Einträge mit dem Tag ‘Feminismus!’


“Es gab keine Reflexionen über Mutterschaft aus feministischer Perspektive” – Fritzi und ich in Warschau, im Gespräch mit Sylwia Chutnik

25. März 2014 von Lisa

Jochen König ist Autor, wohnt mit seiner vierjährigen Tochter Fritzi in Berlin, interessiert sich für die gesellschaftlichen Debatten rund um Feminismus, Familie und Geschlecht und hat ein Buch über sein Leben mit Fritzi geschrieben, das sich um diese Themen dreht.

Im Zug ist es nur eine Stunde von Berlin bis zur deutsch-polnischen Grenze. Und trotzdem haben viele Menschen hier wenig bis keinerlei Bezug zu Polen. Bis vor wenigen Jahren wusste ich selbst kaum etwas über dieses Land. Der Blick richtet sich eindeutig Richtung Westen. In deutschen Schulen wird französisch unterrichtet, die Französische Revolution ist auch weniger geschichtlich Interessierten ein Begriff und gesellschaftspolitische Debatten in Frankreich (wie beispielweise über die Homoehe) sind auch in deutschen Medien präsent. Vergleichbare Diskussionen in Polen werden dagegen in Deutschland kaum wahrgenommen. In Warschau bin ich unter anderem mit Sylwia Chutnik verabredet, um sie zu interviewen. Sie ist Mitbegründerin der Fundacja MaMa und im Jahr 2008 erschien ihr Roman Kieszonkowy atlas kobiet – 2011 auch auf Deutsch unter dem Titel Weibskram. (Ein weiteres Interview mit ihr, das auf ‘fuckermothers’ bereits erschien, führte Anna Kasten.)

Fritzi und ich machen uns auf den Weg nach Warschau. Etwas mehr als fünf Stunden im Zug von der einen Hauptstadt in die andere. Wir wohnen in Warschau in einem Hostel in Praga, einem Stadtteil östlich der Wisła (Weichsel), der in vielerlei Hinsicht an Prenzlauer Berg in den 90er Jahren erinnert. Als ich zuletzt vor mehr als zehn Jahren in Warschau war, habe ich im Zug noch einen Stempel in meinen Reisepass bekommen und mich während meines gesamten Aufenthalts nicht getraut die Wisła zu überqueren. Nur aus sicherer Entfernung, vom westlichen Ufer aus, habe ich das alte Stadion in Praga mit dem damals angeblich größten Basar Osteuropas gesehen. Heute steht an selber Stelle das Nationalstadion, das für die Fußballeuropameisterschaft der Männer 2012 errichtet wurde.

Mit Sylwia Chutnik treffen wir uns im zur Fundacja MaMa gehörenden MaMa Cafe etwas südlich der Innenstadt. Das Café hat sogar Club Mate im Angebot. Es dient vor allem als Anlauf- und Begegnungsort für Mütter. Darüber hinaus versucht sich die Stiftung an gesellschaftlichen Debatten rund um Mutterschaft zu beteiligen und unterstützt Frauen/Mütter auf vielfältige Art und Weise. Fritzi spielt in der Spielecke des Cafés und ich stelle Sylwia ein paar Fragen.

2006 hast du die Fundacja MaMa gegründet. Kannst du erklären wie es dazu kam? Was war der Ausgangspunkt und was war das Ziel?

Seit ich 16 Jahre alt bin, bin ich Teil einer anarcho-feministischen Bewegung, organisiert eher in informellen Gruppen. Als ich mit 24 Jahren dann Mutter wurde, ich hatte gerade mein Studium beendet, merkte ich, dass meine eigenen feministischen Gruppen nichts über Mutterschaft wussten. Viele hatten ein Problem mit meinem Mutter-sein. Sie verstanden nicht, dass ich eine Mutter sein wollte. Du Arme, du hast ein Kind, deine politischen Aktivitäten sind nun Geschichte, dein Leben ist vorbei. Es gab keine Gruppen oder Projekte, die sich mit Feminismus und Mutterschaft auseinandersetzten. Es gab keine Reflexionen über Mutterschaft aus feministischer Perspektive. Als mein Sohn zweieinhalb war, war ich so frustriert. Ich hatte keinen Platz mehr in meiner feministischen Bewegung. Außerdem stand ich unter dem Druck des Mythos der Mutter Polin. Eine Mutter solle ihre eigenen Ambitionen vergessen, um dem Staat einen Soldaten für den Krieg zu schenken. Dazu der popkulturelle Druck, erfolgreich im Beruf und eine gute Ehefrau zu sein. Und ich war mittendrin. Ich wollte etwas Offizielles starten. Ich hatte auch keine Lust mehr auf große Diskussionen und Plena, die ich aus den Kollektiven und Gruppen kannte, bei denen ich bisher mitgemacht hatte. Also gründeten wir zu dritt eine Stiftung.

