Arsch hoch gegen Masern

von Anna-Sarah

Ich radele jetzt öfter an den Plakaten für die aktuelle Impfkampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) vorbei und muss schon sagen, Respekt: Ein kontroverses Thema wie die Masernschutzimpfung irgendwie sexy aufzubereiten, das muss man ja auch erstmal schaffen. Das ist echt eine Herausforderung, und da hab ich auch Verständnis, dass man natürlich nicht an alle(s) auf einmal denken kann und sich der Handlichkeit halber erstmal auf die Bedienung des male gaze beschränkt (wobei, so ein Typ* mit Waschmaschine, das ist doch für die moderne Heterofrau als solche auch ein ziemlich heißer Anblick, oder nicht?, haha).

Klar, das kann natürlich auch mal wieder total Zufall sein.  Reiner Zufall, dass auch diese Kampagne mit offensichtlich eher jungen, wahrscheinlich weißen, konventionell attraktiven Menschen wirbt. Und reiner Zufall, dass der Mensch, der offensichtlich einen Mann* darstellen soll, auf dem einen Motiv in einer ziemlich organischen, neutralen Ich-krabbel-suchend-auf-dem-Boden-rum-Haltung abgebildet ist, während der andere Mensch, der offensichtlich eine Frau* darstellen soll, just in dem Moment fotografiert wurde, in dem sie unter einem dermaßen niedrigen Möbel zugange ist, dass ihr Hintern eine im wörtlichen Sinne herausgehobene Rolle auf diesem Bild bekommt, während der eine Fuß  derweil anmutig und ein wenig hilflos in der Luft flattert – man könnte ja fast so weit gehen, sich vage an Pin-Up-Inszenierungen erinnert zu fühlen… (Und jetzt komme mensch mir bitte nicht mit naseweisen „Ha, ertappt, für dich ist wohl jede Person im Rock automatisch ’ne Frau?!“-Entgegnungen, ich denke, inzwischen ist genug über die übliche Darstellung von Geschlechtsperformance bekannt, um unterstellen zu dürfen, dass Kampagnen wie diese hier im allgemeinen eher normativ daher kommen).

Ich mein, man muss bedenken, so eine Werbekampagne wird ja in der Regel mehr oder weniger random zwischen Tür und Angel zusammengekloppt, da kann es natürlich schonmal sein, dass man sich nicht bei jedem Detail was gedacht hat. Aber im unwahrscheinlichen Fall, dass doch, will ich glaub ich gar nicht so genau wissen, was.




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Eintrag geschrieben: Montag, 22. Oktober 2012 um 15:00 Uhr unter Medienkritik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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23 Kommentare

  1. Magda sagt:

    … und es ist auch farblich geschlechtlich kodiert: rot und blau (oder türkis?).

  2. leserin sagt:

    Genau dieses Plakat ist mir auch schon unangenehm aufgefallen und sprechen wir es offen aus: es ist sexuell aufreizend und das mit voller Absicht.

    Erinnerte mich sehr stark an eine Kontaktlinsen-Kampagen vor ca. 10 Jahren, wo ein nackter(!) Frauenhintern aus dem Schaum eines Wannenvollbades herausragte. Der Oberkörper suchte etwas unter Wasser.

    Damals schrieb ich an den deutschen Werberat, der mir jedoch beschied, dies sei nicht frauenverachtend und nicht entwürdigend.

    Man kann nur hoffen, dass es genug Beschwerdeschreiben gibt. Bedenkt man auch die Tatsache, dass Kinder gegen Masern geimpft werden sollen.

  3. Sehr passend (zur sexistischen Darstellung) auch, dass die Frau unterm Bett sucht und der Mann unterm/hinterm Sofa. Warum sucht sie nicht gleich in der Küche? Da kennt sie sich ja eh am besten aus…

  4. Andreea sagt:

    Wie bitte?! Das ist eine Werbekampagnie für Impfungen?? WTF?

  5. kr sagt:

    Mir ist diese Werbung auch schon (negativ) aufgefallen. Die Körperhaltung der Frau ist völlig unnatürlich. Welche Frau kann ihren Rücken dermaßen abknicken?! Wenn ich was unter nem Bett suche, leg ich mich der Länge nach auf den Boden und mach das nicht in einer so dämlichen und ungesunden Haltung. Da haben die WerberInnen wohl zu viel an Barbies gedacht; die sind von den Proportionen etc. auch fernab jeglicher Realität!

