Wachstumskritik und Alternativen in der Feministischen Ökonomie

von Nadine
Dieser Text ist Teil 5 von 14 der Serie Ökonomie_Kritik

Dies ist ein Bericht von der Tagung “Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren”. Insgesamt waren sechs Bloggerinnen auf der Tagung und haben von ihren Eindrücken berichtet – alle Berichte findet ihr auf gender-happening.de.

Wachstum gilt innerhalb der Mainstream-Ökonomie und in der heutigen westlich geprägten Wirtschaftspolitik als erstrebenswertes Ziel. Gerechtfertigt wird die Orientierung an Wachstum innerhalb einer nationalstaatlich und kapitalistisch organisierten Gesellschaft mit allerlei Gründen: Wachstum führe zu einer höheren Bedürfnisbefriedigung und zu einem erhöhten Steueraufkommen, was wiederum dem Wohlfahrtsstaat diene und deshalb Frieden und Demokratie schütze. Arbeitsplätze würden durch Wachstum gesichert, Maßnahmen zum Schutze der Umwelt können ermöglicht und bezahlt werden, Umverteilung von Reichtum geschehe in einer Wachstumsgesellschaft von oben nach unten. Wachstum gelte als zutiefst „menschlich“, weil der Mensch an sich angeblich stets nach mehr und Höherem strebe.

Auf der Tagung „Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren“ wurde den gängigen Begründungen, warum Wachstum erstrebenswert sei, etwas entgegengesetzt. In einem Panel zu „Wachstumskritik in der Feministischen Ökonomie“ kritisierten Dr. Tanja von Egan-Krieger und Dr. Barbara Muraca Wachstum dahingehend, dass die wirtschaftspolitische Orientierung an Wachstum eigene Produktionsgrundlagen gefährde und nicht berücksichtigt werde, dass Ressourcen und Produktionsmittel weder aus dem Nichts entstehen noch einer Gesellschaft unbegrenzt zur Verfügung stehen. In der Mainstream-Ökonomik seit Adam Smith sei Warenwohlstand zentrales Thema, deshalb müssten ständig Waren produziert werden, um Wohlstand zu sichern. Deshalb gelte lediglich Erwerbsarbeit als produktiv. „Soziale und ökologische Produktivität werden somit aus der ökonomischen Mainstream-Theorie herausgetrennt oder bestenfalls in den sogenannten reproduktiven Bereich verbannt“, führt von Egan-Krieger aus.

Reproduktivität innerhalb der ökonomischen Mainstream-Theorie ist für sie ein Konstrukt, um die Hierarchisierung zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit aufrechterhalten zu können. Das Machtgefälle im Geschlechterverhältnis ist also bereits in dieser Theorie eingeschrieben und wird durch die Wirtschaftspolitik permanent aktualisiert, ebenso die Ausbeutung natureller Ressourcen. Eine an Wachstum orientierte Wirtschaft ist also gar nicht in der Lage die Bedürfnisse der Mitglieder einer Gesellschaft zu befriedigen und die angeblich finanzierbaren Umweltschutzmaßnahmen sind lediglich Symptombekämpfung. Von Egan-Krieger stellt nach ihrer kurzen kritischen Einführung ein Modell alternativen Wirtschaftens vor – das Reproduktionsmodell nach Sabine Hofmeister und Hans Immler, das nicht auf Wachstum angelegt ist, die Produktion von Waren nicht im Vordergrund von Wirtschaften stehen. Ausgangslage für das Modell ist die Produktivität der Natur. Das, was aus der Natur für die menschliche Bedürfnisbefriedigung produziert wird, soll wieder zurückfließen können, also reproduziert werden. Dieser ressourcenschonende und nachhaltige Umgang mit der Natur soll ermöglichen, dass auch zukünftige Generationen leben und wirtschaften können. Gleichzeitig wird der Arbeitsbegriff aufgebrochen und erweitert: Nicht mehr allein Erwerbs- und Haus- bzw. Sorgearbeit sind zentral, sondern jede Form der Arbeit, die Mensch und Natur zugute kommt, wird als wertzuschätzende Arbeit erfasst. Die Trennung von Arbeit in produktiv-wertvolle und reproduktiv-wertlose Tätigkeiten wird aufgehoben, dementsprechend sind alle Arbeitsformen im Reproduktionsmodell potentiell entlohnbar, weil gleichwertig.