Wie ist die Situation heute?

Wir sind jetzt mehr Leute. Seit drei Jahren haben wir größere Räume. Wir werden in den Medien wahrgenommen. Wir waren starke junge Mütter, die etwas tun wollen. Aus medialer und popkultureller Perspektive waren wir gut genug, um wahrgenommen zu werden. Wir haben das für uns genutzt. Wir wussten, was wir wollten. Wir haben uns an der öffentlichen Debatte beteiligt und durch die Medien haben wir es geschafft unsere Botschaften zu verbreiten. Was sich dagegen nicht verändert hat: wir sind zwar größer geworden, haben aber immer noch kaum Geld.

Was bedeutet für dich/euch Feminismus im Kontext von Mutterschaft?

Am Anfang war das gleichzeitige Sprechen über Mutterschaft und Feminismus ein Oxymoron. In der öffentlichen Wahrnehmung hatte eine Feministin jeden Monat eine Abtreibung und konnte deshalb gar keine Kinder haben. Wir mussten also am Anfang erst einmal diskutieren, was es bedeutet Mutter und Feministin zu sein. Wichtig ist auch für uns: pro-choice – selbst entscheiden zu können, ein Kind zu bekommen oder nicht. Dazu glauben wir, dass es Müttern bereits besser geht, wenn sie sich aus dem Haus trauen. Wir sind stärker und nicht so frustriert, wenn wir zusammen sind und einen Ort haben, an dem wir uns treffen können.

Es herrscht ein ungeheurer Druck auf Mütter: Sie müssen gute, liebevolle Mütter sein, dazu erfolgreich im Job und gleichzeitig sexuell attraktiv. Wie läuft der Diskurs in Polen?

Vier Aspekte spielen in dem Zusammenhang in Polen eine Rolle. Der bereits angesprochene post-romantische Mythos der Mutter Polin. Die kommunistische Zeit ist von Bedeutung, die Entbehrungen und dabei trotz aller Widrigkeiten eine gute Mutter zu sein. Der Katholizismus, der den Müttern eindeutig die Rolle als Hausfrau zuweist, die für Kinder und Haushalt zuständig ist, während der Ehemann Geld verdienen geht. Dazu kommt dann noch der Kapitalismus, der uns sagt, was wir brauchen und was wir nicht brauchen und was wir mit unseren Ehemännern und Kindern machen möchten. Es ist harte Arbeit als Mutter zu erkennen, dass es auch in Ordnung ist keinem dieser Wege zu folgen.

In Deutschland gibt es in den letzten Jahren einen regelrechten Hype um neue Väter. Gibt es etwas Vergleichbares in Polen?

Immer mehr Frauen sind sauer auf die Väter und haben keine Geduld mehr. Wir sind ganz am Anfang. Väter fangen an übers Vater-sein zu sprechen und es gibt auch einige Diskussionen in den Medien. Väter fangen an Spaß am Vater-sein zu haben. Es ändert sich etwas. Ich möchte daran glauben. Es sind aber kleine Schritte. Wir sind in Warschau, einer großen Stadt, ich hoffe das ist nicht der einzige Grund für meine Hoffnung. Nicht weit entfernt von hier gibt es seit einem halben Jahr einen Väter-Club. Wir freuen uns darüber. Erst dachten wir, das sei eine echte Revolution, aber es gehen nicht sehr viele Väter dort hin. Darüber hinaus gibt es viele Vätergruppen, die vor allem zusammen gegen ihre jeweiligen Ex-Frauen kämpfen und sich gegenseitig in Fragen ums Sorgerecht unterstützen. Wir sind eine Stiftung für Mütter und wir warten sehnsüchtig auf eine ähnliche Stiftung für Väter.

Meine Sprachkenntnisse reichen leider nicht aus, um mich mit Sylwia Chutnik über diese Themen auf Polnisch zu unterhalten. Das hier dokumentierte Gespräch haben wir auf Englisch geführt – die gekürzte und sicherlich an vielen Stellen fehlerhafte und ungenaue Übersetzung ins Deutsche stammt von mir.

Während Fritzi auf meinem Schoß sitzt, plaudern wir noch etwas über ihr Buch und ihre darin sehr düster und pessimistisch formulierte Perspektive auf die polnische Gesellschaft („Marysia Kozak war elf Jahre alt und ahnte, dass die Welt fürchterlich war.“) sowie die Beteiligung der Fundacja MaMa an der von MTV Poland produzierten Sendung Teen Mom Poland. Ich erzähle ihr auch noch etwas von meiner pessimistischen Perspektive auf die so genannten neuen Vätern und dass in Deutschland alle gefeiert werden, die etwas mehr Zeit mit den eigenen Kindern verbringen, dass wir von einer gerechten Aufteilung der Verantwortung für Kinder allerdings noch sehr weit entfernt sind.

