Einträge mit dem Tag ‘Radikalfeminismus’


zu „Suffragettes – Taten statt Worte“

11. Februar 2016 von Hannah C.
Dieser Text ist Teil 25 von 34 der Serie Die Feministische Videothek

Glücklicherweise kenne ich Menschen, die mit mir in “so einen Film” gehen. Feminist_innen. Menschenrechtler_innen. Gemochte.
Wir treffen uns, die Taschen voller Süßigkeiten und neugierig auf den Film “Suffragettes – Taten statt Worte”. Am Nebentisch sitzen drei andere Menschen, vielleicht auch Feminist_innen. Menschenrechtler_innen. Einander mögende. Nur 20 bis 30 Jahre älter. Mit einem Weinglas vor sich.

Wir wissen, dass wir uns auf eine weiße Geschichtserzählung einlassen, wagen aber die Hoffnung, den Rassismus der Zeit auf der Leinwand abgebildet zu finden. Wir, ich, als eine von drei Einsmenschen im Bunde, bilde mir ein, viel über die Suffragettenbewegung zu wissen. Weil ich weiß, dass es weiße privilegierte Frauen waren, die dort, damals vor mehr als hundert Jahren für ein Frauenwahlrecht auf die Straßen gingen. Weil ich in den letzten zweieinhalb Jahren viel über feministische Geschichte gelernt habe und noch immer lerne.
Ich bilde mir Offenheit ein, bilde mir ein zu merken, wo mein Horizont endet und wo ich mich hinbewegen muss, wenn ich mehr sehen möchte.

Am Ende sitze ich in diesem Film und merke: einen Scheiß weiß ich.
Es wird keine Geschichte von einer gelangweilten unglücklichen Frau* erzählt, die eingesperrt im goldenen Käfig nicht im Kopf aushält, was um sie herum passiert und nach und nach auf die Idee kommt: “Och – Wahlrecht wäre nett. Gib mal!”, sondern die Geschichte einer Wäscherin, die sich nach und nach den bereits aktiven Suffragetten in ihrer Stadt anschließt und darüber Ehemann und Kind verliert. Die Geschichte von verschiedenen Frauen, die ins Gefängnis kommen, weil sie Briefkästen sprengten und Telegrafenleitungen kappten. Wo sie hungerstreikten. Zwangsernährt wurden. Nicht als politische Gefangene anerkannt wurden. Bei der Entlassung mit Blumen von der “Women’s Social and Political Union” empfangen wurden.

Der Kinofilm spielt 50 Jahre nach Beginn der eigentlichen Bewegung, die 1867 mit der  Gründung der “National Union of Women’s Suffrage” durch Millicent Fawcett verortet wird. Ich fand aber auch noch andere Anfänge. Ob das alle sind oder ob es nur diese Geschichte ist, die es bis heute geschafft hat sich zu halten, weiß ich nicht und finde das schade. Einfach, weil ich es in den letzten 2 Jahren an jedem neuen Hashtag, jedem neuen Diskursherd erlebe, wie Geschichten sozialer Bewegungen geschrieben werden.

Der Film beginnt mit Einstellungen harter körperlicher Arbeit. Schaltet dann aber doch zügig zu den ersten eingeschlagenen Fenstern. Da steht eine Frau, holt faustgroße Steine aus ihrem Kinderwagen, wirft diese in ein Schaufenster und ruft: “Wahlrecht für Frauen!” und die Hölle bricht los.
Es gibt einen Tumult und das ist die erste Begegnung.
Das sind also diese Suffragetten. Steineschmeißerinnen mit Ausruf. Aha.

