Männliche Vergewaltigungsopfer? Dänemark diskutiert

von Gastautor_in

Verena Haßler ist vor eineinhalb Jahren nach Dänemark gezogen, wo sie für ihr Studium bevorzugt europäische Fragestellungen aus der Genderperspektive heraus analysiert. Im Moment schreibt sie an ihrer Masterarbeit über Intersektionalität in der Kommunalpolitik im deutsch-dänischen Vergleich. Sie freut sich, dass in ihrer Wahlheimat feministische Diskurse eine vergleichsweise breite Öffentlichkeit mit einschließen, beobachtet aber mit Sorge, wie das ehemalige Vorreiterland gleichstellungspolitisch immer mehr den Anschluss an seine skandinavischen Nachbarn verliert. In ihrer Freizeit trainiert sie Taekwondo und arbeitet ehrenamtlich für das Frauenmuseum in Aarhus.

[Triggerwarnung] Ein sexualisierter Übergriff in der dänischen Version der Reality-TV-Show „Paradise Hotel“ (Staffel 8, Folge 9) hat in der letzten Woche zu heftigen Diskussionen in den dänischen Online-Medien geführt. Paradise Hotel ist ein Reality-TV-Format, das ursprünglich aus den USQ stammt und gezielt auf die Überschreitung sexueller Grenzen setzt. Eine Gruppe von Single-Frauen und –Männern konkurriert darum, bis zum Ende der Show in einem Luxus-Hotel in südlichen Gefilden bleiben zu dürfen. Unter anderem werden die teilnehmenden Männer und Frauen jede Woche zu Pärchen zusammengesetzt, die dann ein Hotelzimmer teilen müssen.

In der besagten Ausstrahlung sieht man, wie Show-Teilnehmer Julian betrunken auf einer Bank einschläft. Dort entdecken ihn zwei andere Teilnehmerinnen, die sich ihm mit den Worten „Sollen wir ihn vergewaltigen?“ nähern. Eine der jungen Frauen setzt sich rittlings auf ihn, während die andere versucht ihn zu küssen und schließlich seine Genitalien berührt. Im weiteren Verlauf öffnet Julian schließlich die Augen und schläft nach einem kurzen Gespräch mit einer der Frauen zusammen mit ihr ein.

Der Programmdirektor von TV3 erklärte, die Szene sei senderintern diskutiert worden. „Vergewaltigung“ sei ein heftiger Begriff, man sei sich jedoch einig gewesen, dass es sich in diesem Fall bloß um einen Begriff aus dem „Mädchenjargon“ der Teilnehmerinnen gehandelt habe, die ja mehrmals darüber gesprochen hätten, dass sie sich gerne „auf die Jungs stürzen“ wollen. Eine fragwürdige Begründung, wenn man mich fragt, fast so verharmlosend wie die Aussage eines anderen Debattenteilnehmers, wonach angeblich alle Männer gern von zwei hübschen Mädels „vergewaltigt“ werden wollen, und wonach man eben akzeptieren müsse, dass es Unterschiede zwischen den Geschlechtern und deren Rolle im sexuellen Zusammenspiel gäbe.

Angestoßen wurde die Diskussion von Jakob Engel-Schmidt, Abgeordneter für die liberal-bürgerliche dänische Partei „Venstre“, der sich in der Tageszeitung Politiken über das Schweigen empörte, das der Ausstrahlung der Sendung folgte. Hätte es sich um einen sexualisierten Übergriff auf eine Frau gehandelt, argumentiert er mit Verweis auf den Vergewaltigungsfall in der brasilianischen Version von „Big Brother“, so hätte die Redaktion des TV-Senders TV3 sich vor Klagen nicht retten können. Damit hat er vermutlich Recht, die Sendung wäre wohl gar nicht erst in dieser Form ausgestrahlt worden.