Fritzi und ich verbringen noch zwei weitere Tage in Warschau. Wir spazieren in der Wintersonne durch die Straßen, treffen noch weitere spannende Menschen und versuchen uns auf unseren Wegen durch die Stadt mit dem Bussystem zurecht zu finden. Dann sitzen wir wieder im Berlin-Warszawa-Express. Zuhause schwärmt Fritzis vor allem von unserem Besuch in der Galeria Bzzz! im Centrum Nauki Kopernik.


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Freiraum, Feminismus, Popkultur: Kiel bekommt ein Ladiyfest!

24. März 2014 von Magda

Hört, hört! Vom 18. bis 20. April findet das erste Kieler Ladyfest statt. Eine bunte Mischung aus Workshops, Lesungen, Vorträgen, leckerem Kuchen, Schreibwerkstatt und einem Open Mic Abend verspricht ein abwechslungsreiches Programm.

Ladiyfest Kiel
Mit dabei sind u.a. Sharon Dodua Otoo, die aus ihrem Buch “die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle” liest; Petra Benz vom Feministischen Frauen­gesundheitszentrum; Julia Lemmle mit einem Workshop zu “Macht und Kommunikation”; Sonja Eismann vom Missy Magazine und ein “Fat Empowerment”-Workshop mit mir.

Im folgenden Video stellen sich die Organisator_innen vor. Unterstützen könnt ihr das Ladiyfest Kiel neben eurer Teilnahme mit Spenden und einem Klick auf facebook.


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Die Playlist zum Frauenkampftag – Beyoncé-Style!

8. März 2014 von Magda

Im letzten Dezember ließ Beyoncé eine fette Bombe platzen und veröffentlichte ohne eine einzige Vorankündigung (kreisch!) über Nacht ihr fünftes Album: 14 Songs, 17 Videos und 1 Sample aus Chimamanda Ngozi Adichie’s berühmten Vortrag “We should all be feminists“.

Die feministische Blogosphäre sprang im Dreieck und diskutierte sich heiser: Beyoncé ist Feministin!!! Beyoncé ist Feministin??? Beyoncé ist eine schlechte Feministin! Beyoncé ist die Feministin!

Fakt ist: Einige von Beyoncés Songs haben explizit feministische Botschaften, sie nimmt Bezug auf hegemoniale Bilder von Geschlecht und race und erklärte in einem Videointerview, warum sie es wichtig findet, feministische Perspektiven in ihrer Musik zu haben. Nicht zu vergessen, dass sie im letzten Jahr mit einer 13-köpfigen Musikerinnen-Combo auf Tour ging. Richtig gelesen: Beyoncé brachte 13 fabelhafte Musikerinnen auf eine Bühne, während zahlreiche andere sich als feministisch verstehende Musikerinnen ausschließlich mit Typen touren.

Beyoncé erhielt auch viel berechtigte Kritik, weil sie ihren Rapperkollegen und Ehemann Jay Z auf ihrem neuen Album gewaltverherrlichenden und sexistischen Müll rappen ließ. Ich habe auch so meine Schwierigkeiten mit der selten hinterfragten Glorifizierung von normschönen Körpern in ihren Musikvideos und bin genervt, wenn sie musikalisch und performativ Heteronormen abfeiert. Ambivalenzen und Widersprüche bleiben also bestehen: Beyoncé bietet viele feministische Anknüpfungspunkte, aber auch eine Fläche für feministische Kritik.

Zum heutigen Frauenkampftag lege ich den Fokus auf all die wunderbaren popkulturellen Erzeugnisse, die durch und mit Beyoncé entstanden sind: (Cover-)Songs und Choreographien, die Mut machen, humorvoll sind, ins Herz treffen. Meine Top 7:  (mehr…)


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Warum ich nicht länger mit weißen Menschen über race spreche

24. Februar 2014 von Gastautor_in

Why I’m no longer talking to white people about race” veröffentlichte Reni Eddo-Lodge am vergangenen Samstag auf ihrem Blog No Comment. Reni Eddo-Lodge ist Autorin und Redakteurin, unter anderem bei den Black Feminists und der Feminist Times. Mit ihrer freundlichen Genehmigung haben wir den Text aus dem Englischen übersetzt.

