„Gesundheit“ ist ein Machtbegriff

von Hannah C.

Vor ein paar Tagen ist mir das aufgegangen, nachdem ich immer wieder von “gesunden Körperbildern” und “gesundem Selbstbewusstsein” gelesen habe, als es um das Berufsverbot für Models mit einem BMI unter 18,5 ging (nicht etwa um ein Ausstellungsverbot von Mode für die Massen, in die ausschließlich Menschen mit Maßen, die von Designer_innen/Modemacher_innen als mit einem BMI von unter 18,5 einhergehend erwartet werden, hineinpassen).

Wann ist denn jemand oder etwas “gesund”?
In der Regel dann, wenn es jemand sagt, dem man das glaubt. Glauben soll (und kann), weil diese Person eine (vermutete bzw. evtl. auch an einen Titel wie “Dr.” oder “Prof.” oder “Dipl. psych.” gekoppelte) Überlegenheit durch Wissen vor einem selbst hat.

Ich weiß zum Beispiel, dass die DIS (meine Behinderung) mich nicht zu einem “kranken Menschen” macht.
Ich muss mich aber mit dem Krankheitsbegriff auf mir abfinden, weil ich sonst nicht die Möglichkeiten auf Hilfe, Unterstützung, Begleitung nutzen kann, die sich bewährt haben, wenn man die Dinge, mit denen ich so lebe und umgehe, verändern bzw. lindern möchte.
Ich muss als „krank“ definiert werden, damit das „Gesundheitssystem“, weiß, dass es etwas für mich tun kann. Ich wäre nicht „krank“, wenn Psychotherapie keine Leistung der Krankenkasse, sondern der „Kasse zur Linderung subjektiven Leidens“ wäre.

Mediziner_innen sind aber spezialisiert auf die Erkennung, Klassifizierung, Ergründung und Heilung des „Kranken“. Die Erkennung, Klassifizierung, Ergründung und Förderung des Gesunden hingegen ist etwas, das ihnen nebenbei – und unbezahlt passiert.
Hinzu kommt: Mediziner_innen haben in aller Regel keine Zeit dafür, mit Patient_innen ein Verhältnis aufzubauen, das über den Kontext der Behandlung hinaus geht – also etwas, das erst dann beginnt, wenn die Unterwerfung schon passiert ist – nämlich das Labeling als “krank”. Sie erleben ihre Patient_innen in der Folge nie „gesund“.
Abgesehen davon, sollen sie gerade diesen Blick auf ihre Patient_innen oft auch nicht entwickeln, um “objektiv” bleiben zu können. Also, um eine Person bleiben zu können, die Personen, die sie um Hilfe, Leidenslinderung, Begleitung bitten, zu Objekten ihrer Arbeit machen zu können.
Also um mächtig zu bleiben.

Es ist nicht krank, defizitär oder dumm oder falsch oder lebensmüde, wenn man mehr als einen Titel oder einen besonders eindrucksvollen Beweis der Macht [der Überlegenheit] braucht (will / einfordert), bevor man sein Leben, seine Lebensqualität – sich selbst – einem anderen Menschen anvertraut.

Wer unterworfen ist, trifft nie – niemals – eine freie, selbstbestimmte, vollkommen bewusste Entscheidung über das, was mit ihm/ihr/* passiert.

Für mich persönlich ist „Gesundheit“ ein Spektrum, das konvertierbar ist und ergo alle Parameter, die es derzeit gibt, um “Krankes” zu markieren, absurd und nicht vertrauenswürdig macht.
Um zurück zum Anfang des Artikels zu kommen zum Beispiel, ist der BMI ein willkürliches Instrument (Magda hat das in ihrem Artikel zur Berufsverbotdebatte auch aufgezeigt), das versucht eine Norm für “Gesundheit” zu produzieren, um wiederum eine “Krankhaftigkeit” zu kreieren, die oft gar nicht mit einem Leiden in Verbindung steht, das damit gelindert werden kann.

Mit jeder Forderung nach “gesunden Körperbildern” werden die existierenden Körperbilder pathologisiert und das Spektrum, das “Gesundheit” haben kann, enger gesteckt. Wieder geht eine Kluft auf zwischen “okay” (weil sogenannte, so definierte, “Gesundheit” mit Selbstbestimmung und Unversehrtheit belohnt wird) und “nicht okay” (weil sogenannte – so definierte “Krankheit” mit Stigmatisierungen, die wiederum zu Diskriminierung im Recht auf Selbstbestimmung und Unversehrtheit einhergehen).

Ganz klar befürworte ich keine körperliche Auszehrung um bestimmte Maße zu halten – aber ich sehe, dass es Menschen gibt, die Geld zum Leben verdienen möchten und dies auf diese Art und zu diesem Preis bereit sind zu tun und das akzeptiere ich, weil ich die Selbstbestimmung anderer Personen akzeptieren möchte.
Ich würde es daneben genauso befürworten, wenn Designer_innen/Modemacher_innen in die Lage versetzt werden, für viele verschiedene Körperformen zu entwerfen und zu verkaufen, statt einem Ideal zu folgen, das es nur deshalb gibt, weil ein Ideal einen sehr kleinen Teil eines Spektrums darstellt und deshalb in Massen produziert werden kann, ohne große Kosten zu verursachen.