  6. illith sagt:

    @leserin: ebendiese werbekampagne hatte ich damals auch beim werberat gemeldet (zu der zit schrieb ich grade mein diplom zum thema sexistische werbung) – aber da die ja so offensichtlich so humoristisch gemeint gewesen ist, war das fruchtlos.

  7. franca sagt:

    vielleicht sollte dem werberat mal eine_r mitteilen, dass das gegenteil von sexistisch nicht humoristisch ist und umgekehrt… so als semantischer grundkurs für absolute beginners.

  8. Dani sagt:

    Beim ersten Anblick fand ichs krass. Später kam mir der Gedanke, ob ich vielleicht übertreibe. Sieht es doch recht ästhetisch aus (ich meine das gesamte Design, die Wohnung, das Outfit usw.).

    Und dann dachte ich mir wieder, wtf, nee! Wer sucht denn so? Wenn ich etwas unter meinem Bett suche, sehe ich aus wie ein plattgequetschtes Insekt, kein Mensch drückt dabei den Rücken durch und den Hintern nach oben. Ich möchte mal stark bezweifeln, dass ein Mensch so überhaupt genug Halt und Bewegungsfreiheit hat, um unter nem Bett etwas zu finden. Dermaßen unrealistisch. Dass das Ganze von der BZgA kommt, macht es noch schlimmer. Mir scheint es so, als wäre sich da um ein besonders „frisches und hippes“ „Publikum“ bemüht werden sollte.

  9. Angelika sagt:

    boah-äh, sexistisch u n d sexualisiert gegendert – um nen impfpass zu suchen … ich hab hirn-schluckauf *grusel*
    ausserdem : da wird menschen dann m.E. auch noch unterstellt, dass nen impfpass (ein dokument ?) mal so eben unters bett / unters sofa „gefallen“ ist ? assoziation/en …
    und falls „wir“ uns dann beim werberat beschweren, kommt wieder nur (immer wieder nur) irgendein standard-formal-blabla.
    macht ja nix, kostet nur unser aller steuergelder oderso.
    und so bleibt das system des sexismus erhalten.

  10. die idee mit dem „suchen unter möbelstücken“ find ich ganz gut, denn das dokument „impfpass“ ist tatsächlich nicht sonderlich präsent (meine subjektive erfahrung, wobei ich sogar weiß, wo meiner ist)
    … aber die darstellung von „männlein“ und „weiblein“ ist allerdings mal wieder *gähn* … nicht zu vergessen die aparte farbwahl: „pinki“ versus „blau/türkis“. das schlimme ist, dass es sofort funktioniert: ich zumindest assozierte sofort: links = frau und rechts = mann (mehr gibts ja eh nicht ). krass, wie tief diese mechanismen verinnerlicht sind.

  11. Tina. sagt:

    Impfen wird nicht kontrovers diskutiert, die Vorteile für uns alle sind seit Jahren belegt. Impfgegnern so unreflektiert ein Forum zu bieten macht für mich den ansonsten guten Artikel kaputt und da muss ich mich leider noch mehr drüber aufregen als über die Plakate.
    Masern können tödlich verlaufen, es kann zu Lungenentzündung oder Hirnhautentzündung kommen und das perfide an Masern ist SSPE, eine Hirnentzündung, die erst einige Jahre nach der überstandenen Erkrankung auftritt.

  12. Anna-Sarah sagt:

    @Tina: Impfen wird durchaus kontrovers diskutiert, auch die Masernschutzimpfung – ob du alle Argumente in dieser Debatte für nachvollziehbar hältst oder nicht, ändert nichts dran, dass sie geführt wird. Ich denke nicht, dass ich hier Impfgegnern ein Forum biete, wenn ich einen Artikel verlinke, der nicht gegen Impfungen argumentiert, sondern in erster Linie einfach den Diskurs beschreibt.

  13. Blaubart sagt:

    @Anna-Sarah

    der Artiekl ist von zumindest mitgeschrieben worden und dieser ist ein religiös überzeugter Impfgegner der in der Szene sehr aktiv ist (z.B. über den auch in der dem Artikel genannten Verein Ärzte für eine individuelle Impfentscheidung).
    Das wäre niciht weiter wild, wäre der Artikel nicht argumentativ streng einseitig und würde nicht die angeblichen Nachteile einer Impfung so betonen.

    Ich kann mich der Kritik von Tina daher nur anschließen, neutral ist definitv was anderes.

  14. Blaubart sagt:

    Bitte entschuldigt die Tippfehler, das war nicht gut.