Ich gehe nicht mehr mit weißen Menschen auf das Thema race ein. Damit meine ich nicht alle weißen Menschen, nur die große Mehrheit, die sich weigert die Tatsache strukturellen Rassismus’ und dessen Symptome zu akzeptieren. Ich kann mich nicht länger der Kluft emotionaler Entrücktheit widmen, die weiße Menschen zeigen, wenn eine Person of Color unsere Erfahrungen mitteilt. Man kann es in ihren Augen sehen, wie sie sich abschotten und verhärten. Es ist, als ob Sirup in ihre Ohren gefüllt würde, der ihre Gehörgänge verschließt, sodass sie uns nicht mehr hören können.

Diese emotionale Distanzierung ist das Ergebnis, wenn man ein Leben führt, in dem einer_einem nicht bewusst ist, dass die eigene Hautfarbe die Norm ist, von der alle anderen abweichen. Im Bestfall wird weißen Menschen beigebracht, nicht zu erwähnen, dass People of Color “anders” sind, da uns das beleidigen könnte. Sie glauben tatsächlich, dass ihre Lebenserfahrungen, die sie aufgrund ihrer Hautfarbe machen, universal sein können und sollten.

Ich kann mich einfach nicht mit deren Fassungslosigkeit und Abwehrhaltung beschäftigen, wenn weiße Leute damit ringen, dass nicht jede_r die Welt auf ihre Weise erlebt. Sie mussten niemals darüber nachdenken, was es bedeutet – im Sinne von Macht – weiß zu sein. Also interpretieren sie es als Affront; jedes Mal, wenn sie irgendwie an diese Tatsache erinnert werden. Die Reise dahin, strukturellen Rassismus zu verstehen, erfordert von People of Color Weiße Gefühle zu priorisieren. Ihre Augen werden glasig vor Langeweile oder größer vor Entrüstung. Ihre Münder beginnen zu zucken, wenn sie beginnen sich selbst zu verteidigen. Ihre Rachen öffnen sich, wenn sie versuchen zu unterbrechen; ein brennendes Verlangen, lauter als du zu sprechen, aber nicht wirklich zuzuhören, denn sie müssen dich wissen lassen, dass du falsch liegst.

Selbst, wenn sie dich hören können, hören sie dir nicht wirklich zu. Es ist, als ob den Worten etwas zustößt auf dem Weg von meinem Mund zu ihren Ohren. Die Worte treffen auf eine Barriere der Verleugnung und kommen nicht weiter. Das ist emotionale Entrücktheit. Es ist nicht wirklich verwunderlich, denn sie haben nie gewusst, was es bedeutet, eine Person of Color als tatsächlich gleichwertig anzunehmen; mit Gedanken und Gefühlen, die genauso valide sind wie ihre eigenen.

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Einige Links zur Schwangerschaftsgewichtsdebatte

13. Februar 2014 von Lisa
Scan_bauch

(Collage: Fuckermothers)

Den Anfang (der aktuellen und medial wahrgenommenen Debatte) bildete der Text ‘Unguter Hoffnung‘ von Lara Fritzsche im ‘SZ-Magazin’. Darin kritisiert sie weibliche Schönheitsideale, die zunehmend auch - als Frauen wahrgenommene - Schwangere betreffen, und problematisiert, dass es immer mehr Mütter mit Essstörungen gibt. Am interessantesten fand ich diesen Ausschnitt zu den vielen Widersprüchen der Verhaltensnormen: “Schwangere Frauen sind ja Empfängerinnen vieler verschiedener – sich zum Teil widersprechender – Rollenanforderungen. Neben schlank bleiben gilt es ja auch, dem Nachwuchs keine wichtigen Nährstoffe zu verweigern. Sie sollen alle vier Wochen zur Vorsorge bei der Gynäkologin, (…), sollen bei der Arbeit Bescheid sagen, wann sie wieder arbeiten kommen, sollen Gelder beantragen, Krippenplätze organisieren, nicht blöde rumglucken und immer schön fickbar bleiben. Aber, ganz wichtig, das Wunder annehmen, sich auch mal fallen lassen, die Weiblichkeit umarmen und ständig in sich reinhören. Eine liebevolle Mutter werden eben.”

Danach entstand der Hashtag #alsichschwangerwar auf Twitter, auf dem verschiedene Menschen ihre Schwangerschaftserlebnisse und damit verbundene Normen beschreiben.

