Einträge mit dem Tag ‘Islam’

Das „Aktionsbündnis Zwangsheirat“: Wirklich „Hand in Hand gegen Zwangsheirat“?

Tuesday, August 12th, 2008 von Anna

In der FAZ vom 29. Juli findet sich ein interessanter Artikel von Necla Kelek. Kelek ist Sozialwissenschaftlerin und hat 2005 das Buch „Die fremde Braut“ veröffentlicht, in dem sie die These aufstellt, dass islamische Religiosität ein Hindernis für eine gelungene Integration darstellen kann. Unter anderem begründet sie dies mit der Tradition der arrangierten Ehe bzw. Zwangsheirat.

Im FAZ-Artikel kommentiert und kritisiert Kelek nun die Rotterdamer Initiative „Hand in Hand gegen Zwangsheirat“, die am 15. Juli im Kreuzberg Museum vorgestellt wurde und zugleich Auftaktveranstaltung des „Aktionsbündnis Zwangsheirat“ ist. Unterstützt wird diese von Tariq Ramadan (einem „Vordenker für einen europäischen Islam“) angestoßene Initiative unter anderem vom Berliner Integrationsbeauftragten.

„Hand in Hand gegen Zwangsheirat“ will muslimischen Frauen und Mädchen eine muslimische Beratung in Sachen Zwangsheirat anbieten. Doch während die Unterstützer vor allem erfreut darüber sind, dass das Thema in der „islamischen Community“ nicht mehr tot geschwiegen wird, kritisiert Kelek die Initiative scharf. So gebe es eine muslimische Beratung nur, damit die Frauen, so Kelek, nicht mehr in Frauenhäuser flüchten „und so Allah verloren gehen“:

„Unter dem Motto ‘Gegen Zwangsheirat’ wird also schlicht islamische Eheberatung betrieben. Dabei wird ausdrücklich die arrangierte Ehe als Modell gepriesen, auch wenn eingestanden wird, dass dabei oft Zwang im Spiel ist. (…) Vor Mischehen wird gewarnt: ‘Ein muslimischer Junge kann zwar ein christliches Mädchen heiraten, aber ein muslimisches Mädchen darf nicht einen christlichen Jungen heiraten.’“

Sie kritisiert unter anderem die Definition von Familie, die nicht die klassische Kernfamilie wäre, sondern „der Stamm“. Eine (Zwangs-)heirat ist immer die Verbindung zweier Familiengruppen, die Ehepartner werden entsprechend gewählt:

„Ramadan und seine Schüler versuchen, die Grundrechte und Werte der europäischen Zivilgesellschaft umzudeuten. Sie sprechen dem Einzelnen das Selbstbestimmungsrecht ab, definieren den Menschen als Sozialwesen und nicht als Individuum, befürworten das System der ‘Schamgesellschaft’ mit einem fatalen Ehrbegriff. Nirgendwo in dem Büchlein (Anm. d. A.: die Info-Broschüre des Vereins) wird dem Einzelnen das Recht eingeräumt, selbst zu entscheiden, ob er überhaupt heiraten will. ‘Die Familie bildet den Kern der islamischen Gesellschaft, und die Ehe ist im Islam die einzige gestattete Weise, Familien zu gründen.’ Seine eigene Sexualität zu leben, ist nicht statthaft.“

Kelek fordert:

„Die Initiative ist deshalb ein Etikettenschwindel. Es muss der Grundsatz gelten: Ehen von Jugendlichen unter achtzehn Jahren sind grundsätzlich als Zwangsehen zu ächten. Jedem jungen Menschen, der in die Lage kommt, von seinen Eltern gegen seinen Willen verheiratet zu werden, muss der Schutz der Gesellschaft gewährt werden.“

Verborgener Iran

Monday, July 21st, 2008 von Susanne
Dieser Text ist Teil 10 von 11 der Serie Die Feministische Bibliothek

Mit ihrem Buch “Hinter den Schleiern Irans. Einblicke in ein verborgenes Land” hat Christiane Hoffmann mein gesamtes Halbwissen über das Leben von Frauen in einer muslimischen Gesellschaft verändert - ergänzt, widerlegt, es überhaupt erst einmal in komplexe Zusammenhänge gesetzt. Ich empfehle dieses Buch uneingeschränkt allen, die auch nur das leiseste Interesse am Thema Frauen & Islam haben.

Die Autorin lebte fünf Jahre lang in Teheran als Korrespondentin für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und stellt sich von Anfang an die Aufgabe, dieses Land unbedingt verstehen zu wollen. In diesen fünf Jahren vor Ort merkt sie, dass sie mit ihrem westlichen Wertesystem nicht weiter kommt, dass sie aber genauso verzweifelt, wenn sie sich der iranischen Kultur versucht anzupassen.

