Komplizierte Beziehung: Frauen in MINT-Fächern

von Helga

Ob Girls’ Days, Mentoringprogramme oder Exzellenzinitiativen – um Frauen in MINT-Fächern, bzw. deren Mangel wird seit einigen Jahren viel Aufhebens gemacht. Halten Stereotype sie von Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik ab oder sind Frauen einfach nicht daran interessiert?

Aber Wissenschaft wäre nicht Wissenschaft, wenn sie nicht auch diesen Fragen nachgehen würde. So berichtete Diax’s Rake von einer Studie, die die Beteiligung von Studentinnen in Kursen mit männlichen und weiblichen Lehrkräften verglich. Dabei zeigte sich, dass sie sich in Kursen mit Dozentinnen deutlich stärker einbrachten (die Studenten übrigens auch etwas stärker). Außerdem waren die Studentinnen selbstbewußter, was die Einschätzung ihrer Kenntnisse anging – dabei waren ihre Testergebnisse unabhängig von der Lehrkraft besser als die der Studenten. Bei der Entscheidung in einem MINT-Fach zu bleiben, sei es vermutlich ebenso wichtig, Vorbilder zu haben und sich dazugehörig zu fühlen, wie tatsächlich das Fach zu beherrschen, folgern die Autorinnen der Studie.

Der Blick in Zeitungen oder das Fernsehen zeigt dabei aber wieder deutliche Unterschiede. Wissenschaftlerinnen kommen dort zwar vor, es werden aber sehr geschlechtsspezifische Bilder gezeichnet. Sie werden herangezogen wenn es gilt, die „sexy“ Seite der Wissenschaft hervorzuheben. Die Beschreibungen betonen lange blonde Mähnen und kurze Röcke, während Wissenschaftler anhand ihrer Bärte in die Tradition der „verwirrten Professoren“ einsortiert werden. Eine Konstruktion des Wissenschaftlerbildes, die Tradition hat.

Diese Klischees nehmen auch Kinder wahr, bereits in der ersten und zweiten Klasse, erklärt Child Psych. In einem Alter, in dem Mädchen und Jungen noch gleiche Ergebnisse in Mathe erzielen, lässt sich bereits eine (unterbewußte) Zuordnung von Mathematik als männlich belegen. Vermutlich nicht ganz überraschend: In der achten und neunten Klasse zeigen Schüler_innen mehr Interesse an MINT-Fächern, wenn stereotype Fragen gestellt werden. Während Mädchen die Wahr­schein­lich­keits­rechnung zu Fehlgeburten interessierte, fanden Jungen die Berechnung von Autounfällen spannender. Die Autor_innen warnen aber davor, sich ganz auf Klischees zu beziehen, denn „es wird nicht für jede_n Schüler_in funktionieren“.

Die Auswirkungen sind dann spätestens im Berufsleben spürbar. Laut Venture Beat beklagen Frauen und People of Color Vorfälle von Rassismus und Sexismus in IT-Firmen – allen Beteuerungen, hier handele es sich um eine offene, aufgeklärte Branche zum Trotz. Tatsächlich ist aktives Handeln für Diversität innerhalb ihrer Firma für Führungskräfte keine Priorität. Die Betroffenen bleiben so frustriert zurück und wechseln öfter den Betrieb oder verlassen die Branche gar komplett.

Mit gutgemeinten Programmen und einzelnen Initiativen kommen wir hier vermutlich nicht mehr weiter. Was gebraucht wird ist ein klares Umdenken, das Rütteln an unterbewußten Klischees und das offene Angehen diskriminierender Vorkommnisse.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 1. November 2011 um 8:56 Uhr unter Ökonomie, Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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8 Kommentare

  1. Angelika sagt:

    deiner analyse/conclusio @Helga kann ich komplett beipflichten/zustimmen.
    solange sich “das system” nicht ändert wird sich auch an situationen von frauen nicht nur i.d. akademischen/institutionen sondern auch dann “im beruf” bichts ändern (so erlebe ich es auch seit 20+ jahren in meinem beruf).

    gerade bei der lektüre von “Delusions of Gender”/Cordelia Fine fällt mir vieles auf, das ansatzpunte für verwänderungen bietet, die vorteile für alle beteiligten bringen können.

    fyi, “Is it cold in here ?” und darin link zum post von Linda Henneberg, die als parktikantin bei CERN war – englisch :
    http://blogs.scientificamerican.com/cocktail-party-physics/2011/07/20/is-it-cold-in-here/