Glücklich Scheitern‘ berichtet von ihren eigenen Erfahrungen und allgemeinen Gedanken zu ‘Körpern und Schwangeren’. Dabei kritisiert sie auch einige Reaktionen auf Fritzsches Artikel, unter anderem Argumentationen, die “mit fraglichen definitionen von über- und normalgewichtig um sich werfen. oder frauen, die die schuld bei heidi klum und co. suchen, die kurz nach der geburt wieder mit schlanken körpern in die kamera lächeln. da mag ich  nicht mitmachen. für mich wird lediglich wieder mal deutlich: der körper einer frau ist nie ihre privatsache. der einer schwangeren erst recht nicht. die schuld bei denen zu suchen, die sich diesem diktat unterwerfen (beispiel heidi klum & co, aber auch den frauen, die aus angst vor den veränderungen vor einer schwangerschaft zurückschrecken) finde ich nicht weiterführend. so gar nicht. die mechanismen, die hinter diesen anrufungen und erwartungen an (schwangere) weibliche körper stecken stets bewusst machen und sich vor augen führen, das kann helfen. gegenseitige unterstützung statt bewertung, kritik an medialen, utopischen bildern und co – das wünsch ich mir mehr.”

In eine ähnliche Richtung geht auch der Beitrag von ‘Dr. Mutti’ namens ‘ich habe heute keinen dummen Spruch für dich‘: “Models im Allgemeinen und Heidi Klum im Besonderen sollen dafür verantwortlich sein, dass Schwangere sich mit einer Vielzahl verunsichernder oder beleidigender Sprüche konfrontiert sehen? Kann das wirklich sein? An dieser Stelle sollte einem doch etwas faul vorkommen. Das Problem ist nicht Heidi Klum. Das Problem ist eine Gesellschaft, in der man sich herausnimmt, über Frauen und ihre Körper, und ganz besonders über schwangere Frauen und ihre Körper, zu reden, als wäre es ein öffentliches Ereignis, zu taxieren und zu bewerten, ungefragt Tipps zu verteilen, zu verurteilen, beschämen oder beleidigen. Vielleicht ist Heidi Klum ein Opfer dieses gesellschaftlichen Diskurses, vielleicht ist sie auch nur ein Profi, die ihren Beruf ernst nimmt und deshalb viel investiert, um ihr Kapital – ihren normschönen Körper – zu pflegen. Warum muss sie dafür verurteilt werden, von anderen, “normalen” Frauen? Auch Heidi Klum ist letztlich nur eine Frau, die mehrfach schwanger war, und die in und nach diesen Schwangerschaften Entscheidungen für sich und ihren Körper getroffen hat. Und diese sind zu respektieren – auch von anderen Frauen. (…) Es geht also nicht darum, ob eine Frau dick oder dünn ist. Es geht darum, dass das Privatsache ist und man sich einfach verkneifen sollte, ungefragt dazu Stellung zu beziehen.”

Auf ‘Umstandslos‘ berichtet Autorin Eva von zwei ‘Highlights’ ihrer Schwangerschaft: “1. Mein eh schon unsympathischer Arbeitskollege, der mir erstaunt mitteilte, dass mein Bauch ganz schön dick ist. (Ach wirklich? Wäre mir gar nicht aufgefallen!) Und 2. der wildfremde Typ, der mir an der Bushaltestelle die Hand auf den Bauch legen wollte, und dabei seinem Freund erzählte, dass ihn das Wunder des Lebens immer wieder begeistert. (Nein, danke! Ich fass dir ja auch nicht an dein – sonst wohin, Arschloch!)”

Jerrys Welt‘ erzählt vom umgekehrten Phänomen, dem Wunsch zuzunehmen: “In der Schwangerschaft nahm ich knapp 12 kg zu, danach wog ich so 54 kg bei knapp 1,69 … ach Mensch glaubt mir  ich fühlte mich so wohl wie schon lange nicht mehr.
Das Gewicht konnte ich aber leider nur  n halbes Jahr halten.” Sie berichtet auch von einigen blöden Sprüchen, die sehr dünne Frauen oft hören müssen: “Es gibt die unterschiedlichsten Reaktionen. Der Klassiker ist jedenfalls ‘Ich wünscht ich hätte deine Figur!’ Oder wenn ich sage das ich zunehmen möchte ‘Ich geb dir ein paar meiner Kilos’ oder ‘Kindchen iss doch mal vernünftig’ oder ‘Kein Arsch, kein Tittchen so flach wie Schneewittchen!’ .. oder auch als ich letztes Jahr beim Orthopäden war wegen meinem Rücken, und der Arzt bin ich doch ehrlich darauf ansprach ob ich Magersüchtig sei (die Art und Weise war sehr unverschämt), zudem kommt das dies nicht das erste  Mal war.”

Was ich mich – auch durch ein Gespräch mit ‘AufZehenSpitzen’ – allerdings schon länger frage ist, was es für Möglichkeiten des Umgangs es mit solchen blöden Kommentaren und Verhaltensweisen gibt. Was ist die beste Erwiderung, wenn einem die sympathische Kollegin das zweifelhafte Kompliment macht, man hätte bis auf den Bauch ja gar nicht zugenommen? Wie lässt sich im Alltag ab besten gegen die Auf-den-Bauch-Fasser_innen vorgehen? Und wie auf das nicht immer unbedingt neutrale Verhalten und ungewollte Einmischungen von Ärzt_innen reagieren?