Genau dieses Schwanken und Zaudern, das Infragestellen und Zweifeln, machen dieses Buch sehr wertvoll. Weil Christiane Hoffmann genau die Fragen stellt, die beispielsweise bei mir während des Lesens aufkamen. Sie trifft und beschreibt Menschen, vor allem Frauen, erzählt von Ritualen und Werten. Und: An den Stellen, an dem das Fremde unzugänglich zu sein scheint, schreibt sie auch mal etwas ausführlicher über Moral, Tradition oder Toleranz. Während dieser Passagen hat es dann auch bei mir geklickt. Weil man eben in einem anderen Koordinatensystem denken muss, um vieles aus der islamischen Welt zu verstehen.

Als eines der Grundmissverständnisse zeigt Hoffmann unsere Interpretation der zunehmenden Radikalisierung in der islamischen Welt:

Im Gespräch mit Farsaneh wird verständlich, wie sehr der islamische Radikalismus eine Reaktion auf die Moderne und nicht eine Folge der Tradition ist. Er führt nicht zurück zu traditionellen Lebensformen, sondern ermöglicht einen Schritt in ein modernes, emanzipiertes Leben. Farsanehs Leben als berufstätige Frau, Ehefrau und Mutter eines Sohnes ist äußerlich dem Leben vieler junger Frauen in westlichen Großstädten ähnlich. Ihre eigene moderne Lebensform aber verbindet sie mit einer strikten Ablehnung des westlichen Liberalismus.

Hoffmann schreibt über Gespräche mit Reformern und Konservativen und zeigt immer wieder, dass viele Menschen im Iran nach einem Weg zwischen dem Festhalten an der Tradition und der totalen Verwestlichung suchen. Vor allem viele Frauen probieren schon verschiedene Rollen aus, die sie der strengen Kultur ihres Landes abgetrotzt haben. Was Christiane Hoffmann über sie schreibt ist wie eine kleine Reise, das nicht nur ein ganzes Land und eine ganze Idee erklärt, sondern auf der wir auch Frauen treffen können, die uns gar nicht so unähnlich sind. Und doch wieder auch ganz anders sind.

8-Jährige verklagt Vater und Ehemann

Tuesday, April 15th, 2008 von Susanne

Im Jemen ist eine Achtjährige vor Gericht gezogen, um ihren Vater zu verklagen, der sie mit einem 30-Jährigen verheiratet hat. Die kleine Nojoud Muhammed Nasser sei am 2. April allein ins Gericht gekommen, wo sie nach einem Richter fragte, der die Anklage gegen ihren Vater übernehmen würde.

Außerdem bat sie darum, von ihrem 22 Jahre älteren Mann geschieden zu werden und beschuldigte ihn der sexuellen und häuslichen Gewalt. Der Yemen Times erzählte sie, wie es dazu kam, dass sie selbst zum Gericht ging:

“My father beat me and told me that I must marry this man, and if I did not, I would be raped and no law and no sheikh in this country would help me. I refused but I couldn’t stop the marriage. I asked and begged my mother, father, and aunt to help me to get divorced. They answered, ‘We can do nothing. If you want you can go to court by yourself.’ So this is what I have done.”

Die Anwältin Shatha Ali Nasser sagte, sie planten nun, das Mädchen in die NGO Dar Al-Rahama zu bringen, wo sie ein besseres Leben und eine Ausbildung haben könne.

Proteste gegen Frauenrechte in Bangladesch

Friday, April 11th, 2008 von Susanne

In Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, kam es heute zu Ausschreitungen, als militante Islamisten gegen Pläne der Regierung protestierten, nach denen Frauen die gleichen Rechte wie Männer bekommen sollen, unter anderem im Erbrecht. Dies verstoße gegen die Vorschriften des Korans, argumentieren die Islamisten. In Bangladesch ist der Islam Staatsreligion.

Fahren in Saudi-Arabien

Tuesday, April 8th, 2008 von Barbara

Die Zeit berichtete unlängst:

In Saudi-Arabien haben zwei wahhabitische Eminenzen, Abdel-Mohsin al-Obaikan und Mohsin Awaji, das Fahrverbot für Frauen hinterfragt. Das islamische Recht verbiete Frauen nicht das Führen von Kraftfahrzeugen, sagen sie.

Auch der König von Saudi-Arabien, Abdullah, macht sich für mehr Bewegungsfreiheit von Frauen stark. Seit kurzem dürfen Frauen auch alleine, ohne einen “gesetzlichen Vormund”, sprich einen Mann, in einem Hotel übernachten.

“Afghan Star”-Kandidatin erhält Morddrohungen

Wednesday, March 26th, 2008 von Katrin

Das Format von “Deutschland sucht den Superstar” gibt es bekanntermaßen auf der ganzen Welt. Wer aber hätte gedacht, dass es auch in Afghanistan ein Äquivalent zu Bohlens nervigem Eintagsfliegen-Casting gibt? “Afghanistan sucht den Superstar” schreibt die Netzeitung und gefunden wurde dieser auch schon.