Im Anschluss stellte Dr. Barbara Muraca dem Wachstumszwang der kapitalistischen Marktlogik den von Martha Nussbaum und Amartya Sen inspirierten Fähigkeitenansatz gegenüber. Ziel von Wirtschaften solle viel mehr ein gutes Leben sein. „Allerdings ist das gute Leben scheinbar unbestimmt. Die Definition darüber, was das gute Leben ausmacht, wird dem gesellschaftlichen Diskurs überantwortet“, so Muraca. Implizit werden dennoch Festlegungen getroffen, beispielsweise die ständige Aufforderung zur privaten Rentenvorsorge. Warum diese überhaupt nötig ist und wer sie sich eigentlich leisten kann, wird hingegen selten thematisiert. Muraca wünscht sich eine explizite Erörterung darüber, was das gute Leben ausmacht. Im Fähigkeitenansatz, der das gute Leben als substantielle Freiheit definiert, sieht sie einen ersten Anstoß.

Fähigkeiten werden in diesem definiert als Dinge, die Menschen in der Lage sind zu tun oder zu sein. Diese werden benötigt, um das Leben verwirklichen zu können, was sie für wertvoll und lebenswürdig halten. Fähigkeiten stellen also die Ausgangsbedingungen des guten Lebens dar. Es geht also keineswegs nur um potentielle oder formale Fähigkeiten. Wie das gute Leben auszusehen hat, kann deshalb nicht von Expert_innen, Staat, Medien oder NGOs vorgegeben werden. Das gute Leben ist auch keine individuelle Frage des persönlichen Glücks oder Lebensstils, sondern die Verwirklichung eines menschenwürdigen, sinnstiftenden, nicht entfremdeten Lebens in der Gemeinschaft. In deliberativen Prozessen sollen daher die Gründe für die Wertschätzung bestimmter Formen der Lebensführung herausgearbeitet werden. Staat und Institutionen sollen in einem weiteren Schritt für eine gerechte Ressourcenverteilung sorgen und die substantiellen Bedingungen für alle Fähigkeiten und Tätigkeiten, die Menschen verwirklichen können, implementieren.

Mehr Informationen zum Reproduktionsmodell und zum Fähigkeitenansatz nach Sen und Nussbaum




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 27. November 2012 um 9:07 Uhr unter Ökonomie. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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8 Kommentare

  1. Reineke sagt:

    Danke für diesen Artikel. (Der Dank gebührt allen, die sich kritisch mit Fragen der Wirtschaftspolitik auseinandersetzt…)

    Ich werde mir die Links auf jeden Fall noch anschauen. Eine Anmerkung finde ich allerdings hilfreich (hoffe, nicht nur ich…): Das schöne am Wachstum ist, dass Verteilungsfragen unsichtbar gemacht werden können. Das “Mehr” konnte in der Vergangenheit neu verteilt werden, oder zu Gunsten von Menschen, die bisher wenig(er) erhalten hatten; Lohnzuwächse, Steuermehreinnahmen, wasauchimmer. Ohne Wachstum (wie hierzulande derzeit, und das wird so bleiben) stellt sich die Verteilungsfrage ganz direkt und konkret: Welche Teile der Gesellschaft geben von ihrem Einkommen (oder Vermögen) ab, um die notwendigen Aufgaben zu finanzieren; sowohl im sozialen Bereich, als auch beim “ökologischen Umbau”. Und solange Menschen im Elend leben, ist denen das Morgen natürlich weniger wichtig als ihr Überleben heute.

    Eigentlich ist es absurd: Jede Person, die nicht blind ist, sieht, das alle Gesellschaften der Welt vor gigantischen Aufgaben stehen, soll dieser Planet auch in hundert Jahren noch Heimat von zigmilliarden Menschen sein; vom guten Leben gar nicht zu reden. Es sind riesige Vermögen vorhanden, diese Aufgaben anzugehen. Und dennoch geschieht wenig bis gar nichts. Auf absehbare Zeit wird wohl weiter der Abbau der eigentlich erneuerbaren Ressourcen der Erde betrieben, seien das Fischbestände, Wälder, oder fruchtbarer Boden; neben Kohle, Öl, Klimawandel…

    Thx für die Anregungen

    Reineke

  2. Nadine sagt:

    Danke für das Feedback!

    Ein kurzer Hinweis: Das Wort “blind” in diesem Zusammenhang ist leider nicht so cool, weil auch Menschen die Lage einschätzen können, die nicht oder bedingt/eingeschränkt sehen können.