    Nachtrag:
    Der Mabuse Verlag selber, in dem die zitierte Zeitschrift erscheint, hat mindestens enge Verbindungen zu religiösen Impfgegner_innen. Wenn ich mir die dort veröffentlichen Bücher so ansehe sind da einige drunter die in diese Kategorie rein fallen bzw. damit in Verbindung stehen.
    Das bestärkt meine Meinung das es sich bei dem Artikel eben doch explizit um eine Arbeit handelt die die Position von Impfgegner_innen stärken soll. Darauf deutet allein schon wer diesen Artikel so alles als Quelle angibt.

    Bitte entschuldigt das Abweichen vom Thema, aber die Behauptung von Anna-Sarah über den Artikel ist einfach unwahr.

  15. Anna-Sarah sagt:

    @Blaubart: Danke für deine Ergänzungen. Ich möchte hier jetzt nicht in eine Diskussion pro und contra Impfen einsteigen, auch nicht über die verschieden Protagonist_innen dieser Diskussion. Wie ich schon sagte: Es gibt diese Debatte, ob man sie nun sinnvoll findet oder nicht. Ich möchte sie an dieser Stelle aber nicht führen, dazu gibt es andere Orte (weswegen ich auch keine weiteren Kommentare freischalten werde, die sich ausschließlich auf die Impfdebatte beziehen). Wenn jemand eine Quelle kennt, die ihr oder ihm geeigneter erscheint, die Debatte zu illustrieren, als der von mir ohne jegliches Herzblut – weder für Impfgegner_innen noch für die STIKO – verlinkte Text, freue ich mich über einen Hinweis. Das eigentliche Thema dieses Posts ist aber ein anderes, ich bitte das bei weiteren Diskussionsbeiträgen zu berücksichtigen. Danke.

  16. Konrad sagt:

    Hm, ich hab den Artikel gelesen und habe mich 2 Sachen gefragt:
    1. Die Darstellung der Frau ist sexuell-aufreizend keine Frage, die des Mannes (in meinen Augen und ich bin überzeugt nicht nur in meinen) ebenfalls, wie er da kniet erinnert schon stark an die – auch von schwulen Männern praktizierte – „Doggy-Stellung“ (worauf auch durch den kleinen Hund angespielt wird?), finde ich aufjedenfall, als Bisexueller. Ich frage mich ob es nicht homo- und biphob ist so zu tun, als wäre der Typ nicht sexuell-aufreizend dargestellt, denn – und jetzt kommt der Clou – quasi so getan wird als gäbe es nicht genug homo- oder bisexuelle Männer, die das pPakat auch sexuell aufgeladen aufnehmen könnten, obwohl Statistiken eindeutig dagegen sprechen.
    2. Es wird argumentiert, diskriminierent an den Plakaten sei dass nur „weiße“ Menschen dargestellt werden. Da wäre mein Überlegung: Wären auf den Plakaten PoCs gewesen, hätte es dann nicht geheißen: „Ist mal wieder klar, Weiße sind intelligent und klug und wissen wo ihr Impfpass ist, die PoCs werden als dümmliche Wesen dargestellt die nicht wissen wo sie was hingetan haben!“ ???

  17. Mel sagt:

    Ich würd mal sagen Thema verfehlt, aber wundern sollte unds das heute auch nicht mehr, wird doch alles irgendwie aufreizend aufbereitet in der Hoffnung view zu sichern.

    An sich, eine gute Idee, aber zum thema wirklich unpassend meiner Meinug nach.

  18. Anna-Sarah sagt:

    @Konrad: Ich würde gar nicht bezweifeln wollen, dass es Leute gibt – ob Männer*, Frauen* oder andere – für die das Motiv mit dem Mann* (oder das andere aus der Kampagne) erotisch aufgeladen ist. Genauso wenig würde ich bezweifeln, dass es Frauen* oder andere Nicht-Männer gibt, die das Frau*-Motiv (oder das andere aus der Kampagne, das sich meines Erachtens sehr ähnlich einorden lässt wie das von mir oben besprochene) erotisch anspricht. Ich vermute allerdings stark, dass beides nicht die vordringliche Intention dieses Plakatmotivs war. Auch sind sexualiserte Darstellungen für sich genommen ja nicht automatisch problematisch oder kritikwürdig, es kommt auf den Kontext an. Mir ging es hier darum zu zeigen und auch zu kritisieren, mit welch unterschiedlichen Merkmalen konventionellerweise Darstellungen von Männlichkeit* und Weiblichkeit* versehen und wie diese eingesetzt werden, entsprechend dem, was Helga in dem oben schon verlinkten Text beschreibt. Und dass diese Inszenierungen überwiegend primär am male gaze ausgerichtet sind.

