Nicht nur Opfer: Sexarbeiter_innen

von Helga

Im April fand zum 12. Mal das Internationale Forum von AWID (Association for Women’s Rights in Development) statt. Auf dem Programm stand dabei auch der Umgang mit Sexarbeiter_innen durch die Frauenbewegung. So forderte die burmesische Aktivistin Kthi Win die Anerkennung von Sexarbeit als Arbeit und ein Ende der Opferrolle. Wie wichtig eine differenzierte Betrachtung von Sexarbeit ist, macht die Professorin Chi Mgbako in einem Beitrag deutlich, der nun bei menschenhandel heute erschienen ist. Sie listet eine Reihe an Organisationen auf, in denen Sexarbeiter_innen sich für ihre Rechte einsetzen.

Frauenrechtler_innen, die alle Menschen in der Prostitution als „Sklaven“ sehen und die keinen Unterschied machen, zwischen jenen, die in die Prostitution gezwungen wurden und jenen erwachsenen Sexarbeiter_innen, die diese Tätigkeit freiwillig und aufgrund eigener Entscheidung oder von Umständen ausüben, fordern meistens Anti-Menschenhandelspolitiken, die erwachsenen Sexarbeiter_innen schaden. Kthi hat persönlich die Folgen von Strategien, wie Bordell-Razzien, erlebt. Diese führen meistens zu wahllosen und willkürlichen Massenverhaftungen von Sexarbeiter_innen führen, in der Hoffnung darunter auch Opfer von Menschenhandel zu finden.

Statt Menschen zu helfen, kommt es so im schlimmsten Fall zu Gewalt, inklusive Vergewaltigungen, gegenüber Sexarbeiter_innen und ihren Familien. So hat Malaysia auf Druck der US-Regierung Sexarbeit weitestgehend unterbunden und die verbliebenen Sexarbeiter_innen arbeiten unter prekären und gefährlichen Bedingungen. Ausbeutung und Menschenhandel wurden dagegen nicht angegangen, der Schutz und die Betreuung von Menschenhandelsopfern nur minimal verbessert. Gerade Feminist_innen seien nun gefragt, so Mgbako:

Wir müssen Sexarbeiter_innen zuhören. Wenn die Frauenbewegung insistiert, weiterhin Menschenhandel mit Prostitution zu vermischen und zu verwechseln und alle Menschen in der Prostitution als Sklaven zu beschreiben, die nicht in der Lage sind in ihrem Namen zu sprechen, werden wir uns vor wichtigen Kritiken abschotten.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 25. Mai 2012 um 12:45 Uhr unter Ökonomie, Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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19 Kommentare

  1. xx sagt:

    Frau sollte aber nicht vergessen, dass das seinerzeit von Rot-Grün eingeführte neue Prostitutionsgesetz Deutschland u.a. zu einem Paradies für Frauenhändler gemacht hat.

    Ich habe einige TV_-Dokumentationen gesehen, in denen sich Prostituierte u.a. über die schlechten Arbeitsbedingungen (Fick-Flatrate, schlechte Bezahlung, kaum Gesunsheitskontrollen) in Deutschland beklagt haben.

    Angeblich hat gerade die Legalisierung der Prostitution Deutschland zum begehrtesten Puff-Land Europas gemacht, weil hier nahezu alles möglich ist.
    nach Deutschland werden wohl viele Frauen verschleppt und zur Prostitution gezwungen In den legal betriebenen Bordellen hat die Polizei bei Kontrollen kaum eine Handhabe, wenn die bei unter Druck gesetzten Frauen behaupten, sie seien freiwillig da, um anzuschaffen.

    Also die Legalisierung von Prostitution an sich ist offenbar allein keine Lösung. Es hängt noch von anderen gesetzlichen Regelungen ab, ob die frauen die Doofen sind oder nicht.