Während die Geschichte weiterplätschert und nach und nach mehr Charaktere einfädelt, merke ich, dass ich mich frage, was genau mich gerade an der Gewalt, die ich dort vor mir sehe, eigentlich nun so verwirrt.
Wir sehen wie die Frauen, denen durch Arbeiter_innenbefragungen des Parlamentes Hoffnungen auf ein Wahlrecht gemacht wurden, erneut enttäuscht werden – nach Jahrzehnten friedlicher Auseinandersetzung mit logischen Argumenten um die Herren der Schöpfung erst recht davon zu überzeugen, dass es sich bei Frauen erstens um Menschen handelt, die, zweitens, so eine verantwortungsvolle Sache, wie eine politische Wahl, verantwortungsbewusst und vernünftig ausführen können.
Sie sind wütend. Und werden deshalb von Polizisten niedergeschlagen und verhaftet.
Sie sind einfach nur wütend und enttäuscht und werden deshalb verprügelt und verhaftet – hallo? (mehr …)


Facebook | |


Antisemitische Briefe, „Unterdrückte Mehrheit“ und Ausschlüsse – kurz verlinkt

19. Februar 2014 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 230 von 361 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links

Im Juli 2013 fand  in der Roten Flora in Hamburg der Kongress smash it all_smash sexism zum Themenkomplex Sexismus und sexualisierte Gewalt statt. Jetzt ist beim Feministischen Institut Hamburg ein Kongressbericht erschienen.

„Christiane Taubira vertritt eine Politik, die Privilegien in Frage stellt.“, schreibt Lena Müller bei der FAZ und zeigt auf mit welchen Anwürfen sich die französische Justizministerin auseinandersetzen muss.

In der Radiosendung Zeitpunkte des rbb gab es einen schönen Beitrag zur Ausstellung und dem Buch „Daima. Images of Women of Color in Germany“. Der Beitrag kann noch bis Sonntag angehört werden.

Monika Schwarz-Friesel und ihr Team haben über 14.000 antisemitische Briefe an den Zentralrat der Juden und Israels Botschaft in Berlin analysiert. Die Jüdische Allgemeine interviewt sie zu den Ergebnissen und der emotional aufreibenden Arbeit.

Moch bis zum 15. März kann die „Kieler Erklärung“ unterschrieben werden, die dazu auffordert „umgehend eine bundeseinheitliche Lösung zur Übernahme der Kosten ärztlich verordneter Verhütungsmittel für Frauen und Männer mit geringem Einkommen zu finden“.  Die Erklärung soll im März 2014, 20 Jahre nach der Anerkennung des Menschenrechts auf Familienplanung durch die Internationale Konferenz für Bevölkerung und Entwicklung in Kairo, der Bundesregierung übergeben werden. (Mehr zur Bevölkerungskonferenz in Kairo und reproduktive Rechte erfahrt ihr in unserem Podcast.)

Der Tagesspiegel berichtet über Einstiegs- (und auch Auststiegs-)Beratungen für Sexarbeiter_innen. Neben dem verwirrenden Benutzen der maskulinen Formen gibt es auch einiges anderes Kritikwürdiges am Artikel; dennoch gibt er einen Einblick.

englischsprachige Links

In den letzten zwei Wochen ging der Film Majorité Opprimée (Unterdrückte Mehrheit) durch das Internet und erfreute sich großer Beliebtheit, wurde zig-Mal geteilt und als „augenöffnend“ hinsichtlich von Sexismus-Erfahrungen gefeiert. Dabei reproduziert der Film in erster Linie Rassismus, Klassismus und auch Misogynie, schreibt der Guardian. Worauf weder dieser kritische Text, noch die meisten anderen eingehen: Filmfigur Pierre klagt am Ende nicht etwa eine sexistische Gesellschaft an, sondern sagt, „I can’t take this fucking feminist society anymore“, und gibt damit dem ganzen Film auch noch eine ziemlich explizite anti-feministische Wendung.

Julia Jordan-Zachery schrieb bei For Harriet: „For the Tribe of Black Mothers Who Bury Their Murdered Children„.