    Zu deinem zweiten Punkt: Klar, wenn nicht weiße Personen lediglich in Settings plaziert werden, die sie irgendwie doof darstehen lassen, ist das natürlich problematisch. Einfach im Namen der „Diversity“ die Models auszutauschen, hätte hier möglicherweise die von dir angesprochene kritikwürdige Botschaft vermittelt. Grundsätzlich tauchen in den Medien, vor allem in der Werbung ganz überwiegend Menschen auf, die bestimmten westeuropäisch-kulturellen Konventionen darüber, was als „attraktiv“ gilt, entsprechen: jung, schlank, ohne Behinderung, geschlechtlich vereindeutigt … und eben überwiegend als weiß lesbar (es sei denn, die verkörperte Rolle sieht explizit irgendeine „Normabweichung“ vor, die dann oftmals auch als solche thematisiert wird). Das ist auch in dieser Kampagne nicht anders. Und das ist, ebenso wie die Pose des weiblichen* Models – die ich aus den genannten Gründen als eindeutiger sexualisiert beurteile als die des männlichen* – kein Zufall. Das war der Punkt, auf den ich hinaus wollte.

  19. Angelika sagt:

    p.s. heute habe ich das oben links gezeigte plakat bei mir hier in süddld. an einer bushaltestelle gesehen; das war richtig gross (ca. Din A0).

  20. Koschti sagt:

    Ich habe mich sehr über das Plakat geärgert, vor allem da es hier riesengroß direkt in der Nähe eines Kindergartens hängt. Es ist schon schlimm genug, dass gewisse Modehäuser ständig mit halbnackten Frauenkörper die Straßen pflastern. Aber bei einer Kampagne für das Impfen? Ernsthaft? Gibt es noch irgendwas, das nicht sexualisiert verkauft wird?

    Da muss man sich doch nicht wundern, wenn die Mädels sich schon im Kleinkindalter sich fragwürdige Posen werfen, wenn man den Fotoapperat rausholt!
    Manchmal habe ich leider das Gefühl, ich bin die einzige in meinem Umfeld, der so etwas überhaupt auffällt. Irgendwie ist es mir schon unangenehm, andere Leute immer auf so was aufmerksam machen zu müssen. Ich will ja auch nicht das Zerrbild der verklemmten und prüden Feministin bekräftigen. Ich empfinde es schon als eine schwierige Gratwanderung.

    Kleine Ergänzung zum Thema Impfgegner:
    Es entsteht nicht automatisch ein „Diskurs“, wenn es irgendwelche Leute gibt, gegen irgendwas sind, auch wenn sie laut und zahlreich sind.
    In Amerika glaubt ca. die Hälfte der Bevölkerung an Kreationismus. Daraus folgt auch nicht, dass über Evolution kontrovers debattiert wird.

  21. ff_m sagt:

    Auf dem Bild sind eine weiße Frau und ein weißer Mann dargestellt, ohne alles, gerade wenn du sagst, das sei normativ. Ob die Models hingegen welche sind, kann von mir aus in Frage gestellt werden.

    Mich hat dieser defensive Text in der Klammer stark überrascht, als müsstest du irgendwem gerecht werden. Ist dem so?

    @Koschti
    Ich verstehe ehrlich gesagt deine Aufregung mit dem Kindergarten nicht. Kinder, die Sex noch nicht gesehen haben, nehmen die Posen kaum als sexualisiert wahr. Oder werden dadurch irgendwie mehr verdorben, als durch die von dir erwähnten nackten Kleidungsmodel. Und impfen ist vielleicht genauso nötig wie Kleidung tragen.

  22. Anna-Sarah sagt:

    @ff_m: Ehrlich gesagt verstehe ich den ersten Teil deines Kommentares nicht, kannst du nochmal erläutern, worauf du hinaus willst?

    Der zweite Teil deines Kommentars war zwar nicht an mich gerichtet, ich glaube allerdings, dass deine These eine zu starke Vereinfachung dessen ist, wie Kinder mental „funktionieren“. Ich finde auch nicht, dass „verdorben“ hier die passende Kategorie ist…

  23. Apfel sagt:

    „… mit offensichtlich eher jungen …“

    Zumindest dieser Teil ist aus der Kampagne heraus erklärbar: Sie ist an nach 1970 Geborene adressiert, weil die offenbar den größten Impfbedarf haben, und da zeigt man eben auch nach 1970 Geborene.

    Dieser Hinweis soll dem Rest des Blogartikels aber nicht widersprechen.