  2. xx sagt:

    Habe nachgesehen,.Hier ein Manuskriptauszug eines TV-Beitrages zum Thema:

    „Panorama Nr. 745 v. 29.09.2011
    Liberales Prostitutionsgesetz: Wie Deutschland zum Puff Europas wurde

    Anja Reschke:
    Wer will, der kann. Wann, so oft und mit wem er will. Sofern er dafür bezahlt. Seit 9 Jahren ist Prostitution in Deutschland komplett legal. Mann kann inzwischen also völlig
    ungehemmt ein Bordell besuchen oder betreiben. Dass sich Männer dabei besser fühlen,
    war allerdings nicht das vorrangige Ziel des sogenannten Prostitutionsgesetzes, das 2002
    im Bundestag verabschiedet wurde. Eigentlich ging es um die Frauen. Prostituierte sollten
    die Möglichkeit haben, sich sozial zu versichern und ihr Entgelt einzuklagen. Soweit das
    Gesetz. Schön gedacht – schlecht geworden – wie Sonia Mayr und Tina Soliman festgestellt haben.

    (…)
    O-Ton
    Sorana, Prostituierte:
    „Bei uns in Rumänien ist die Prostitution illegal. Eigentlich dachte ich, es wäre dort
    schlimmer, dass die Männer Frauen dort schlechter behandeln. Aber im Gegenteil, in
    Deutschland, wo alles legal ist und wo andere Bedingungen herrschen, da behandeln sie
    uns wie Müll.“

    Eine von der EU finanzierte Studie hat die Folgen der Legalisierung untersucht. Das
    Ergebnis: Liberale Gesetze wie in Deutschland führen zu mehr Prostitution und mehr
    Kriminalität.

    O-Ton
    Professor Axel Dreher,
    Universität Heidelberg:
    „Das bedeutet, dass der Menschenhandel dramatisch zugenommen hat durch die
    Legalisierung. Besonders, dass eben, wenn Prostitution legalisiert wird, der
    Menschenhandel eben höher ist, als wenn die Prostitution verboten ist.“

    Früher war die Prostitution sittenwidrig, ihre Förderung klar verboten. Seit dem
    Prostitutionsgesetz kann Kommissar Lippert nicht mehr kontrollieren, ob Frauen in den
    Bordellen ausgebeutet werden. Der Polizei fehlt die ordnungspolitische Handhabe. Denn
    laut Gesetz dürfen die Betreiber den Huren jetzt sogar Anweisungen erteilen.

    O-Ton
    Michael Lippert,
    Polizeihauptkommissar Stuttgart:
    „Wir haben den Kontakt zu Bordellbetreibern, klar, einfach um auch zu zeigen, der Staat ist da, wir haben ein Auge auf Dich, aber, wie gesagt, so lange von den Frauen nichts kommt, ist die Handhabe ziemlich mau.“

  3. Irene sagt:

    Ich habe mich darüber etwas gewundert: So hat Malaysia auf Druck der US-Regierung Sexarbeit weitestgehend unterbunden

    Im verlinkten Blog steht: 2008 stufte die US-Amerikanische Regierung Malaysia in ihren Länderberichten zu Menschenhandel (Trafficking in Persons Report) in der untersten Kategorie ein. Die Regierung setzte sich also daran die Sexindustrie stillzulegen, anstatt sich mit den echten Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung (labor trafficking) zu beschäftigen.

    Die Regierung im zweiten zitierten Satz meint aber doch die Regierung Malaysias?

  4. Irene sagt:

    N-TV schreibt: Malaysische Zeitungen veröffentlichten Bilder von 29 Chinesinnen und einer Vietnamesin nach einer Aktion der Polizei in einem Nachtclub auf der Insel Penang.

    Und der öffentliche Dienst in Malaysia rekrutiert sich laut Wikipedia vor allem aus Malaien.

  5. Helga sagt:

    @Irene: Ich sehe gerade nicht, was hier das Missverständnis ist. Die USA haben Druch auf Malaysia ausgeübt. Malaysia ist gegen Sexarbeit vorgegangen. Das steht bei menschenhandel heute und das steht hier.

  6. Helga sagt:

    @xx Ich fürchte, das was Du beschreibst und der Panorama-Beitrag machen genau das, was eben nicht hilfreich ist. Dort wird nicht klar differenziert zwischen Menschenhandel und freiwilliger Sexarbeit. Die Polizei wird erstmal als „gut“ angenommen und dass es keine Verstrickungen ins Rotlichtmilieu gibt. In Deutschland ist Sexarbeit auch nicht wirklich legal, sondern immer noch „sittenwidrig“.

