Spuren ins Jetzt: Hedwig Dohm – eine Biografie

von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 47 von 118 der Serie Die Feministische Bibliothek

Maike Landwehr, 1983 geboren und alleinerziehenderweise vom Vater großgezogen, erkannte schon früh die einengenden Logiken von Geschlechterrollen. Auf die Verweigerung mit Puppen zu spielen und sich “niedlich” anzuziehen, folgte schließlich ein Studium in Hamburg, bei dem sie sich mit Männerphantasien und Frauenbildern in Geschichte und Literatur beschäftigt hat. Maike wird uns heute die Hedwig Dohm Biographie „Spuren ins Jetzt“ von Isabel Rohner vorstellen.

Die Frage „Wer war eigentlich Hedwig Dohm?“ ist hier schon einmal beantwortet worden. Diese Frage widmet sich auch die aktuelle Biographie der Literaturwissenschaftlerin und Mitherausgeberin der „Edition Hedwig Dohm„, Isabel Rohner.

Zu Recht verdient Rohner den Preis für die erste wirkliche Biographie über Hedwig Dohm, denn sie lässt sich nicht dazu hinreißen, das fiktive Werk einer Radikalen der ersten deutschen Frauenbewegung mit dem Leben der Person Dohm zu verwechseln und zu vermengen. Das erfreuliche Ergebnis ist eine kenntnisreiche Annäherung an eine faszinierende Frau, die als eine der Ersten bereits 1873 für die totale politische Gleichstellung der Frau eintrat und vehement aktives und passives Wahlrecht für sich und ihre Geschlechtsgenossinnen forderte.

Darüber hinaus sah sie die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frauen als notwendig an, da sie ansonsten niemals frei vom Mann als Versorger sein würden. Welche Rechte auch immer sie erkämpften, sie blieben lediglich Stückwerk, da die Grundvoraussetzung wahrer Gleichheit eine unbedingte materielle Eigenständigkeit sein müsse. Ihr Werk ist bestimmt von dieser Erkenntnis: Sowohl in ihren wissenschaftlichen Essays als auch in ihren Romanen und Erzählungen geht es um die Emanzipation der Frau weg von der Gefangenschaft in der Rolle als Ehefrau und (Nur-)Mutter hin zu einer selbständigen Frau, die sich ihrer geistigen und körperlichen Fähigkeiten bewußt ist und diese beruflich wie privat für sich zu nutzen weiß.

Rohner gelingt es, das Dohm-Bild, das bis heute in weiten Teilen der Forschung vorherrscht, gerade zu rücken, biographische Lücken zu schließen, gleichzeitig jedoch auch neue aufzuzeigen. Denn vieles, was als „Tatsache“ über die Autorin gehandelt worden ist, sind Fehldeutungen, die aus der fatalen Gleichsetzung des Lebens der Autorin mit ihrem Erzählwerk resultieren. Rohner hat sich bereits in ihrer bedauerlicherweise vergriffenen Dissertation („In litteris veritas. Hedwig Dohm und die Problematik der fiktiven Biographie“) mit diesem in der Frauenforschung nicht unbekannten Problem auseinandergesetzt und setzt mit der Biographie diese Arbeit adäquat fort. Aus Briefwechseln, Dokumenten der Töchter und des Ehemannes erschafft sie ein ganz neues Bild der angeblich so publikumsscheuen und zurückgezogenen Frauenrechtsaktivistin. Weder Hedwig Dohm selbst noch ihre Verwandten und Freunde sahen die Notwendigkeit einer Bewahrung und Archivierung ihres Schaffens. Daher erfreut es um so mehr, wie viel Rohner doch aus verstreuten Archiven, von verstaubten Dachböden und über etliche Querverbindungen zusammentragen und herausfinden konnte. Rohner versteht es, aus den wenigen vorhandenen Quellen das Leben einer Frau zu rekonstruieren, die nicht nur wichtiger Teil der Frauenbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts war, sondern auch eine nicht zu unterschätzende Rolle in den deutsch-jüdischen Berliner Salons spielte. Eine Frau, die mit ihren Schriften provozierte, aneckte und begeisterte.

