Einträge mit dem Tag ‘Antipsychiatrie’


„Innerhalb des psychiatrischen Systems kann es keine echte Emanzipation geben“

4. Mai 2017 von Nadine

Peet Thesing ist Kulturwissenschaftlerin, Wendotrainerin für feministische Selbstverteidigung und Selbstbehauptung und Aktivistin. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Psychiatrie, der Konstruktion von psychischen Krankheitsbildern und feministischen Widerstandsstrategien. Im März erschien ihr Buch über feministische Psychiatriekritik im Unrast Verlag. Wir sprachen mit Peet über Anerkennung von Leid und Diagnosen und Alternativen zu Therapie und Psychiatrie.

Wer in dieser Gesellschaft welche Diagnose bekommt und wessen Situation und Verfassung medizinisch anerkannt wird, wird durch gesellschaftliche Machtverhältnisse und Diskriminierung bestimmt. Einerseits sind viele von uns permanenter Psycho_Pathologisierung ausgesetzt, andererseits werden bestimmte Wahrnehmungen, Verfassungen und Lebenssituationen von Mediziner_innen nicht ernst genommen. Braucht es diskriminierungssensible / machtkritische Diagnostik oder lehnst du psychiatrische Diagnosestellungen gänzlich ab?

Innerhalb des psychiatrischen Systems kann es keine echte Emanzipation geben, da immer zwischen den Gesunden und Kranken unterschieden wird und Vorstellungen von psychischer Normalität geschaffen werden. Die Verschiebung dieser Grenze verändert nicht die Problematik der Grenze. Im Gegenteil, Diagnostik die sich machtkritisch nennt, versteckt, wie sehr Psychiatrie und ihr System zu Aufrechterhaltung ebendieser Strukturen beiträgt, die Menschen verletzen, diskriminieren und ausschließen. Ich verstehe den Wunsch danach, denn wir müssen in dem System klar kommen in dem wir leben – aber den psychiatrischen Zugriff noch mehr ausweiten ist nicht die Lösung.

Feministische Psychiatriekritik kann sehr herausfordernd sein, auch weil (diskriminierungssensible) Hilfs- und Unterstützungsangebote außerhalb des psychiatrischen und psychotherapeutischen Komplexes rar und/oder für viele finanziell nicht möglich sind. Braucht es überhaupt medizinische, psychiatrische und psychotherapeutische Ansätze zum Umgang mit Belastung, Leid, Schmerz und Gewaltfolgen? Welche Alternativen hält die feministische Psychiatriekritik bereit?

Ich würde grundsätzlich einfach die Annahme in Frage stellen, dass in der Psychiatrie um Hilfe geht. Heute wie auch historisch wird Gewalt und Ausschluss ist argumentiert mit „Es ist zu deinem Besten.“ Natürlich ist in der Welt in der wir leben individuell der Rückgriff auf therapeutische Unterstützung oft nötig, weil es zu wenig alternative Strukturen gibt. Wir brauchen vor allem gesellschaftliche Konzepte zum Umgang mit Gewalt und ihren Folgen, zum Umgang mit Schmerz, Leid und Krisen. Wie reden wir miteinander? Wie wohnen wir? Wie unterstützen wir Freund_innen? Die Menschen mit denen wir politisch arbeiten? Es gibt den Trend statt in Gruppen in unverbindlichen, losen Zusammenhängen politisch zu arbeiten. Das wirkt erstmal offener und zugänglicher. Gleichzeitig werden so keine konstanten Strukturen geschaffen, und Einzelpersonen können sich in Krisen nur schwer begleiten. Communities, die dann nicht überfordert sein oder Krisen, Leid und Schmerz auslagern wollen, brauchen ein gewisses Maß an Commitment.

Auf der Umschlagsseite zu deinem Buch schreibst du, dass Psychiatriekritik aus dem Blickfeld feministischer Aktivist_innen verschwunden ist. Warum glaubst du, ist das so? Stand das Thema irgendwann auf der Agenda und wenn ja, welche Interventions- und Widerstandsformen gab es?

