Einträge mit dem Tag ‘Roxane Gay’


Ein Buch nach dem anderen: Schwierige Frauen

31. Januar 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 125 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek

Kurzrezensionen

Der Januar hat einige großartige neue Bücher toller Autor_innen mit sich gebracht. Ich möchte heute vier besprechen, die mich zum Denken angeregt und unterhalten haben, und die ich euch gern ans Herz legen möchte. Alle vier Bücher sind auf Englisch publiziert und da sie erst innerhalb der letzten Wochen herauskamen noch nicht in Übersetzung erhältlich. Ich hoffe aber, dass sich das noch ändern wird.

03. Januar: Roxane Gay: Difficult Women
Schnell werden Frauen als „schwierig“ abgestempelt, sobald sie etwas lauter sind, Meinungen haben und vertreten, als zu kühl gelten, als Menschen mit zu vielen Problemen, einfach zu viel. Gay wertschätzt genau diese Frauen und gibt ihren „schwierigen“ Protagonistinnen Geschichten, die sie als komplexe Persönlichkeiten auftreten lassen. Ihre Charaktere versuchen in einer rassistischen patriarchalen Welt zu Recht zu kommen und werden dabei häufig verletzt, Themen wie sexualisierte Gewalt und der Tod von Kindern sowie Fehlgeburten tauchen wiederholt auf, aber Gays Frauen erkunden auch unterschiedlichste Umgangsmechanismen (einige davon sicher nicht unschuldig an ihrem Label als „schwierig“), Solidarität und Liebe. Und obwohl viele der Geschichten erst einmal trostlos scheinen, so gibt es doch immer einen Hoffnungsschimmer. Gays distinkte Erzählstimme verbindet die unterschiedlichen Kurzgeschichten – die zwischen realistisch und phantastisch chargieren.
Die einzelnen Geschichten sind jeweils sehr gut, wenn eine die Sammlung allerdings direkt hintereinander liest fallen einige Wiederholungen auf (vor allem bei den – häufigen – Beschreibungen von (vor allem hetero) Sex.

05. Januar: Chibundu Onuzo: Welcome to Lagos
Chibundu Onuzo wurde 1991 geboren und „Welcome to Lagos“ ist bereits ihr zweiter Roman. Nicht nur hat das Buch eines der schönsten Cover des Jahres (ja, ich lege mich da gern schon jetzt fest), sondern auch ein Roman geschrieben mit überbordener Erzählfreude voller Spaß und wundervoller Charaktere. Die Geschichte beginnt im Niger Delta, wo der Armee-Offizier Chike Ameobi gemeinsam mit dem Gefreiten Yemi desertiert. Auf ihrer Flucht treffen sie zunächst auf Fineboy, der den Rebellen angehört aber eigentlich nur davon träumt ein berühmter Radiomoderator zu werden und dann auf Isokan, eine junge Frau, die bei einer Attacke von ihren Eltern getrennt wurde. Auf ihrer gemeinsamen Reise gen Lagos begegnen sie noch Oma, die aus einer wohlhabenderen Familie kommt, aber vor ihrem gewalttätigen Ehemann flieht.
Mit der Ankunft in Lagos werden aber nicht alle Probleme der Charaktere gelöst, eher im Gegenteil, denn die Stadt ist groß und auf die Füße zu kommen ist nicht einfach. Die fünf einander Fremden aber halten zusammen, unterstützen sich und lernen mit ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen umzugehen. Und dann gibt es da ja noch Chief Sandayo, Bildungsminister, der mit 10 Millionen durch gebrannt ist und Ahmed Bakare, dem Gründer einer Tageszeitung, die zwar kritisch berichtet aber täglich Abonennt_innen verliert. In dem Roman werden Themen wie sexualisierte Gewalt, Gewalt in Beziehungen, Gewalt durch Militär, Korruption, koloniale Geschichte, Armut aufgegriffen, doch unterscheidet sich Onuzos Ton und die Art der Geschichte, die sie erzählen möchte, von vielen Büchern, die ähnliche Themen abdecken. Welcome to Lagos ist kein Buch, was schwer im Magen liegt, durchgehend bleibt die Hoffnung, dass es für unsere Protagonist_innen gut ausgehen wird – und sie vielleicht auf dem Weg sogar noch schaffen etwas Gutes zu tun.