  2. JaDe sagt:

    Ich denke, ist ist nicht nur “das System”, sondern auch eine Interessenfrage. Ist natürlich schwierig zu sagen, wo der Huhn-Ei-Kreislauf beginnt und/oder aufgebrochen werden kann.
    Ich kann nur für über meine PeerGroup, Generation, usw. sprechen, die mir als (ehemalige) Handwerkerin gezeigt hat, dass viele Frauen kein hohes MIT-Interesse besaßen. Besonders bemerkbar im Handwerk, wo oft körperliche Arbeit vorrangig ist. M.E. werden Mädchen nicht von männl. Kollegen und Chefs diskriminiert, sondern sie schrecken vor dieser Art der Arbeit zurück (was ich auch verstehen kann – nur, warum geben es so wenige zu?).
    Ich führe es auch auf Erziehung zurück. Sogar noch heute bringt die Familie Mädchen kaum technisch-handwerkliches Geschick und Problemlösungsvermögen bei, das sollen immer schön “die Männer” machen. Ich repariere in fast regelmäßigen Abständen in den Wohnungen von FreundInnen Dinge oder bringe irgendetwas an, weil sie es selbst nicht können. Ich glaube das manchmal gar nicht, wenn sie sagen: “Ich kann das nicht.” oder “Ich bin zu ungeschickt”, wenn ich gleichzeitig sehe, wie geschickt und schön sie Lidstriche und Nagelackierungen vornehmen. Vermutlich ist es eher die Angst – Angst, etwas kaputtzumachen, oder so. Sicher wurde es ihnen in der Kindheit so eingetrichtert. Dass aufgrund solcher Erfahrungen weniger Interesse an MINT-Fächern und Tüftelei geweckt wird, wundert mich daher nicht.

  3. Helga sagt:

    Wo es aufgebrochen kann, ist eine schwierige aber wichtige Frage. Den Punkt, dass Mädchen vor körperlicher Arbeit zurückschrecken, zweifele ich aber stark an. All die Mädchen, die in Pferdeställen schuften, tun das trotz der körperlichen Anstrengung. Und auch in anderen Bereichen liegt das oft nicht an Ihnen, wie beim Zustrom an Frauen in die Berliner Stadtreinigung zu beobachten war:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-77108537.html

    Männer haben Angst, dass durch Kolleginnen ihre Arbeit als „Weichei-Job“ gilt und Personalräte (m) gehen automatisch davon aus, dass körperliche Arbeit nichts für Frauen sei.

  4. JaDe sagt:

    @Helga: Ich kann nur über meine Erfahrungen und die der einiger befreundeter Handwerkerinnen sprechen. Viele haben bereits körperl. Probleme.
    Zur körperl. Arbeit: In meinem ehemaligen Ausbildungsbetrieb und einer weiteren Firma brauchte ich für bestimmte Arbeiten wesentlich länger als meine beiden Kollegen, was daran lag, dass bestimmte Werkzeuge einfach sehr schwer sind oder bestimmte Hebelverhältnisse bei kleineren Händen nicht so funktionieren, wie sie sollten, da Werkzeug genormte Größen besitzt und an Männerproportionen angepasst ist. Mein Chef und ich haben natürlich auf allerhand Tricks zurückgegriffen und für mich Hilfswerkzeuge gebaut, usw.. Allerdings bedeutet Leistung im Handwerk ja auch Arbeit in der Zeit und somit ist es für mich nachvollziehbar, dass manche AG ungerne kleine zarte Frauen einstellen. Sicher variieren Größe und Statur von Mensch zu Mensch, aber durchschnittlich sind Frauen eben rein körperlich nicht so belastbar wie Männer, da schon Werkzeuge zu unhandlich sind. Es können nur Betriebe einstellen, die dadurch keine Verluste erfahren. Hinzu kommt im Handwerk auch oft Schmutz, der dem Körper auch nicht gerade gut tut und unangenehm ist.
    Viele kleine “Klitschen” durften vor Jahren keine Mädchen ausbilden, da sie keine entsprechenden Sanitäranlagen besaßen und zum Umbau die finanziellen Mittel fehlten. Sehr ungünstig für Betriebe, die bereit waren, Frauen einzustellen und/oder für Frauen, denen es egal war, mit den männl. Kollegen ein WC zu teilen. Ich weiß nicht, ob sich da mittlerweile rechtlich etwas geändert hat, ich vermute, “ja”.

    Außerdem finde ich, dass es einen großen Unterschied macht, ob eine Jugendliche in ihrer Freizeit tagtäglich Pferdeställe ausmistet und eine emotionale Bindung zu Tieren aufbaut, oder ihr Leben lang beruflich auf dem Bau schleppt – um mal ein Extrembsp. zu nennen. Ich war übrigens auch so ein “Pferdemädchen”, das jahrelang fast jeden Tag etwa 17km zu Pferden eines Bekannten geradelt ist, um sie zu versorgen. Kein Vergleich zu meiner ehemaligen Arbeit, aber Tierpflegerin wollte ich auch nicht werden.