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Schwarzers Geld und Geiz, Klassismus und Körperbehaarung – die Blogschau

8. Februar 2014 von Nadia
Dieser Text ist Teil 233 von 242 der Serie Die Blogschau

Alice Schwarzer s Geld, oder: “Feminismus, reich und geizig” – einen guten Text zur Causa Alice gibt es auf L-talk.

Um Frauen mit Behinderung und häusliche Gewalt geht es auf Behindertenparkplatz – ein sehr wichtiger Text, mit Inhaltswarnung.

Heterokultur, Klassismus, Sisterhood und malochen unter *Männern: Auf techno candy könnt Ihr einen superguten Text dazu lesen.

Um Adipositaschirurgie und Fat Shaming geht es auf Arge Dicke Weiber.

“Mit dem Er­werb einer so ge­nann­ten „hö­he­ren Bil­dung“ habe ich mir die­sen Dia­lekt ab­trai­niert” – und zwar: Ruhrplatt. Wie das kam und noch mehr zu Wor­king­ Class und Po­ver­ty­ Class könnt Ihr auf clararosa nachlesen.

Letzte Woche jährte sich der Todestag von Hatun Sürücü, wir verweisen nochmal auf einen Text von Sakine aus dem letzten Jahr.

Take your hair back: Heng schrieb über Körperbehaarungs-Trollerei (mit Viraleffekt) und über Solidarität.

Geteilte Ansichten beschäftigte sich mit Opferentschädigungsverfahren.

Dangerbananas veröffentlichte den offenen Brief an den Heimatfhafen Neukölln. Anlass: Anti-asiatischer Rassismus.

Außerdem gab es einen offenen Brief an die SPD, die ein Integrationszentrum Zentrum der Ausgrenzung für mehrere Millionen Euronen plant: Hier der Brief, hier ein weiterer Text von Noah Sow.

Queerulantin sucht Artikel zu (Nicht)Beziehungen und Musik.

Für eine bessere Vernetzung der feministischen Blogosphäre listen wir jede Woche auf, was unsere Kolleg_innen über die Woche so melden und tun. Haben wir etwas vergessen oder übersehen? Kennen wir dein brilliantes Blog etwa noch gar nicht? Dann sag uns bitte Bescheid!


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Simone de Beauvoir: “Zu leben wie alle Welt und doch wie kein anderer zu sein”

9. Januar 2014 von Nadia
Flickr (c) ELAINE CAMPOS

Flickr (c) ELAINE CAMPOS

Berühmte Zitate Beauvoirs werden bisher noch ohne Gender Gap übersetzt (siehe Überschrift). Oder unter Verwendung des generischem Maskulins: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.” Hätte sie es sich anders gewünscht? Vielleicht. Oder bestimmt?

Beauvoir wäre heute 106 Jahre alt geworden. Vor knapp 28 Jahren ist sie verstorben. Drei Jahrzehnte Zeit blieben also, sich mit de Beauvoirs Vermächtnis zu befassen. Die Ergebnisse in der Beschäftigung mit ihrer Arbeit werden immer wieder neu sein, denn solange sich der Feminismus entwickelt, wird sich auch die Lesart Beauvoirs entwickeln.

“Das andere Geschlecht” erschien 1951. Einen dicken Schinken verfasste Beauvoir: Ein umfassendes kulturgeschichtliches Opus zur Situation der Frauen (ohne Sternchen) in einer patriarchal dominierten Welt – und vielleicht das wichtigste Buch über die Emanzipation der (weißen, europäischen) Frau des letzten Jahrhunderts. Wirklich schön zu lesen ist es heute aber natürlich nicht mehr. (mehr…)


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Was bedeutet Feminismus für mich?

11. November 2013 von Nadine

Ich habe sehr lange politische Arbeit aus dem Bedürfnis heraus getan verstanden zu werden. Ich wollte Lob, Zuspruch und Unterstützung für meine Themen, Perspektiven und Herangehensweisen. Noch heute erfüllt es mich mit Genugtuung und Zufriedenheit, wenn mir Menschen mitteilen, dass sie durch meine Arbeit neue Perspektiven gewinnen konnten, die sie vorher nicht hatten, dass sie meine Arbeit als bereichernd empfinden, dass sie ähnliches schon öfter gedacht, jedoch öfter wieder verworfen haben – aus Angst, es wäre falsch oder unzureichend. Ich fühle mich wohl in der Rolle der Vorreiterin oder Tonangeberin.