Unverständlich dagegen sein Vorwurf an die „rotbestrumpften Genderaktivisten“ (er meint die dänische Frauenbewegung aus den 70igern), die sich „lieber mit dem Recht von Jungs, im Kindergarten mit Plastikpistolen zu spielen und dem ewigen Lied von den Frauenquoten“ beschäftigen, statt mit Übergriffen auf Männer im Live-Fernsehen. Schade, wenn ein wichtiges Thema wie sexualisierte Gewalt (unabhängig von den involvierten Geschlechtern), das selbstverständlich die gesamte Gesellschaft betrifft, dazu missbraucht wird, einen Rundumschlag gegen die eigenen Feindbilder zu nutzen. Denn schließlich geht es hier nicht darum, dass die angesprochenen Feministinnen diesen Übergriff befürwortet oder in Frage gestellt hätten – sondern lediglich darum, dass die entsprechenden Gruppen ihre Arbeitschwerpunkte selbst wählen und sich nicht automatisch zu allem äußern, was irgendwie mit Sex, Geschlecht und Gewalt zu tun hat.

Die Bewertung des fraglichen Vorfalls ist naturgemäß schwer, weil es sich bei „Reality-TV“ ja keineswegs um „authentische“ Bilder, sondern um bewusst ausgewählte Inszenierungen handelt. Auch die Aussage von Julian selbst, demzufolge der Vorfall kein Übergriff gewesen sein könne, da er dabei ja sichtlich körperlich erregt worden wäre und zudem jetzt mit einer der jungen Frauen zusammen sei, ist da wenig hilfreich. Ohne dem Betroffenen das Recht absprechen zu wollen, den Vorfall im Nachhinein für sich zu interpretieren, ist eine sexuelle Handlung an einer schlafenden bzw. durch Alkohol außer Gefecht gesetzten Person in meiner Wahrnehmung in diesem Moment immer ein Übergriff, weil die Person kein Einverständnis geben kann.

Malin Schmidt verweist in ihrem Kommentar für die Tageszeitung Information auf die grundsätzliche Problematik, die über den Einzelfall hinausweist. Für sie liegt das eigentliche Problem darin, dass es für Männer entsprechend der herrschenden Normen peinlich ist, Opfer zu sein. Sie ist sich sicher, dass eine entsprechende Szene mit umgekehrten Geschlechterrollen niemals im Fernsehen ausgestrahlt worden wäre. So sei der Vorfall jedoch nicht als Übergriff gedeutet worden, da bestimmte Normen im Vorhinein als feststehend angesehen wurden:

Frauen sind passiv, Männer sind aktiv. Männer ergreifen die Initiative, Frauen halten sich zurück. Männer begehen Gewalttaten, Frauen sind Opfer von Gewalttaten. Und Männer können niemals Opfer sein, nicht einmal wenn sie schlafen. (…) Die Opferrolle ist die der Frau. Ein echter Mann kann nicht verletzt werden, und deshalb braucht es ein Frauennetzwerke und Frauenzentren um sich seiner Sache anzunehmen, falls dies entgegen aller Erwartungen doch einmal passieren sollte. Männerzentren, die sich um verletzte Männer kümmern, gibt es nicht im heutigen Dänemark. Das ist Gleichstellung im Jahr 2012.

Wünschenswert wäre also, wenn sich die öffentliche Debatte weg von der Frage „Übergriff oder nicht?“ zu einer ernsthaften Diskussion über Männlichkeitsnormen und die Definition von „Opfer“ bzw. „Opferrolle“ bewegen würde. Das kann und darf aber nicht (allein) in der Verantwortung von Feminist_innen liegen, sondern hier muss sich die gesamte Gesellschaft, insbesondere der Teil, der sich als männlich definiert, engagieren.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 24. Februar 2012 um 9:00 Uhr unter Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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2 Kommentare

  1. Cymaphore sagt:

    Ich glaube es würde dem ganzen Diskurs in Deutschland sehr helfen, wenn man verstärkt auch auf Stellungnahmen wie diese hört, statt immer nur auf die deutsche Feminismus-Monopolistin. Böse gesagt.

    Wenn Du Dich fragst, ob Du etwas voreingenommen anhand der Geschlechter bewertest, tausche die Geschlechter und bewerte es erneut. ;-)

  2. Chapeau sagt:

    Mit einer schlafenden Person kann es keinen einvernehmlichen Sex geben! Wozu also diese Debatte ob Vergewaltigung ja oder nein? Die ganze Sache stinkt doch nach ganz krasser Rape Culture! Und zum üblichen Victime Blaming wird dem Opfer noch vorgeworfen, sich nach dem Übergriff nicht genug von den Vergewaltigerinnen distanziert haben. Schlimm, dass der Überlebende jetzt noch diese schmutzige Diskussion ertragen muss!