26. Januar: Malika Booker, Sharon Olds, Warsan Shire: Your Family, Your Body (Penguin Modern Poets)
Die Penguin Modern Poets Reihe wurde im letzten Jahr neu belebt. Alle drei Monate erscheint ein neues Buch in der Reihe, welches Einblick gibt in die Werke von drei zeitgenössischen Dichter_innen. Das nun dritte Buch in der Reihe bringt die Autor_innen Malika Booker, Sharon Olds und Warsan Shire zusammen und präsentiert Gedichte aus verschiedenen bereits veröffentlichten Sammlungen, aber auch bisher unveröffentlichtes zusammen. Ich bin großer Fan von Warsan Shires Gedichtband Teaching My Mother How to Give Birth und Malika Bookers wunderbarem Band Pepper Seeds. Dieses kleine Penguin-Buch ermöglicht ein Kennenlernen des Schaffens aller drei Dichterinnen. Gleichzeitig ist es aber auch einfach nur ein sehr guter Gedichtband, in dem Themenkomplexe um Familie, Körper, Sexualität, Zugehörigkeit poetisch verarbeitet werden.

26. Januar: Xiaolu Guo: Once Upon A Time in the East: A Story of Growing Up
Xiaolu Guo ist eine chinesische Filmemacherin und Schriftstellerin, die mittlerweile in England lebt. Ihr Roman A Concise Chinese-English Dictionary For Lovers war 2007 für Orange Prize for Fiction nominiert. Nun hat sie ihre Memoiren vorgelegt.
Guo wurde Anfang der 1970er als zweites Kind im ländlichen China geboren und von ihren Eltern an ein kinderloses Bauernpaar gegeben. Als sie fast zwei Jahre alt war brachte dieses Paar sie zu ihren Großeltern väterlichseits, weil sie sich die Ernährung des Kinds nicht mehr leisten konnten. Sie lebte fortan in einem kleinen Fischerdorf in armen Verhältnissen, ihr Großvater ist gewalttätig, ihre Großmutter, die mit dreizehn Jahren verheiratet worden war, weint sehr häufig. Trotzdem ist Guo schockiert als plötzlich ihre Eltern wieder auftauchen und sie am nächsten Tag mitnehmen in eine andere Stadt. Da ist sie gerade einmal sechs Jahre alt.
In ihrem Buch verbindet Guo Beschreibungen ihres Werdegangs (der sie dann noch nach Peking in die Filmschule und dann nach Großbritannien bringt) mit Nacherzählungen von Mythen und sozialen Analysen. Sie schreibt über den erlebten und beobachteten Sexismus und patriarchale Gewalt in unterschiedlichsten Formen und zeigt wie die chinesischen Politiken tief in ihre Familienstrukturen einbrennen. Dabei versucht Guo in einer Annäherung verschiedene Motive zu verstehen und komplexe Lebenssituationen zu beschreiben. Sie fragt, wie Menschen zu dem werden, was sie sind – oder ob sie überhaupt immer so sind, wie sie auf der Oberfläche wirken.

Buchnews und -debatten

Milo Yiannopoulous wurde im letzten Jahr von der FAZ als „Zeremonienmeister des Hasses“ beschrieben. Mit dem Verlag Simon&Schuster hat er einen 250.000$ Buchdeal ausgehandelt. Roxane Gay hat als Reaktion eines ihrer Bücher, welches bei einem Imprint von Simon&Schuster erscheinen sollte, zurückgezogen.

Bücher, auf die man sich 2017 freuen kann? Bei Buzzfeed stellt Jarry Lee 32 Bücher vor und freut sich zum Beispiel auf Neuerscheinungen von Jesmyn Ward und Scaachi Koul. Besonders gut auch die Liste auf WOCreads, die Bücher von Autorinnen of Colour und indigenen Autorinnen aufgelistet hat, angefangen von Sara Ahmeds neusten Werk „Living a Feminist Life“ hinzu Roxane Gays „Hunger: A Memoir of (My) Body“.

Size Acceptance in YA hat eine Zusammenstellung mit 2017-erscheinende Jugendbüchern, die dicke_fette Charaktere haben, veröffentlicht.

Alisha Acquaye beschreibt auf Elle ihre Erfahrung damit gezielt ausschließlich Bücher von Schwarzen Autorinnen zu lesen.