Doch viel interessanter als die Nachricht, dass ein 19-Jähriger von hunderten jungen Männern für seinen Sieg bei dieser Show umjubelt wurde, finde ich die Geschichte der 20-jährigen Lima Sahar (im Video), die als erste Kandidatin der nun schon seit drei Jahren existierenden afghanischen Fernsehshow überhaupt unter die besten drei kam: Sie bekam Morddrohungen. Grund dafür ist nicht etwa, dass sie kein Kopftuch trug (das tat sie immer brav), sondern vielmehr dass religiöse Gelehrte des Landes der Meinung sind, Sendungen wie “Afghan Star” trügen zur Untergrabung der Traditionen bei und stärkten die “Unmoral”.

Lima Sahar kommt außerdem aus der afghanischen Provinz Kandahar, die früher eine Hochburg der Taliban war und bis heute extrem konservativ ist: Noch vor sieben Jahren durften Frauen dort nicht ohne ihre Männer auf die Straße und mussten ihre Körper von Kopf bis Fuß verschleiern. Lima Sahar will sich aber nicht unterkriegen lassen: “Ich verliere nicht meinen Mut, denn ich habe den dritten Platz dank der Stimmen meines Volkes erreicht, und ich weiß, ich werde weiter erfolgreich sein.”

Eine weitere Kandidatin, Setara Hussainzada, musste ebenfalls von zu Hause fliehen, weil sie Morddrohungen erhalten hatte. Erschütternd auch die Äußerungen eines Regierungsmitglieds. Die Netzeitung zitiert:

„Ein Regierungsmitglied, das nicht namentlich genannt werden wollte, erklärte, die afghanische Regierung habe nichts gegen Sendungen wie den «Superstar»-Wettbewerb. «Aber wir haben Angst, dass Extremisten dies als Argument benutzen, um den Menschen in ländlichen Gegenden zu zeigen, dass wir westlich geprägte Programme fördern, die sie als unislamisch verurteilen.» “

Iranische Frauenzeitschrift “Zanan” verboten

Friday, February 15th, 2008 von Susanne

Vor einigen Tagen wurde Irans einzige feministische Frauenzeitschrift, Zanan, verboten. Dem Magazin wurde “wegen angeblicher Beleidigung der islamischen Werte” die Lizenz entzogen, schreibt heute die Süddeutsche Zeitung auf ihrer Medienseite. Und weiter:

“Das Magazin […] war 1992 von Shahla Sherkat gegründet worden und konnte sich gegen erbitterten Widerstand des klerikalen Establishments all die Jahre halten. Was es vor allem auszeichnete: Hier fanden religiöse und weltlich argumentierende Frauenrechtlerinnen zusammen. Hier arbeiteten sie gemeinsam, um gegen das iranische Patriarchat für Frauenrechte zu kämpfen.”

Zusammen mit mit der liberalen Juristin Mehrangiz Kar klärte Shahla Sherkat 16 Jahre lang mit dem Magazin iranische Frauen über ihre Rechte auf, führte Kampagnen an und forderte eine Neuinterpretierung des islamischen Rechts. Kurz, sie versuchten, einen “Islamischen Feminismus” zu begründen - nicht unangefeindet, von ihren Kritikern, die sagen, Islam und Feminismus könnten niemals zusammengehen.

124 Wissenschaftler und Publizisten, darunter Jürgen Habermas, Noam Chomsky und die Friedensnobelpreisträgerinnen Betty und Judy Williams haben jetzt in einem offenen Brief den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad und Ali Chamenei, den geistlichen Führer des Irans, aufgefordert, Zanan die Lizenz zurückzugeben. Hier kannst du diesen Brief auch selbst unterschreiben und an Zanan schicken. (Hinweis: Klick auf “show/hide this post”)

Kopftücher an türkischen Unis

Saturday, February 9th, 2008 von Susanne

Heute hat das türkische Parlament das Kopftuchverbot an den Universitäten aufgehoben. Zehntausende Menschen protestierten in der Türkei gegen diesen Beschluss. Sie fürchten eine Islamisierung der Türkei und dass es bald nicht mehr nur das Recht gibt, ein Kopftuch zu tragen, sondern sogar die Pflicht zum Kopftuch.

Soviel zur Befreiung des Irak

Monday, December 10th, 2007 von Meredith

In der nordirakischen Stadt Basra sind im vergangenen Jahr 40 Frauen die Opfer eines islamistisch motivierten Mordfeldzuges geworden.

In vielen Vierteln Basras sind auf den Hauswänden Todesdrohungen gegen Frauen zu sehen, die geschminkt oder ohne Kopftuch auf die Straße gehen, berichtet die AP. Und an den Leichen der Opfer werden islamistische Botschaften angebracht mit Erklärungen wie “Diese Frau hat gegen die göttlichen Lehren verstoßen” und Warnungen an andere, die es ihnen gleich tun.

Interessanterweise hat in den USA vor kurzem eine rechtskonservative Publizistin eine Tirade gegen liberale Feministinnen gehalten und behauptet, die US-Truppen hätten im Irak mehr für die Befreiung der Frauen getan, als das feministische Etsbalishment überhaupt. Fragt sich nur, was die Frauen im Irak denken, die nicht mehr frei entscheiden können, was sie tragen möchten, ohne um ihr Leben zu fürchten.