Das Ganze tat sie in einer Sprache, die mal vor Ironie trieft, die häufig bild- und beispielreich ist und scharfsichtig-analytisch Wahrheiten zutage fördert, die ganze Weltbilder (angefangen beim androzentrischen) zerstören können. Besonders die sogenannte „Natur“ der Frau (von den Antifeministen ihrer Zeit gern der angeblichen „Kultur“ des Mannes entgegengesetzt) war ihr ein Ärgernis. Sie setzte sich in ihren Texten quasi-dialogisch mit bekannten Medizinern ihrer Zeit auseinander, wie etwa Paul Julius Möbius mit seiner Abhandlung „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“. Auch das Frauenbild des von ihr eigentlich verehrten Philosophen Friedrich Nietzsche nahm sie Schritt für Schritt auseinander und führte es ad absurdum, indem sie die Widersprüche in dem Begriff „Weib“ mit Polemik und intelligentem Esprit als das entlarvte, was er ist: ein Konstrukt. Ein Konstrukt, das allein zur Unterdrückung der Frau diente. Eine „natürliche“ Verschiedenheit der Geschlechter gebe es nicht und auch der Mann sei schließlich ein gesellschaftlich geprägtes Rollenbild. Und so kann eines ihrer bekanntesten Zitate heute noch höchste Aktualität für sich beanspruchen: „Die Menschenrechte haben kein Geschlecht“.

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Eintrag geschrieben: Dienstag, 19. Oktober 2010 um 10:08 Uhr unter Inspiration, Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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Ein Kommentar

  1. Thomas sagt:

    „mit Männerphantasien und Frauenbildern in Geschichte und Literatur beschäftigt hat.“

    Also hierzu passen ja diese Passagen ganz hervorragend, die sich nahtlos in das Kapitel „Mythos Frau“ von Simone de Beauvoir einpasst :

    „Am 10.7.1909 veröffentlicht er (Groddeck) – brisanterweise in der „Zukunft“ – den Aufsatz „Die Frau“. Seine Thesen spiegeln die Misogynie der Jahrhundertwende :

    1. Die Frau besitzt keine Persönlichkeit und ist darum unfähig, etwas zu schaffen. (kommt mir bekannt vor..)
    2. statt einer Persönlichkeit besitzt sie eine „Gottnatur“ und ist etwas „unnennbar Heiliges“.
    3. Während ihrer Menstruation leidet sie am „periodischen Raptus“ und ist gänzlich „intellektuell unzurechnungsfähig“. (kommt mir ebenfalls bekannt vor..)
    Für die Polemikerin Hedwig Dohm ist diese Meinung Goddecks natürlich eine Steilvorlage.“ (S.117).

    Die Herkunft des „Kladderadatsch“ als 1848 gegründete Satirezeitschrift ist m.E. interessant.

    Lachen musste ich auf S.112, als ich von Hedwig Dohms Unterteilungen der Antifeministen las, u.a. die Begrifflichkeit „Maskulinisten“ und insbesondere „Radauantifeministen“.

    Das Zitat „Männermachen die Götter und Frauen beten sie an“ findet hier auch eine thematisierte Parallele :

    „Nur in einem gibt sie Nietzsche voll und ganz recht : Der Mann macht sich ein Bild vom Weibe und das Weib bildet sich nach diesem Bilde. „Wie wahr, wie wahr“, lautet ihre Antwort und als Leserin hört man förmlich das Seufzen.“ (S.114)

    Erschreckend finde ich den damaligen bereits fast „normal“ gelebten Antisemitismus :

    “Bis 1871 trennen hier Mauern das Ghetto vom Rest der Stadt. Die Eingangspforten werden abends von außen verschlossen, so dass kein Jude das Ghetto verlassen kann.” (ebd., S.42).

    Und auch dieser Umstand ist eindeutig :

    » … Louise Otto gegründeten Vereine werden aufgrund der preußischen Vereinsgesetze von 1851 eingestampft: Frauen, Schülern und Lehrlingen wird die Mitgliedschaft in poltischen Vereinen untersagt und und auch in olitischen Versammlungen dürfen sie von nun an gesetzlich nicht mehr teilnehmen. Kein Wunder also, dass die aufkeimende Frauenbewegung in Deutschland verstummt – sie wird durch eigens für sie formulierte Gesetze im Keim erstickt.« (ebd., S. 63)

    Auch ihr einsames pazifistisches Wirken 1914 auf S. fand ich bemerkenswert (S.126).

    Als Vision?

    „Auch für Technik und neue techn. Errungenschaften als Voraussetzung für soziale Veränderungen interessiert sich Dohm stark. Sie sieht darin eine große Chance für die Zukunft, vor allem für die Frauen. In ihrer Vorstellung werden die späteren Generationen in großen Wohnhäusern zusammenleben, pädagogisch geschulte Erzieherinnen und Erzieher kümmern sich um die Kinder, professionelles Küchenpersonal ist für das Kochen zuständig. Die Hausarbeit – bislang ein Berufshindernis für Frauen – würde bald völlig professionalisiert und aus dem Privatleben verbannt sein. (ein Dauerstreitthema wäre gelöst).“ (S.124)

    http://www.dubai-infoguide.de/ziggurat.htm
    http://www.g-o.de/dossier-detail-131-16.html