Bustle feiert neun aktuelle Sci-Fi-Autorinnen.

fembooks hat eine Reihe von Rezensionen zu Kinder- und Jugendbüchern versammelt.


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Ein Buch nach dem anderen: Indigene LGBT Sci Fi, Mädchenfreundinnenschaft und Reportagen afrikanischer Autor_innen

29. November 2016 von Charlott
Dieser Text ist Teil 120 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek

Kurzrezensionen

swing-timeZadie Smith gehört seit Jahren zu meinen liebsten Schriftsteller_innen. Mit entsprechender Vorfreude habe ich somit auf diesen November hingefiebert, da nun endlich ihr neuster Roman Swing Time (Hamish Hamilton, 2016) erschien. Das Buch dreht sich um die Freundinnenschaft von Tracey und der Erzählerin, deren Namen wir nicht erfahren. Beide wachsen in der gleichen Nachbarschaft auf und sie verbindet (neben dem Fakt, dass sie beide ein weißes und ein Schwarzes Elternteil haben) ihre Liebe zum Tanz. Wirkliches Talent für die im Unterricht verlangten Bewegungen zeigt nur Tracey, die Erzählerin aber hat Ideen und Vorstellungen. Die Kapitel fokussieren im Wechsel auf die Kindheit und Jugend der Erzählerin und ihre späteren Karriere als persönliche Assistentin für eine international berühmte Sängerin, die sich in den Kopf setzt eine Mädchenschule „in Afrika“ zu gründen. Swing Time in wenigen Sätzen inhaltlich zusammenzufassen, kann dem Roman nur Unrecht tun: So vieles schafft es Smith in den etwas mehr als vierhundert Seiten unterzubringen, dabei bleiben Betrachtungen zu race und Klasse zentral und gerade Smiths pointierte Beobachtungen und Beschreibungen sind das Herz des Werks. (Ihre bisherigen Romane sind alle auch ins Deutsche übersetzt erschienen. Swing Time wird also mit Sicherheit folgen.)

what-is-not-yours-is-not-yours Bereits Helen Oyeyemis erster Roman (Das Ikarus Mädchen, welchen sie mit gerade einmal 19 Jahren schrieb) fuhr viel Lob und Anerkennung ein. Nun, eine ganz Reihe weiterer gefeierter Romane später, hat Oyeyemi in diesem Jahr ihren ersten Kurzgeschichtenband vorgelegt. What Is Not Yours Is Not Yours (Picador, 2016) spielt – wie viele Texte von Oyeyemi – mit Märchenelementen und Symbolen. Und genau wie beim Lesen eines Märchens ist es von Beginn an von Nöten jeglichen „Unglauben“ abzulegen und sich einfach von den Geschichten treiben zu lassen und Dinge als gegeben hinnehmen. In der (vielleicht am konventionell erzähltesten) Einstiegsgeschichte „Books and Roses“ öffnet ein Schlüssel den Zugang zu einer Bibliothek und einen Garten und zur Liebesgeschichte um eine Diebin und eine Künstlerin, „Is Your Blood as Red as This?“ folgt den Schüler_innen einer Marionetten-Schule und einer lebensgroßen Marionette, die je nach Betrachter_in männlich oder weiblich gelesen wird, und in „Drownings“ regiert ein Tyrann, dessen Methoden zu seinem Untergang beitragen. Die Geschichten unterscheidet sich sehr vom Stil und Setting, verbunden sind sie durch die Wiederkehr von Schlüsseln als bedeutendes Symbol und Charaktere, die in unterschiedlichen Geschichten wieder auftauchen. In meiner liebsten Geschichte „‘Sorry’ Doesn’t Sweeten Her Tea“ verehrt ein junges Mädchen einen Sänger – bis dieser beschuldigt wird Täter sexualisierter Gewalt zu sein. Im Gegensatz zur weiteren Öffentlichkeit glaubt das Mädchen der Frau, die über die Tat berichtet, und sucht Rache (etwas was ihr Vater und sein Partner nur ansatzweise verstehen können). Etwas Magie später scheint der Sänger in einer Spirale von Entschuldigungsversuchen gefangen.