In den 80ern ist einiges an feministischer-psychiatriekritischer Literatur erschienen. Vor allem ging es um die grundpatriarchale Konstruktion von Frauen als verrückt, um Rebellion und patriarchale Gewalt. „Frauen, das verrückte Geschlecht“, „Krankheit Frau“ und „Frauenfalle Psychiatrie“ sind nur einige Beispiele, oder Kate Milletts „Klapsmühlentrip“. Psychiatrie wurde als Dienstleisterin von Kapitalismus und Patriarchat betrachtet. Es wurden Frauenzentren geschaffen, Unterstützungsangebote für Frauen erkämpft. Diese gibt es heute nicht mehr in dem Umfang. Und in queeren und feministischen Szenen ist es nicht mehr im gleichen Maße üblich, konkrete Räumlichkeiten in der Öffentlichkeit zu erkämpfen, neue Institutionen zu schaffen. Es wird sich zu sehr um sich selbst gedreht. Psychiatrie, das betrifft nur die anderen. Therapie, ja, Medikamente auch, mal eine psychosomatische Klinik. Aber über psychiatrische Gewalt wird nicht geredet, geschweige denn Flugblätter geschrieben und Psychiatrien blockiert. Ich glaube, es gibt zu wenig Bewusstsein über die eigene Wirkmächtigkeit und zu viel Abfinden mit den Bedingungen in denen wir Leben. Veränderung braucht die Bereitschaft, gewohnte Denkmodelle loszulassen und Hoffnung zu haben, dass es anders werden kann.

Seit einiger Zeit setzen sich feministische Aktivist_innen vermehrt für die Anerkennung sogenannter psychischer Krankheiten als Behinderung ein, auch um auf Barrieren innerhalb linker / feministischer Communities und Leerstellen aktivistischer Widerstandsformen aufmerksam zu machen. Was hältst du von der Strategie?

Auch hier würde ich sagen: Ich verstehe den Impuls, aber ich will nicht Anerkennung vom Patriarchat oder den rassistischen und kapitalistischen Strukturen, sondern die Auflösung von eben diesen. Das ist einfach ein grundlegend anderer Ansatz. Klar, manchmal ist pragmatische Politik notwendig, aus finanziellen Gründen zum Beispiel. Aber das sagt nicht, dass meine politische Zielsetzung nicht eine andere sein kann. Ich will mich nicht abfinden mit einem scheinbar verbesserten Status quo.

In manchen identitätspolitischen Ansätzen werden sogenannte psychische Krankheiten nicht nur als Folge von Diskriminierung und Gewalt, sondern als Teil der körperlichen und biochemischen Konstitution der jeweiligen Person definiert. Nach diesem Ansatz gibt es „neurotypische“ und „neurodiverse“ bzw. nicht-behinderte und behinderte Menschen…

Das soziale Modell von Behinderung als behindert werden durch die Gesellschaft war ein wichtiger Erkenntnisschritt. Durch die Idee eines neurotypischen oder „normalen“ Gehirns wird sich auf ganz dünnes Eis begeben und diese Erkenntnisse vernachlässigt. Ein Gehirn ist keine biologische Konstante. Unsere Erfahrungen verändern das Gehirn. Was soll ein neurotypisches Gehirn sein? Und wo bleibt die Gesellschaftskritik, die dies in Frage stellt und nicht nur Anerkennung von einem kaputtmachendem System sucht? Was ist das Ziel dieser Bewegung, die Neurodiversität quasi auf sämtliche nicht-konforme Formen von psychischen Zuständen ausweitet? Anerkennung von einem System, das aussondert? Ich glaube nicht, dass dadurch die Verhältnisse grundlegend verändert werden können.

Dem eigenen Nicht-Funktionieren oder der Nicht-Erfüllung eigener und Erwartungen anderer wird manchmal mit Selbstpathologisierung begegnet. „ich bin … / ich habe …, also kann ich … nicht tun.“ Es scheint, als ob die Erklärung bzw. Offenbarung eines Krankheitszustandes ein effektiver Weg ist, sich gesellschaftlichen Annahmen über Leistungsfähigkeit, Gesundheit und soziale Interaktion zu widersetzen. Warum plädierst du dennoch dafür, mehr darüber in Austausch zu gehen, was eine_r nicht will, statt was eine_r nicht kann?

Wenn ich nur darüber rede, was ich kann oder nicht, aus welchen Gründen auch immer, rede ich nicht mehr darüber was ich will. Diese Gesellschaft treibt uns das wollen so sehr aus, gerade Frauen und auch viele trans Personen lernen, dass sie nichts wollen dürfen. Veränderung werden erkämpft in dem eine_r mehr will, anderes bewusst ablehnt, nicht durch die Wiederholung des Glaubens an eigenes Nichtkönnen. Das soll überhaupt nicht heißen, dass es nicht manchmal Sachen gibt die nicht gehen, möglich sind, einfach auch strukturell. Es geht mir nicht um persönliche Allmachtsfantasien in dem Glauben an absolute Autonomie. Es geht mir um eine politische Strategie, in der es Träume und Handlungsmöglichkeiten gibt. In der gerade Frauen und trans Personen sich als selbstwirksam erfahren können und in denen es den Hunger nach mehr gibt. Nach mehr vom guten Leben. Nicht nur das bisschen, was einer_m angeboten wird.