    Die „Legalisierung“ alleine reicht nicht aus. Überraschung. Aber wie sollte sie auch, wenn keine weitergehenden Maßnahmen getroffen wurden, Sexarbeiter_innen zu unterstützen. Das Ziel kann aber nicht sein, Sexarbeit wieder zu kriminalisieren und den Betroffenen jeglichen rechtlichen Schutz zu nehmen. Sondern wir müssen ihnen Möglichkeiten zu geben, sich gegen unwürdige Arbeitsbedingungen zu wehren, wie in allen anderen Branchen auch. Auch die Opfer von Menschenhandel müssen besser geschützt werden. Warum sollen sie derzeit gegen Menschenhändler_innen aussagen, wenn sie danach wieder abgeschoben werden und Vergeltungsmaßnahmen ausgesetzt sind? Und vor allem: Das Interesse der Behörden, den Betroffenen wirklich zu helfen, ist leider minimal. -> http://www.sueddeutsche.de/politik/menschenhandel-einsame-zeugen-1.2348

  7. Helga sagt:

    @Cass: Sorry, auch dieser Text illustriert leider nur, dass Sexarbeit und Menschenhandel oft vermischt werden. Ich verstehe echt nicht, warum Menschen denken, mit der Legalisierung von Sexarbeit würden sich alle anderen Probleme erledigen. Wer was gegen Menschenhandel machen will, sollte gegen Menschenhändler_innen ermitteln. Und die Beschwerden ernst nehmen, die von Opfern kommen, bzw. deren Gründe nicht gegen die Verantwortlichen auszusagen. Das Nicht-Aussagen scheint in Deutschland etwa gerade das größte Problem zu sein, aber da werden nur Minischritte unternommen.

    Was als Legalisierung bezeichnet wird, ist oft nur Verschiebung von Repression, wie die Liste hinter dem Link sehr schön illustriert. Dann wird nicht alles besser, Überraschung, und so soll doch wieder kriminalisiert werden. Genau das, was Sexarbeiter_innen – dass sie ernst genommen werden und mit ihnen gearbeitet wird, das passiert leider nicht.

  8. Mel sagt:

    vielleicht bin ich einfach nur zu dumm dafür, aber wieso nochmal ist aus feministischem blickwinkel eine tätigkeit unterstützenswert, die frauen eigentlich nur objektifiziert und instrumentalisiert?

    welchen sinn macht es da noch, sich z.B. über sexualisierte werbung aufzuregen?

    weil einfach die (hauptächlich männliche) nachfrage danach besteht?
    und wo nachfrage da angebot? wem wird damit gedient? welche gesellschaftsstrukturen werden damit unterstützt?

    einige heterosexuelle (meist) ältere frauen, die sich zwar über die promiskuität ihrer männer ärgern und dadurch verletzt würden, berichteten mir, dass sie es dann doch irgendwie „erleichternd“ fänden, dass ihr mann sie nicht ständig sexuell „bedrängt“, er könne dann ja zur prostituierten. was sie (die frauen) selbst aber wieder – nunja – anwidern würde. somit die lust auf ihren mann weiter sinke. versteht das eine/r?

  9. KoenigGunther sagt:

    @xx Also zumindest was Dreher angeht, ist seine Studie als Pfusch entlarvt worden, vgl. http://www.donacarmen.de/?p=229

  10. Helga sagt:

    @Mel: Sexualisierte Werbung behandelt Menschen als Objekte – Sexarbeiter_innen aber sind Menschen und damit Subjekte. Das Problem beginnt dann, wenn wir über sie (die männlich, weiblich, intersexuell, transgender, queer, Kombinationen davon, etc. sein können) als Objekte sprechen. Objektifizierung passiert durchaus bei Sexarbeit, aber Feminist_innen machen das nicht besser, wenn sie diese Sichtweise übernehmen!

    Die Frage nach Gesellschaftsstrukturen ist schwieriger – wobei das Anerkennen von Sexarbeiter_innen als Subjekten, das Anerkennen freiwilliger Sexarbeit von Frauen ein sehr radikaler Schritt ist. Ein Schritt, der bestehende Annahmen umkrempelt, die Männer als sexbesessen und Frauen als wenig sexuell ansehen. Dass dann alles besser wird, ist natürlich nicht zwangsläufig der Fall. Aber mit Verlaub gesagt, dass ist bei jeder Veränderung die Frage.