love-beyond-body-space-time Eine weitere Kurzgeschichtensammlung, die dieses Jahr erschienen ist: Love Beyond Body, Space, and Time: An Indigenous LGBT Sci-Fi Anthology (Bedside Press, 2016) herausgegeben von Hope Nicholson. Diese Anthologie bringt Geschichten von Native American Autor_innen zusammen, die einerseits als speculative fiction kategorisiert werden können (entgegen des Titels ist nicht alles in diesem Band SciFi) und die Haupt-Protagonist_innen lesbisch, schwul, queer, trans und_oder Two Spirits sind. In den Geschichten geht es unter anderem um eine Tierärztin, die sich unerwartet auf einem Raumschiff um eine Gruppe Hunde kümmern muss, die den Flug eigentlich hätten schlafend verbrinden sollen, eine trans Frau, die versucht auszuloten was Frausein für sie als indigene Frau bedeutet, zwei Jungen, die zu Kolibris werden und Aliens, die sichtbar über dem Planeten in ihrem Raumschiff schweben, aber nicht landen.
Auf LGBTQReads beschreiben einige der Autor_innen ihre Motivationen hinter den Texten.

safe-house Safe House: Explorations in Creative Nonfiction (Cassava Republic, 2016) ist eine von Ellah Wakatama Allfrey herausgegebene Anthologie von Essays afrikanischer Autor_innen. Allfrey bringt Reiseerzählungen, Memoiren, Reportagen, True Crime Stories und allerhand anderer Genres zusammen und schafft durch die geschickte Reihung der Texte einen echten zusätzlichen Gewinn, wenn eine das Buch chronologisch liest. Auf Kofi Akpablis Text “Made in Nima”, in dem er über seinen Heimatort schreibt, an dem lange Zeit viele unterschiedliche Menschen zusammen lebten, folgt so zum Beispiel Kevin Ezes Beobachtungen zur chinesischen Community in Dakar, Senegal, deren Träume und Vorstellungen und die Gewalt gegen sie. Isaac Otidi Amukes „Safe House“, tagebuchähnlichen Aufzeichnungen zu seinen Erlebnissen als politischer Flüchtling aus Kenia ind Uganda, folgt Mark Gevissers Reportage über LGBTI-Geflüchtete aus Uganda, die in einem Limbo in Kenya leben („Walking Girly in Nairobi“). Und außerdem? Hawa Jande Golakai schreibt über ihre Erfahrungen während der Ebola-Krise in Liberia, Sarita Ranchod erinnert sich an ihre Kindheit in der indischen Community am Kap, zwischen Gujarati-Unterricht, leckerem Essen und Protest, Barbara Wanjala fliegt in den Senegal, um sich mit der Leiterin der dort einzigen NGO, die sich gezielt für lesbische Frauen einsetzt, zu treffen und Neema Komba besucht einen magischen Berg nahe des Dorfes, aus dem ihre Familie kommt. (Und ja, noch viele spannende Texte mehr.)

Literaturnews und -debatten

Voller Vorfreude: Am 16.März 2017 erscheinen Sharon Dodua Otoos beiden Novellen die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle … und Synchronicity als ein Band im Fischer Verlag. (Einzeln kann man sie natürlich jetzt immer noch bei edition assemblage erwerben.)

Ebenfalls beim Fischer Verlag (bzw. dem Imprint TOR) erschien im Oktober endlich Becky Chambers Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten. Das englische Orginal habe ich bereits im Sommer kurz besprochen.

Bei CrossCult erschien auch im Oktober Nnedi Okorafors Lagune. Wer fürchtet den Tod und Das Buch des Phönix sollen folgen. Die englischen Orginale zu Lagune und Wer fürchtet den Tod habe ich im letzten Jahr besprochen.

Gabrielle Bellot beschreibt in The Atlantic die (Interventions)Möglichkeiten queerer Literatur unter Trump.

Emily Temple empfiehlt bei LitHub40 New Feminist Classics You Should Read“ – eine Liste voller Non-Fiction, Poesie und Romanen.

Im Guardian schreibt Zadie Smith über die Tänzer_innen, die sie inspirieren, von Fred Astaire zu Beyoncé und den Zusammenhang von Literatur und Tanz.

Roxane Gay und Yona Harvey schreiben als erste Schwarze Frauen für den Comic-Giganten Marvel. Im Interview mit Entertaiment Weekly spricht Gay über „World of Wakanda“.