Facebook | |


Andere Perspektiven auf den Muttertag, Kritiken an kultureller Aneignung und aufwühlende Transitionserfahrungen – die Blogschau

16. Mai 2015 von Nadine
Dieser Text ist Teil 278 von 295 der Serie Die Blogschau

Anna Dushime schreibt auf Buzzfeed, was es bedeutet, den eigenen Vater im Völkermord zu verlieren. Er wurde 1994 Opfer des Genozids an den Tutsi in Rwanda.

Auf nopsyko findet ihr einen kurzen Informationstext zur Anforderung und Einsichtnahme in die Behandlungsakten von vergangenen Psychiatrieaufenthalten.

Antipsychiatrische und pathologisierungskritische Perspektiven auf einem Vortrag und in einem Workshop? Steinmädchen ist buchbar!

Vergangene Woche war „Muttertag“. Schwarzrund ruft zum Feiern der Leerstelle auf, Maja Schwarz findet, dass die Muttertagsfrage ein Minenfeld ist und beim Gemischtwahnlädchen geht es um Tod und Verlust.

Auf umstandslos schreibt Anna Lisa über das Fotografieren von Kindern, die entweder während einer Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt verstorben sind.

Angela Davis und Gina Dent sind derzeit in Berlin zu Gast, sprachen mit Aktivist_innen u.a. über den aktuellen Stand der Geflüchtetenproteste. Auf Schwarzrund gibt es einen Bericht zu einem Community-Workshop in der Werkstatt der Kulturen, an dem Davis und Dent teilgenommen haben.

Auf dem Blog des Berliner Theatertreffens sprechen fünf Kulturschaffende über Interventionen in rassistische Strukturen des deutschen Theaters.

Mode und Selbstdarstellung als Empowerment-Tools ist Thema bei Les Flâneurs.

Riot Trrrans* schreibt über seine Transitionserfahrungen der letzten Jahre und fragt sich, warum es vor allem für andere so schwer bleibt, Selbstbestimmung anzuerkennen.

In Frage stellen: Musik beschäftigt sich dieses Mal mit musik_kulturellen Aneignungen, welche Dimensionen Aneignungshandlungen haben können, welche Kritiken und Interventionsmöglichkeiten es gibt.

Habt ihr diese Woche etwas geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Regelmäßig verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


Facebook | |


Podcasts, Texte zu Rassismus und Hartz Fear – die Blogschau

24. Januar 2015 von Nadia
Dieser Text ist Teil 269 von 295 der Serie Die Blogschau

Trollbar veröffentlichte eine eindrückliche Schilderung, die die Entwicklung von Rassismus in Zeiten von Pegida in Dresden beschreibt: „Der Rassismus in Dresden wird lauter und schlimmer. Und kaum jemand tut etwas dagegen.“

Außerdem gab es viele sehr lesenswerte Artikel die sich unter dem Eindruck der Folgen der Charlie Hebdo-Attentate mit den diversen Folgen befassten: Unter anderem ging es um die „Fetischisierung von Meinungsfreiheit“, um einen Büchertisch einer bekannten Buchhandlungskette, der Islam-Expertise suggeriert aber nur Klischees reproduziert, um antimuslimischen Rassismus, und dann gab es noch einen lesenswerten Rant.

Identitätskritik stellt zwei neue Blogs zu Antipsychiatrie und Psychiatrieerfahrung vor.

Auf Hannahs Blog gibt es einen Verweis auf ihr neues Projekt: Den Viele Sein-Podcast. Und auch bei heiter scheitern gibt es einen neuen Podcast.

Im NSU-Prozess ging es unlängst um das Nagelbombenattentat; im Lotta Magazin wird dazu die Initiative „Keupstraße ist überall“ vorgestellt.

Auf Der keine Unterschied schrieb die Tugendfurie über Armut, Angst und Aufstiegslügen, und auch Hannah teilte nochmal einen Snapshot zu Hartz IV.

Manspreading ist ein weit verbreitetes Phänomen – ebenso weit verbreitet, aber kaum thematisiert: Bildungsbürger_innen-Spreading, analysiert von Clara Rosa.

Inspiriert vom Rookie-Magazin gibt es jetzt ein tolles neues Format: Das Hildegard-Magazin!

Habt ihr diese Woche was geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Jede Woche verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


Facebook | |



Anzeige