Menschen sind nicht ideal. Kein Mensch hat nur ein Teil eines Spektrums in sich oder berührt nur einen kleinen Teil davon.

Ich denke, dass der Umgang mit Labeln wie “gesund” und “krank” sehr dringend mit mehr Bewusstsein für die Machtdynamiken dahinter passieren muss, gerade auch, wenn ein Wunsch für die Gesellschaft ist, sich gleichberechtigt miteinander im Leben zu bewegen.




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 29. April 2015 um 9:00 Uhr unter Gewalt, Körper, Medienkritik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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4 Kommentare

  1. Line sagt:

    Sehr guter Artikel der mir wirklich zu denken gegeben hat! Das ist wohl die Schattenseite des „healthy“ Trends. Wer nicht „healthy“ ist ( weil zu dünn, zu unsportlich, zu dick, oder optisch genau richtig aber „unhealthy“ Lebensstil) ist krank. Und krank ist schlecht. Zumindest selbstverschuldetes krank sein ist schlecht, denn jeder kann „healthy“ leben, wer das nicht tut, wird stigmatisiert. Es handelt sich nicht nur um das Aussehen, sondern um einen ganzen Lebensstil. Diese Bewegung beginnt langsam fanatische Züge anzunehmen, wie man sie aus der Vergangenheit von Religionen oder Ideologien kennt.

  2. Jane sagt:

    Sehr interessanter und wichtiger Text. Meiner Meinung nach illustriert er auch ein sehr deutsches Problem, da in unserem Gesundheitswesen der Fokus immernoch auf dem Kurieren von Krankheiten geht. Prävention, und damit meine ich auch dem Patienten oder Klienten eine aktive Rolle in diesem Prozess zuzugestehen, und anzuerkennen, dass Entscheidungen über das eigene Leben selbstbestimmt getroffen werden müssen, steckt hier noch in den Kinderschuhen. In anderen Ländern gibt es viel mehr Innovation in die Richtung, Menschen bei der Problembewältigung mehr Autonomie (zuzugestehen), natürlich auch um letztendlich Kosten einzusparen. Aber ich finde es zumindest insofern interessant, dass endlich mal die Rolle vom „Patienten“ als „Empfänger“ redefiniert wird in Richtung einer Art „nicht- oder halb-professionellen Anwender“.
    Eine Sache stört mich aber: Wenn du bemängels, dass Menschen im Gesundheitsbereich nicht genug Autonomie zugestanden wird, weil sie immernoch als Objekte behandelt werden, solltest du überdenken, wie du das mit der „körperlichen Auszehrung um bestimmte Maße zu halten“ formuliert hast. Das klingt für mich respektlos. Das sind auch Entscheidungen, die Leute treffen, vielleicht nicht mal aus finanziellen Gründen, sondern einfach, weil sie sich so wohler fühlen. Das kann Krankheitswert haben, aber muss es nicht, und wir waren ja ohnehin dabei die Konstrukte krank und gesund zu hinterfragen. Da passt das nicht ganz rein, und ich finde, dass du da ganz schon „judgmental“ bist. Du musst es ja nicht gut finden, aber den Leuten, die das tun, einfach finanzielle oder sonstige Abhängigkeit andichten ist auch sehr objektifizierend.

  3. Jason sagt:

    danke für den text!

    ich glaube nicht, dass viele models ihren job machen, um geld zu verdienen. ich glaube, dass andere faktoren eine rolle spielen, die genau so berechtigt sind (z.b. anerkennung über ruhm). und die selbstbestimmung ist total wichtig, aber der preis der bezahlt werden muss (vl wäre das unter einem weiteren begriff die arbeitsbedingungen) ist zu kritisieren und zu hinterfragen.

    Aber es ist echt wichtig, diesen gesundheitsbegriff zu untersuchen, der glaube ich aktuell sehr eng mit den vorstellungen über fitness verknüpft ist! Das hat mich auch schon bei magdas artikel beschäftigt den du auch erwähnt hast, diese gleichzeitigkeit von gesellschaftlicher anforderung, den körper selbst aktiv nach bestimmten vorstellungen zu formen und gleichzeitig die anforderung, dies nur in einem bestimmten maß zu tun. diese gleichzeitigkeit von (selbst-)aktivierung und (selbst-)kontrolle. durch diese vorgaben sind praktisch alle permanent an der arbeit mit sich selbst – einmal tun sie zu viel, einmal zu wenig. Und die norm an der sich orientiert wird: fitness; menschen sind noch nicht fit oder nicht mehr fit.

    eure Texte hier zu diesen themen finde ich wirklich sehr gut!

    zu der ganzen frage nach der unterscheidung normal und pathologisch hat georges canguilhem in den 60ern oder so ein gutes buch geschrieben („das normale und das pathologische“). er hat darin immer wieder den aspekt der macht hinter der unterscheidung angesprochen, aber den aspekt selbst nicht systematisch untersucht. jedenfalls kommt mir oft ein zitat von ihm in den sinn: „vor den augen der nachwelt ist jede pathologie subjektiv.“ das verweist gut auf den geschichtlichen wandel in der vorstellung davon, was als normal gilt.

  4. Angela sagt:

    Toller Artikel! Ich bin selbst chronisch „krank“ und hab mich über deinen intelligenten und inspirierenden Artikel gefreut.