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Ein Buch nach dem anderen: 2014, das Jahr der Essays

9. Januar 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 90 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek

Auf Papier gelesen

Wenn es an einem im letzten Jahr nicht mangelte, dann an Essay-Bänden von Autorinnen. Und vor allem auch Essaybände, die in den Literaturspalten (der englischsprachigen) Medien rauf- und runterbesprochen wurden und nicht nur verstaubt in der hintersten Ecke kleiner spezialisierter Bücherläden verblieben. Welche ich las:

Am 19. März erschien You Feel So Mortal: Essays on the Body von Peggy Shinner. In ihren zwölf Essays wendet Shinner in vielen Vignetten ihren Blick auf den eigenen Körper – und den Körpern anderer und wie diese alle in kulturellen Kontexten eingelesen, bewertet und gefasst werden. In einem Beitrag beginnt sie von ihrem komplizierten Verhältnis zu ihren Füßen aus eine Geschichte der Zuschreibungen bestimmter körperlicher Merkmale zu Jüd_innen und die einhergehende Abwertung. In anderen Texten widmet sich sich BHs, Schönheitsoperationen, Haaren und Autopsien. Sicher gibt es in dem Band auch Leerstellen zu Körperwahrnehmungen und Vorstellungen (schon allein, da Shinner ihr Erleben immer als Ausgangspunkt wählt), doch ist ihre dezidiert weiblich_jüdische_lesbische Perspektive auch ihre Stärke.

Nur zwei Woche später, erschien am 01. April The Empathy Exams von Lelsie Jamison, eine der schönsten Essay-Sammlungen, die ich bisher las. Jamison nähert sich in allen Texten auf ganz unterschiedliche Weise Fragen nach Empathie und der Un_Möglichkeit des Nachfühlens. Im titelgebenden und auch erstem Essay schreibt sie über ihre Erfahrungen als „medical actor“, als Schauspielerin, die für angehende Ärtz_innen in Examen Patientin mit allerhand Krankheiten und Schmerzen spielte. Im abschließenden (und vielleicht herausragensten) Essay schreibt sie dann über ‚tatsächlichen‘ Schmerz und zwar Schmerz von Frauen, dabei fragt sie, wie es möglich ist über Schmerzen zu sprechen ohne immer wieder in die kulturellen Tropen der „schwachen, leidenden Frau“ zu verfallen – und wenn das nur so schwer möglich ist, darf das ein Grund sein gar nicht über Frauen und Schmerz zu sprechen? (Jamison hat zu mindestens auf die letzte Frage eine klare Antwort: Nein.)

Rebecca Solnit wird häufig als die Erfinderin des Begriffs „mansplainer“ benannt. Am 20. Mai erschien der Band Men Explain Things To Me, inklusive eben jenes Essays, welcher zu der Zuschreibung führt – und stellt auch noch einmal klar: Nein, den Begriff habe sie nicht erfunden. Aber ihr Essay ist natürlich trotzdem ein perfektes Paradebeispiel für’s mansplainen. In den anderen Texten schreibt sie über Gewalt gegen Frauen, Virgina Woolf und die Öffnung der Ehe. Das ist mal spannender, kreativer (Woolf) und mal leider eher oberfächlich (Ehe).

Und für alle die Popkultur und feministische Theorien gleichermaßen lieben, veröffentlichte am 05. August Roxane Gay endlich Bad Feminist. Gay hat beschlossen eine „schlechte Feministin“ zu sein, damit meint sie in erster Linie Ambivalenzen auch einmal hinzunehmen. Von einem Podest, auf welches in größerer Öffentlichkeit agierende Feministinnen, könne eine eh nur schnell herunterfallen, darum steht sie nicht nur zum Unperfekten, sondern schließt dieses gleich in die Arme. Das Buch chargiert zwischen Rezensionen, Essays und Memoiren, zwischen viel Humor und Ernsthaftigkeit. Gay schreibt wie sie als Schwarze queere dicke Frau, als Kind haitianischer MigrantInnen in den USA, aufwuchs und durch den Alltag navigiert. Sie berichtet von ihren Erfahrungen im fat camp als Kind, sexualisierter Gewalt und warum sie auch mal zu Songs tanzt, von denen sie weiß, dass sie sie aus feministischer Perspektive ganz und gar nicht gut finden kann. Ein Buch, welches sich vor allem auch aufgrund der Schreibweise, für Einsteiger_innen in all diese Themen eignet.

Im Netz gelesen

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