Einträge mit dem Tag ‘Führungsfragen’


Von einem Matriarchat

16. Juni 2009 von Barbara
Dieser Text ist Teil 29 von 44 der Serie Die Feministische Bibliothek

Der argentinische Arzt, Journalist und Fotograf Ricardo Coler hat bereits mehrere Bildbände und Reportagen über Matriarchate veröffentlicht. Sein 2005 in Argentinien erschienenes Buch „Das Paradies ist weiblich“ über eine ethnische Minderheit in China, die Mosuo, wurde in Argentinien schnell zum Bestseller. Nun ist es auf Deutsch erschienen. Coler besuchte für längere Zeit die Mosuo. Eine Gemeinschaft von etwa 35.000 Menschen in der Provinz Yunnan. Sie betreiben Ackerbau und Viehzucht sowie Handel mit den benachbarten Dörfern. Sie sind gläubige Buddhisten und leben in einem Matriarchat. Was bedeutet die Umkehrung der für uns gängigen Machtverhältnisse für den Alltag dieser Menschen? Einige Beispiele:

  1. Die Mosuo leben zusammen mit ihren Blutsverwandten: Familienoberhaupt ist immer eine Frau – die Matriarchin. Das kann die Großmutter, die Mutter oder die älteste Tochter sein. Alle anderen Familienmitglieder ordnen sich der Matriarchin unter. Sie sind alle mit ihr verwandt – ist es etwa die Großmutter, sind es ihre Töchter und Söhne, Enkeltöchter und Enkelsöhne. Die leiblichen Väter leben nicht mit ihren Kinder oder Partnerinnen zusammen.
  2. Es gibt keine feste Partnerschaft zwischen Mann und Frau wie wir sie kennen, sondern etwas, das im Buch als „Besuchsehe“ bezeichnet wird. Jeden Abend empfängt eine Mosuo-Frau einen Mosuo-Mann ihrer Wahl als Besuchs-Geliebten. Es kann jede Nacht derselbe, oder auch jede Nacht ein anderer sein. Der Mann bleibt über Nacht, zeugt möglicherweise ein Kind, und verlässt im frühen Morgengrauen wieder das Zimmer der Frau. An ihrem Alltagsleben und an ihrer Familie nimmt er keinen Anteil.
  3. Die Frauen haben das Sagen. Und die Arbeit – sie packen mit an, schmeißen den Haushalt und kontrollieren das, was die Männer in ihrem Auftrag erledigen. Lediglich in ganz großen Belangen fällen Männer Entscheidungen, z. B. im Viehkauf oder Hausbau. Coler zitiert dazu eine der Matriarchinnen: „Große Entscheidungen, na ja, nichts wirklich Wichtiges, aber das können die Männer, und sie nehmen uns damit das ein oder andere Problem ab.“

Schwer vorzustellen, ein solcher Alltag. Diese Macht der Frauen scheint die Männer sehr zu entmündigen. Das Zusammenleben der Mosuo erscheint auch Coler nicht sehr ausgeglichen:

„Wie es einer Gemeinschaft von Müttern entspricht, werden die Männer wie Kinder behandelt. Ich frage mich, ob das nicht Einfluss auf die erotische Anziehungskraft dieser Männer hat. Die Frauen verhalten sich wie verantwortungsvolle Erwachsene, sie nehmen ihre Arbeit ernst. Der Mann hingegen erhält Befehle, er wird gescholten, … verbringt viel Zeit mit seinen Freunden, fühlt sich für nichts verantwortlich, wechselt ständig die Geliebte und wohnt das ganze Leben bei seiner Mutter.“

Warum begehren die Mosuo-Männer nicht auf? Fordern Gleichberechtigung?

An manchen Punkten jedoch hat das Matriarchat richtiggehend Vorbildcharakter: Eine Matriarchin zum Thema Kinder & Beruf:

„Eine Frau bekommt ihr Kind und bleibt fast ein Jahr bei ihm. Sie gibt ihm zu essen und beschäftigt sich mit ihm. Wenn es Zeit wird, zur Arbeit zurückzukehren, übergibt sie den Sprössling der Großmutter. Und die älteren Tanten sind ja auch noch da. Die Mutter kann in ihren gewohnten Alltag zurückkehren, und das Kind wächst trotzdem im häuslichen Umfeld auf.“

„So einfach ist das“, meint Coler dazu. Klingt einfach, aber ist es das auch? Fehlt dem Kind nicht der leibliche Vater? Nach dem Lesen dieses Buches bleiben Fragen unbeantwortet. Man möchte selbst nach China reisen und Antworten auf die Fragen suchen, die das Buch nicht beantwortet oder gar nicht erst stellt. Warum hat sich bei den Mosuo ein Matriarchat entwickelt? Warum hat es so lange durchgehalten, als Ausnahme im patriarchalischen China? Und warum haben nicht auch einige der umliegenden Regionen diese Gesellschaftsform übernommen? Seit Maos Herrschaft, so schreibt Coler, hat die chinesische Regierung zwar immer wieder versucht, die Mosuo umzukrempeln. Zwangsehen, Zwangswohngemeinschaften, strenge Gesetze – was auf Dauer aber alles nichts bewirkt hat. Einige Soldaten seien bei den Mosuo geblieben, weil ihnen die selbstbewussten Frauen so gut gefallen hätten.