  5. JaDe sagt:

    P.S.: Sicher ist es auch eine Frage der Branche, in der man arbeitet, ob Männer sich irgendwie benachteiligt sehen. Andererseits wurde ich auch mal vom gegenteil überzeugt, als Freundinnen, beide Architektinnen, ihre Praktika auf dem bau machen mussten und beide ziemlichen bammel hatten, dass die “harten Jungs” sie dort irgendwie ärgern. Dem war aber nicht so, obwohl ich – zu der Zeit selbst in Berufsausbildung – vermutet hatte, auf dem Bau gingen die zwischenmenschl. Beziehungen etwas rauher zu.
    Meine Erfahrung als ehemalige Handwerkerin gegenüber männl. Kollegen und Kunden waren fast immer postiv, jedoch die Arbeit selbst hat manchmal schon sehr geschlaucht. Deshalb mache ich nun auch etwas anderes.

  6. JaDe sagt:

    @Helga: Hier bei Mädchenmannschaft im Artikel über Wikipedia hast Du auch den Link zum “Spiegel” gesetzt. Dort geht es auch um neue, “leichtere” Werkzeuge. Das kann sich meines Wissens nur leider kein kleiner Betrieb leisten und leider stehen kleine Betriebe noch immer für Nachhaltigkeit, was z.B.Vermittlung handwerklichem Wissens und Könnens betrifft.
    Meine Frage: Was lernen Frauen bei der Straßenreinigung dazu? Wo ist dort die Weiterentwicklung?

    In den Spiegelartikel stand, dass eine Mitarbeiterin der Straßenreinigung abends recht schnell und tief einschliefe. Klar, das kann man – in diesem Fall Frau ;) – aber auch auf Dauer als lästig empfinden, wenn man für ‘nen Appel und ‘nen Ei nach Feierabend körperlich so “durch” ist, dass man weder soziale Kontakte pflegen mag, noch (sportl.) Hobbies, oder gar irgendwelche nicht mehr Weiterbildungen anstrebt. Dann lieber eine Ausbildung als Friseurin, die sind zwar auch unterbezahlt, aber nicht nach Feierabend schmutzig, schwitzig und plattm behaupte ich einfach mal.
    Viele sind platt nach körperlicher Belastung – und das war’s dann. Da ist es auch egal, welcher weibliche HiWi sich für Neukonstruktion handlicher Werkzeuge einsetzt.
    Gruß, JD

  7. Helga sagt:

    @JaDe: Mir geht’s nicht um den Grund sondern nur darum dass „Frauen wollen nicht körperlich hart arbeiten“ Banane ist. Ein anderer knochenharter Job ist Altenpflegerin, auch dort sind jede Menge Frauen zu finden. Der Trend zu neuen Werkzeugen, die einfacher zu bedienen sind, wird irgendwann auch kleine Betriebe erreichen, mal davon abgesehen, dass es das grundsätzliche Ausschließen von Frauen durch Männer immer noch weiter gibt. Und ich verstehe echt nicht, was Frauen bei der Straßenreinigung lernen sollen müssten? Es ging doch um die Fragen, ob Frauen vor körperlicher Arbeit zurück schrecken oder vor „dreckiger“ Arbeit. Tun sie nicht.

  8. alex sagt:

    @ jade

    was ist das für ein argument? das werkzeug ist leider zu groß. tz. ja blöd. dann lauft halt barfuß, unsere standardgröße ist eben 40. wer größere füße hat – pech. deshalb kann jetzt die hälfte der bevölkerung soclhe jobs nicht machen, weil das werkzeug wird nur in der passenden größe für die andere hälfte der bevölkerung her gestellt?!? mann, mann, mann. wenn die 50% nicht immer so duldsam und verständnisvol wären und sich mit allem abfinden würden!

    hast du dir auch angeschaut, wieviel männer berufsunfähig sind und schwere gesundheitliche schäden haben in diversen “handwerklichen” berufen? mach das mal. das wird leider bei der “leistungsfähigkeit” auch gerne weggelassen, die arbeitsdauer in jahren einzurechnen. was soll das für eine positiv ausfallende leistungsbilanz sein, wo einer zehn jahre etwas schneller arbeitet als jemand anderes, dafür dann aber 30 jahre weniger, weil arbeitsunfähig.

    mein tip wäre, weniger körperliche belastung und dafür ohne bandscheibenvorfall oder kaputte knie in rente oder so.