    Und: Sexarbeiter_innen nicht zu unterstützen, verbessert erst rechts nichts, sondern setzt Menschen, die meist in unsicheren, prekären Situationen leben, noch weiteren Risiken aus.

  11. Sina sagt:

    Danke für den Artikel!

    Zur Situation in Deutschland: Bundesweit mag Prostitution zwar legalisiert sein, in den einzelnen Ländern herrscht hingegen immer noch massive Repression gegen Sexworker. In München werden zb. fast überall und absichtlich unübersichtlich Sperrgebiete gemacht, so dass man praktisch nirgends legal arbeiten kann. Polizisten buchen dann Callgirls als Scheinkunden bewusst in diese Sperrbezirke und behandeln sie dann wie Schwerverbrecherinnen (zb. Handys beschlagnahmen, etwas das für geringfügige Übertretungen eigentlich undenkbar ist!). Wie kann es sein, dass die Ressourcen da sind um Prostituierte zu belästigen und reine Ordnungswidrigkeiten auf diese Weise zu verfolgen, aber angeblich keine Handhabe da ist um schwere Gewaltdelikte zu bekämpfen? Ich kenne einige haarsträubende Fälle von Behördenwillkür gegen Prostituierte in anderen Bereichen, welche schon psychische Gewalt darstellen. Wenn gewisse Polizisten, Beamte und Politiker Sexworker als subhuman ansehen, werden sie immer Wege finden ihnen das Leben schwer zu machen, auch wenn das Gesetz etwas anderes vorgesehen hat. Und, wie Helga schon geschrieben hat: Prostituierte haben immer noch kaum Arbeitnehmerrechte. Selbständige können sich nicht gegen Ausbeutung durch zb. Wuchermietzinsen wehren.

    In den Medien wird auch vielfach die Situation in den Niederlande nach der Legalisierung beklagt. Hier ein Artikel der die Behauptung massiv gestiegenen Menschenhandels näher untersucht und auseinandernimmt: http://feministire.wordpress.com/2012/03/18/sex-trafficking-in-the-netherlands-should-we-believe-the-hype/

    Das die Polizei keinerlei Handhabe gegen Menschenhändler und Zuhälter hat, stimmt schlicht nicht. Sonst könnten die Zahlen von konkreten Verdächtigen und Behandelten Fällen ja gar nicht gestiegen, sondern müssten im Gegenteil gleich oder rückläufig sein. Dies ist hier gut veranschaulicht: http://www.sexworker.at/phpBB2/download.php?id=971 Die Aufbereitung beruht auf den Daten des Bundeskriminalamtes.

  12. Mel sagt:

    @helga

    im ansatz kann ich ja den unterschied zwischen sexualisierter werbung und prostitution verstehen. aber dieser unterschied existiert für mich nur oberflächlich. denn: menschen, die teil sexualiserter werbung sind, sind doch subjekte. dadurch, dass es nicht mehr um den mensch ansich geht, sondern um das produkt, welches er repräsentieren soll, wird er zum subjekt. das ist doch bei „sexarbeitern“ nicht anders. dadurch, dass man sie „arbeiter“ nennt, werden sie in der sache nicht zwangsläufig zum subjekt. die zum objekt werdenden menschen in der werbung werden doch auch modell/schauspieler genannt, und damit betont, dass das ihre „arbeit“ ist. nichtsdestotrotz werden sie – und das ist berufimmanent – obekjtifiziert. dies gilt im grunde auch für nichtsexualisierte werbung. sexualisierte werbung stößt uns doch nicht auf, nur weil die abgebildete person (ich geh hier mal von einer frau aus) schönere brüste hat als wir. sondern weil sie einen gewissen gesellschaftlichen blick manifestiert/bedient, der nachteilig für frauen ist. dass männer frauen ‚auch‘ als sexualobjekt wahrnehmen – geschenkt. aber wozu führt es, frauen medial und gesellschaftlich nur als solche (sexualobjekte) wahrzunehmen? wollen wir das? diese wahrnehmung wird doch durch den beruf der prostituierten noch stärker zementiert.