  3. Blaubart sagt:

    Was mir, im Gegensatz zu @Reineke fwhlt, ist die Betrachtung der Produktion.
    Nur zu schreiben das die Produktion irgendwie umwelverträglicher wird ohne dabei darzustellen was das bedeutet finde ich sehr schade. Wenigstens ein paar Sätze dazu hätten inden weiterführenden Unterlagen schon drin sein können.
    Das PDF zum Reproduktionsmodell sieht so aus, als ob etwa Verbrennungsmotoren oder hochkomplexe Elektronik wie Computer nicht mehr zum Einsatz kommen sollen, da nicht ohne massive Verluste an Rohstoffen zu erzeugen/betreiben.
    Eine solche Welt würde eben nicht nur auf der “Seite” der Arbit ziemlich anders aussehen als unsere heute.

  4. trixi sagt:

    Um jetzt mal nur auf ökonomisches Wachstum einzugehen: es gibt es eine Vielzahl von Ländern / Regionen, in denen eine reine Umverteilung auch nicht ein sorgenfreies Leben für alle ermöglichen kann, dazu also Wachstum nötig ist. AUch der Fähigkeitenansatz Sens beeinhaltet das ja.

    Dass Wachstum Verteilungsfragen unsichtbar macht, wie @Reinecke sagt, stimmt dabei nicht. Es ist gar nicht so schwer sich anzugucken inwieweit Wachstum verschiedenen Gruppen zu Gute kommt. Mainstream ist leider die ‘trickle down’-Idee, wonach ja quasi, wenn Wachstum größtenteils bei den Reichen ankommt die Armen irgendwie profitieren. Is leider nicht unbedingt so, möglicherweise investieren die im Ausland oder Einkommensteigerungen der Armen werden von Preissteigerungen wieder gefressen. Brasilien ist dabei eins der wenigen Länder was seinen Wachstum (ab Lula) überproportional den Armen zugute hat kommen lassen. Hauptsächlich sogar ziemlich schlicht durch ein Transferprogramm namens Bolsa Familia…

    @blaubarts Kommentar kann ich mich nur anschliessen. Die Weltbevölkerung in der Zukunft mit Wanderfeldbau zu ernähren wird wohl kaum klappen.

  5. rote zora sagt:

    Dem Reproduktionsmodell mangelt es offensichtlich an einem adäquaten Begriff von Kapitalismus. Es wird suggeriert, die bestehende Gesellschaft beruhe auf einem falschen, profit- und wachstumsorientierten „Gesellschaftsvertrag“, den man durch einen neuen besseren ersetzen könne. Die geschlechtsspezifische Segregation des Arbeitsmarktes ist zwar ein kulturelles Phänomen, aber der Wachstumszwang und die prekäre Stellung von menschlicher Reproduktion & Natur resultiert direkt aus dem ökonomischen Zweck der Profitmaximierung. Diese ist keine falsche Norm, sondern integraler Bestandteil des kapitalistischen Systems, das notwendigerweise blind gegenüber seinen Existenzbedingungen ist und sich gegenüber den Menschen verselbstständigt. Das Kapital untergräbt systematisch die „die Springquel¬len alles Reichtums: die Erde und den Arbeiter“ (Karl Marx MEW 23, S. 530.). Bei Privateigentum an Produktionsmitteln macht es für die Kapitalist*innen überhaupt nur Sinn den Menschen Zugang zu gewähren, wenn diese unentgeltliche Mehrarbeit leisten (d.h. ausgebeutet werden) und somit mehr Geld erwirtschaftet wird als investiert wurde. Im Gegensatz zu normalen Bedürfnissen hat Geld kein Maß in sich. Schließlich sorgt die universale Konkurrenz dafür, dass einzelne Kapitalist*innen, welche die Profitmaximierung vernachlässigen und sich zu viel um Arbeits- oder Naturbedingungen kümmern, vom Markt verdrängt werden.

    In den letzten Jahrzehnten wurden Care-Tätigkeiten, die traditionell privat und unbezahlt erbracht wurden, immer öfter marktförmig und staatlich vermittelt. Die schlechte Bezahlung hat zwar sicher auch normative Gründe, lässt sich aber außerdem darauf zurückzuführen, dass der Care-Sektor über eine andere Produktivitätslogik verfügt als die Güterproduktion. Der Zeitaufwand lässt sich kaum reduzieren, da es sich nicht um eine Subjekt-Objekt sondern um eine Subjekt-Subjekt Beziehung handelt. Höhere Entlohnung kann nicht einfach über einen höheren Preis finanziert werden, da die wesentlichen Leistungen z.B. Im Gesundheitssektor für die große Masse der Menschen erschwinglich bleiben sollen. Insofern vertragen sich Care-Tätigkeiten nur bedingt mit der Kapitallogik und müssen über steuerliche Abschöpfung aus der Kapitalverwertung finanziert werden, was diese einschränkt und daher auf entsprechenden Widerstand der Kapitalist*innen stößt.