We have come together as black feminists to commemorate Stuart Hall who died on 10 February, 2014.„, heißt es bei Media Diversified. Sara Ahmed, Gargi Bhattacharyya, Yasmin Gunaratnam,Vera Jocelyn, Patricia Noxolo, Pratibha Parmar, Ann Phoenix, Nirmal Puwar und Suzanne Scafe schreiben dort über ihre Erinnerungen an Hall und seine Einflüsse als Denker.

Zwar ein etwas älterer Artikel, aber die Informationen werden ja nicht alt. Bei Feminspire also gibt es Antworten auf die uralte Frage: Wie finden Menschen mit Brüsten, die einen BH tragen wollen, am einfachsten die richtige Größe heraus?

Gestern wäre Audre Lorde 80 Jahre alt geworden (wir berichteten). Bei Colorlines wurden Zitate von ihr zusammengetragen.

Für das Bitch Magazine hat Tina Vasquez eine ausführlichen (aber in erster Linie US-zentrischen) Text über cissexistische Ausschlüsse in bestimmten feministischen Strömungen, Akteur_innen, und deren Einflüsse geschrieben. (Hinweis: Beschreibung von Zwangs-Outings und Hass-Nachrichten – und beware of the comments…)

Bis zum 9. März werden künstlerische Werke jeglicher Art für eine Ausstellung mit dem Titel „WHAT IS QUEER TODAY IS NOT QUEER TOMORROW“ unter der folgenden Prämisse gesucht: „We are seeking creative work aiming at contextualizing, destabilizing, criticizing, enhancing, beautifying and in any way engaging with given trajectories of »queerness« in brave, playful, funny, loving, disturbing, nauseating or any other number of ways.“ Mehr Informationen gibt es bei Facebook.

Termine in Berlin

(mehr …)


Facebook | |


Wer war… Shulamith Firestone?

4. September 2012 von Magda
Dieser Text ist Teil 33 von 51 der Serie Wer war eigentlich …

Als ich „The Dialectic of Sex“ (von 1970, auf deutsch: „Frauen­befreiung und sexuelle Revolution“) von Shulamith Firestone vor ein paar Jahren las, verstand ich nicht viel. Ich hatte damals weder Ahnung von Geschlechter­verhältnissen, noch von Reproduktions­technologien und kritzelte an den Rand einer Seite einfach nur große Fragezeichen. Die Kern­aussage des marxistisch inspirierten Textes, dass das Ziel der feministischen Revolution sein solle, nicht nur männliche Privilegien zu beseitigen, sondern auch gleich biologische Unter­schiede mit, fand ich damals zu abstrakt und unvorstellbar. Für Shulamith war künstliche Re­produktion die Lösung: So könne jede_r ein Kind bekommen und das Kinder­bekommen sei fortan nicht mehr automatisch an bestimmte Körper geknüpft – so die Theorie. Heute finde ich das unglaublich spannend und werde das Buch wohl bald mal wieder raussuchen müssen.

Nun ist Shulamith Firestone – eine der wichtigsten Vertreter_innen des (Radikalen) Feminismus der so genannten Zweiten Welle in den USA – im Alter von 67 Jahren gestorben.

Die letzten Jahre ihres Lebens lebt sie eher zurück­gezogen, malte viel, publizierte hin und wieder Texte und beschäftigte sich mit (ihrer) Schizophrenie und der Institutionalisierung psychiatrischer Anstalten.

Firestone gründete mit anderen radikalen Feministinnen Ende der 1960er in New York drei feministische Organisationen, die sich als Alter­nativen zu etablierten Gruppen wie der unter anderem von Betty Friedan gegründeten National Organization for Women (NOW) verstanden: die „New York Radical Women“, die „Redstockings“ und die „New York Radical Feminists“. Diese Gruppen waren kritisch gegenüber liberalen Stimmen wie NOW, die in ihren Augen viel zu wenig patriarchalische Strukturen in den Blick nahmen und eher reformistisch Politik betrieben.

Weitere Nachrufe:


Facebook | |



Anzeige