    versteh ich das richtig, dass du meinst, durch prostitution und ihre legalisierung (im übrigen bin ich NICHT gegen die legalisierung der tätigkeit, es geht mir allein um den umstand, dass dadurch wahrnehmung, bilder, einstellungen und in der folge handlungen beeinflusst werden) das bild der sexbesessenen männer und der wenig sexuellen frauen aufgeweicht werden könnte?
    ist es nicht eher bereits so, dass die meisten freier davon ausgehen, dass die frauen die tätigkeit mit spass ausüben. während die prostituierten klar äußern, dass sie dieses bild natürlich zu ihre angebotenen leistung gehört. klartext: sie selbstverständlich _so tun als ob_ es ihnen gefiele als teil der leistung, die sich der freier erkauft. sie wollten doch ihre kunden nicht vergraulen. ist es nicht weiter so, dass angenommen wird, der weitaus größere teil der prostituierten werde/wurde zu dieser tätigkeit gezwungen.. und obwohl dies bekannt ist, die freier (ich kann sogar verallgemeinern auf fast alle männer, die ich kenne, ohne zu wissen, ob sie nun freier sind oder nicht) trotzdem davon ausgehen, ausgerechnet sie/die freier wären nur bei prostituierten, die es freiwillig machten.
    dieses bild in den köpfen der konsumenten/freier macht doch deutlich, dass sie – ob nun legal oder nicht – bei prostitution schon immer davon ausgehen, dass die (mehrheit) der prostituierten dies freiwillig tun und sogar großen spaß dabei haben. unfreiwillig komisch ist es dann schon, wenn die prostituierten selbst äußern, dass gerne nach der sexuellen leistung die männer sätze äußern wie „wieso machst du eigentlich diesen job. du bist doch viel zu schade dafür. wie bist du hier nur reingeraten?“ (lässt im übrigen tief blicken: auf der einen seite gehen die freier davon aus, die prostituierten hätten in der mehrheit spaß an ihrer arbeit auf der anderen seite sprechen sie aber empfehlungen aus, den ‚job‘ zu wechseln. also, zumindest ich höre es hier mächtig klingeln…).

    wenn es darum geht, männer NICHT als sexbesessen darzustellen, ist es da nicht völlig widersinnig, ihnen prostitution (ja, auch mit all seinen unrechtlichen schickanen), die ja offensichtlich sexuell konnotiert ist (ja, ich kenne auch das argument der einsamen männer, die nur jmd zum reden wollen..) als medium anzubieten, diese darstellung zu widerlegen? wo sie im grunde für eine sache geld zahlen, was sie ja – und das ist der zweite wunsch (->frauen als nicht weniger sexuell wahrnehmen) – bei nicht-prostituierten frauen bekommen könnten, ohne geld dafür zu bezahlen? dass sie zu prostituierten gehen, sei doch laut den freiern, die folge, da sie sonst eben keine frau fänden, die sex wollte. sprich: durch prostitution wird doch das bild der eigentlich-keinen-sex-haben-wollenden-frau eher gefördert.

    es geht doch nicht darum, ob und dass frauen nicht/weniger sexuell sind als männer.
    das wissen männer meiner ansicht nach im grunde auch!

    es geht doch vielmehr darum, dass frauen nicht ALLEN männern sexuell ‚bereitstehen‘ wollen und vorallem nicht, wann diese es meinen haben zu wollen. darum geht es doch.

    dass männer öffentlich das gegenteil über DIE frauen behaupten, heisst doch nichts anderes als „sie wollen keinen sex mit MIR“. was interessiert sie denn der sex den andere männer haben (also in der regel, da gibt es natürlich verschiedene spielarten :)). doch nur insofern, als dass sie daran sehen, ob sie nun vergleichbar begehrt sind oder eben nicht. ausserdem ist es immer eine lohnenswerte begründung für einen seitensprung – im falle des falles :) (hier ist die lesart dann natürlich eine andere: „ich will keinen sex (mehr) mit dieser frau“). im grunde ist es also auch hier, wie man häufig sieht, dass frauen bei negativen erlebnissen/ergebnissen eher dazu neigen, den fehler bei sich zu suchen, und männer eher den fehler in äußeren gründen/beim anderen suchen. dieses verhalten sieht man schon bei kleinen jungs (natürlich alles durchschnittswerte, dass die welt für den einzelnen nochmal ganz anders aussehen kann, steht außer frage).

