass Shakur keine Terroristin sei und fordert: „Hands off Assata, now and forever.“

Auf Eyes of the Rainbow könnt ihr die Dokumentation gleichen Namens über Shakur kostenfrei runterladen.




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 9. Mai 2013 um 11:43 Uhr unter Geschichte, Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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4 Kommentare

  1. […] Beitrag von der Mädchenmannchafft über Assata Shakur, die seit kurzem als als erste Frau auf der „Most Wanted Terrorists“-Liste […]

  2. Joerg sagt:

    Das Hoover-Zitat ist auch deswegen interessant, weil das FBI erst 1969 so richtig begann, die Black Panther zu verfolgen, waehrend deise vorher nicht ubermaessig beachtet wurden. Richard Nixon hatte den politischen Willen, die Panther zu vernichten, und instruierte das FBI.
    Da stellt sich die gleiche Frage wieder bei Assata Shakur: Warum tut das FBI dies jetzt? Wie Bruce Dixon hier richtig bemerkt hat, hat niemand mit dem Finger auf Obama gezeigt. Aber wirklich, was anderes soll es sein? Ueber die Motive kann man natuerlich nur spekulieren, aber das moderne Narrativ vom Terroristen nachtraeglich auf die Black Power-Bewegung anzuwenden klingt nach einem logischen Schritt. Black Power kann Obama als Menschen in hoechster Machtposition nicht schmecken, da sie doch das Geschichtchen vom respektablen Aktivisten als gutem, nachtraeglich akzeptablen Aktivisten in Stuecke reisst.
    Etwas verstoert hat mich, dass Dixon die extreme Gewalt und kaltbluetigen Morde an Panthern als verstockt und zurueckhaltend gegenueber der heutigen Regierung bezeichnet. Fred Hampton wurde buchstaeblich von einem Verraeter mit Schlafmittel befuellt und in einer Polizeirazzia erschossen. Erst nach Jahren harten Prozessierens konnte ein wenig Wiedergutmachung durch die Polizei erzielt werden.

  3. Diese Methoden sind wirklich perfide, also, dass ein schwarzer oder dunkler Mann gesucht wird und irgendwie scheint es mir so, dass in den USA immer noch dieses „Feindbild“ intakt ist.

    Danke für diesen tollen Artikel. Du hast alles auf den Punkt gebracht und ich habe etwas über Assata Shakur erfahren. Mit dem Thema weibliche Gesuchte habe ich mich, um ehrlich zu sein, noch nie beschäftigt ^^

  4. Charlott sagt:

    @Boris: Wobei dies natürlich kein rein us-amerikanisches Phämomen ist. Rassismus im Justizsystem, der Polizeiarbeit, Verdächtigungen bei Kriminialität von eben diesen Behören, Medien, der Mehrheitsgesellschaft etc. zeigt sich ja auch beispielsweise in Deutschland an vielen Stellen – denken wir zum Beispiel an „Racial Profiling“.