In Konflikten ist es mir selten gelungen, Kritik von Abwehr zu unterscheiden. Ich kann sehr stur und dickköpfig sein. Wenn eine Perspektive oder These für mich Sinn ergibt, dann verteidige ich sie nach Kräften. Wut, Ärger und Frustration, manchmal auch Filme aus der Vergangenheit überfluten mich, sobald irgendwer meine Perspektiven in Frage stellt. Es brauchte einiges an Selbsterkenntnissen, Momenten der Trauer und Verzweiflung und jede Menge Raum für Reflexion, viele, viele Gespräche, um herauszufiltern, was an meinem Vorgehen und manchmal auch an meinen Perspektiven problematisch war_ist.

Feminismus als Prozess

Eine Erkenntnis für mich war, mich in permanenten Prozessen befindlich zu begreifen und meine Perspektiven als punktuell verortend zu verstehen. Nichts kann von Dauer sein in hoch komplexen und hoch differenzierten Verhältnissen. Immer wieder muss ich mich daran erinnern, besonders dann, wenn ich Wissensproduktionen von anderen aufnehme, die in mir zustimmende Gefühle auslösen. Ich suche nach Halt in meinem politischen Sein und muss diesem Wunsch jederzeit widerstehen können, obwohl es so einfach wäre, gerade hier Dogmatismus an den Tag zu legen. Ich habe begriffen, dass nur ich selbst mir diesen Halt geben kann.

Warum brauche ich überhaupt Halt? Die Frage habe ich mir in diesem Zusammenhang sehr häufig gestellt und bin immerhin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich in meinen Lern_Prozessen und in meinem aktivistischen Vorgehen von Punkt zu Punkt hüpfe. Und wenn ich daneben springe, dann gibt es immer wieder etwas, an dem ich mich hoch- und herausziehen kann. Immer wieder Konstanten, hinter die ich nie zurückfallen werde, solange ich ernst nehme, was ich tue, solange ich glaube, wie ich und meine politischen Verbündeten sowie die Menschen, deren Wissensproduktionen und Erfahrungen kennenzulernen eine Offenbarung für mich waren, Welt begreifen.

Ich musste lernen, dass es nicht (nur) die Widerstände von außen waren, die in mir Frustration auslösten, Verzweiflung, Wut und Trauer, nicht (nur) die Abwehr, die mir und anderen begegnet, nicht (nur) das gewaltvolle Zurückdrängen meiner Perspektiven und nicht (nur) die Gewalt und Diskriminierung, die andere und ich erfahren, sondern (auch) mein Unbehagen mit Widersprüchen. Die sich besonders dann für mich sehr schmerzhaft zeigten, wenn ich das Gefühl hatte oder den unbedingten Willen, all das, was mich und andere von außen her zurichtet, könnte – ja müsste – irgendwann aufhören.

Eigene Komfortzonen als Bedrohung für andere

Ich musste lernen, wie dieses „von außen“ niemals nur ein einziges „von außen“ ist, in dem ich immer Teil des Inneren bin. Wie mein geschützter Raum eine Bedrohung für andere sein kann, ein invasives, gewaltvolles Außen, das genauso diese Gefühle auslösen kann – auch bei mir. Es half mir, einen Umgang mit diesen Widersprüchen zu finden, indem ich sie zugelassen habe und mir meine Verantwortung in diesen Widersprüchen klar gemacht habe. Dass es eben Halt in Form eines geschützten Inneren niemals geben kann. Ich bin nicht mehr auf der Suche nach einem Platz für mich, nach genau diesem einzigen Ort, an dem ich mich sicher fühle.

Ich gebe Gewissheiten und Selbstverständlichkeiten auf und ab, gehe Risiken ein, nehme Ungewissheiten in Kauf, erwarte Widersprüche und Rückschläge, wo ich sie noch nicht wahrnehmen kann. Es gilt zu hüpfen, zu stolpern, zu stoppen, zu rasten, zu fliehen, zu fallen, wieder und immer wieder von Neuem. Scheitern als Motivation weiter zu handeln, selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen. Dass mich deshalb und trotzdem, seither und noch immer Menschen begleiten, die mir Vertrauen und Liebe schenken, gibt mir Halt in meinem (politischen) Sein. Feminismus? Ist vielleicht genau_auch das.

Was mir Feminismus gebracht hat? All diese Dinge in ihrer Gleichzeitigkeit wahrnehmen zu können: Liebe, Leidenschaft, Wut, Frust, Leichtigkeit, Trauer, Verzweiflung, Außer sich sein, Genugtuung, Zufriedenheit, Gelassenheit, Schwere, Überflutung, Ausgefüllt sein, Verbundenheit, Re_Traumatisierung, Beziehungen, Vertrauen, Nähe, Tiefe, Erschütterungen, Empowerment, Zuneigung, Fantasien, Schmerz, Utopien, Kreativität, Geborgenheit, Scheitern, Unterstützung, Loyalität, Leere, Stärke, Veränderung, Spaß, Humor, Glück, Brüche, Selbstbestimmung, Verletzungen, Zusammenhalt, Differenzen, Zugewandtheit, Mut, Kritik.