    also kurz: ich denke verschiedene formen der prostitution in größerem und kleinerem ausmaß gab es immer mal wieder und wird es wahrscheinlich auch weiterhin geben. die frage ist doch, wollen wir sie gesellschaftlich weit verbreiten und angenommen es gebe keine zwangsprostitution und andere schickanen, was hätte eine gesellschaftliche norm (iSv die mehrheit betreffend, sprich, wenn die mehrheit sich prostituiert oder prostitution in anspruch nimmt)) für folgen?

    und bei diesen ausführungen bin ich noch nicht mal auf die biologistischen gründe und folgen von sex eingegangen (und damit meine ich nicht das schwanger werden oder sexuelle krankheiten).

  13. Mel sagt:

    sorry für den langen text :) abr dies hier muss ich eben auch noch loswerden.
    zum thema: frauen nicht als weniger sexuell wahrnehmen.

    ist diese dualität „frau mit wenig sexpartner, die man(n) HEIRATEN ‚kann (heilige)“ vs. „hure“ nicht eh häufig von männern gewünscht und getragen? wollen denn die (ich verallgemeinere jetzt einfach mal) männer, dass ihre/die frauen ähnlich sexuell aktiv sind, wie sie es selbst sind?
    die kritik, frauen seien weniger sexuell, ist doch mehr (männlicher) wunsch als wirklichkeit.
    und steckt dahinter nicht die angst der männer (dass im grunde ähnlich wie bei ihnen selbst) diese sexualität sich nicht immer auf den ‚einen mann‘, sprich sie selbst, richtet? ist somit prostitution nicht äußerst praktisch, die eigenen frauen ’sittsam‘ zu halten, während männliche sexualität, sich ausleben darf? sind schimpfwörter wie z.B. hure nicht ausdruck dieser botschaft an die sittsam-gewünschten frauen? in dem der männliche wunsch widergespiegelt wird, dass die mehrheit der frauen bitte eben NICHT oder nur beschränkt (nur für einen selbst) sexuell sein soll?

    fördert also somit prostitution als norm nicht diese konstruierte dualität? und wird damit nicht die wahrnehmung der frauen als mehrheitlich wenig sexuell verfestigt?

  14. Medusa sagt:

    @Helga:
    die Aussage, durch die Anerkennung von Sexarbeit/Prostitution würde das Bild der sexbesessenen Männer und wenig sexuellen Frauen umgekrempelt, kann ich nicht nachvollziehen.
    Sexarbeit/Prostitution zielt auf Geld ab, der Besuch bei einer Prostituierten auf Sex. Durch Sexarbeit/Prostitution wird das Bild nicht umgekrempelt, sondern verfestigt, im Sinne von „Männer sind sogar bereit, für Sex zu zahlen / Frauen machen es nur, wenn sie auch Geld dafür bekommen“.

  15. Sina sagt:

    @Mel

    „ist diese dualität “frau mit wenig sexpartner, die man(n) HEIRATEN ‘kann (heilige)” vs. “hure” nicht eh häufig von männern gewünscht und getragen?“

    Ich verstehe diese „Aufweichung“ durch Akzeptanz von Prostitution als solche, dass die Dualität geschwächt wird wenn Prostituierte (und promiske Frauen allgemein) nicht mehr so stigmatisiert sind. Prostituierte sind, zumindest wenn sie offen damit umgehen, gesellschaftlich isoliert. Man mag sie akzeptieren, aber bitte nur als Hure, und nicht als Mutter/Lehrerin/Ehefrau/jeglicher „seriöse“ Beruf. So bleibt es auch schön bei der Madonna/Hure-Dualität. Diese mag von einem Teil der Männer gewünscht sein, aber auch Frauen trägen kräftig zur Erhaltung bei. Die schlimmsten Reaktionen bzgl meines Jobs habe ich von Frauen erlebt, Männer (nicht Kunden) waren meistens gleichgültig oder fanden es interessant.

    Zu Prostituierten zu gehen galt/gilt für Männer schon praktisch immer als normal, nur in vereinzelten Kulturen (zb. USA heute) kommt es darauf an, nicht erwischt zu werden. Da gibt es nichts zu „normalisieren“. Es sind die Sexarbeiter/innen selbst, und nicht die Kunden, welche die Hauptlast der Stigmatisierung tragen.