    Die normativen Ziele, die im Reproduktionsmodell erkennbar sind, lassen sich also nicht erreichen indem man sich auf neue Werte verständigt und die Lohnarbeit etwas einschränkt. Wachstumszwang, Profitlogik und Ausbeutung sind nur aus der Welt zu schaffen, indem man den Kapitalismus samt Lohnsystem & Marktvermittlung abschafft und durch eine Produktionsweise basierend auf Gemeineigentum an Produktionsmitteln und kollektiver Selbstverwaltung ersetzt.

    Der Fähigkeitenansatz klingt zwar sympathisch, aber geht mir aber als Ausgangspunkt einen Schritt zu weit. Wenn das Ziel das ‚gute Leben‘ für alle ist, dann sollte man konsequenterweise den Individuen selbst die Entscheidung überlassen was darunter zu verstehen ist. Das wird höchstwahrscheinlich viel mit der Entwicklung von Fähigkeiten zu tun haben, aber diese bereits als Ausgangspunkt zu setzen schließt andere Vorstellungen aus.

  6. Nadine sagt:

    Der Fähigkeitenansatz klingt zwar sympathisch, aber geht mir aber als Ausgangspunkt einen Schritt zu weit. Wenn das Ziel das ‚gute Leben‘ für alle ist, dann sollte man konsequenterweise den Individuen selbst die Entscheidung überlassen was darunter zu verstehen ist. Das wird höchstwahrscheinlich viel mit der Entwicklung von Fähigkeiten zu tun haben, aber diese bereits als Ausgangspunkt zu setzen schließt andere Vorstellungen aus.

    Kannst du deine Kritik näher ausführen? Ich wäre interessiert.

    Wieso gehst du davon aus, dass das Reproduktionsmodell ein alternatives Modell innerhalb eines kapitalistischen Wirtschaftssystems sei?

  7. rote zora sagt:

    Ich hab mir den Fähigkeitenansatz nochmal genauer angesehen und muss die ursprüngliche Formulierung von Amartya Sen von meiner Kritik ausnehmen. Demnach ist die Selbstbestimmung der Menschen das primäre Ziel. Dafür sind neben der negativen/passiven Freiheit (Freiheit von) die positive/ aktive Freiheit (Freiheit zu) sowie die „Verwirklichungschancen“ maßgeblich. Martha Nussbaum ist nun jedoch der Ansicht, dass man überhistorische Wesenseigenschaften und Bedürfnisse des Menschen bestimmten könne.
    „Das bedeutet, dass Wesen, die nicht über entsprechende Grunderfahrungen verfügen, die Eigenschaft, ein Mensch zu sein, nicht oder zumindest nicht uneingeschränkt zukommt.“ (Wikipedia)
    Das halte ich für hoch problematisch. Nach der in Wikipedia aufgeführten Liste dürfte man also Menschen mit bestimmten Behinderungen nicht mehr als Mensch bezeichnen. Auch wird es schwierig, wenn man z.B. die Abneigung gegen den Tod als absolut setzt, aber dann mit Menschen konfrontiert ist, die an einer nicht heilbaren, mit großen Schmerzen verbundenen Krankheit leiden und ihrem Leben etwa per Sterbehilfe ein Ende bereiten wollen. Mit einem Ansatz der hingegen von reiner gleichberechtigter Subjektivität ausgeht, könnte man so etwas durchaus vertreten. In gewisser Weise setzt man damit auch ein Wesen des Menschen voraus, nämlich Subjektivität, gerät aber nicht in Gefahr bestimmte Eigenschaften & Bedürfnisse zu verallgemeinern und autoritär Menschen diese gegen ihren Willen zuzuschreiben.

  8. rote zora sagt:

    Wieso gehst du davon aus, dass das Reproduktionsmodell ein alternatives Modell innerhalb eines kapitalistischen Wirtschaftssystems sei?

    Ich lese dort jedenfalls nichts von der Abschaffung des Lohnsystems, sondern nur von Ergänzung und Abwertung der Lohnarbeit. Die Idee vom „Gesellschaftsvertrag“, den die Menschen aus freiem Willen zu ihrem Interesse eingehen, war stets ein Instrument zur Legitimierung der bürgerlichen Gesellschaft. Damit verschleiert man die blutige Entstehung des Kapitalismus, die verselbstständigte Dynamik und die fundamental asymmetrischen Machtverhältnisse. Dementsprechend scheint mir das Reproduktionsmodell die Gesellschaftsveränderung als recht harmonischen Prozess zu denken. Die erwähnten Strukturprinzipien des Kapitalismus sind aber ohne massive gesellschaftliche (und evtl. auch blutige) Kämpfe nicht zu überwinden.