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Feministische Politik ist mehr als Kosmetik

6. November 2013 von Maria

Im Moment verhandelt die zukünftige Große Koalition darüber, wie eine Frauenquote für Aufsichtsräte aussehen könnte oder ob man Veränderungen beim Elterngeld beschließt. Feministische Wissenschaftlerinnen fordern in einem aktuellen Aufruf (PDF) einen Blick auf die breiteren gesellschaftlichen Zusammenhänge von Ungleichheit und Ausgrenzung. Sie stellen fest: „Die Gleichstellungspolitik der letzten Jahre hat sich hingegen weitgehend auf kosmetische Korrekturen beschränkt. Der emanzipatorische Gehalt feministischer Kritik muss deshalb wieder neu erstritten werden!“

In dem Aufruf, der sich als offener Brief an Politiker_innen richtet, wenden sich die Autorinnen unter anderem gegen Prekarisierung der Arbeitswelt, die vielfachen Benachteiligungen von Menschen mit Sorgearbeit und eine rassistische Migrationspolitik. Der sehr lesenswerte Aufruf formuliert einen Anspruch an das Zusammenleben in einer „globalisierten Gesellschaft“ und stellt fest, dass die Politik „bei den sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Rechten aller Menschen“ ansetzen muss. Die Autorinnen wollen die feministische Debatte neu entfachen und laden deshalb Menschen aller Geschlechter auf, ihren Aufruf mitzuzeichnen. Hierfür genügt eine E-Mail an feministische_initiative@gmx.de


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Hallo, ich bin Eva, bitte nehmt Platz – Die Blogschau

12. Oktober 2013 von Sabine
Dieser Text ist Teil 220 von 242 der Serie Die Blogschau

Wenn wir barrierefrei lesen, an was denken wir? Ein wichtiger Text über Barrierefreiheit mit Barrieren. Besonders empfehlenswert auch für diejenigen, die Veranstaltungen organisieren, planen, durchführen.

Wie viel Zeit bleibt in aktivistischen Kontexten für das Selbst und die Selbstfürsorge? Ist die Unterscheidung „Aktivismus oder Selbstfürsorge“ nicht auch schon ein Privileg? Wer kann, und aus welcher Position heraus ein “oder” setzen?

„Metal feiert Nonkonformität. (…) Gothic, wo die Abgrenzung zur Gesellschaft auf eher stille Art zelebriert wird, durch Rückzug und Verweigerung, ist Metal offensiver, geht mehr in die offene Rebellion, und ist von seiner Haltung her oft positiver“ schreibt Ryuu über ihren Musikgeschmack, und warum Metal für sie – trotz berechtigter Kritik – empowerend ist.  (In eigener Sache: mehr Musiktexte!)

International Queer Art + Activism ist das Juli-Thema, die siebte Ausgabe des Germany Zine ist da.

Die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder will immer noch Wahlfreiheit, kein Witz.

„Aber du hättest ja was sagen können“ Bäumchen über raumeinnehmende Kommunikation und das Gefühl des Platz machens. “Platz machen im eigenen Leben für andere Menschen und ihre Möglichkeiten“.

„Wenn ich keine Termine hatte, konnte ich morgens nicht aufstehen. Ich hatte Angst vor der Arbeit. Ich hab morgens in der S-Bahn geheult, und dann kurz vor der Ankunft schnell versucht, alle Spuren davon zu beseitigen.“ Hallo, ich bin Eva und bin depressiv“ beziehungsweise *war* depressiv.

Warum verbringen Menschen eigentlich Stunden, Wochen, ja, Monate damit Serien begeistert zu verfolgen, auch wenn ihr Inhalt manchmal ärgerlich ist und die Logik dessen mangelhaft ist? Heiter Scheitern hat einen Podcast dazu gemacht (inkl. Rechercheaufgabe: es hat etwas mit Feigen zu tun).

Lilja reist gerne innerhalb Europas. In ihrem Blog hat sie ihre sieben Tipps für reisende Frauen* festgehalten.

Vom feministischen Tweet zur Hasskampagne. Ein Paradebeispiel aufgeschrieben und erlebt von Anna Zschokke.

 

Für eine bessere Vernetzung der feministischen Blogosphäre listen wir jede Woche auf, was unsere Kolleg_innen über die Woche so melden und tun. Haben wir etwas vergessen oder übersehen? Kennen wir dein brilliantes Blog etwa noch gar nicht? Dann sag uns bitte Bescheid!


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