    „was hätte eine gesellschaftliche norm (iSv die mehrheit betreffend, sprich, wenn die mehrheit sich prostituiert oder prostitution in anspruch nimmt)) für Folgen?“

    Das kannst du in Ländern mit eher traditionellen Kulturen aber gestiegenen Konsumbedürfnissen mit noch nicht ausreichendem Einkommen sehen. In den urbanen Gegenden Chinas zb. prostituiert sich eine Mehrheit der Frauen neben der florierenden klassischen Prostitution, denn das erste Kriterium für die Partnerwahl, und oft auch das einzige, ist das Einkommen des Mannes. Entsprechend wird aber auch erwartet, dass sie seine Wünsche erfüllt und ihre eigenen zurückstellt. Ich sehe keine Gefahr, dass dies in Deutschland passieren könnte, dafür ist unser Lohnniveau vergleichsweise zu hoch, Statussymbole haben einen tieferen Wert, romantische Liebe dafür einen höheren. Akzeptanz klassischer Prostitution wird nicht dazu führen, dass plötzlich scharenweise Frauen sich prostituieren wollen. Nicht die Stigmatisierung hält die Mehrheit der Frauen davon ab, sondern schlicht, dass es nicht ihr Ding ist.

  16. Mel sagt:

    @medusa: seh ich genauso. der geld-aspekt verstärkt die symbolische wirkung ganz klar.
    ich denke, frauen sind nicht weniger sexuell als männer, sondern einfach nur ‚anders‘ sexuell.
    und der hin und wieder vorhandene weibliche sexverzicht ist m.E. nach hierauf zurück zu führen. die art und weise wie sexualität zu sein hat und ausgelebt wird unterliegt heute doch noch sehr stark der männlichen deutungshoheit.

    zum beispiel musste ich erschrocken feststellen, wie viele frauen (die ich kennengelernt habe) einen orgasmus vortäuschen. natürlich dient sie damit seiner deutung von sexualität. wer glaubt denn bitte, dass das im sinne der weiblichen sexualität ist?

  17. Mel sagt:

    @sina

    wenn wir die aufweichung nur auf die stigmatisierung beziehen. akzeptiert. aber die these, diese stigmatisierung durch prostitution aufweichen zu wollen, halte ich für gewagt. wie oben beschrieben, denke ich eher, dass es den gegenteiligen effekt hat.

    z.B. schilderst du die weite verbreitung von prostitution in ärmeren ländern. wie sieht es da mit der stigmatisierung aus?

    damit wir uns nicht falsch verstehen: dass frauen sich für diese art des gelderwerbs entscheiden, kritisiere ich nicht. ich denke sogar, dass solche, die es tatsächlich freiwillig machen, ohne existenzängste etc und es ihrem selbstbild entspricht abgesehen vom gesellschaftlichen schaden in einer besseren situation und selbstbestimmter sind als die durchschnittsfrau – ähnlich der griechischen hetäre. was allerdings nicht bedeutet, dass sie nicht dennoch vom gutdünken der männer abhängt. es ist der männliche blick auf die weibliche sexualität und ihre inanspruchnahme und die bigotterie der männer, die mich stört.

    es mag zwar sein, dass eher frauen dich und deine kolleginnen anfeinden, aber ich meine auch, dass in der regel eher frauen es sind, die sich für die rechte der prostituierten einsetzen als männer (korrigiert mich bitte, falls ich falsch liege).

    dass du auch eher von den frauen angefeindet wirst, erklärt sich für mich eben daraus, dass du – wenn man so will – nicht die weibliche, sondern die männliche sexualität verkaufst und der gruppe der frauen somit einen bärendienst erweist (mir ist klar, dass es nicht ‚die‘ weibliche sexualität gibt, und dennoch sehe ich einen unterschied zur männlichen sexualität, wie oben erläutert). ein weiterer grund für die anfeindung wird wohl sein, dass du in einer gesellschaft, in der die frauen strukturell benachteiligt und abhängig gemacht sind vom mann natürlich ‚ihre‘ (und der ihrer kinder?) (geld-)ressourcen in anspruch nimmst; obwohl sie ihn im falle einer partnerschaft erträgt :D naja, und da wär auch noch das ding mit der exklusivität. also insgesamt nimmst du ihnen sowohl sexuell als auch ressourcenbezogen (vegetarier weghören bitte) die wurst vom brot – wer wäre da nicht grantig :)