An manchen Stellen erscheinen mir Colers Fragen etwas boulevardesk. Er möchte von den Mosuo für meinen Geschmack zu häufig wissen, wie sie über Verlieben, Eifersucht, Fremdgehen oder dem Bedürfnis nach fester Bindung denken. Die anderen wichtigen Themen wie z. B. dass es keine Homosexualität bei den Mosuo gibt (Warum? Kann das sein? Oder hat man ihm das einfach nicht erzählen wollen?), dass die Mädchen in der Schule immer gut und wissbegierig sind, die Jungen aber nicht, und deswegen die Schulen auch oft wieder verlassen müssen (Liegt das hier an der Erziehung? Warum sind die Jungen eher nur am Dösen und Spielen, nicht am Lernen interessiert?), kommen leider etwas kurz. Dennoch bleibt „Das Paradies ist weiblich“ ein höchst interessanter Einblick in ein lebendiges Matriarchat.

Ricardo Coler, „Das Paradies ist weiblich. Eine faszinierende Reise ins Matriarchat.“ Aufbau Verlag, 2009. Gebunden. 165 Seiten.

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Gegen den Besserverdienenden-Feminismus

22. November 2008 von Barbara

Ist schon wieder einige Zeit her, aber diese Harald Martenstein-Kolumne aus dem Zeit Magazin Leben über Frauen, die gemein behandelt werden, habe ich im Kopf behalten:

Es hat mich fast vom Stuhl gehauen, als ich im ZEITmagazin gelesen habe, dass so etwas mal wieder eine männliche, frauenfeindliche Schweinerei sei, Denunziation, die sich in Wörtern wie “nervig” und “anstrengend” ausdrücke, die Männer und angeblich nur Männer für erfolgreiche Frauen verwendeten. (…) Dieser Besserverdienenden-Feminismus geht mir auf die Nerven. Leute, die oben angekommen sind, durchaus zu Recht, und dann so tun, als seien sie Opfer. Falls das Wort “Frauensolidarität” etwas bedeuten würde, dann würden sie sich um die Frauen sorgen, die gesteinigt, zwangsverheiratet oder zwangsweise beschnitten werden, das gibt es ja alles noch, aber nein, am wichtigsten sind ihnen ihre kleinen Karriereprobleme.

Ausnahmsweise sind mal nicht die jungen Feministinnen per definitionem gemeint. Sondern alle möglichen Frauen, die bereits etwas erreicht haben. Also die nervigen Frauen.


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Nervige Frauen

1. Oktober 2008 von Anna

Passend zu der ein oder anderen Diskussion, die hier im Blog gerade läuft, hier der Hinweis auf einen sehr interessanten Artikel in der Zeit: “Der Fluch der Nervensägen”

Im Kern geht es darum, warum ein Mann, der im Beruf vorwärts kommt, ja an der Spitze steht oder zumindest dorthin will “durchsetzungsstark” ist, eine Frau hingegen “nervig” oder “anstrengend”.

“Was verbirgt sich hinter dem abqualifizierenden kleinen Wort? Im Kern der Vorwurf, dem weiblichen Rollenbild nicht zu entsprechen. Das hat sich, trotz aller Emanzipationsgewinne, aller Bildungserfolge und Karriereleistungen der vergangenen Jahrzehnte, nicht wirklich verändert und wird auch von den meisten Frauen kaum infrage gestellt. Kein Wunder: Das vornehmlich von Männern verteilte Etikett “Nervensäge” ist auch eine Warnung an die anderen Frauen: Wenn ihr euch nicht rollenkonform verhaltet, habt ihr mit Missachtung zu rechnen! Die Mehrheit entscheidet sich in dieser Lage gegen Frauensolidarität.”

“Und die Männer? [...] Sie zeigen die klassische “verbale Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger Verhaltensstarre”, die der Soziologe Ulrich Beck beschreibt [...] Ganz abgesehen davon, dass viele Männer insgeheim natürlich froh sind, sich der neuen, stressigen Konkurrenz durch hoch qualifizierte Frauen mit einem Trick erwehren zu können.”

Die Grundthese ist also, dass das “nervige” dieser Frauen in der angeblich fehlenden Weiblichkeit begründet ist. Diese wird aber weiterhin erwartet:

“Jutta Ditfurth, die hoch intelligente, aber oft als “verbohrt”, mitunter auch als “stalinistisch” gebrandmarkte Grünen-Frau der ersten Stunde, hat in einem Zeitungsgespräch einmal von einem Test zur Weiblichkeitserwartung berichtet, den sie gern mache: Er bestehe darin, ein männliches Gegenüber im Gespräch einfach nicht anzulächeln. Das löse regelmäßig große Irritationen aus – weil von Frauen ein konziliantes (unterwürfiges?) Lächeln erwartet wird. Ähnliches kann man erleben, wenn man durch eine vollgestopfte Fußgängerzone geht und Entgegenkommenden nicht ausweicht: Zu 99 Prozent kollidiert man dann mit Männern.”

Lesen!

(…und testet mal das mit der Fußgängerzone, das stimmt wirklich…)

Nachtrag:
Da der Link am Ende des Artikels zumindest bei mir nicht funktioniert, hier der direkte Klick zur “Nervensägen? 12 Plädoyers für ungewöhnliche Frauen” – Liste.


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