    ahja, und ausserdem bekommen sie von kindesbein vorgetrullert, dass du die böse und sie die gute frau sind. um gut zu sein, muss sie sich also von dir abgrenzen, klar bist du da böse. dem mann kann das wurscht sein, der muss sich ja nicht von dir abgrenzen – höchstens seine eigene frau oder tochter :D

    wenn es die wenigen frauen wären, die prostitution mit sich selbst vereinbaren können und es ausüben, wird es wohl niemandem wehtun.
    aber da – wie du auch schon schreibst – eher wenige frauen sich dazu berufen fühlen (ich denke auch wie du: ohne gesellschaftliche stigmatisierung der prostituierten wäre das nicht viel anders) müssen leider viele frauen unfreiwillig ‚daran glauben‘.
    das macht weder dich, noch deine entscheidung schlechter. aber die (selbstbestimmte) prostitution existiert nicht im luftleeren raum.
    dass ihr euch von zwangsprostituierten abgrenzen wollt (womit ihr im übrigen auch dem selbstbild des freiers einen großen dienst erweist), ist zwar nachvollziehbar, aber wenig frauenfreundlich.

    und dass die polizei/gerichtsbarkeit doch viel mehr handhabe hätte als tatsächlich betrieben und/oder prostituierte durch sie schlecht behandelt werden… ob das wohl was mit dem männlich geprägten polizeiapparat zu tun haben könnte ;)

  18. Sina sagt:

    „wenn wir die aufweichung nur auf die stigmatisierung beziehen. akzeptiert. aber die these, diese stigmatisierung durch prostitution aufweichen zu wollen, halte ich für gewagt. wie oben beschrieben, denke ich eher, dass es den gegenteiligen effekt hat.“

    Ich denke auch nicht, dass Prostitution diese Stigmatisierung aufweicht, schliesslich gibt es Prostitution auch in Gesellschaften, in denen Frauen als Wertlos gelten sobald sie ihre Jungfräulichkeit verloren haben. Für mich ist ein Merkmal des Patriarchats, dass Prostituierte eine sehr tiefe Stellung haben, denn das ist notwendig um die Madonna/Hure-Dualität aufrechtzuerhalten.

    z.B. schilderst du die weite verbreitung von prostitution in ärmeren ländern. wie sieht es da mit der stigmatisierung aus?

    Durch die traditionelle Kultur ist die Stigmatisierung hoch, würde sagen höher als hier da Prostitution dort illegal ist. Die Prostitution die ich beschrieben habe ist aber gesellschaftlich akzeptiert und sogar erwünscht, da sie meistens mit Heirat einhergeht.

    „ich meine auch, dass in der regel eher frauen es sind, die sich für die rechte der prostituierten einsetzen als männer (korrigiert mich bitte, falls ich falsch liege).“

    Weiss nicht, würde rein aus eigenen Beobachtungen sagen 50/50.

    „um gut zu sein, muss sie sich also von dir abgrenzen, klar bist du da böse.“

    Ich hätte auch das als hauptsächliche Erklärung genannt. Frauen lassen sich auch durch den Dualismus einfangen, und zwar nicht nur gegen Prostituierte, sondern auch gegenüber allgemein promisken Frauen. Ich wurde schon angefeindet bevor ich als Prostituierte tätig wurde, weil ich eine „Schlampe“ war.

    Wenn einer schon verheiratet ist, ist er ja offensichtlich nicht so unattraktiv dass er keine Frau finden könnte welche sich unbezahlt mit ihm abgibt. Deshalb finde ich das Argument, Prostituierte zerstörten die sexuelle Exklusivität, zieht nicht. Wenn jemand fremdgehen will, kann er das in diesem Fall auch ohne Prostituierte tun. Das Problem liegt hier bei mangelnder Kommunikation zwischen den Partnern, verschiedenen Erwartungen und Bedürfnissen oder vielleicht auch einfach daran dass der Mann ein rücksichtsloses A**** ist. aber die Schuld auf Prostitution zu schieben ist genauso Sinnlos wie die Gastronomie- und Lebensmittelbranche für Esssucht verantwortlich zu machen.